#61

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 28.02.2015 18:52
von ABV | 4.202 Beiträge

Mache ich Andreas, die Fortsetzung ist schon in Arbeit. Was den "Keks" betrifft: das wäre wohl die einzige logische Schlussfolgerung gewesen. Im Prinzip war das wohl, falls dem so war, die klassische Anwerbesituation gewesen.
Wie dem auch sei: der Typ war einfach das letzte!

Gruß Uwe


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#62

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.03.2015 12:34
von Lutze | 8.039 Beiträge

Euer Großkotz in Neustrelitz hatte bestimmt einen hohen Offizier
als Vater oder aus seiner Verwandschaft,
sonst könnte man nicht so ungeschoren davon kommen
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#63

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.03.2015 15:53
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #62
Euer Großkotz in Neustrelitz hatte bestimmt einen hohen Offizier
als Vater oder aus seiner Verwandschaft,
sonst könnte man nicht so ungeschoren davon kommen
Lutze


Von einem hohen Offizier als Vater oder Onkel, hat der nie etwas erzählt. Es gab aber jemanden in der Klasse, der immer nur " der Oberst" sagte, wenn er von seinem Vater sprach. Er schwebte absolut über den Dingen, nach der VP-Schule wollte der Kollege ein mehrjähriges Kriminalistikstudium an der Humboldt-Uni beginnen.
Ich habe ihn zufällig 1989 in der S-Bahn wieder getroffen. Der vormals so "abgehobene" war wie ausgewechselt. Möglicherweise hat ihn die Begegnung mit der Wirklichkeit "geerdet".
Noch mal zurück zum "Großkotz": die Meldung über den Vorfall ist auf jeden Fall vom VPKA Neustrelitz zur dortigen Kreisdienststelle gelangt. Da die VP-Schule in deren "Sicherungsbereich" gehörte, ist es zumindest theoretisch vorstellbar, dass sich sofort jemand dorthin bewegte, um den Delinquenten vor die Wahl "Mitarbeit" oder "Rausschmiss" zu stellen. Solche Maßnahmen liefen dann unter dem Motto " Wiedergutmachung".
Das so jemand in der Polizei nichts zu suchen hat, spielte dabei eher keine Rolle.
Merkwürdig ist auch, dass die Körperverletzung ohne Folgen blieb. Vater oder Onkel müssen da schon in einer sehr hohen Position gewesen sein, um den Kerl zu retten.
Wenn der Betreffende die ihm gebotene " Zweite Chance" wenigstens genutzt und über sein Fehlverhalten nachgedacht hätte, könnte man sogar noch Mitleid mit ihm haben. Aber er hat genauso weitergemacht wie vor dem Vorfall.
Was soll man wohl davon halten?

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


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#64

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.03.2015 18:34
von ABV | 4.202 Beiträge

Fortsetzung

Wieder zurück in Berlin
09. Januar 1986, VP-Schule „Ernst-Thälmann-Neustrelitz“

Unter den Klängen des „ Marsch des Yorkschen Korps“ defilieren die Teilnehmer des heute zu Ende gegangenen „ Grundlehrgangs für Neueingestellte Volkspolizisten“ über den Appellplatz. Hoch oben auf einem Podest steht in kerzengerader Haltung Oberst Hartrampf, der Schulleiter, mit seinem Stab „ Achtung“ brüllt der die Marschkolonne befehligende Offizier, als sich die Wintermantel, Knobelbecher und Stahlhelm tragende Polizistenpulk in Höhe der Tribüne befindet. Auf Kommando gehen alle Köpfe nach rechts. Im Stechschritt marschieren wir an dem salutierenden Oberst vorbei.

Vorbei ist auch die Zeit in Neustrelitz. Ich kann mein Glück kaum fassen. Sämtliche Prüfungen habe ich mit Erfolg bestanden. Nicht nur ein Glücksfall, sondern eher das Resultat zähen Übens. Beinahe an jedem Abend hatte ich nach Unterrichtsschluss auf dem Sportplatz trainiert, um diese verdammten Sportnormen zu schaffen. Der Erfolg gab mir Recht. Andere haben es nicht geschafft. Im April würden sie sich einer erneuten Prüfung unterziehen. Patzen sie erneut, ist die Laufbahn beendet. Die Jungs tun mir leid. Enttäuscht, um Haltung ringend, stehen sie in einer Ecke. Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Spät kommt bei diesem oder jenem die Einsicht, dass „Kampftrinken“ nun einmal kein Prüfungsfach ist.

Einen Wehrmutstropfen gab es am Ende doch für mich doch-im Fach „Marxismus-Leninismus“ hat es nur für eine Drei gereicht. Was nutzte da am Ende eine Eins in Fachkunde? Das Gesamtprädikat durfte nun einmal nicht besser sein, als die Endnote in „ M-L“.

Scheiß drauf! Die Drei ist die Eins des kleinen Mannes. Außerdem würden die bedauernswerten „Durchfaller“ gerne mit mir tauschen.
Nach dem Appell geht es ein letztes Mal in die Unterkunft. Die vom VP-Präsidium entsandten Ikarus-Busse stehen bereits zur Abholung bereit.

Zwei Stunden dauert die Fahrt von Neustrelitz in die Hauptstadt. Unterwegs kommen wir durch die Fontane-Stadt Neuruppin. 1983, kurz vor der Einberufung zum Wehrdienst, hatte mich ein Betriebsausflug des „ VEB Binnenfischerei Altfriedland“ in den ehrwürdigen Ort geführt. Noch einmal sehe ich das Denkmal des bekannten Dichters, vor dem sich die kleine Brigade hat fotografieren lassen.

Nicht einmal drei Jahre sind seitdem vergangen. Drei Jahre in dem mein Leben, wie in einer riesigen Zentrifuge, durcheinander gewirbelt wurde.
Im VP-Präsidium angelangt, werden wir in einen riesigen Saal geführt. General Egon Gröning, der VP-Präsident, hält zum Empfang eine jener ebenso kernigen wie austauschbaren Reden. Ob ihm Oberst Hartrampf wohl das Manuskript geschickt hat?
Wir werden nun ins Praktikum verabschiedet. Unter den Anwesenden befinden sich auch Vertreter der jeweiligen Dienststellen. Ulli, der gleichzeitig mit mir, wenn auch in einer anderen Klasse den Lehrgang absolvierte, entdeckte den Abgesandten vom WKM zuerst.

„ Herzlichen Glückwunsch Jungs. Willkommen zurück Zuhause“, sagte der Polizist. Ehrliche Freude schwang in seiner Stimme mit.
Im Funkstreifenwagen ging es ins „Kommando“ nach Kaulsdorf. Und dort zum „ZEK“. Der Spieß hatte extra den Tisch feierlich gedeckt, Kaffee gekocht und sogar eine Torte besorgt. Hauptmann Nebeling und Hauptmann Füger, der wie ein Honigkuchenpferd über beide Wangen strahlte, gehörten zu den ersten Gratulanten.

Angeregt plauderten wir über die Zeit in Neustrelitz. Nach und nach gesellten sich weitere Polizisten hinzu. Manch einer gab lustige Begebenheiten aus der eigenen (VP)-Schulzeit zum Besten.
Nur einer fehlte an diesem Tag: VP-Meister Schelling. Zwischen zwei Schlucken Kaffee erkundigte sich Ulli nach dessen Verbleib, wollte er doch seinem Werber das Abschlusszeugnis präsentieren.

