#121

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:07
von ABV | 4.202 Beiträge

Gert, darum habe ich ja alle Hebel in Gang gesetzt, um da ganz schnell wieder weg zu kommen. Ich werde das aber noch ausführlich beschreiben. Nur eines vorweg: nach der Abgabe des Versetzungsgesuchs bin ich erstmal " Spießruten" gelaufen. Aber nicht zuletzt durch einen sehr verständnsivollen neuen Vorgesetzten, hat sich das ganze dann doch gelohnt.
Ich konnte endlich echte Polizeiarbeit leisten. Bei meinem Abgang, im Juni 1988, ahnte noch keiner das der ganze Laden kurz vor dem Zusammenbruch stand. Mein Versprechen, die alten Kollegen in der Wache Blankenfelde, wo ich nach dem Praktikum gelandet war, zu besuchen, konnte ich nicht mehr einhalten. Die " Wache Blankenfelde" gibt es nicht mehr. Wie auch das WKM.
Heute werden die Botschaften von der so genannten Wachpolizei gesichert. Dort sollen viele WKM-Posten nach der Wiedervereinigung untergekommen sein.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#122

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:12
von passport | 2.638 Beiträge

Zitat von Merkur im Beitrag #120
Zitat von ABV im Beitrag #117
Und die, die gefragt wurden, " kauften die Katze im Sack". Sowohl bei der VP als auch im MfS.

Gruß an alle
Uwe


Ganz so war es nicht.
Bestimmte Hochschulabsolventen wurde für eine ganz bestimmte Aufgabe in das Organ geholt und wussten vom Arbeitsgegenstand her, was sie erwartet.
Bei den neu eingestellten Berufssoldaten ohne Studium war klar, dass der Dienst in einer Wacheinheit begann. Aber auch hier konnte man z. T. mitbestimmen, wohin die Reise geht. Entweder Verbleib im Bezirk (WSE oder PKE) oder der Weg nach Berlin (WR)


@Merkur

Die HA bzw. Abt. der BV KuSCH entschied über den Einsatz der neueingestellten MA. In den wenigsten Fällen gab es da eine Mitbestimmung !


passport


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#123

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:21
von Alfred | 6.849 Beiträge

Passport,

es ging wohl auch nur um bestimmte Ausnahmen.

Ich kannte Personen, die haben z.B. entsprechendes studiert, da war schon bei der Einstellung bekannt, dass diese nach dem abgeschlossenen Studium bei der Abt. Finanzen "landeten".


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#124

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:27
von Barbara (gelöscht)
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#125

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:30
von Pit 59 | 10.152 Beiträge

Sehr schönes Gebäude,vor allem mit grossem Eingang Für Rollstuhlfahrer gut geeignet


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#126

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:40
von Merkur | 1.021 Beiträge

[quote=passport|

@Merkur

Die HA bzw. Abt. der BV KuSCH entschied über den Einsatz der neueingestellten MA. In den wenigsten Fällen gab es da eine Mitbestimmung !
passport
[/quote]

Ja, grundsätzlich schon. Aber es war im Vorfeld durchaus möglich, sich der Einöde Marienborn/Wefensleben und dem Masogschen Regiment zu entziehen. Die Hauptstadt hatte immer Bedarf.



zuletzt bearbeitet 15.03.2015 13:12 | nach oben springen

#127

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:54
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Die eigentliche DDR-StäV war, glaube ich, auf dem Hof und ist heute abgerissen und neu bebaut.


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#128

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 11:57
von RudiEK89 | 1.951 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #121
Gert, darum habe ich ja alle Hebel in Gang gesetzt, um da ganz schnell wieder weg zu kommen. Ich werde das aber noch ausführlich beschreiben. Nur eines vorweg: nach der Abgabe des Versetzungsgesuchs bin ich erstmal " Spießruten" gelaufen. Aber nicht zuletzt durch einen sehr verständnsivollen neuen Vorgesetzten, hat sich das ganze dann doch gelohnt.
Ich konnte endlich echte Polizeiarbeit leisten. Bei meinem Abgang, im Juni 1988, ahnte noch keiner das der ganze Laden kurz vor dem Zusammenbruch stand. Mein Versprechen, die alten Kollegen in der Wache Blankenfelde, wo ich nach dem Praktikum gelandet war, zu besuchen, konnte ich nicht mehr einhalten. Die " Wache Blankenfelde" gibt es nicht mehr. Wie auch das WKM.
Heute werden die Botschaften von der so genannten Wachpolizei gesichert. Dort sollen viele WKM-Posten nach der Wiedervereinigung untergekommen sein.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe

Die Sicherung von Missionen in Leipzig übernehmen auf Grund Krankheit "ausgemusterte" Schutzpolizisten. Ich möchte nicht
12 Stunden lang in dem Wachhäuschen sitzen und in einem mit Ketten abgesperrten Arial Streife laufen, wie ein Hund im Zwinger.
Aber die betreffenden Kollegen stehen in Lohn und Brot und werden gebraucht. Ist besser wie dienstunfähig geschrieben zu Hause sitzen.

Andreas


März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode
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#129

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 12:21
von icke46 | 2.593 Beiträge

Nur interessehalber, obwohl es ja schon ein bisschen OT ist: Was für Missionen gibt es in Leipzig? Es handelt sich ja vermutlich um Konsulate, aber wieviele gibt es davon in Leipzig?

Ich habe nur Erfahrungen mit dem türkischen Generalkonsulat in Hannover, dass etwa 100 Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt liegt. Jahrelang sassen die Wachkräfte in ihren Polizeiwagen, vor ca. 5 Jahren wurde ein Container aufgestellt, die der mit zwei Personen besetzt ist. Ganz zweifellos ein öder Job, wenn nicht mal wieder als Reaktion auf politische Ereignisse in der Türkei Demos oder Mahnwachen stattfinden.

Gruss

icke



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#130

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 12:32
von RudiEK89 | 1.951 Beiträge

Hallo Icke,
Leipzig hat mehrere Konsulate, so z.B. das Amerikanische Generalkonsulat, das Generalkonsulat der russischen Förderation. das Honorarkonsulat
für Schweden, das chinesische und türkische Konsulat und noch einige mehr.

Andreas


März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode
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#131

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 12:51
von Schakal | 271 Beiträge

Wie weit reichte der exterritoriale Bereich eigentlich? Galt dieser Status erst, wenn man im Gebäude drin war oder auch schon, wenn man sich bspw. (rein theoretisch) mit beiden Händen an die Türklinke klammerte?


--- Ex oriente lux.---
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#132

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 12:53
von Merkur | 1.021 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #89


Genau so ist es! Der " übermäßige Schutz" der " StäV der Bundesrepublik" in der DDR, diente in aller erster Linie der Abschreckung.
Vor wem hätte man das Gebäude auch schützen müssen?

Uwe



Ich meine, es ist nicht der richtige Ansatz, hier lediglich vom Objektschutz auszugehen.
Ich gehe zunächst grundsätzlich davon aus, dass die StäV wie jede andere Vertretung Sicherungsmaßnahmen erfuhr aber aufgrund ihrer Brisanz besonders im Fokus stand. Und natürlich ist ein solches Objekt aus Sicht der Abwehr immer interessant.
Es gelang zwar nie der Nachweis, dass in der StäV eine LAR existierte aber von Einzelaufklärern mit Pullacher Anbindung ging man aus. Und natürlich waren deren DDR-Kontaktpartner von Interesse.
Als im Oktober 1987 der Sonderbeauftragte des Direktors des Geheimdienstes des US-Außenministeriums in Berlin weilte, besuchte er die StäV und das sicher nicht nur, um über das Wetter zu plauschen.



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#133

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 12:56
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Die Bonner dürften manche grobe Drohung erhalten haben, als offizielle DDR-Repräsentanten im Westen. Bei Mauertoten, Flüchtlingen, durch Verwandte von Ausreisewilligen etc. Die West-Behörden mussten die nun schützen, sonst hätte es bei einem geglückten Anschlag oder so innerdeutsch große Probleme geben können.


zuletzt bearbeitet 15.03.2015 12:57 | nach oben springen

#134

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 13:13
von passport | 2.638 Beiträge

Zitat von Merkur im Beitrag #126
[quote=passport|

@Merkur

Die HA bzw. Abt. der BV KuSCH entschied über den Einsatz der neueingestellten MA. In den wenigsten Fällen gab es da eine Mitbestimmung !
passport



Ja, grundsätzlich schon. Aber es war im Vorfeld durchaus möglich, sich der Einöde Marienborn/Weferlingen und dem Masogschen Regiment zu entziehen. Die Hauptstadt hatte immer Bedarf.

