#141

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 21.03.2015 11:34
von Kalubke | 2.298 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #137

[...]
„ Da ist was im Busch“, raunte mir „Goldi“ zu. Schöning dirigierte uns zurück ins Wachhaus. „ Wir haben die Information erhalten, dass der Kultur-Attaché der Ständigen Vertretung heute Abend hier einen Empfang gibt. Erfahrungsgemäß nehmen an solchen Veranstaltungen immer bekannte Vertreter aus der Dissidentenszene teil.
[...]




Wurden die Bürgerrechtler und DDR-kritischen Literaten eingeladen, oder lief das über Buschfunk? Für Heym, Hermlin, Braun, Müller u.a. gabs auch keine Reisebeschränkungen. Waren die damals schon im Rentenalter oder woher bekamen sie diese Privilegien? Erhöffte sich die DDR-Führung damit etwa eine moderatere Systemkritik, nach dem Motto, Du musst Deine Feinde umarmen? Alles in Allem ein Scheiß-Spiel damals: Der eine bekam Ohrfeigen und der Andere seine Pfründe!

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 21.03.2015 11:42 | nach oben springen

#142

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 21.03.2015 11:39
von Heckenhaus | 5.142 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #139


Ich hoffe mal, dass noch andere Zeitzeugen wieder mehr in die Tasten hauen und aus ihrem vergangenen Leben
erzählen. Das ist besser als sich sinnlos zu streiten. Dafür ist das Forum nicht da!


Leider ist es hier etwas leer geworden, was die aktiven User betrifft. Die Themenqualität hat gelitten.
Außerdem wäre es wünschenswert, mehr auf Augenhöhe zu diskutieren, was leider ein paar "besseren" Deutschen,
die zufällig auf der anderen Seite lebten, nicht immer gelingt. Da kommt es leider zu Streit, von dem ich micht nicht
ausschließe.


.
.
„Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft.”
— Aristoteles -

"Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht."
— Abraham Lincoln –
.
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#143

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 21.03.2015 15:05
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Heckenhaus im Beitrag #142
Zitat von ABV im Beitrag #139


Ich hoffe mal, dass noch andere Zeitzeugen wieder mehr in die Tasten hauen und aus ihrem vergangenen Leben
erzählen. Das ist besser als sich sinnlos zu streiten. Dafür ist das Forum nicht da!


Leider ist es hier etwas leer geworden, was die aktiven User betrifft. Die Themenqualität hat gelitten.
Außerdem wäre es wünschenswert, mehr auf Augenhöhe zu diskutieren, was leider ein paar "besseren" Deutschen,
die zufällig auf der anderen Seite lebten, nicht immer gelingt. Da kommt es leider zu Streit, von dem ich micht nicht
ausschließe.





Das ist wohl wahr @Heckenhaus . Das können nur wir alle hier, egal ob er früher " ein besserer" oder ein " schlechterer" Deutscher war, etwas ändern.
Themen über die geschrieben werden kann, gibt es genug. Meist stellt sich dann heraus, dass wir sooooooo weit gar nicht auseinander liegen, wir Deutschen.

Nachdenkliche Grüße an alle
Uwe


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#144

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 21.03.2015 16:32
von diefenbaker | 585 Beiträge

Bisher ging es in diesem Thread sachlich und friedlich zu.
Ich sehe keinen Grund, das endlose Genörgel aus anderen Ecken um die Guten, die Besseren und die Besten hier herein zu tragen.

Wenn der ganze Ballast weg bleibt, kommen die anderen Zeitzeugen vielleicht wieder.

Gruss Wolfgang



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#145

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 21.03.2015 16:43
von Heckenhaus | 5.142 Beiträge

Du hast zwar Recht, aber es nicht verstanden . Und wer gefeuert wurde, kommt nicht wieder.
Aber lassen wir das, warten wir auf das nächste Kapitel .


.
.
„Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft.”
— Aristoteles -

"Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht."
— Abraham Lincoln –
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#146

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 29.03.2015 18:22
von ABV | 4.202 Beiträge

Zuführung ist da

Dienstag 04. März 1986

Bereits seit seiner Kindheit hatte sich der frischgebackene Leutnant Sven Lauer der Nationalen Volksarmee für die USA, deren Geschichte, Natur und Kultur interessiert. Immer wieder sah er sich in Gedanken, auf dem Rücken eines edlen Pferdes, wie weiland John Wayne über wie weiten Prärien South Dakotas reiten. Der Entschluss Offizier zu werden war ebenfalls seinem Hang zu romantischen Abenteuern geschuldet.

Sven bemerkte jedoch bald, dass der Dienst in der NVA alles andere als romantisch war. Leutnant Lauer, von je her eher ein Schöngeist, quälte die monotone, nicht selten stumpfsinnige, von bloßem Gehorsam getriebene Atmosphäre in „seiner“, im Nordosten der Republik gelegenen Kaserne.

Den Kontakt zu anderen Offizieren vermied der als Sonderling verschriene Leutnant. Dagegen verband ihm jedoch eine Freundschaft mit Hagen Anders, einem ihm als Zugführer eigentlich unterstellten Unteroffizier.

Die beiden fast gleichaltrigen jungen Männer verband dieselbe diffuse Sehnsucht zu den fernen, nicht nur für NVA-Angehörige normalerweise unerreichbaren Vereinigten Staaten von Amerika.