Als der Name Schelling fiel, legte sich ein unsichtbarer Eispanzer auf die noch kurz zuvor fröhlich plaudernden Polizisten. Betreten schauten einige von ihnen auf den Boden. Zunächst herrschte tiefes Schweigen.

Hauptmann Füger fand zuerst seine Sprache wieder: „ Den Genossen VP-Meister Schelling gibt es nicht mehr.“ Ungewohnte Dissonanzen verfremdeten die sonst so sympathische Stimme des Politoffiziers.
Ulli erbleichte. „ Ist er, ist er, ist er etwa..?“ „ Nein, ist er nicht“, antwortete Füger, „ VP-Meister Schelling wurde im November aus den Reihen der Deutschen Volkspolizei entfernt.“

„ Warum das denn?“ „ Warum? Der Kerl hatte im Sommer beim Urlaub in Ungarn, ein Ehepaar aus der Bundesrepublik kennengelernt. Obwohl es ihm als Volkspolizisten streng verboten ist, hat er sich weiter heimlich mit dem Paar getroffen. Unsere Sicherheitsorgane sind ihm jedoch sehr schnell auf die Schliche gekommen. Stellt euch vor, der hat sich sogar Pakete, an eine andere Adresse, von denen schicken lassen. “
„Stimmt“, bestätigte Nebeling. „ Die Genossen vom MfS haben wochenlang sein Grundstück in Petershagen observiert. Schelling hat die Beobachtung sogar bemerkt, da bei ihm nebenan aber ein Ausreiseantragsteller wohnt, glaubte er wohl das der Nachbar gemeint ist.“

Lachend zündete sich Hauptmann Nebeling eine Zigarette an, eher er weiter erzählte: „ Ich sehe den Schelling noch hier sitzen, wie er sich über die auffällige, seiner Meinung nach dilettantische Beobachtung seines Nachbarn echauffierte.“ „ Man sollte eben das MfS nicht unterschätzen“, meinte Füger, der seine Fröhlichkeit wiedergefunden hatte. „ Dafür hat er fürchterlich geheult, als wir ihn aus der Volkspolizei gejagt hatten.“ Füger ließ keinen Zweifel daran, wie sehr er Schelling verachtete. Dabei zeigte er ein gänzlich anderes Gesicht, als noch kurz vor. Hasserfüllt, voller Abscheu und unverhohlener Wut. Dieses Gesicht irritierte mich, konnte jedoch durchaus als Warnung verstanden werden: „ Schere niemals aus der „ Großen Volkspolizeifamilie aus!“.

„ Genug“, entschied der Hauptmann mit einer knappen Handbewegung, „ wir wollen an einem Tag wie diesen nicht über einen Lumpen und Verräter reden.“

Damit war das Thema Schelling endgültig erledigt. Sein Name würde wohl in diesen Räumen nie mehr genannt werden.
Nebeling kam jetzt auf unser Praktikum zu sprechen: „ Genosse Bräuning, du meldest dich am kommenden Montag um 12:00 Uhr in der Wache Mitte bei Leutnant Schöning, dem Leiter der 4.Wachabteilung. Dort wirst du bis April dein Praktikum absolvieren. Am Montag geht es für dich gleich in die Spätschicht.“

Ulli kam dagegen in die 1. Wachabteilung. Für ihn begann der Dienst sofort mit einer Nachtschicht.

Der Hauptmann erklärte uns noch den Weg zur „Wache Mitte“, die vom S-Bahnhof Friedrich-Straße bequem zu Fuß erreicht werden konnte.
Wieder lag ein neuer Lebensabschnitt vor mir-das Praktikum. Sorge, oder gar Angst den praktischen Teil der Ausbildung nicht zu überstehen, verspürte ich keine. Dafür lagen zu viele erfolgreich genommene Hürden hinter mir. Ein wenig mulmig war mir trotzdem. Wie immer wenn ich mich auf eine neue Umgebung und vor allem auf neue Leute einstellen musste.
Ach was, „ ran an den Sarg mitgeheult.“ Wache Mitte, ich komme!

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


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#65

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.03.2015 19:42
von Zkom IV | 323 Beiträge

Hi Uwe,
da ich lange Jahre Schießlehrer war ein paar Fragen zur Schießausbildung:

Schon bei der Zoll Schießausbildung in Bad Gandersheim 1981 lag der Schwerpunkt auf dem "Verteidigungsschießen".
Soll heißen: Schnelles ziehen der Waffe und schießen und TREFFEN auf einen Angreifer.

Wurde so was eigentlich zumindest ansatzweise bei der VP auch gelehrt?
Wenn ja, wie sollte das gehen ?
Ihr habt die Makarov ja immer verdeckt unter der Uniform getragen. Da war doch ein schneller Zugriff gar nicht möglich.
Wurden solche möglichen "Angriffsszenarien" irgendwie auch behandelt oder wurde ein solcher Angriff das als unmöglich abgetan ?

Bei meiner Ausbildung 1981 stand das im Vordergrund, gerade auch im Hinblick auf die RAF Aktionen in den späten siebziger Jahren.
So hatte wir ein sog. "Schnellziehholster" für die Pistole HK 4, mit der ich gelernt habe.

Gruß Frank



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#66

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 01.03.2015 20:03
von Zkom IV | 323 Beiträge

Ich hoffe der VP Meister Schelling hat die unehrenhafte Entlassung gut überstanden. Hast Du nochmal von ihm gehört ?

Solche Geschichten machen mich immer wieder sehr nachdenklich.
Was wohl aus ihm geworden ist ? Wie ER wohl die Wende erlebt hat und die Wendungen einiger ehemaliger Vorgesetzer ?

Ich hätte VOR der Wende gerne mal Kontakt zu Ost-Zöllner gehabt. Aus heutiger Sicht kann man sagen zum Glück kam das nicht zustande, weil das diese Kollegen ja in große Schwierigkeiten gebracht hätte.
So gesehen gut, dass man damals niemanden aus dem "Sicherheitsbereich" kennen gelernt hat.

Gruß Frank



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#67

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 11:11
von Heckenhaus | 5.146 Beiträge

Die Entlassung von VP-Meister Schelling bzw. die Hintergründe und Gründe dazu hätten mit die Nackenhaare gekräuselt.
Ist wieder das typische Beispiel der Deutschen "Demokratischen" Republik.
Überwachung bis aufs Klo.


.
.
„Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft.”
— Aristoteles -

"Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht."
— Abraham Lincoln –
.
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#68

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 11:22
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Zkom IV im Beitrag #65
Hi Uwe,
da ich lange Jahre Schießlehrer war ein paar Fragen zur Schießausbildung:

Schon bei der Zoll Schießausbildung in Bad Gandersheim 1981 lag der Schwerpunkt auf dem "Verteidigungsschießen".
Soll heißen: Schnelles ziehen der Waffe und schießen und TREFFEN auf einen Angreifer.

Wurde so was eigentlich zumindest ansatzweise bei der VP auch gelehrt?
Wenn ja, wie sollte das gehen ?
Ihr habt die Makarov ja immer verdeckt unter der Uniform getragen. Da war doch ein schneller Zugriff gar nicht möglich.
Wurden solche möglichen "Angriffsszenarien" irgendwie auch behandelt oder wurde ein solcher Angriff das als unmöglich abgetan ?

