#41

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 19.02.2015 21:21
von Lutze | 8.026 Beiträge

an ein paar DIXI-Häuschen hätte man auch denken können,
bist du Genossin Unterleutnant noch mal begegnet?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#42

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 19.02.2015 21:35
von icke46 | 2.593 Beiträge

Apropos DIXI-Häuschen - gabs so was ähnliches eigentlich in der DDR?

Ich meine, Toilettenwagen bei Grossveranstaltungen, das kann ich mir vorstellen - aber Dixi-Klos?

Gruss

icke



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#43

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 19.02.2015 21:40
von Lutze | 8.026 Beiträge

Zitat von icke46 im Beitrag #42
Apropos DIXI-Häuschen - gabs so was ähnliches eigentlich in der DDR?

Ich meine, Toilettenwagen bei Grossveranstaltungen, das kann ich mir vorstellen - aber Dixi-Klos?

Gruss

icke



oder nannte man die Herz-Häuschen ?
Lutze


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#44

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 20.02.2015 11:35
von Zkom IV | 320 Beiträge

Hi Uwe,

also Deine Erzählungen sind mal wieder Klasse.
Dabei konnte ich auch wieder feststellen, wie ähnlich sich die Tätigkeiten so gestaltet haben, egal ob West oder Ost.

Staatsbesuche haben wir als Alarmhundertschaft auch oft begleiten müssen. Der Ablauf solch eines Einsatzes gleicht bis aufs Kleinste , dem, was Du beschrieben hast.
Stundenlanges Warten für eine Vorbeifahrt von handgestoppten 2 Sek.

Beim Besuch eines US Präsidenten, glaube es war Bush jr., haben wir sogar die Dachböden der Einflugschneise in Tegel, absuchen dürfen.
Also meistens ein recht öder Job.

Die Frage, ob Du Frau Unterleutnant nochmal getroffen hast, würde mich auch interessieren.
Bestimmt sitzt die Dame heute als EPHK'in beim Stab des Präsidenten am Platz der Luftbrücke.

Freu mich auf die nächsten Fortsetzungen.

Gruß Frank



ABV und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#45

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 20.02.2015 12:25
von thomas 48 | 3.566 Beiträge

Hallo Frank
Ich war viele Jahre Mitglied einer CDU Ordnergruppe. Wir standen vor den Türen von Sitzungen oder haben am Rand von Herrn Kohl, Vogel usw. gestanden


IM Kressin hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#46

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 23.02.2015 17:53
von Elch78 | 501 Beiträge

"Die Arme auf dem Rücken verschränkt, wanderte ich an der Straße auf und ab. Ich fühlte mich in meiner Uniform, die Pistole an der Seite spürend, unendlich stolz. Als mir eine Kindergartengruppe vom gegenüberliegenden Gehweg aus zuwinkte und ein kleiner Junge, „ Hallo, Onkel Volkspolizist“ krähte, wäre ich beinahe „ geplatzt“. Schade, dass mich jetzt keiner meiner Bekannten sehen kann, dachte ich verzückt.

Plötzlich hielt ein LKW vor mir am Straßenrand. Sichtlich genervt kurbelte der Fahrer, ein rotgesichtiger korpulenter Mann mittleren Alters, die Scheibe herunter. „ Guten Tag, Herr Wachtmeister“, grüßte er mich freundlich, „ Sie sind meine letzte Rettung. Seit Stunden kurve ich hier schon herum, finde aber den Weg zur Markthalle nicht. ... Wie komme ich denn dorthin?“ Markthalle? Davon hatte ich schon mal etwas gehört. „ Ja, ähm die ist in der Nähe des Alexanderplatzes“, stammelte ich, von der Frage völlig überrumpelt. „ Ach, nee. Das weiß ich selber Genosse“, erwiderte der sich offenbar „ Verscheissert“ vorkommende Kraftfahrer sarkastisch. „ Ich habe nicht gefragt wo sich die Markthalle befindet, sondern wie ich dorthin hin finde. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.“

Ratlos hob ich die Schultern. „ Tut mir leid, aber ich bin nicht von hier“, entfuhr mir die aus meiner Sicht einzig mögliche, wenn gleich denkbar blödeste Antwort. „ Dort drüben stehen noch mehr von uns. Die Genossen kennen sich hier besser aus“, versuchte ich die peinliche Situation doch noch zu retten. Dem ohnehin schwer „ angefressenen“ Lastwagenfahrer platzte endgültig der Kragen: „ Die VP dein Freund und Helfer, von wegen.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, fuhr er, eine stinkende blaue Wolke hinterlassend, davon.

Oh Gott, Uwe. Das hast du wohl gründlich vermasselt, ging ich mit mir selbst ins Gericht"


Den oben zitierten Abschnitt, habe ich mit besonderem Vergnügen gelesen, @ABV !
Die gesamte Spannweite dessen, was ein Volkspolizist in den Augen seiner Betrachter sein konnte, ist hier in wenigen Zeilen bildhaft dargestellt:
der Freund und Helfer, der Held, der Beschützer, der Überblicker aber eben auch der Depp, der Funktionslose, der Abgestellte bzw. der ortsunkundige Herumsteher ...