Während eines gemeinsamen Ausgangs unterbreitete Unteroffizier Anders dem Leutnant einen letztendlich verhängnisvollen Vorschlag:
„ Was hältst du davon, wenn wir nach Berlin zur Botschaft der USA fahren und dort um Asyl bitten?“
Mehr verwundert als erstaunt, horchte der Offizier auf: „ Du solltest vielleicht ab jetzt kein Bier mehr bestellen.“ Anders winkte ab. „ Ich bin stocknüchtern. Außerdem war der Vorschlag ernst gemeint.“

Leutnant Lauer schaute sich zunächst nach den anderen Gästen um. Außer den üblichen „stillen Zechern“ am Stammtisch und dem mit Gläser polieren vollauf beschäftigten Wirt befand sich niemand im Raum. Trotzdem signalisierte er dem Unteroffizier leiser zu sprechen.
„ Ob du es glaubst oder nicht, aber genau das habe ich auch schon erwogen.“ „ Und, wo ist das Problem?“ „ Das fragst du doch jetzt nicht ernsthaft? Du weißt schon, was uns bei Fahnenflucht blüht?“

Unteroffizier Anders zog das vor ihm stehende halb volle Bierglas heran, trank einen Schluck und schaute dem Freund und Vorgesetzten fest in die Augen: „ Du hältst mich wohl für komplett blöde? Ich habe nämlich nicht vor mich erwischen zu lassen. Darum habe ich mich ja für die sicherste Variante entschieden. Junge, die Amis werden uns mit Kusshand begrüßen. Du wirst sehen, schon am selben Tag wird man uns in die Staaten ausfliegen. Zum Verhör beim CIA. Wenn wir da so richtig auspacken, dann sind wir die Größten.“

Anders und Lauer steigerten sich mehr und mehr in eine regelrechte Euphorie hinein. Der Coup sollte bereits in den kommenden Tagen über die Bühne gehen, unmittelbar nach dem bevorstehenden Kurzurlaub des Unteroffiziers. Von dort wollte Lauer Zivilkleidung mitbringen, um diese in der Ein-Raum-Wohnung des Leutnants zu deponieren. Aus Angst vor einer Kontrolle wagten beiden nicht in Uniform zur Botschaft zu fahren. Außerdem würden die vor der Botschaft postierten Volkspolizisten schnell „ Eins und Eins zusammenzählen“ und ihnen den Zutritt verweigern und ihre Dienststelle verständigen.

Gesagt getan:
Unter einem Vorwand verließen die beiden NVA-Angehörigen am frühen Vormittag des 04. März 1986 die Kaserne. In Lauers Ledermappe steckten ebenso eilig wie wahllos aus dem Panzerschrank des Kompaniechefs entwendete Dienstvorschritten. Mitbringsel für die Amerikaner, quasi die Eintrittskarte ins „ Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Da Lauer zurzeit den erkrankten Kompaniechef vertrat, brauchte er eine vorzeitige Entdeckung nicht zu befürchten. Leutnant Lauer ging davon aus, dass niemand von ihren Plänen wusste. Ohne sich mit ihm abzusprechen, hatte Anders jedoch seine Schwester, dem einzigen Menschen den er vertrauen konnte, eingeweiht. Schließlich wollte er die Familie nicht im Ungewissen über sein Schicksal zurücklassen.

Noch in Uniform ging es zunächst zum Bahnhof. Der nächste Zug brachte sie dann weiter in Richtung Berlin. In der Zugtoilette verwandelten sie sich in „ normale Zivilisten“. Nur der Haarschnitt könnte sie jetzt noch verraten. Ängstlich sahen sich die Männer nach Transportpolizisten oder den am weißen Koppelzeug schon von weitem zu erkennenden „Kommandantendienst“, der Militärpolizei der NVA.

Sie hatten Glück. Weit und breit war keine einzige Uniform zu sehen. Lediglich am Bahnhof Friedrichstraße, an dem sie nach ein paar Stunden Fahrt quer durch die Republik eintrafen, kam es zu einer bangen Situation. Eine Doppelstreife der Transportpolizei kam direkt auf die als Zivilisten getarnten Deserteure zu. Lauers Herz raste wie ein aus dem Takt geratener Motor. Hatte man in der Kaserne ihre Abwesenheit bereits bemerkt und die DDR-weite Fahndung eingeleitet? Sekunden später schlug die starre Angst in Erleichterung um. Ohne sich um die Männer zu kümmern, gingen die Transportpolizisten vorüber.

Den Weg in die Neustädtische Kirchstraße, in der sich die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika zu dieser Zeit befand, legten sie in wenigen Minuten zurück.

Zunächst sondierten sie das Umfeld des Objektes. Lauer entdeckte, neben mehreren uniformierten Volkspolizisten, scheinbar gelangweilt herum stehende, nichts desto trotz aufmerksam jeden an der Botschaft vorbeigehenden Passanten beäugende „auffällig unauffällige“ Zivilisten. Mitarbeiter der Staatssicherheit, die vor der USA-Botschaft deutlich Präsenz zeigten.

Wieder klopften ihre Herzen laut. Unteroffizier Anders warf dem Dienstgradhöheren Begleiter einen fragenden Blick zu: Wollen wir umkehren?
Lauer hatte die stumme Frage verstanden, reagierte jedoch nicht darauf. Um keinen Preis dieser Welt wollte der Offizier jetzt, so kurz vor dem Ziel, noch umkehren.