Bei meiner Ausbildung 1981 stand das im Vordergrund, gerade auch im Hinblick auf die RAF Aktionen in den späten siebziger Jahren.
So hatte wir ein sog. "Schnellziehholster" für die Pistole HK 4, mit der ich gelernt habe.

Gruß Frank


Hallo Frank!

Das Schießtraining bei der VP lief folgendermaßen ab:
Geschossen wurde entweder auf Klappscheiben, die in etwa einen Menschen darstellen sollten und auf Ringscheiben.
Es musste immer eine gewisse Anzahl von Klappscheiben " bekämpft", oder eine Mindestanzahl von Ringen erreicht werden, um eine gute Note zu erzielen.
Das schnelle Ziehen und das sofortige Schießen (Deutschuss), wurde zwar auch geübt, spielte jedoch eine untergeordnete Rolle in der Ausbildung.
Während des Streifendienstes wurde die Makarov tatsächlich unter der Bluse oder Jacke getragen. Was im Fall des Falles ein erheblicher Nachteil war.
Die Schusswaffe je anwenden zu müssen, lag bei den meisten Volkspolizisten, zumindest bei denen die ich kannte, außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Zum einen lag das daran, dass es in der DDR-Bevölkerung so gut wie keine Schusswaffen gab, zumindest nicht offiziell, zum anderen aber auch an der strengen Schusswaffengebrauchsordnung.
Diese wurde durch den § 17 des VP-Gesetzes geregelt. Dieses Gesetz musste jeder VP-Schüler wortwörtlich auswendig lernen. Bei der anschließenden Prüfung gab es nur zwei mögliche Noten: 1 oder 5!
Unser Lehrer sagte dazu: " Das eine vergessene Wort, kann draußen einem Menschen das Leben kosten und euch in arge Schwierigkeiten bringen."
Als Schusswaffenanwendung galt in der DDR übrigens schon die bloße Androhung und /oder das in die Hand nehmen der Pistole. Ohne das unbedingt ein Schuss fiel. Solche, heute "fast alltäglichen Dinge", mussten sofort dem Innenminister gemeldet werden. Wer wollte sich schon einer Untersuchung des Innenministeriums unterziehen und anschließend womöglich "abgebürstet zu werden"? Wobei das "Abbürsten" im Einzelfall eine Degradierung oder die Entlassung bedeuten konnte.

Übrigens: bei einigen speziellen Einsätzen, zum Beispiel bei gezielten Fahndungseinsätzen, wurde die Pistolentasche an einem Lederriemen befestigt, griffbereit über der Jacke getragen.
Zum Beispiel wenn mal wieder " einer der Freunde" abgehauen war. In solchen Fällen musste tatsächlich mit bewaffneter Gegenwehr gerechnet werden.
Ich habe solch einen Einsatz einmal erlebt und zwar im September 1988. Damals war ein polnischer Soldat mit einem zuvor geklauten SPW durch die Neiße gefahren. Anschließend wollte der Soldat weiter in Richtung Berlin, zur Mauer. Weit gekommen ist er allerdings nicht. Den SPW fand man Stunden später verlassen am Straßenrand. Der Soldat wurde am selben Abend in Eisenhüttenstadt von der Bereitschaftspolizei gestellt.

Von dem VP-Meister "Schelling", der ja nicht wirklich so hieß, habe ich nie wieder etwas gehört. Mich würde auch interessieren, ob ihm über die Entlassung hinaus, weiterer Ärger bereitet wurde. Geheimnisverrat, Spionage, der "Phantasie" waren ja damals keine Grenzen gesetzt. Das sich die Familien Ost und West einfach nur menschlich gut verstanden haben, durfte einfach nicht sein.

Gott sei Dank, dass dieser Quatsch der Vergangenheit angehört!!!

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


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zuletzt bearbeitet 02.03.2015 11:34 | nach oben springen

#69

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 12:03
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Heckenhaus im Beitrag #67
Die Entlassung von VP-Meister Schelling bzw. die Hintergründe und Gründe dazu hätten mit die Nackenhaare gekräuselt.
Ist wieder das typische Beispiel der Deutschen "Demokratischen" Republik.
Überwachung bis aufs Klo.




Der Überwachungsstaat DDR funktionierte zuweilen erstaunlich simpel: die Volkspolizei verfügte über spezielle Karten, die so genannten S 26. Wurde jemand in der Nähe eines Ortes an dem bekanntlich Straftaten begangen werden, angetroffen, ohne das ein konkreter Verdachtsgrund vorlag, wurden dessen Personalien inklusive des Feststellortes und der Feststellzeit, auf der "S26" notiert.
Das geschah so, dass der Betreffende die Notierung nicht bemerkte. Der Polizist musste sich die Personalien merken, um diese später zu notieren.
Anschließend gingen diese Karten zwecks Auswertung, zur Kriminalpolizei. Dank der "S 26" konnten tatsächlich unzählige Straftaten aufgeklärt werden.
Eine "S26" wurde aber auch von den Streifenpolizisten ausgefüllt, wenn diese einen abgeparkten " West-PKW" bemerkten. Diese Karten gingen offiziell ebenfalls an die Kriminalpolizei, wobei ich heute eher der Annahme bin, dass sie von der örtlich zuständigen MfS-Dienststelle ausgewertet wurden.
Wenn der "West-PKW" also in einer Straße parkte in der jemand wohnte der von Berufs wegen keinen Westbesuch empfangen durfte, lief die Maschinerie auf Hochtouren. Alles andere war dann nur noch Routine.
Auch wenn es alles andere als angenehm ist: die VP hatte ebenfalls ihren Anteil an der Bevölkerungsüberwachung geleistet! Mehr als dem einzelnen heute möglicherweise bewusst ist.

Gruß an alle
Uwe


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#70

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 12:52
von Heckenhaus | 5.146 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #69

Auch wenn es alles andere als angenehm ist: die VP hatte ebenfalls ihren Anteil an der Bevölkerungsüberwachung
geleistet! Mehr als dem einzelnen heute möglicherweise bewusst ist.


Das habe ich gemerkt, ebenso ein guter Kollege von mir, in der 70-ern.

Wir hatten damals eine Schwarzarbeit in dem Haus über der Markthalle am Alex, parkten dahinter auf dem Parkplatz.
Einige Wochen danach kam eine Vorladung für jeden von uns in die "Keibelritze", VP-Prasidium, Kriminalpolizei, zwecks
Klärung eines Sachverhaltes.
Mit etwas komischem Gefühl, aber in der Gewissheit, nichts verbrochen zu haben, meldeten wir uns dort.
Was stellte sich raus :
In dem Zeitraum (2-3 Tage), in dem wir dort abends anwesend waren, hatte sich irgendwo in diesem Gebäude eine Straftat
ereignet, und irgendwer hat uns gesehen, wie wir mit dem (meinem) Fahrzeug kamen und später am Abend wieder los fuhren.
Mehr erfuhren wir nicht, aber es hatte sich damit auch erledigt, wir atmeten auf.

Seit diesem Tage wußten wir genau, wie überall ein wachsames Auge existiert, ob es im geschilderten Fall nun ein Bewohner war oder eine
Polizeistreife, die uns meldete, wer weiß das schon.
In diesem Falle war es sogar begrüßenswert.