Weiter so mit Deiner Geschichte - für mich ganz großes Kino!

Elch


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
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#47

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 24.02.2015 13:05
von ABV | 4.202 Beiträge
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#48

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 24.02.2015 16:33
von diefenbaker | 584 Beiträge

Für die endgültige Fassung solltest Du aus Deinem Felix noch den richtigen Feliks machen.

Gruss Wolfgang



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#49

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 24.02.2015 16:33
von Schakal | 271 Beiträge

Bin heute gerade am berüchtigten Objekt Hellersdorfer Straße vorbeigefahren. Sichtschutz ist nicht mehr , auch hat das Anwesen eine wenig geheimnisvolle Aura. Das Einzige was noch dort blieb ist POLIZEI (Direktion 6 - Abschnitt 63).


http://www.berlin.de/polizei/dienststell...6/abschnitt-63/


--- Ex oriente lux.---
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zuletzt bearbeitet 24.02.2015 16:34 | nach oben springen

#50

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 24.02.2015 19:54
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Schakal im Beitrag #49
Bin heute gerade am berüchtigten Objekt Hellersdorfer Straße vorbeigefahren. Sichtschutz ist nicht mehr , auch hat das Anwesen eine wenig geheimnisvolle Aura. Das Einzige was noch dort blieb ist POLIZEI (Direktion 6 - Abschnitt 63).


http://www.berlin.de/polizei/dienststell...6/abschnitt-63/


Ich wollte schon lange mal wieder hin, ein paar Fotos schießen. Streetview gestattet aber auch ein paar schöne Einblicke auf das ehemalige " Kommando Kaulsdorf". Dort hat sich eine ganze Menge verändert. Ist ja nun auch schon wieder dreißig Jahre her, als ich dort zum ersten Mal vor dem Blechtor stand. Nicht nur das Objekt selbst, vor allem die Zeiten und nicht zuletzt die Menschen haben sich seitdem bis zur Unkenntlichkeit verändert. Mich würde aber interessieren, was aus diesem oder jenem Weggefährten von einst geworden ist?
Vielleicht liest ja ein ehemaliger WKM-Polizist diesen Thread mit? Über einen Kontakt würde ich mich sehr freuen.

Gruß an alle
Uwe


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#51

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 24.02.2015 20:29
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

Gibt es noch welche von Euren Silberkisten?


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#52

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 25.02.2015 12:04
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #51
Gibt es noch welche von Euren Silberkisten?


@Harzwanderer

Ich denke mal, du meinst die Postenhäuser. Meines Wissens nach sind die aus DDR-Zeiten aus dem Stadtbild verschwunden. Die heute für den Schutz von Botschaften zuständige Wachpolizei, verwendet schmalere Postenhäuser.
Auf dem Parkplatz vom Unfallkrankenhaus in Marzahn gibt es aber noch ein originales WKM-Postenhaus. Dort sitzt jetzt der Parkplatzwächter drin und kassiert die Parkgebühren.
2010 lag meine Lebensgefährtin im UKB, wegen einer komplizierteren OP am Oberkiefer. Ich staunte nicht schlecht, als ich das Ding dort auf dem Parkplatz sah. Vielleicht habe ich ja damals sogar drin gesessen? Wer weiß...?

Gruß Uwe


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#53

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 25.02.2015 14:05
von Udo | 1.258 Beiträge

Tolle Geschichte. Bin gespannt, wie's weiter geht.


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#54

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 25.02.2015 19:06
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Udo im Beitrag #53
Tolle Geschichte. Bin gespannt, wie's weiter geht.



So @Udo

Fortsetzung

Neustrelitz

Montag der 22.Juli 1985, 11:00 Uhr,
Vorplatz des Centrum-Warenhauses, gegenüber dem Berliner Ostbahnhof
Heute geht es ab nach Neustrelitz. Zu dem obligatorischen Dienstanfängerlehrgang an der VP-Schule „Ernst Thälmann“, um den kein Neuling herum kommt. Zum zweiten Mal in meinem Leben habe ich einen Einberufungsbefehl bekommen. Zwanzig Monate sind ins Land gegangen, als ich mich am 03. November 1983 am Bahnhof Strausberg-Vorstadt zum Abtransport in die Grenztruppenkaserne Oranienburg einzufinden hatte.
Jetzt stehe ich wieder vor einem Bahnhof. Aber es ist nicht irgendein Bahnhof. Sondern ein hochmoderner hauptstädtischer Verkehrsknotenpunkt. Die Bahnhöfe wachsen mit meiner Bedeutung, konstatiere ich innerlich feixend. Schließlich bin ich kein einfacher Wehrpflichtiger mehr. Aber was bin ich denn? Ein Volkspolizist? Falls ich die Anforderungen die sich mir in den kommenden Monaten stellen nicht erfüllen werde, geht es wieder zurück ins Zivilleben. Ich bin sozusagen vor am Knotenpunkt meines Lebens angelangt. Habe ich die endgültige Weichenstellung selbst in der Hand? Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben.