Meter für Meter, die den Männern wie ein Marathonlauf erschienen, gingen sie auf den Eingang der Botschaft zu. Anders warf einen Seitenblick in den Schaukasten. Der dicke schnauzbärtige Volkspolizist der in der Nähe, die Arme auf dem Rücken verschränkt patrouillierte, tat als würde er sich ebenfalls für den Schaukasten interessieren. Instinktiv verspürten die sich auf Abwegen befindenden NVA-Angehörigen, dass der Polizist „Witterung aufgenommen hatte“. Die Posten waren sicherlich derart aufeinander eingespielt, dass sie sich blind verstanden. Ein kurzer Pfiff oder ein anderes Zeichen würde genügen, um die anderen um die Botschaft verteilten Posten zu informieren.

Aber nichts geschah! Beinahe gleichgültig, den Blick auf die Schuhspitzen geneigt, drehte ihm der Posten den Rücken zu.
Unbehelligt gelangten die Männer in das Innere der Botschaft. Zwei in dunklen Maßanzügen steckende, ungewöhnlich durchtrainiert wirkende Mitarbeiter nahmen sie in Empfang.

„ Wir sind Angehörige der Nationalen Volksarmee der DDR“, schnarrte Lauer im gewohnten Kommisstonfall, „ wir möchten mit dem Kommunismus, dem Staat DDR und seiner Armee aber nichts mehr zu tun haben. Stattdessen wollen wir endlich als freie Menschen in einem freien Land leben! Wir können aber auch nicht mehr zurück nach draußen, da uns ansonsten eine strenge Bestrafung droht. Hiermit bitten wir die Vereinigten Staaten von Amerika offiziell um politisches Asyl.“

Mit einem Griff in die Tasche holte Lauer die zuvor aus der Kaserne entwendeten Unterlagen. „ Das wird euch interessieren“, schnaufte er, die Aufregung mühsam unterdrückend.
Die beiden Amerikaner sahen sich fragend an. „ Just a moment please“, sagte einer der beiden und entfernte sich nach hinten, während der andere die Überläufer im Auge behielt.

Lauer, ob des kühlen Empfangs ein wenig irritiert, wischte sich die schweißnassen Hände an der Hose ab. Anders kaute nervös auf der Unterlippe umher. Die kommenden Minuten würden über ihr zukünftiges Leben entscheiden. Zum ersten Mal kamen leise Zweifel auf, ob der Weg in die Botschaft tatsächlich die Erfüllung aller Träume bedeuten würde.

Lächelnd erschien ein weiterer Botschaftsangehöriger. Freundlich begrüßte er die vor Aufregung zitternden NVA-Angehörigen. Noch einmal sagte Lauer den eingeübten Text herunter.

Bedauernd, jedoch noch immer lächelnd, freundlich aber dennoch unmissverständlich bestimmt, lehnte der offenbar einen höheren Posten bekleidende Botschaftsmitarbeiter das Ansinnen ab.

Lauer und Anders glaubten sich verhört zu haben. Mühsam registrierten die Gehirne das eigentlich unfassbare. Ihr Traum von einem Leben in den USA hatte sich in eine bunt schillernde, zerplatzende Seifenblase verwandelt.

„ Nein, aber das können Sie doch nicht machen“, protestierte Leutnant Lauer in einem Anflug purer Verzweiflung. Anders, der sich in diesem Moment wie ein ausgeknockter Boxer fühlte, kamen die Tränen.

„ Ich habe größtes Verständnis für ihre Situation“, erklärte der Botschaftsmitarbeiter unter geschäftsmäßigem Bedauern, „ aber wir dürfen auch das politische Verhältnis zur DDR nicht unnötig belasten. Sie sind Angehörige des Militärs. Daher unterliegen Sie einem besonderen Status.“

Der Botschaftsmitarbeiter überreichte den beiden „ Gorillas“ die als „Mitgift“ gedachten, von ihm jedoch offenbar als nutzlos empfundenen NVA-Dokumente. „Bring the boys out of the door and gives the police!”

Die vor Kraft strotzenden Männer, in Wahrheit als Wachpersonal fungierende auch als „Ledernacken“ bekannte Marineinfanteristen, gehorchten ihrem Chef aufs Wort. Stumm schoben sie die noch immer widerstrebenden vor die Tür.

Bis hierher wäre der Vorfall möglicherweise für die unglücklichen wider Erwarten abgewiesenen „ verhinderten Überläufer“ nichts weiter als eine lehrreiche Erfahrung gewesen.

Fatal wurde die Angelegenheit erst durch die direkte Übergabe der „Deserteure“ inklusive der mitgeführten Dokumente, an die Volkspolizei.

Der diensthabende Posten hörte sich die Worte der Amerikaner an, griff zum Funkgerät um unter Verwendung des Codewortes „ Werkmeister“ den Funkstreifenwagen des WKM anzufordern.

Derweil sahen sich Lauer und Anders im Nu von weiteren Grünuniformierten Volkspolizisten umringt. An Flucht war Angesichts der Übermacht ohnehin nicht zu denken.

Drei Minuten später fuhr der grün-weiße Streifenwagen, Typ „Lada“, vor. Der Einsatzleiter (Streifenführer) nahm die Wehrpässe und die Dokumente an sich. Nach einer Durchsuchung klickten die Handschellen. Spätestens jetzt wussten Lauer und Anders, was die Stunde geschlagen hat!
„ Sie werden jetzt zur Klärung eines Sachverhaltes der Wache Mitte zugeführt“, erklärte der Einsatzleiter, ehe sie in den Fond des Streifenwagens gedrängt wurden.



So oder so ähnlich hatte sich dieser bemerkenswerte Vorfall an jenem Märztag in der Botschaft der USA in (Ost)Berlin abgespielt. Ich habe natürlich meine Phantasie spielen lassen, was aber an den reinen Fakten wenig ändert.