.
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#71

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 19:11
von polsam | 575 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #69

Eine "S26" wurde aber auch von den Streifenpolizisten ausgefüllt, wenn diese einen abgeparkten " West-PKW" bemerkten. Diese Karten gingen offiziell ebenfalls an die Kriminalpolizei, wobei ich heute eher der Annahme bin, dass sie von der örtlich zuständigen MfS-Dienststelle ausgewertet wurden.
Wenn der "West-PKW" also in einer Straße parkte in der jemand wohnte der von Berufs wegen keinen Westbesuch empfangen durfte, lief die Maschinerie auf Hochtouren.

Gruß an alle
Uwe



S 26 wurden in unserer Dienststelle nur bei Personen ausgefüllt, bei denen zu vermuten war dass ein polizeiliches Interesse vorliegen könnte.
Nicht jede Personenkontrolle wurde also dokumentiert.
Für Fahrzeuge aus dem NSW wurden diese Karten nicht genutzt.
Es gab ab und an mal bei der Einweisung den Hinweis auf ein bestimmtes Fahrzeug zu achten und dieses bei Feststellung der Leitstelle zu melden, aber das war es auch schon.
Wenn wir hätten für jedes NSW-Fahrzeug einen Zettel schreiben müssen, währe oft keine andere Tätigkeit möglich gewesen.
Ich denke nur an die Feiertage wo diese Fahrzeuge massenhaft anzutreffen waren.
Dann hatten wir hier noch Dänen und Italiener und deren Subunternehmer die ein neues Stahlwerk gebaut haben, die waren alle nicht zu Fuß unterwegs.


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#72

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 19:45
von polsam | 575 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #68


Das Schießtraining bei der VP lief folgendermaßen ab:
Geschossen wurde entweder auf Klappscheiben, die in etwa einen Menschen darstellen sollten und auf Ringscheiben.
Es musste immer eine gewisse Anzahl von Klappscheiben " bekämpft", oder eine Mindestanzahl von Ringen erreicht werden, um eine gute Note zu erzielen.
Uwe


Habe gerade ein paar alte DV erhalten, darunter auch die 102/78 (Schießübungen mit Schützenwaffen).
Auf Klappscheiben haben wir nur beim Gruppengefechtsschießen auf einem TüP der Volkspolizei geschossen.
Ansonsten stand uns ein Schießstand in einer ehemaligen Sandgrube und ein Pistolenstand aus Zeiten des II.WK zur Verfügung.
Diese Stände waren "sicherheitstechnisch" Ausgebaut, würden aber heute nicht ein mal mehr zum Luftgewehrschießen die Zulassung erhalten
In der Sandgrube haben wir mit der Pistole M als auch mit der Mpi K geschossen.
Die größte Entfernung beim Pistolenschießen war 50 Meter.
Die Entfernung mit der Mpi betrug 150Meter.
Nach jedem Schießen musstes du nach vorne laufen und die Löcher zukleben.
Anfang der 80er sollten wir dann auch aus dem Fahrenden Funkstreifenwagen schießen.
Mit der Pistole klappte das ganz gut.
Nur mit der Mpi war das nicht so optimal.
In einer anderen Dienstschicht kam es beim Mpi-Schießen aber zu einem Vorkommnis (ein Genosse hat das Dach eines Lada zum Sieb gemacht).
Ab diesem Zeitpunkt war das Schießen aus einem fahrenden Fahrzeug Geschichte.

Ab und an hatten wir auch die Möglichkeit im Schießkeller der JVA (Knast) auf Film zu schießen.
Diese Anlage hatten Strafgefangene entworfen und gebaut. Sie diente vorrangig den Bediensteten der JVA zur Schießausbildung.


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#73

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 20:35
von passport | 2.638 Beiträge

Zitat von polsam im Beitrag #71
Zitat von ABV im Beitrag #69

Eine "S26" wurde aber auch von den Streifenpolizisten ausgefüllt, wenn diese einen abgeparkten " West-PKW" bemerkten. Diese Karten gingen offiziell ebenfalls an die Kriminalpolizei, wobei ich heute eher der Annahme bin, dass sie von der örtlich zuständigen MfS-Dienststelle ausgewertet wurden.
Wenn der "West-PKW" also in einer Straße parkte in der jemand wohnte der von Berufs wegen keinen Westbesuch empfangen durfte, lief die Maschinerie auf Hochtouren.

Gruß an alle
Uwe



S 26 wurden in unserer Dienststelle nur bei Personen ausgefüllt, bei denen zu vermuten war dass ein polizeiliches Interesse vorliegen könnte.
Nicht jede Personenkontrolle wurde also dokumentiert.
Für Fahrzeuge aus dem NSW wurden diese Karten nicht genutzt.
Es gab ab und an mal bei der Einweisung den Hinweis auf ein bestimmtes Fahrzeug zu achten und dieses bei Feststellung der Leitstelle zu melden, aber das war es auch schon.
Wenn wir hätten für jedes NSW-Fahrzeug einen Zettel schreiben müssen, währe oft keine andere Tätigkeit möglich gewesen.
Ich denke nur an die Feiertage wo diese Fahrzeuge massenhaft anzutreffen waren.

Dann hatten wir hier noch Dänen und Italiener und deren Subunternehmer die ein neues Stahlwerk gebaut haben, die waren alle nicht zu Fuß unterwegs.



Naja, in der Gegend wo @ABV seinen Dienst verrichtete waren Westautos seltener wie UFO,s vom Mond.


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#74

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 02.03.2015 20:37
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Also wir waren öfter mal mit nem Westauto im Oderbruch.


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#75

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 11.03.2015 17:05
von ABV | 4.202 Beiträge

Mein erster Tag im Praktikum

Montag der 13.Januar 1986, Bahnhof Friedrich-Straße, 11:00 Uhr Vormittags


Meine Knie zittern ein wenig, als ich am Bahnhof Friedrich-Straße die S-Bahn verlasse. Jenen Bahnhof, den später jemand in einer Fernsehreportage die „ bestwachteste Grenzstation im Kalten Krieg“ nennen wird.

Zwischen hastig über den Bahnsteig huschenden Reisenden, laufen immer wieder Uniformierte. Transportpolizisten in ihren blauen Uniformen, dazwischen Grenzsoldaten und Passkontrolleure . Ich sende ihnen ein kurzes Kopfnicken zur Begrüßung, wie unter den Angehörigen der „ bewaffneten Organe“ üblich. Meine Grüße werden erwidert. Ich bin einer von ihnen, denke ich frohgestimmt.

Schwungvoll gehe ich die in Richtung Ausgang führende Treppen hinunter. Von der anderen Seite kommt mir ein Pärchen entgegen. Beide sind ungefähr in meinem Alter. Der abgerissen aussehende junge Mann wirft mir einen verächtlichen Blick zu. Auf gleicher Höhe angekommen, streckt er mir den rechten Zeigefinger entgegen, zielt auf meinen Bauch und ruft: Päng, Päng, du bist tot Bulle“.

Seine nicht minder heruntergekommene Begleiterin bricht in lautes Gelächter aus. Ich bin so perplex, dass ich vor lauter Schreck einen Hustenanfall bekomme. Darauf biegt sich das Paar endgültig vor Lachen.
Nichts wie weg, denke ich, über mich selbst verärgert. Mit Situationen wie dieser, werde ich wohl in Zukunft des Öfteren rechnen müssen. Ich verwerfe den Gedanken, dem unbotmäßigen Kerl die Frechheit heimzuzahlen. Aber wie? Sollte ich an ihm meine vor kurzem erworbenen Judokenntnisse demonstrieren? Wohl kaum!