[/quote]


Hallo @Merkur

Ich bin am 02.04.1973 als SaZ in die WE "Robert Korb" der BVfS Magdeburg einberufen worden. Im Jahr 1975 entschied ich mich BS zu werden. Im Laufe der mit mir geführten Gespräche wurde festgelegt das ich zur HA VIII nach Berlin versetzt werden würde.
Einen Tag vor Eintritt als hauptamtlicher MA wurden alle zukünftigen BS (14 Personen) einzeln nochmals zu einen Kadergespräch befohlen. Hier wurde uns mitgeteilt das auf persönliche Anweisung E.M. ALLE heutigen Neueinstellungen auf die Güst Mbn./A. zu versetzen sind.
Hintergrund soll eine Eingabe von Ehefrauen der dortigen MA über die schlechten Zeit - und Arbeitsbedingungen ihrer Ehemänner. Unser konzentrierter Einsatz sollte wohl helfen einige Spitzen abzubauen. Letzendlich war es auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Am Tage des Kadergespräches gab es aber nur 2 Alternativen. Man wird BS mit dem Einsatzort Mbn./A. oder man war draussen bzw. diente seine Restzeit bei der WE ab. Aber die "Einsicht in die Notwendigkeit" war eben grösser als das Wissen über den damals zukünftigen Arbeitsort.



Gruß


passport


zuletzt bearbeitet 15.03.2015 13:31 | nach oben springen

#135

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 14:00
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Schakal im Beitrag #131
Wie weit reichte der exterritoriale Bereich eigentlich? Galt dieser Status erst, wenn man im Gebäude drin war oder auch schon, wenn man sich bspw. (rein theoretisch) mit beiden Händen an die Türklinke klammerte?


Der exterritoriale Bereich befand sich unmittelbar hinter der Umzäunung, bzw der Pforte zum Gelände. Während meines Postendienstes an der Residenz des USA-Botschafters hatte ich hin und wieder den Fuß, natürlich den beschuhten, unter dem Zaun durchgeschoben. Nur des Gefühls wegen, " USA-Territorium zu betreten".
Als guter Sozialist war man eben schon mit Kleinigkeiten zufrieden

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

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Gert, Schakal, Lutze, Harzwanderer und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 15.03.2015 14:00 | nach oben springen

#136

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.03.2015 15:08
von Sperrbrecher | 1.657 Beiträge

Zitat von Merkur im Beitrag #115
Dich hätte auch niemand danach gefragt.

Dazu musste man schon den entsprechenden familiären Hintergrund vorweisen können
und dreimal mit Erfolg geimpft sein.


Wie war die allgemeine Stimmung in der DDR ? Sie hielt sich in Grenzen !


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#137

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 19.03.2015 19:20
von ABV | 4.202 Beiträge

Jeden Tag eine neue Herausforderung

Das erste an was ich mich gewöhnen musste, war der Wechselschichtdienst. Der in der DDR zwar nicht so hieß, aber da der Dienst ständig wechselte, kann ich ihn ruhig so nennen.

Im WKM gab es zwei immer wiederkehrende Dienstplanvarianten. Bei der ersten begann der Rhythmus mit drei Spätschichten, dem sich vier Nachtschichten, ein so genannter Schlaftag, ein Ausbildungstag, eine kurze (acht Stunden) und eine lange Tagschicht (zwölf Stunden) anschlossen.

Anschließend hatte man drei Tage frei. Bis zum darauffolgenden Dienstag. Dann begann der Turnus mit drei Nachtschichten, dem so genannten Schlaftag, zwei lange Tagschichten, eine kurze Tagschicht, ein Ausbildungstag und dann noch zwei kurze Tagschichten.
Die Dienstplanung gewährleistete zwei freie Wochenenden im Monat. Außerdem wusste jeder bereits am Neujahrstag, ob er das kommende Sylvester feuchtfröhlich begehen darf, oder auf Posten stehen muss.

Zumindest theoretisch traf das zu. Praktisch hing die Dienstplanung stark von der jeweiligen polizeilichen, im WKM noch stärker von der politischen Lage ab. Wie wir im Verlauf dieses Threads noch sehen werden.