Als bei Lauer und Anders die Handschellen klickten, saß ich gerade im Speisesaal der „Wache Mitte“. Schöning hatte mich an diesem Nachmittag, gemeinsam mit VP-Hauptwachtmeister Udo Wilke, zur Objektwache eingeteilt. Auf dem Innenhof der Wache. Unsere Aufgabe bestand darin jeden der die Wache vom Hof aus betreten, oder den Hof befahren wollte, eingehend zu kontrollieren.

Zumindest so weit wie möglich. Ein Großteil der „Besucher“ bestand interessanterweise aus MfS-Mitarbeitern, von denen sich mancher wahlweise mit einem „Klappfix“ der VP oder der Staatssicherheit auswies. „ Alles in Ordnung“, meinte Udo, ob meines Erstaunens lakonisch, „ die können dir auch noch einen Ausweis vom Zoll oder von den Stadtwerken unter die Nase halten.“

Bei den Fahrzeugen welche den Hof verließen oder befuhren handelte es sich zumeist um Dienstfahrzeuge des WKM. Wobei auch hier wieder die Regel „ nicht überall wo Volkspolizei drauf steht, steckt auch Volkspolizei drin“, galt. Zum Beispiel bei den Funkstreifenwagen der „ Wache Behrenstraße“. Dahinter verbargen sich die im Dienst des MfS stehenden, gleichwohl jedoch VP-Uniformen tragenden Bewacher der Botschaft der UdSSR.

Der Innenhof der „ Wache Mitte“ stieß direkt an die Hinterlandsmauer. Dahinter begann der so genannte „Todesstreifen“. An manchen Tagen konnte man hier deutlich das Schlagen der auf dem Dach des Reichstagsgebäudes angebrachten Deutschlandfahne hören. Beim Postengang wurde einem an dieser Stelle mehr als einmal die Absurdität der deutschen Geschichte mehr als bewusst. So nah, so nah und doch unerreichbar fern.

Und es gab noch eine weitere Aufgabe: die Betreuung „ wegen der Klärung eines Sachverhaltes zugeführter Personen“, kurz Zuführung genannt. Wobei Praktikanten ohnehin im Allgemeinen sehr gerne für diese Aufgabe herangezogen wurden. Bedeutete sie doch der direkte Kontakt mit der DDR normalerweise „feindlich gesonnen Bürgern“, nach Meinung der Vorgesetzten, eine wertvolle Erfahrung für einen jungen Volkspolizisten.

Das Gros der „Zugeführten“ war an der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in das Visier der Sicherheitsorgane geraten. Oder eben wie im obigen Beispiel gezeigt, im Bereich der USA-Botschaft. Wobei diese gegenüber Flüchtlingen, eine letztendlich nicht nur diese sehr seltsame Haltung einnahm. Wie mir mein Lehrwachtmeister aber auch andere WKM-Mitarbeiter später erzählten, kam es sehr oft vor, dass in der Botschaft um Asyl bittende DDR-Bürger von den „Marines“ nach draußen komplementiert wurden. „Goldi“ berichtete dabei von einem Fall, wo sich Ausreisewillige DDR-Bürger auf Stühle setzten und sich daran festklammerten. Darauf wurden diese, mit samt den Stühlen, einfach vor die Tür getragen. Nach der Meinung meines Lehrwachtmeisters begründete sich die harte Haltung der USA in deren Angst, ansonsten von Flüchtlingen aus der DDR überrannt zu werden.

Eigentlich unglaublich. Aber ich kann nur das wiedergeben, was ich damals erlebte und erfuhr! Selbst wenn es im krassen Gegensatz zu mancher heute seitens der USA getätigten Aussage zur Rolle ihrer Diplomaten in der DDR steht.

Nun aber wieder zurück zu jenem Märztag des Jahres 1986:
Wie bereits erwähnt, saß ich gerade im Speisesaal, genoss bei Bockwurst und frischem Kaffee meine Pause. Vom Fenster des Speisesaals konnte man direkt auf die Grenzanlagen und das Umfeld des Reichstages schauen. Zum Greifen nah und dennoch unwirklich erschienen die auf der gegenüberliegenden Straße in Westberlin fahrenden Autos. Mühelos konnte ich die Aufschriften auf den Planen einzelner Lastkraftwagen lesen. Vorgestern wurde angeblich der sich kaum mehr als fünfzig Meter entfernte Beobachtungsturm der Grenztruppen mit Gummigeschossen „bepflastert“. Seitdem durfte niemand mehr direkt aus dem geöffneten Fenster „ zum Klassenfeind hinüberschauen“. Möglicherweise wollte man aber auch bloß verhindern, dass ein Volkspolizist beim Blick in den „Westen“ fotografiert wurde. Manch einem wäre das sicher peinlich gewesen.

Gerade als ich mir noch bei „Manne“, dem aschblonden Furier, eine weitere Bockwurst bestellen wollte, „ Manne“ war für seine Bockwürste geradezu berühmt, klingelte das Telefon.

Der Fourier nahm den Hörer von der Gabel. „ Ja, der Genosse Bräuning ist hier oben“, hörte ich ihn sagen. „ Ist in Ordnung, ich werde es ihm ausrichten.“

Manne zog ein Gesicht, als hätte er soeben in eine Zitrone gebissen. „ Tut mir leid, aber es gibt Arbeit für dich. Vom „Siebziger“ trifft gleich eine Zuführung ein. Den Typ wird im Zellentrakt verlangt.“
Ich verstand sofort. „Siebziger“ oder richtig „ Objekt Siebzig“, war das WKM-interne Codewort für die Botschaft der USA.