Draußen vor Bahnhof versuche ich mich zu orientieren. Immer wieder eine besondere Herausforderung für einen Dorfmenschen wie mich. Als uniformierter Volkspolizist konnte ich selbstverständlich niemanden nach dem Weg fragen.

Ich habe ihn auch so gefunden. Nebelings exakter Beschreibung sei Dank. Auf meinem Weg zur „Wache Mitte“ komme ich an einer Baustelle vorbei. Auf einen kleinen Haufen geschichtet liegen menschliche Knochen und Schädel. Grausige , bei den Bauarbeiten freigelegte Andenken an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Tod und Verwesung haben den sterblichen Überresten jegliche Individualität geraubt. Das Sprichwort „ der Tod macht alle gleich“, findet einmal mehr seine Bestätigung. Den Knochen kann man nicht mehr ansehen, ob sie einem guten oder schlechten Mensch gehörten.

Unweit meines Ziels, taucht das weltberühmte in der deutschen Geschichte so bedeutsam gewordene Reichstagsgebäude auf. Auf dem Dach flattert, von unzähligen pechschwarzen Raben umschwärmt, die Deutschlandfahne. Ich vergleiche den Reichstag mit einem Kometen am Himmel: beide erscheinen zum Greifen nahe und sind doch unerreichbar weit weg. Abgesehen davon, dass kaum ein normaler Mensch je einem Kometen zu nahe kommen wird, war die Vorstellung eines Tages direkt vor dem Reichstag zu stehen, für einen wie mich zu dieser Zeit absolut unvorstellbar. Lag er auf der anderen Seite der „Mauer“. Deren Anblick an dieser Stelle mehr als anderswo zum „normalen“ Stadtbild gehörte.

Ich lebte in der Maxime dass es Dinge gibt, die man nicht ändern kann. Ganz gleich ob sie einem nun passen, oder nicht. Dazu gehörten für mich in erster Linie das Wetter und die gegebenen politischen Verhältnisse. Ich weiß, dass ist nichts auf was man stolz sein sollte!

Jetzt stand ich vor der „Wache Mitte“, einem relativ neuen, dreistöckigen Würfelförmigen Gebäude. Das meiner Vorstellung von einer Polizeidienststelle weit näher kam, als das Kasernenartige weitläufige „Kommando Kaulsdorf“ oder gar die VP-Schule Neustrelitz. Den Blick in den Innenhof versperrten auch hier eine Mauer und ein graues Stahltor, über das ein unvermeidlicher Straßenspiegel lugte.

Tief Luft holend, sondierte ich kurz die Umgebung. Gegenüber der Dienststelle wechselte sich, bis hin zum Brandenburger Tor und weiter bis „ Unter den Linden“, eine Botschaft mit der anderen ab. Große Kästen, deren schmutziggraue Fassaden nicht zu der besonderen Bedeutung der internationalen Vertretungen passten. Immerhin, die hier diensttuenden Posten konnten zur Pause oder zur Ablösung laufen. Diesen Teil des „Botschaftsviertels“ hatte mir Krause bei unserem gemeinsamen Besuch vorenthalten.

Die „Wache Mitte“ verfügte über zwei Eingänge. Einer befand sich neben dem Hoftor, der andere an dem zur Straße hin gelegenen Ostflügel der Dienststelle.

Ich entschied mich für den letzteren. Zögernd betätigte ich die Klingel an der für Objekte dieser Art so typischen Wechselsprechanlage. „ Schönen Guten Tag, Sie wünschen bitte“, ertönte es Sekunden später aus dem Lautsprecher. „ Wachtmeister Bräuning meldet sich zum Praktikum“, rief ich zurück.

Daraufhin ertönte ein langgezogener Summton. Nach einem kurzen Ruck gab die Tür nach. Bedächtig, mich nach allen Seiten umsehend, betrat ich den Vorraum, in dem ein schnauzbärtiger, gemütlicher VP-Meister in einer Pförtnerloge thronte. Ächzend schraubte er sich von seinem Sessel hoch um mir die Hand zu geben. „ Praktikanten sind hier immer willkommen. Wir freuen uns über jede Verstärkung.“

Der freundliche Empfang nahm mir etwas von der anfänglichen Unsicherheit. Froh über die Abwechslung in dem gewiss nicht spannenden Dienstalltag, versuchte mich der Genosse Meister auszufragen. Verhalten gab ich ihm Auskunft über meinen bisherigen beruflichen Werdegang und den Plänen, die mir so im Kopf herumspukten. Fragen die ins private hineinreichen, haben mich schon immer genervt. Normalerweise gebe ich das meinem Gesprächspartner auch zu verstehen. Aber in diesem konkreten Fall, als Neuling, zog ich es dann vor, mich zusammenzureißen und freundlich zu bleiben.

Zwanzig Minuten später füllte sich die Wache. „ Meine“ Wachabteilung trat zum Dienst an. Mich beachtete zunächst keiner. Wie bestellt und nicht abgeholt, verharrte ich vor der Pförtnerloge. Dann kam ein großgewachsener dunkelhaariger noch sehr junger Offizier zur Tür herein. Als er mich erblickte, kam er direkt auf mich zu. „ Guten Tag, ich nehme mal an das du der Genosse Bräuning bist?“, „Ja, äh Guten Tag erstmal, ich bin der Genosse Bräuning“, stammelte ich aufgeregt. „Schön“, antwortete der Leutnant, „dann werden wir uns in der nächsten Zeit noch öfter sehen. Ich bin nämlich ihr Wachabteilungsleiter

Suchend schaute er sich unter den bereits anwesenden Mitstreitern der Spätschicht um. „ Genosse Goldbach, komm doch bitte mal herüber.“ Der angesprochene, ein schmächtiger unscheinbarer mit einem leichten Silberblick behafteter VP-Meister, beendete sofort sein Gespräch. Verhalten schmunzelnd kam er auf uns zu. Schöning klopfte ihm auf die Schulter. „Das ist der Genosse Bräuning, dein Schützling für die kommenden drei Monate.“

Noch immer schmunzelnd reichte mir VP-Goldbach die Hand. „ Wie der Genosse Leutnant bereits gesagt hat, ich bin dein Lehrwachtmeister. Von meiner Einschätzung hängt der Erfolg deines Praktikums ab. Also, stelle dich bloß gut mit mir.“
Die letzten Worte klangen eher lustig als bedrohlich. Goldstein, den alle nur „Goldi“ nannten, strahlte eine ungeheure Freundlichkeit aus. Genau der verständnisvolle Kumpeltyp den ich mir für solch eine pädagogisch durchaus anspruchsvolle Aufgabe gewünscht hatte.
„ Ich muss jetzt zur Dienstübergabe“, entschuldigte sich Schöning, „ wir sehen uns dann bei der Einweisung“.

„Goldi“ hielt sich nicht lange bei der Vorrede auf. Gemeinsam reihten wir uns in eine Warteschlange ein, die sich vor einer geöffneten Türklappe gebildet hatte. Aus dieser Klappe reichte ein beinahe kahlköpfiger Obermeister einem Hauptwachtmeister dessen Pistole „ Makarow“, zwei Magazine, die dazu gehörende Munition, sowie zwei Batterien wie sie gewöhnlich für den Betrieb der Funkgeräte verwendet werden. Weiterhin bekam jeder Polizist ein Aufzeichnungsheft, eine Art persönliches Diensttagebuch, ausgehändigt.