Für mich brachten die ersten Tage und Wochen im WKM eine Fülle neuer Eindrücke. Jeder Tag brachte neue Herausforderungen mit sich. Wobei die Gewöhnung an die Tücken des Schichtdienstes unbedingt dazu gehörte. Meine erste Nachtschicht habe ich noch in guter Erinnerung. Bis Mitternacht ergaben sich keinerlei Probleme. So oft es ging streiften „ Goldi“ und ich um den zu bewachenden Block herum.

In meinem Ehrgeiz hatte ich mir fest vorgenommen, so viele Personenkontrollen wie möglich durchzuführen. Aber außer drei harmlosen Spaziergängern wagte sich anscheinend keiner in die feuchtkühle Winternacht.

Allmählich erlahmte selbst der Fahrzeugverkehr an der Leipziger Straße. Nur die Lichter welche den nahen Grenzstreifen bei Nacht illuminierten, schimmerten diffus im Nebel. Hin und wieder stiegen an der Trennlinie zwischen Sozialismus und Kapitalismus, wie diese Grenze offiziell genannt wurde, farbige Leuchtkugeln in den trüben Nachthimmel.

Derweil lagen unsere „Schützlinge“, bewacht von der Volkspolizei, im tiefen Schlag. Als letzter kam ein hier wohnender Mitarbeiter der USA-Botschaft nach Hause. Bedächtig schloss er seinen Wagen ab, ehe er nach oben verschwand. Kurze Zeit später flammte hinter einem der vielen Fenster elektrisches Licht auf. Wenige Minuten nur, dann verlosch es wieder. Der Diplomat lag nun offenbar im Bett. Ich beneidete ihn aus tiefster Seele, während die Kälte unter meine Uniformjacke kroch.

„Goldi“ sagte mir voraus, dass es in der Zeit zwischen 02:00 Uhr und 03:00 Uhr am schwersten fällt, wach zu bleiben. „ Stunde der toten Augen“ nannte er das. Mein Lehrwachtmeister sollte Recht behalten. Meine Augen wurden nicht nur schwer, sie brannten obendrein wie Feuer. Urplötzlich erblickte ich draußen Schatten, die ebenso schnell wieder verschwanden. Verdammt noch mal, was ist das denn? Todmüde sank wie noch nie zuvor in meinem Leben sank ich Stunden später im Wohnheim endlich ins Bett.

Ich erlebte aber auch noch andere Dinge. Zum Beispiel den direkten Kontakt mit einem DDR-Schlagerstar. Während eines Rundgangs stellten wir einen direkt an der Leipziger Straße unverschlossen geparkten PKW Mercedes. Die Buchstabenreihe des Kennzeichenschildes lautete IBM, was der kesse Berliner mit Ich bin Millionär „übersetzte“. Millionär hin oder her, auf jeden Fall gehörte der Schlitten keinem Arbeiter oder Bauern, so viel stand bereits fest.

„ Lass uns einen Augenblick warten“, meinte „Goldi“, „ der Fahrer muss gleich zurückkommen. Dem werde ich was erzählen! So ein Lichtsinn aber auch!“. VP-Meister Goldbach redete sich in Rage. Mehr als dem Fahrer „ was erzählen“ stand ohnehin nicht in seiner Macht. Die WKM-Polizisten verfügten über keine Ordnungsgeld-Blöcke, so dass er keine Gebührenpflichtige Verwarnung ausstellen konnte. Aber ohne einen zünftigen Zusammenschiss wollte er den Verkehrssünder nicht davonkommen lassen.

Während „ Goldi“ noch wie ein Rohrspatz schimpfte, näherte sich, in Begleitung einer ausgesprochen attraktiven Dame, ein lächelnder elegant frisiert und gekleideter Herr. „ Das ist ja nett, dass Sie auf mein Auto aufpassen“, freute sich der Elegante. „ Irgendwoher kenne ich den doch?“, schoss es mir automatisch durch den Kopf. Natürlich, Michael Hansen, einer der bekanntesten DDR-Schlagersänger!