Das Wort „Zuführung“ brachte meinen Blutdruck zum Steigen. So seltsam es auch klingen mag: aber ich freute mich darüber! Als Neuling empfand ich das Prozedere als ungeheuer spannend. Nicht immer verliefen „Zuführungen“ friedlich. Bei meinem ersten derartigen Einsatz hatte ein wie sich später herausstellte unter Verfolgungswahn leidender Mann, einen Volkspolizisten vor der USA-Botschaft körperlich angegriffen. Der Mann fühlte sich von verschiedenen Geheimdiensten bedroht und gejagt.
Auch später in der Zelle, gelang es nur mit Mühe und Not den Tobenden zu bändigen. Polizeiarbeit wie sie überall auf der Welt vorkommt. Wenn auch nicht mit diesem Hintergrund!

Diesmal jedoch schien alles anders zu sein. Die beiden „Zugeführten“ sahen unglaublich bleich und geschockt aus. Wie jemand, dem man soeben den Tod der gesamten Familie „ um die Ohren gehauen hatte.“

Nach und nach erfuhr ich die Einzelheiten der Festnahme. Ich konnte kaum glauben, dass die blassen zusammengesunkenen „ Häufchen Elend“ Angehörige der NVA, noch dazu in Vorgesetztenfunktionen, waren.

Spöttisch schwenkte einer der begleitenden Polizisten die Dienstvorschriften: „ Die beiden Traumtänzer haben sich wirklich eingebildet, mit dem Kram bei den Amis Eindruck zu schinden. Mensch, damit tapeziert man sich beim CIA die Wände!“

Lachend hielt sich der VP-Meister den Bauch. Nirgends, außer vielleicht auf einem Friedhof, wirkt Gelächter derart deplatziert wie im Zellentrakt der „Wache Mitte“.

„ Was haben die denn für einen Dienstgrad bei der Armee?“, erkundigte sich ein anderer Polizist. „ Uffz und Lolli“, für Nichtgediente: Unteroffizier und Leutnant, tönte der unangemessen fröhliche Wachtmeister. „ Unter einem General machen es die Amis nicht.“

Langsam und gründlich, jede Faser abtastend, ganz wie in Neustrelitz gelernt, führte durchsuchte ich die beiden „Delinquenten“. Außer einem Kamm, einem Feuerzeug und Zigaretten und den Brieftaschen, fand sich nichts in ihren Taschen. Die Wehrpässe hatte man ihnen bereits bei der Festnahme abgenommen.

Ich bemühte mich jeglichen Blickkontakt zu vermeiden, was mir jedoch nicht immer gelang. Darum blieb mir diese sich in den Augen der beiden jungen Männer wiederspiegelnde unbeschreibliche Angst nicht verborgen.

Sie taten mir leid. Aber was bedeuten schon derartige Gefühle an einem Ort wie diesen? Zumal ihnen ausgerechnet mein Mitleid nur sehr wenig nutzte.

Getrennt voneinander, harrten sie in den engen Zellen ihrem mehr als ungewissen Schicksal entgegen.

„ Genosse, du kannst jetzt wieder deinem normalen Dienst nachgehen. Wir rufen, wenn wir dich wieder brauchen“, instruierte mich Schöning, der ebenfalls in den Zellentrakt gekommen war.

Draußen auf dem Hof unterhielte ich mich mit Udo Wilke über das soeben erlebte. Der stille, oft in sich gekehrte Hauptwachtmeister stand im Ruf, ein „Quertreiber“ zu sein. Wer ihn etwas näher kannte, spürte jedoch das sich Udo über viele Dinge im WKM im Laufe der Zeit eine eigene, von der offiziellen Sichtweise erheblich abweichende Meinung gebildet hatte. Viele Dinge konnte er anscheinend nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Heute würde man wohl von einer „inneren Kündigung“ sprechen.

Udo nahm meinen Bericht zur Kenntnis. „ In deren Haut möchte ich jetzt nicht stecken“, stöhnte er halblaut. „ Das MfS geht ganz sicher nicht fein mit ihnen um.“ „ Das haben sie doch vorher gewusst“, wandte ich ein. „ Deserteuren wird nirgends auf der Welt ein Rosenkranz geflochten. Übrigens auch nicht in der USA“.

Gedankenverloren winkte Udo ab. Es schien fast, als wäre das Thema für ihn erledigt.

Wenige Stunden später ereignete sich jedoch ein Vorfall der Udos Abneigung gegen das WKM noch verstärkt haben dürfte:
Links neben dem Hoftor befand sich eine Art Rampe. Von der aus konnte man direkt auf die vor der Wache vorbeiführenden Straße, den gegenüber liegenden Botschaften bis hin weit hinüber in Richtung Friedrichstraße blicken. Man durfte sich dabei jedoch nicht von einem Offizier erwischen lassen. Der Leiter der Wache hatte persönlich das Betreten der Rampe während des Wachdienstes untersagt. Aber wer möchte schon stundenlang einen öden Innenhof und die graue Hinterlandsmauer anstarren?
Als Udo, eine Zigarette rauchend, auf der Rampe stand, wurde er plötzlich von zwei völlig aufgelösten Frauen angesprochen: „ Bitte, bitte, mein Bruder soll heute bei ihnen eingeliefert worden sein“, stammelte, einem Nervenzusammenbruch nah, die jüngere Frau. Udo überlegte einen kurzen Moment: „ Wie kommen Sie denn darauf?“ „ Ich habe erfahren, dass man ihn an der Botschaft der USA verhaftet hat. “ „ Ist ihr Bruder zufällig Angehöriger der NVA?“ Die Frau stieß einen leisen Schrei aus. „ Ja, er ist Unteroffizier“, bestätigte sie Udos Vermutung.