Nach dem Hauptwachtmeister trat der hinter ihm wartende Polizist nach vorn. Die Prozedur wiederholte sich erneut. Hinter der verschlossenen Tür begann das Reich des „Diensthabenden“. Gewöhnlich ein Offizier der mittleren Führungsebene, der im 24-Stunden-Dienst „die Fäden in der Hand hielt“. Hier liefen sämtliche Informationen zusammen. Dem Offizier zur Seite stand ein Gehilfe, der so genannte GdH. Wie der besagte, mürrisch und wichtigtuerisch wirkende Obermeister. Niemand von den hier stehenden Volkspolizisten konnte von sich behaupten, je diese „ heiligen Räume“ betreten zu haben. Kommando und Nachrichtenzentralen gehörten überall in der Volkspolizei zu den so genannten, lediglich von handverlesenen Personal zu betretende „Sperrbereiche“.

Jetzt waren „Goldi“ und ich an der Reihe. „ Ihr sollt doch einzeln vortreten“, maulte der Gehilfe. „Machen wir ja auch, ab morgen“, erwiderte mein Lehrwachtmeister ungerührt, „ heute weist du dem Genossen Bräuning, meinem Praktikanten, erstmal eine eigene Dienstwaffe zu.“
Der Obermeister legte die hohe Stirn in Falten, zog die Mundwinkel nach unten, so als hätte „Goldi“ gerade etwas ganz besonderes Schwieriges von ihm verlangt. Brummend ging er zu einem Panzerschrank unmittelbar hinter der Klappe, steckte den Kopf hinein und kam gleich darauf mit einer Makarow inklusive des übrigen Equipments zurück.

„ Trage dich bitte hier ins Buch ein“, brabbelte der Gehilfe. Zum Befüllen der Magazine zog ich mich in die äußerste Ecke zurück. Eine Patrone ins Magazin, Daumen drauf drücken, dann die nächste. Nicht auszudenken, wenn eine der kleinen „Mumpeln“ in Folge einer Ungeschicklichkeit durch die Luft fliegt!

Nachdem auch diese Hürde genommen war, ging es zur Einweisung.
Rasch füllte sich der dazu vorgesehene Raum, in dem es verdammt eng zu werden begann. Eine Wachabteilung bestand aus zwei Zügen, die sich in vier Gruppen unterteilten. Alles in allem ungefähr fünfunddreißig Mann, Führungspersonal, Küchenkräfte und Objektschutz mit eingerechnet.

In jeder Schicht kam, neben den obligatorischen Posten, ein Funkstreifenwagen zum Einsatz. Wer dort Dienst verrichtete, gehörte zu den Privilegierten. Obwohl die Funkstreifenwagen mehr herumstanden als fuhren. Die Besatzung wurde immer dann gerufen, wenn einzelne Posten Unterstützung benötigten. Entweder bei der Lösung polizeilicher Probleme, oder der Absicherung größerer diplomatischer Empfänge. Eine weitere wesentliche Aufgabe bestand im Abtransport im Vorfeld diplomatischer Objekte vorläufig festgenommener Personen, sowie deren Verbringung zur –Wache Mitte-, wo das MfS ein eigenes Vernehmungszimmer besaß. Dazu werde ich aber später noch genauer eingehen.

Gefolgt von zwei weiteren Offizieren, einem Leutnant und einem Oberleutnant, betrat der mir bereits bekannte Offizier die Räumlichkeit. „ Achtung“, brüllte ein stämmiger Obermeister. Sofort nahmen die Wachtmeister Grundstellung ein. „ Genosse Leutnant, der Bestand der Vierten Wachabteilung ist vollzählig zur Einweisung angetreten. Es meldet Obermeister Waldow.“

„ Guten Tag, Genossen Wachtmeister“, schmetterte Leutnant Schöning den Angetretenen zackig entgegen. „ Guten Tag, Genosse Leutnant“, schmetterte es nicht minder zackig zurück.

Während ich mich fragte ob es hier immer so militärisch zugeht, oder ob das ganze Theater lediglich wegen mir veranstaltet wurde, begann Schöning mit der Einschätzung der gegenwärtigen Lage im Bereich der Wache –Mitte-. Wieder lernte ich einen neuen Begriff für die Staatssicherheit kennen: „Die Nachbardienststelle hat verstärkte Feindtätigkeit mitgeteilt. Im gesamten Stadtbezirk Mitte und auch in Prenzlauer Berg, wurden an die Wände geschmierte, gegen die Politik der SED gerichtete Hetzlosungen festgestellt. Diese Aktionen des Gegners werden im engen Zusammenhang mit dem in April stattfindenden XI.Parteitag der SED gesehen. “

Verstärkte Feindtätigkeit, bei den Worten rieselten mir wohlige Schauer den Rücken herunter. Das klang so schön nach Abenteuer. Das die „Feinde“ nichts weiter als kritische DDR-Bürger waren und die „Hetzlosungen“ zumeist nichts als die reine Wahrheit, jenseits aller Propaganda, sagten, begriff in diesem Moment niemand der noch immer stramm stehenden Polizisten. Und falls doch, zog er es vor darüber bis zum bitteren Ende zu schweigen.

Leutnant Schöning widmete sich anschließend meiner Vorstellung. Zu Beginn ließ er mich ein paar Schritte vor die Front treten.
„ Der Genosse Bräuning wird in den kommenden Monaten bei uns sein Praktikum absolvieren. Ich erwarte von ihm, dass er sein bestes gibt. Gleichzeitig erwarte ich von den anderen, dass dem Genossen jegliche Unterstützung gegeben wird, die er benötigt. Wegtreten zur Ablösung der Frühschicht!“

Der Sog der nach draußen drängenden Polizistenleibern zog mich in den breiten Flur hinaus. Dabei gab ich mir alle Mühe, meinem Lehrwachtmeister nicht von der Seite zu weichen. Die meisten Posten konnten zur Ablösung in die jeweiligen Bereiche, die kaum mehr als wenige hundert Meter von der Wache entfernt waren, laufen. „ Goldi“ und ich gehörten zu den wenigen, deren Einsatzgebiet etwas weiter entfernt lag. Für Ablösung und Pause standen uns Fahrräder zur Verfügung. Schwungvoll sprang ich auf das grüne Herrenrad, während der diensthabende „Hofwächter“ extra das Tor öffnete.

Goldi trat in die Pedale. Vorbei am Brandenburger Tor, die Straße „Unter den Linden“ links liegen lassend, kamen wir schließlich vor einem mehrstöckigen Gebäude, an dessen Rückfront sich ein großer, extra für Mitglieder des „Diplomatischen Korps“ reservierter Parkplatz anschloss, in der Leipziger Straße an.