Obwohl ich, ganz ehrlich, von dem keinen einzigen Titel abrufbereit im Gehirn gespeichert hatte, beeindruckte mich die Begegnung doch ein wenig. Selbst den eben noch den „strengen Bullen“ mimenden „ Goldi“ verschlug es die Sprache. „ Ich habe es doch immer gesagt, auf die Genossen der VP ist Verlass“, verkündete der Barde seiner süffisant grinsenden Begleiterin, gab jedem von uns die Hand, um dann ungerührt ins Auto zu steigen.

„Uwe, wenn ich das heute Abend meiner Alten erzähle“, säuselte der noch immer sichtlich beeindruckte VP-Meister. „ Ich werde mir jetzt die kommenden Tage nicht mehr die Hände waschen.“
Offenbar lief einem selbst im Herzen (Ost)Berlins nicht jeden Tag ein „Promi“ über den Weg. Und wenn es sich auch nur um jemanden aus dem „Schlagerstudio“ von Chris Wallasch handelte.

Michael Hansen sollte nicht die letzte Berühmtheit bleiben, dem ich aus nächster Nähe in die Augen schaute. Allerdings verlief diese Begegnung weniger freundlich und schon gar nicht „ unpolitisch“.

Eines Abends tauchte der Streifenwagen unserer Wachabteilung vor unserem Postenhäuschen auf. Was an sich nicht ungewöhnlich ist. Das „ operativ-taktische Zusammenwirken“ der Streifenwagenbesatzung und den Posten, wohinter sich nichts weiter verbarg als „ gepflegter Small Talk“, gehörte zu den Dingen welche die Monotonie des Dienstes ein wenig milderten. Am besagten Abend hockte jedoch Leutnant Schöning auf der Rückbank.

„ Da ist was im Busch“, raunte mir „Goldi“ zu. Schöning dirigierte uns zurück ins Wachhaus. „ Wir haben die Information erhalten, dass der Kultur-Attaché der Ständigen Vertretung heute Abend hier einen Empfang gibt. Erfahrungsgemäß nehmen an solchen Veranstaltungen immer bekannte Vertreter aus der Dissidentenszene teil.“

„ Dürfen die das nicht?“, erkundigte ich mich naiv. Schöning schaute mich durchdringend an. „ Von dürfen kann keine Rede sein. Wenn es nach mir gehen würde, ein klares Nein! Diese Typen saufen und fressen sich dort durch, obendrein machen sie noch unseren Staat schlecht. Leider geht es aber nicht nach mir. Trotzdem wollen wir aber wissen, wer von den Brüdern heute Abend dort auftaucht.“ „ Wie soll das gehen?“, fragte „Goldi“. „ Die Bundis dürften nicht gerade erfreut sein, wenn wir ihre Gäste kontrollieren.“

Schöning überlegte einen Moment. „ Ihr müsst euch eine entsprechende Legende einfallen lassen, damit niemand Verdacht hegt.“

Leichter gesagt, als getan. Zur Überraschung aller lieferten einige der „Dissidenten“, was für ein bescheuertes Wort, den Grund für eine Kontrolle selbst. Statt ihre Fahrzeuge in einer nahen Seitenstraße abzustellen, fuhren sie schnurstracks auf den normalerweise für die Bewohner des Hauses, also Diplomaten und Journalisten reservierten Parkplatz vor.

Zuerst sahen wir einen hellen Citroen dessen Kennzeichen den Halter „ als Millionär outeten“, auf den Parkplatz fahren.
Jetzt schlug meine Stunde. Vorschriftsmäßig, wie auf der VP-Schule gelernt, trabte ich zur Fahrerseite des PKW. Wo sich gerade ein kräftig wirkender älterer Mann nach draußen zwängte.

„ Schönen Guten Abend, Wachtmeister Bräuning“, stellte ich mich vor, „ ich hätte gerne einmal den Führerschein und die Fahrzeugpapiere gesehen.“ „ Was ist ihnen?“, brummte der Angesprochene ärgerlich, wobei er mir das Gesicht zuwandte. Das war nicht nur ein Gesicht, sondern das breite Antlitz von Stephan Heym. Der Stephan Heym! Ein in beiden Teilen des ansonsten „uneinigen“ Deutschlands gleichermaßen bekannter Grandseigneur der Literatur. Wer kennt sie nicht, diese Momente wo sich ein Mann klein und nichtig fühlt? Dieser Moment war für mich so einer, der in diese Rubrik passte.