Hauptwachtmeister Wilke zögerte zunächst. Dann gab er sich jedoch einen Ruck: „ Ja, ihr Bruder ist hier. Gehen Sie bitte nach vorn zum Haupteingang und klingeln. Dort erfahren Sie alles weitere.“
Normalerweise eine unverfängliche Auskunft. Nicht jedoch in der DDR des Jahres 1986! Am nächsten Tag wurde Udo Wilke, dieser Auskunft wegen, vor versammelter Mannschaft, während der Dienstanweisung, „ zusammengestaucht.“

Und die Angehörigen? Sie wurden, ohne die geringste Auskunft, einfach fort geschickt. In einem demokratischen Rechtsstaat wäre so etwas wohl undenkbar!

Die Erstvernehmung der unglücklichen NVA-Angehörigen erfolgte im Vernehmungsstützpunkt des MfS, im zweiten Stock der Wache Mitte. Mein Part in dem bizarren Schauspiel war vorerst erledigt.

Erst kurz vor 20:00 Uhr erhielt ich die Weisung, für die beiden Männer Abendbrot aus der Küche zu holen. Noch während ich darauf wartete das „ Manne“ Wurstbrote schmierte, erreichte mich ein neuer Anruf: „ In Kürze treffen Genossen aus der Normannenstraße zur Abholung ein. Ich sollte die Übergabe vorbereiten und übernehmen.“

Kaum hatte ich das Essen „serviert“, klingelte wieder das Telefon: „ Die Normannenstraße ist da.“
Unter Normannenstraße verstand man, der Leser wird es bereits ahnen, Abgesandte der Staatssicherheit.

„ Gehe bitte nach draußen und sage den Genossen, dass sie einen Moment warten möchten. Ich übernehme solange“, beschied mir ein VP-Meister.

Draußen auf dem Hof traf ich auf drei, Jeans und Lederjacken tragende, untersetzte Männer mittleren Alters, die um einen dunkelroten Lada herumstanden. Sie sahen in etwa so aus, wie man sich heute wohl einen „echten Stasi-Mann“ vorstellt.

Als wären das nicht schon genug Klischees, wurde ich von einem der Männer, selbstverständlich im breitesten Sächsisch, gefragt, „ wo denn die Vögel sind?“ „ Die beiden haben gerade ihr Abendbrot bekommen. Ich bitte um etwas Geduld“, entgegnete ich darauf. „ Was, die kriegen hier auch noch was zu essen? Also mein lieber Querrüber! Bei uns werden die heute noch so einiges bekommen, aber ganz sicher nichts zu essen.“
Dieser Scherz erwies sich als „Rohrkrepierer“. Falls diese Aussage überhaupt ein Scherz sein sollte. Mir lief es jedenfalls eiskalt den Rücken herunter.

Fünf Minuten später quittierte der Verantwortliche des MfS-Kommandos die Übernahme der Gefangenen. Das Essen stand noch immer unberührt in der Zelle. In einer Situation wie dieser verspürt niemand Hunger.
Ich sah wie die zitternden NVA-Angehörigen in den Lada stiegen. Was wohl aus ihnen geworden sein mag? Bis heute habe ich es nicht erfahren. Wer heute an dem Ort des Geschehens vorbei geht, findet ihn völlig verändert vor. Die „ Wache Mitte“ inklusive des Innenhofes musste einem mehrstöckigen, zum Bundestag gehörenden Gebäude weichen. Tausende Passanten gehen täglich vorbei, ohne zu ahnen welche Tragödien sich hier einst abspielten. In einer fernen, Gott sei Dank überwundenen Epoche!

Fortsetzung folgt


Gruß an alle
Uwe


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#147

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 30.03.2015 20:17
von Schakal | 271 Beiträge

Ist bekannt, was sie da in ihrer Mappe den Amis anbieten wollten?


--- Ex oriente lux.---
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#148

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 30.03.2015 20:33
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Wie hart wurde so jemand bestraft? Für die bewaffneten Organe gab es bekanntlich verschärftes Strafrecht.


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#149

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 30.03.2015 21:29
von Gert | 12.354 Beiträge

also Uwe , wenn das im Kern so abgelaufen ist, wie du schreibst, dann waren die beiden ja sehr naive Bürschchen. Wie kann man darauf vertrauen, das so etwas Erfolg.

Ein Kompliment muss ich dir auch machen: du kannst wunderbar erzählen. Ist vielleicht etwas gewagt, aber mit Bücher schreiben könntest du auch Geld verdienen, ist aber evtll. nicht so interessant wie die Polizeiarbeit


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#150

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 30.03.2015 21:30
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #148
Wie hart wurde so jemand bestraft? Für die bewaffneten Organe gab es bekanntlich verschärftes Strafrecht.




Fahnenflucht , nicht unter 10 Jahren "gelbes Elend " ( geschätzt )


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
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Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
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#151

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 30.03.2015 21:34
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Und der "Spionage/Geheimnisverratsaspekt"? Sicher gab es noch mehr Belastungspunkte.


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#152

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 30.03.2015 21:39
von Alfred | 6.848 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #150
Zitat von Harzwanderer im Beitrag #148
Wie hart wurde so jemand bestraft? Für die bewaffneten Organe gab es bekanntlich verschärftes Strafrecht.




Fahnenflucht , nicht unter 10 Jahren "gelbes Elend " ( geschätzt )



Gert,

nicht schätzen.