Ungeduldig wartete der von uns abzulösende Polizist bereits vor dem Wachhäuschen. „Oh, du hast dir heute wohl Verstärkung mitgebracht“, spielte er süffisant auf meine Anwesenheit an. „ Das ist der Neue, der kommt jetzt öfter“, antworte Goldi trocken. „ Das ist ein Praktikant, wenn du es genau wissen möchtest“, blödelte VP-Meister Goldbach. „ Was du nicht sagst“, knurrte der Frühschicht-Posten. „ Hoffentlich weißt der Grünschnabel, auf was er sich hier eingelassen hat.“ „ Nun mache mal den Genossen Bräuning keine Angst! Erzähle mir lieber, ob du mir etwas zu übergeben hast.“

Der Posten steckte die Hände in die Seitentaschen der mit einem Webpelzkragen versehenen Winter-Uniformjacke. „ Das Haus ist momentan noch leer“, dann wurde seine Stimme leiser, „ Fallmer hatte heute Vormittag Besuch von zwei DDR-Bürgerin. Die Information habe ich dem Diensthabenden bereits in der Pause übergeben.“
Goldi zog die Augenbrauen hoch: „ Klingt ja interessant. Wie sahen denn die Damen aus?“ „ So wie eben diese Kirchenkreis-Friedenstussen so aussehen. Die erkennt man schon in fünfhundert Metern Entfernung.“
Die beiden „ Alten Hasen“ tauschten noch ein paar belanglose Sätze aus, ehe sich der abgelöste Polizist auf „mein“ Rad schwang und in den Feierabend fuhr.

Jetzt betrat ich zum ersten Mal eines jener mit silbergrauem Metall verkleideten Postenhäuser, die damals in Berlins Mitte zum Stadtbild gehörten.
Außen, direkt über der Tür, hing eine Lampe. Diese diente dem Posten als optische Anrufanzeige, falls er sich draußen „ auf Streife“ befand. Was bei einem Verantwortungsbereich von kaum mehr als hundert Metern arg vermessen klingt.
Zur Innenausstattung des „Aquariums“ gehörten ein Schreibtisch, eine Sitzbank, ein Telefon mit dem Gespräche nur im „ S 1-Netz“, dem internen Telefonnetz der Volkspolizei abgewickelt werden konnten, ein Handfunkgerät, eine Elektro-Heizung sowie ein spezieller schafwollener Mantel. Wohl für die besonders kalten Nächte bestimmt.

„Goldi“ quittierte die Übernahme des Postenbereiches in dem auf dem Schreibtisch liegenden Übergabeheft. Zu den wesentlichen Dingen auf die bei der Übergabe geachtet werden musste, gehörte auch die Notierung des aktuellen Stromzählerstandes. Seitens des WKM wurde streng geachtet, dass keine unnötigen Energieressourcen vergeudet wurden.

Nachdem VP-Meister Goldbach die ordnungsgemäße Übergabe dem Diensthabenden telefonisch gemeldet hatte, wies er mich in die Besonderheiten unseres „ Kampfplatzes“ ein:
„ Wir befinden uns hier am Posten 76, einem überwiegend von westlichen Diplomaten und Journalisten bevölkertes Wohnhaus. Unsere Aufgabe besteht darin für die Sicherheit der Bewohner zu sorgen. Jeder noch so unbedeutende Vorfall kann sich schnell zu einer politischen Krise auswachsen. “

VP-Meister „ Goldi“ griff auf das anscheinend im gesamten WKM beliebte Vokabular zurück, wonach jeder „Fliegenfurz“ vor einem diplomatischen Objekt, zu einer ernsthaften Bedrohung für die DDR werden konnte.
„ Schreibe dir bitte eines hinter die Ohren: als WKM-Posten bist du selbst so etwas wie ein Diplomat! Du vertrittst die Deutsche Demokratische Republik. Darum kommt es hier ganz besonders auf ein ordentliches Erscheinungsbild und ein sicheres Auftreten an.“

„ Mindestens ebenso wichtig ist jedoch niemals zu vergessen, dass wir uns in Mitten eines Tummelplatzes der verschiedenen Geheimdienste befinden. Viele westliche Diplomaten und meiner Meinung nach alle Journalisten tragen den Dienstausweis eines Geheimdienstes in der Tasche. Im Prinzip wollen sie die DDR nur ausspionieren und schaden. Eine bessere Legende als Diplomat oder Journalist kann man sich doch als Geheimdienstler gar nicht wünschen.“
Diese Worte beeindruckten mich sehr, das Gehörte zu hinterfragen kam mir nicht in den Sinn. Der Lehrwachtmeister erschien mir wie jemand der tatsächlich weiß worüber er spricht. Dabei konnte auch dieser im Dienst ergraute Volkspolizist, nur den allgemein gehaltenen Inhalt diverser Politschulungen wiedergeben. Für den normalen WKM-Posten genügten pauschale Worthülsen völlig. Um die Details kümmerten sich die Profis von der Spionage-Abwehr des MfS, denen es nicht im Traum eingefallen wäre, dem Missionsschutz dienstliche Interna anzuvertrauen.
Immerhin wussten die Posten Bescheid, auf wem besonders zu achten war. Ohne jedoch die genauen Hintergründe zu kennen. Wie zum Beispiel bei jenem eingangs erwähnten Herrn Fallmer. Seines Zeichens Mitarbeiter in der „ Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR“.
Bei ihm dürfte der angebliche Spionageverdacht weniger eine Rolle gespielt zu haben, als dessen mehr oder weniger offenen Kontakte zur „ heimlichen Opposition“ in der DDR.
Mir schwirrte der Kopf. Heilfroh das für zwei erwachsene Männer reichlich enge Postenhaus verlassen zu können, nahm ich „ Goldis“ Vorschlag den Postenbereich in Augenschein zu nehmen, an.

Wie gesagt, der Bereich war so klein, dass man ihn in kurzer Zeit mühelos abschreiten konnte. Wie es einem Praktikanten geziemte, trug ich das Funkgerät. Kommuniziert wurde innerhalb des WKM zumeist über Telefon. Der Geheimhaltung wegen, wurde doch befürchtet, dass die Funksprüche im nahen Westberlin mitgehört werden konnten. Funksprüche vom Diensthabenden an die oder den jeweiligen Posten verliefen zumeist nach demselben Muster: Nach dem Aufrufen des Funkkenners erfolgte die Anweisung „ Kommen Sie über Draht!“ oder in besonders dringenden Fällen „ Kommen Sie sofort über Draht!“ Dann hieß es Arme anwinkeln und zurück zum Postenhaus, wo die Lampe über der Tür zumeist bereits leuchtete.

Für den umgekehrten Funkverkehr mit der „ Zentrale“ gab es Kennwörter. Vor allem das Kennwort „Werkmeister“, womit der Posten den Funkstreifenwagen zur Unterstützung anfordern konnte.
Auf der Leipziger Straße herrschte dicker Verkehr. Uns gegenüber quasi in Sichtweite, zog sich die im hiesigen Stadtbild ebenfalls äußerst präsente „ Berliner Mauer“. Ebenfalls in Sichtweite befand sich die „ GÜST Zimmerstraße“, besser bekannt als „ Checkpoint Charly“. Genau die richtige Gegend für einen Agententhriller.

„ In den Nächten kommt es hier zusätzlich darauf an, auf die Personenbewegung zu achten. Vor einiger Zeit hat hier einer unserer Posten einen versuchten 213-er verhindert. Das gab eine satte Prämie für den Genossen“, berichtete „ Goldi“ anerkennend.

„ Toni 10/76 für Toni 10 kommen“, tönte es im Lautsprecher des Funkgerätes. „ Toni 10/ 76 für Toni 10 kommen“ wiederholte die Männerstimme energisch. „ Das sind wir“, sagte Goldbach augenzwinkernd.
Der Umgang mit einem Funkgerät gehörte zu den Ausbildungsthemen an der VP-Schule. Dennoch klopfte mir das Herz, als ich den Spruch quittierte: „ Toni 76/10 hört“, krächzte ich ins Sprechgeschirr. „ Kommen Sie sofort über Draht“, befahl darauf die dem Diensthabenden gehörende Stimme aus dem Lautsprecher.