„Dürfen Sie hier parken, mein Herr? Haben Sie eine Sondererlaubnis?“ „Junger Mann, ich weiß doch genau was Sie wollen“, grummelte Heym mit einer Stimme, die aus einem tiefen Fass zu kommen schien. „ Ihnen geht es doch lediglich um meine Personalien. Dabei sollten diese doch bei der Volkspolizei bekannt sein.“

Mich ertappt fühlend, senkte ich den Kopf. Heym hatte mich im Sack. Der alte Fuchs spielte den Triumph jedoch nicht aus. „ Ich kann auch woanders parken“, sagte er, stieg zurück ins Fahrzeug und fuhr weiter.

Aufgeregt kehrte ich ins Postenhäuschen zurück. „ Heym, das war der Heym“, keuchte ich aufgeregt. „ ist ja gut beruhigte mich „Goldi“.

Schon wieder fingerte der Lichtkegel sich nähernder Scheinwerfer über den Asphalt. „Uwe, fass“, witzelte mein Lehrwachtmeister. Diesmal hatte ich es mit dem Schriftsteller Ulrich Plenzdorf zu tun. Nicht ganz so berühmt wie Heym, aber berühmt genug, dass mir wieder die Knie vor Ehrfurcht wackelten.

Nicht ohne Grund: aus der Feder von Plenzdorf stammte unter anderem das Buch „ Die neuen Leiden des jungen W.“ Edgar Wibeau, der Hauptheld des Romans, den uns in der Schule eine junge Lehrerin ans Herz gelegt hatte, war so etwas wie ein junger Rebell. Der in der DDR, wie wohl alle Rebellen, gegen Wände lief, unter Wert eingesetzt wurde und schließlich einen frühen tragischen Tod fand.
Kurz vor den letzten Ferien des letzten Schuljahres an der POS Letschin, las die besagte Lehrerin ihren gebannt lauschenden Schülern Passagen aus dem Buch vor.

Jetzt stand ich dem Autor dieses Werkes gegenüber. Am liebsten hätte ich Ulrich Plenzdorf um ein Autogramm gebeten, mich mit ihm über Edgar Wibeau unterhalten. Stattdessen warf ich einen Blick in die Papiere des Schriftstellers, machte gegenüber der eigentlich bewunderten Person „einen auf autoritären Bullen“, um dessen Personalien „abzufischen“. Widerspruchslos, wenn auch Kopfschüttelnd, verließ auch Plenzdorf den Parkplatz.

Das unwürdige Spiel wiederholte sich noch dreimal. Ich weiß heute nicht mehr, um wem es sich dabei handelte.

An dieser Stelle ergibt sich wieder einmal die Frage, wie man wohl heute über diese Aktionen denkt? Ganz klar: ich wurde missbraucht! Genauso klar muss ich mir aber auch eingestehen, dass ich mich habe missbrauchen lassen! Im Namen der „Sicherheit eines an unheilbarer Paranoia leidenden Staates.“

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


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EK87II, Kalubke, RudiEK89, 02_24, IM Kressin, Heckenhaus, Harzwanderer, Rothaut, Lutze, seaman, Gert, Elch78, Udo und MHL-er haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#138

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 19.03.2015 22:59
von seaman | 3.487 Beiträge

Wohltuend hier mal wieder ein Zeitzeugenbericht zu lesen.

seaman


ABV hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#139

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 20.03.2015 15:18
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von seaman im Beitrag #138
Wohltuend hier mal wieder ein Zeitzeugenbericht zu lesen.

seaman


Danke@Seaman

Ich hoffe mal, dass noch andere Zeitzeugen wieder mehr in die Tasten hauen und aus ihrem vergangenen Leben erzählen. Das ist besser als sich sinnlos zu streiten. Dafür ist das Forum nicht da!

Also Mädels und Jungs, ran an den Speck

Gruß an alle
Uwe


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Heckenhaus, seaman, RudiEK89 und thomas 48 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#140

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 21.03.2015 10:48
von seaman | 3.487 Beiträge

Obwohl man langsam hier zur Erkenntnis kommen muss es geht nicht mehr um Themen zur DDR Grenze.....
Schade.Die berichten können werden weniger.

seaman


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