§ 254. Fahnenflucht. (1) Wer seine Truppe, seine Dienststelle oder einen anderen für ihn bestimmten Aufenthaltsort verläßt oder ihnen fernbleibt, um sich dem Wehrdienst zu entziehen, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu sechs Jahren bestraft.

(2) In schweren Fällen wird der Täter mit Freiheitsstrafe von zwei bis zu zehn Jahren bestraft. Ein schwerer Fall liegt insbesondere vor, wenn die Tat
1. mit dem Ziel begangen wird, das Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu verlassen oder diesem fernzubleiben;
2. unter Mitnahme einer Waffe erfolgt oder zur Verwirklichung der Tat Gewalt gegen andere Personen angewandt oder mit Gewalt gedroht wird;
3. von mindestens zwei Militärpersonen gemeinschaftlich begangen wird.


Harzwanderer hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 30.03.2015 21:40 | nach oben springen

#153

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 30.03.2015 21:42
von icke46 | 2.593 Beiträge

Ich sage mal, erschreckend naiv waren die beiden nun wirklich - ganz unabhängig davon, wie nachrichtendienstlich wertvoll die mitgebrachten Dokumente waren. Alleine schon, das sie die Sachen zur Prüfung aus der Hand gegeben haben. Da verschwanden die dann im Hintergrund der Botschaft, und wurden vermutlich streng geheimen Prüfgeräten übergeben - heute als Fotokopierer bekannt. Danach wurden diese Dokumente - und die Lieferanten - natürlich nicht mehr gebraucht.

Allerdings würde es mich auch mal interessieren, was nun schlussendlich aus den beiden geworden ist. Vermutlich wurden sie ja nach Klärung der Sache verurteilt - allerdings kann ja diese Haft dann maximal 3-4 Jahre gedauert haben, dann kam die Wende.

Gruss

icke



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#154

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.04.2015 09:40
von Kalubke | 2.298 Beiträge

Das hatte auch Stiller in senem Buch beschrieben, dass die Amis dafür bekannt waren, mit ihren Spionen und Selbstanbietern hemdsämelig umzugehen. Die Kehrseite war, dass die Vertrauensgrundlage unter ihren Agenten dadurch stark angegriffen war. Das haben sie irgendwann mitbekommen und mussten dafür sorgen, dass auch mal welche von ihren in der DDR inhaftierten Leuten freikamen. Das war wohl einer der Hintergründe für die Agentenaustauschaktionen in den 80er Jahren.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 01.04.2015 09:41 | nach oben springen

#155

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.04.2015 13:13
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #152
Zitat von Gert im Beitrag #150
Zitat von Harzwanderer im Beitrag #148
Wie hart wurde so jemand bestraft? Für die bewaffneten Organe gab es bekanntlich verschärftes Strafrecht.




Fahnenflucht , nicht unter 10 Jahren "gelbes Elend " ( geschätzt )



Gert,

nicht schätzen.

§ 254. Fahnenflucht. (1) Wer seine Truppe, seine Dienststelle oder einen anderen für ihn bestimmten Aufenthaltsort verläßt oder ihnen fernbleibt, um sich dem Wehrdienst zu entziehen, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu sechs Jahren bestraft.

(2) In schweren Fällen wird der Täter mit Freiheitsstrafe von zwei bis zu zehn Jahren bestraft. Ein schwerer Fall liegt insbesondere vor, wenn die Tat
1. mit dem Ziel begangen wird, das Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu verlassen oder diesem fernzubleiben;
2. unter Mitnahme einer Waffe erfolgt oder zur Verwirklichung der Tat Gewalt gegen andere Personen angewandt oder mit Gewalt gedroht wird;
3. von mindestens zwei Militärpersonen gemeinschaftlich begangen wird.


na , Alfred da liege ich mit meiner Schätzung doch im grünen Bereich bzw du hast die Schätzung selbst bestätigt. Punkt 1 + 3 trifft doch auf die beiden zu und wie ich die DDR kenne hat sie nirgendwo so rachsüchtig zugeschlagen wie bei Leuten die sich ihrem Machtbereich entziehen wollten. Da dürfte der volle Strafrahmen zur Anwendung gekommen sein, zumal sie obendrein noch Dokumente des Militärs dabei hatten, die sie ebenfalls verraten wollten. Nun gut am Ende kam es nicht so schlimm wg. der bekanntlich stattgefundenen Entsorgung derselbigen


.
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#156

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.04.2015 13:26
von Lutze | 8.035 Beiträge

gab es bei Fahnenflucht nicht auch Schwedt?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#157

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.04.2015 14:07
von Schakal | 271 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #156
gab es bei Fahnenflucht nicht auch Schwedt?
Lutze


Schwedt war glaube ich nur bis 2 Jahre . Die beiden dürften etwas mehr abgefasst haben.


--- Ex oriente lux.---
Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#158

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.04.2015 14:30
von diefenbaker | 585 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #156
gab es bei Fahnenflucht nicht auch Schwedt?
Lutze


Für das Delikt Fahnenflucht im schweren Fall , wie hier vorliegend, war Schwedt kaum ausreichend.
Maximalstrafe dort zwei Jahre.

Gruss Wolfgang



Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#159

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.04.2015 15:57
von Alfred | 6.848 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #155
Zitat von Alfred im Beitrag #152
Zitat von Gert im Beitrag #150
Zitat von Harzwanderer im Beitrag #148
Wie hart wurde so jemand bestraft? Für die bewaffneten Organe gab es bekanntlich verschärftes Strafrecht.




Fahnenflucht , nicht unter 10 Jahren "gelbes Elend " ( geschätzt )



Gert,

nicht schätzen.