Mit langen Schritten eilten wir zum „Aquarium“ zurück. Goldi nahm den Hörer, wählte die 224, die überall in der DDR übliche Nummer des Diensthabenden Offiziers und nahm die Anweisung entgegen.

„ Ja, ich habe verstanden, Genosse Oberleutnant“, sagte er nach kurzem Zuhören. An einen spannenden Auftrag glaubend, schaute ich ihn erwartungsvoll an. „ Und, was gibt es?“ „ Wir sollen sofort Bescheid sagen, wenn der Merseburger eintrifft.“ „ Was? Wer ist Merseburger?“ „ Peter Merseburger, der Leiter des ARD-Studios in Berlin. Er wohnt hier im Haus.“ „ Ach der wohnt hier? Den kenne ich aus dem Fernsehen“, entfuhr es mir spontan, obendrein noch viel zu freudig.

Peter schmunzelte wieder. „ Uwe, den kannst du doch noch gar nicht kennen! Oder besser gesagt, du darfst ihn nicht kennen. Ich verschaltete mich ja auch ab und zu am Fernsehgerät, aber halte in Zukunft besser den Mund darüber. Ist besser so Junge, glaube mir. Nimm es als freundschaftlichen Rat, es mussten schon Genossen für weniger die Uniform wieder ausziehen.“
Über mich selbst verärgert, hätte ich mir am liebsten selbst auf die Zunge gebissen. Ich hatte den Hinweis verstanden. Goldi erwähnte den „Fauxpas“ nicht mehr. Stattdessen atmeten wir draußen weiter die Abgasgeschwängerte „ Berliner Luft“ ein.

In einiger Entfernung stand ein Funkstreifenwagen vom zuständigen VP-Revier mit eingeschaltetem Blaulicht am Fahrbahnrand. Die Besatzung kümmerte sich um einen Verkehrsunfall. Nichts großes, lediglich ein „lapidarer“ Blechschaden. Aber doch wenigstens echte Polizeiarbeit.
Als hätte Peter meine Gedanken erraten, sagte er plötzlich: „ Auf einem Revier geht es bei weitem Abwechslungsreicher zu als bei uns. Einbrüche, keifende Weiber, prügelnde Kerle, Unfälle, tote Leichen, das ganze Spektrum eben. Bei uns ist der Dienst spezifischer, dass kann zuweilen ein wenig langweilig werden. Bis vor zwei Jahren haben unsere Dienstanfänger ihr halbjähriges Praktikum ganz normal auf einem Revier absolviert. Nach den sechs Monaten wollte kaum noch einer zurück zum WKM. Um dem einen Riegel vorzuschieben, hat man die Wache Mitte zur Lehrwache bestimmt und einige Genossen zu Lehrwachtmeistern ausgebildet. Das Praktikum im WKM dauert nur halb so lang wie das in einem Revier. Dafür stehen uns doppelt so schnell fertig ausgebildete Volkspolizisten zur Verfügung.“

Fertig ausgebildete Volkspolizisten? Oder fertig ausgebildete Wachposten? Noch gelang es mir das aufkommende Gefühl das mir bei der Entscheidung für den Dienst im WKM ein herber Fehler unterlaufen war, herunterschlucken.

Das Auftauchen von Peter Merseburger riss mich aus den trüben Gedanken. Jenem bebrillten unheimlich intelligent aussehenden Mann habe ich unzählige Male im Fernsehen gesehen. Mehr unbewusst, als das es mich wirklich interessierte. Anders als jetzt, wo ich ihn, einen echten Promi aus dem Westfernsehen, leibhaftig gegenüberstand. Umständlich quälte sich der bekannte Fernsehjournalist aus dem Innern seines Dienstwagens, Typ Mercedes. „ Goldi“ bedachte ihn mit einem fröhlichen „ Guten Tag“, dem ich mich anschloss. Merseburger nickte freundlich, ehe er im Innern des Gebäudes verschwand.

Diesmal behielt ich meine Begeisterung Peter Merseburger begegnet zu sein, für mich. An den Anblick bekannter Gesichter würde ich mich gewöhnen müssen, meinte „Goldi“ wie nebenbei.
Wohl nicht das einzige aber möglicherweise das angenehmste an das ich mich in Zukunft gewöhnen muss!

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

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zuletzt bearbeitet 12.03.2015 08:38 | nach oben springen

#76

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 12.03.2015 19:41
von seaman | 3.487 Beiträge

Finde solche eigenen Erlebnisberichte aus der Zeit des geteilten Deutschlands als wertvoll für dieses Forum.
Besser als verbreitetes Pseudowissen durch übermässiges Verweisen auf Wikis und ähnliche Sammelspeicher.
Freue mich schon auf die Fortsetzung.

seaman


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#77

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 12.03.2015 20:03
von Elch78 | 501 Beiträge

Weiß nicht warum, aber den folgenden Satz (fett) fand ich im letzten Kapitel am originellsten:

Zitat: "Draußen ... versuche ich mich zu orientieren. Immer wieder eine besondere Herausforderung für einen Dorfmenschen wie mich. Als uniformierter Volkspolizist konnte ich selbstverständlich niemanden nach dem Weg fragen."

Selbstverständlich nicht!
Ein Volkspolizist, der nicht alles weiß und kann, das wäre schließlich ein Widerspruch in sich gewesen ...

Elch


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
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zuletzt bearbeitet 14.03.2015 19:45 | nach oben springen

#78

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 13.03.2015 15:10
von ABV | 4.202 Beiträge

Dem Thread sei Dank, hat sich gestern Abend ein ehemaliger WKM-Kollege aus der " Wache Mitte" bei mir gemeldet. Es war ein langes, sehr interessantes Telefongespräch. Bei ihm wurden etliche Erinnerungen geweckt. Auf jeden Fall werden wir demnächst persönlich, bei einer Tasse Kaffee oder bei etwas anderem, über die alten Zeiten plauschen. Der Kollege konnte sich sogar noch daran erinnern, dass wir uns 1986 ab und an abgelöst hatten. Er hat mich nach all den Jahren, fast dreißig!!, auf einem Foto wiedererkannt. Und zwar an meiner markanten Nase.

Gruß an alle
Uwe
der in Gedanken schon an der Fortsetzung bastelt


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#79

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 13.03.2015 16:58
von RudiEK89 | 1.951 Beiträge

So ist das Leben Uwe,
auch ein ehem. Kollege mit dem ich 1989 in Neustrelitz und später bei der Schutzpolizei und einer anderen Einheit der Polizei
meinen Dienst versah, ist Mitglied des Forums.
Wir hatten uns aus den Augen verloren und im Forum wiedergefunden. Nur der persönliche Besuch fehlt noch.

Andreas


März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode
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#80

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 13.03.2015 17:07
von MK1987 | 50 Beiträge

Mal eine Frage: Hattet Ihr während des Dienstes auch Kontakte zu Angehörigen der ausländischen Behörden, die "ihre" Botschaft auf dem exterritorialen Gebiet bewachten? Also zum Beispiel zu den BGS-Beamten in der Ständigen Vertretung der BRD etc...



zuletzt bearbeitet 13.03.2015 17:08 | nach oben springen



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