§ 254. Fahnenflucht. (1) Wer seine Truppe, seine Dienststelle oder einen anderen für ihn bestimmten Aufenthaltsort verläßt oder ihnen fernbleibt, um sich dem Wehrdienst zu entziehen, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu sechs Jahren bestraft.

(2) In schweren Fällen wird der Täter mit Freiheitsstrafe von zwei bis zu zehn Jahren bestraft. Ein schwerer Fall liegt insbesondere vor, wenn die Tat
1. mit dem Ziel begangen wird, das Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu verlassen oder diesem fernzubleiben;
2. unter Mitnahme einer Waffe erfolgt oder zur Verwirklichung der Tat Gewalt gegen andere Personen angewandt oder mit Gewalt gedroht wird;
3. von mindestens zwei Militärpersonen gemeinschaftlich begangen wird.


na , Alfred da liege ich mit meiner Schätzung doch im grünen Bereich bzw du hast die Schätzung selbst bestätigt. Punkt 1 + 3 trifft doch auf die beiden zu und wie ich die DDR kenne hat sie nirgendwo so rachsüchtig zugeschlagen wie bei Leuten die sich ihrem Machtbereich entziehen wollten. Da dürfte der volle Strafrahmen zur Anwendung gekommen sein, zumal sie obendrein noch Dokumente des Militärs dabei hatten, die sie ebenfalls verraten wollten. Nun gut am Ende kam es nicht so schlimm wg. der bekanntlich stattgefundenen Entsorgung derselbigen



Gert,

maximal 10 Jahre.

Die Herren wussten doch, auf was sie sich einlassen. Das hat überhaupt nichts mit Rache zu schaffen.


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#160

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.04.2015 17:02
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von icke46 im Beitrag #153
Ich sage mal, erschreckend naiv waren die beiden nun wirklich - ganz unabhängig davon, wie nachrichtendienstlich wertvoll die mitgebrachten Dokumente waren. Alleine schon, das sie die Sachen zur Prüfung aus der Hand gegeben haben. Da verschwanden die dann im Hintergrund der Botschaft, und wurden vermutlich streng geheimen Prüfgeräten übergeben - heute als Fotokopierer bekannt. Danach wurden diese Dokumente - und die Lieferanten - natürlich nicht mehr gebraucht.

Allerdings würde es mich auch mal interessieren, was nun schlussendlich aus den beiden geworden ist. Vermutlich wurden sie ja nach Klärung der Sache verurteilt - allerdings kann ja diese Haft dann maximal 3-4 Jahre gedauert haben, dann kam die Wende.

Gruss

icke



Ich war früher auch der Meinung gewesen, dass die Amerikaner jeden Überläufer mit offenen Armen empfangen. Darum hatte mich der Vorfall ja auch so überrascht. Meiner Meinung nach betrieben die Amerikaner schon damals eine sehr auf den eigenen Vorteil zugeschnittene Politik. Risiken und etwaige politische Verwerfungen werden immer dann in Kauf genommen, wenn es den eigenen Interessen tatsächlich nutzt.
Welchen Nutzen sollte die USA aber von einem "kleinen" Leutnant und einem " noch kleineren" Unteroffizier inklusive der mitgebrachten Dokumente gehabt haben? Wohlgemerkt Dokumente zu denen ein Leutnant, dass "schwächste Glied in der Offizierskette", Zugang besaß.
Dort standen höchstwahrscheinlich Dinge drin, die man in Washington längst wusste, oder die niemanden dort interessierte.
Bemerkenswert finde ich aus heutiger Sicht viel mehr, dass die Botschaftsmitarbeiter die armen Bengels, ja ich weiß es sie wollten desertieren und das ist in keinem Land der Welt ein Kavaliersdelikt, an die Volkspolizisten draußen übergeben haben. Noch dazu mit den belastenden Dokumenten! Sie mussten doch wissen, was den beiden blühte. Hätte nicht ein einfaches " Sorry, aber wir können ihrem Anliegen nicht Folge leisten", genügt?
Gut, möglicherweise wären die beiden nach dem Verlassen der Mission, ein paar Meter weiter, "zufällig" kontrolliert worden. Das allein hätte die Männer bereits in arge Schwierigkeiten gebracht. Wie hätten wohl Angehörige der NVA einen Besuch der USA-Botschaft vor den Vorgesetzten, bzw vor der "2000" rechtfertigen sollen? Im Prinzip wäre bereits das bloße Wegschicken " tödlich" gewesen.
Aber wie bereits erwähnt, selten war dieses Verhalten der USA-Botschaft offenbar nicht. Zum Beispiel sollen ein oder zwei Jahre zuvor, andere DDR-Bürger versucht haben in der Botschaft der USA Asyl zu bekommen. Als diese, nach einiger Zeit, freundlich aber bestimmt des Hauses verwiesen wurden, klammerten sich einige der Asylsuchenden einfach mit den Händen an den Stühlen fest. Daraufhin wurden sie vom Wachpersonal gepackt und samt Stühlen vor die Tür und damit der VP vor die Nase gesetzt.
Kann man den USA daraus einen Vorwurf machen? Schließlich ist eine Botschaft für die Bürger des jeweiligen Entsendestaates und zur Pflege der politischen und kulturellen Kontakte mit dem Gastgeberland da. Nicht aber als "Fluchtpunkt" für die Bürger des Gastlandes.
Irgendwie stehen diese Erfahrungen aber im Widerspruch zwischen anders lautenden Äußerungen ehemaliger USA-Diplomaten, die heute behaupten, " keinen Flüchtling weggeschickt zu haben."

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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