Nach und nach treffen die anderen, vom VP-Präsidium Berlin nach Neustrelitz beorderten Dienstanfänger ein. Der größte Teil von ihnen stammt aus den Revieren und VP-Inspektionen der Hauptstadt. Ich bin zwar der einzige vom WKM, falle aber unter den „Streifenhörnchen“ zunächst nicht auf. Trugen wir doch alle die gleiche Uniform.

Mir schmerzten die Finger vom Gepäck schleppen. „ Teil I“, Teil II“ und dann noch die Reisetasche. Der alte Spruch aus meiner Militärzeit „ der deutsche Soldat stirbt nicht im Kampf, er schleppt sich tot“, konnte „ 1:1“ auf die Volkspolizei übertragen werden.

Ein Major aus dem Präsidium verabschiedet die Teilnehmer mit einer der für solche Anlässe typischen, markigen Rede. In strammer Haltung, die Hände an der Hosennaht, tuen wir als ob wir den Worten lauschen würden. Dabei ist wohl jeder mit seinen Gedanken ganz woanders. Wieder etwas, was mich an die gerade erst zu Ende gegangene Armeezeit erinnert.

Grinsend, ob des „ preußischen Schauspiels“, gehen die Passanten an uns vorbei. Zackig legt der Genosse Major, ein drahtiger Mittvierziger, die rechte Hand an den Mützenschirm: „ Im Namen des Volkspolizeipräsidenten der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, wünsche ich ihnen viel Erfolg bei der Absolvierung ihres Grundlehrganges an der VP-Schule Ernst-Thälmann in Neustrelitz. Gepäck aufnehmen, in Reihe antreten und Abmarsch zum Bahnhof“, schnarrte der Offizier, hörbar freudig.

Zwei Leutnants übernahmen das Kommando. Vorbei an teils staunenden, teils lachenden Zivilisten liefen wir zum Eingang des Bahnhofes. Zielsicher lotste uns einer der „Lollis“ zum richtigen Bahnsteig, wo der Zug nach Neustrelitz zur Abfahrt bereit stand.

Das VP-Präsidium hatte mehrere Abteile in dem von Ostseeurlaubern vollbesetzten D-Zug für uns reserviert. Unter den gehässigen Blicken etlicher, auf den Gängen zusammengepresster Reisender, fläzten sich die angehenden Volkspolizei-Eleven in die Polster.
Ich nahm Platz neben einem schmächtigen Unterwachtmeister. Zwei Oberwachtmeister traten laut pfeifend hinzu. Das verdammte, sperrige Gepäck passte kaum in die Netze. Wir stellten uns kurz vor. Draußen auf dem Bahnsteig ertönte ein schriller Pfiff. Sekunden später setzte sich der Zug ruckend in Bewegung. Schnurstracks in Richtung Norden. Vor dem Fenster wechselten sich die Fassaden verwohnter Altbauten mit denen seelenloser „Platten“ ab.

Seelenlose „Platte“? Dachte so jemand, auf den eine Neubauwohnung wartet? Ja, das waren meine Gedanken. Eine Woche zuvor hatte ich einem aus dem Süden der Republik stammenden WKM-Polizisten beim Einzug in eben einer dieser hochgelobten Behausungen geholfen. Das gab mir die Gelegenheit, die gerade aus dem Boden gestampfte Trabanten-Siedlung Berlin-Ahrensfelde aus nächster Nähe zu sehen. Egal wohin ich mich auch wandte, überall erschreckend identische, absolut unpersönliche Plattenbauten. Von Individualität keine Spur. Wie sollte ich mich in diesem Beton-Dschungel bloß zu Recht finden? Sollten hier etwa meine noch ungeborenen Kinder aufwachsen?

Fragen über Fragen. Auf die mir momentan keine Antwort einfiel. Meine mögliche Zukunft in einem Plattenbau spielte momentan ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Zuallererst hieß es die VP-Schule einigermaßen erfolgreich zu absolvieren. Ansonsten wären sowohl meine berufliche Karriere als der Aufenthalt in der Hauptstadt, nichts als ein unbedeutendes Intermezzo gewesen. Wenn auch ein peinliches Intermezzo, wie ich immer wieder betonen kann. Denn wer möchte schon gerne als Versager heimkehren?

Über Neuruppin-Löwenberg und Fürstenberg, rollte der D-Zug Neustrelitz entgegen. Eine Stadt von der ich bislang nur wusste, dass sie im Bezirk Neubrandenburg liegt. Während der damals noch zum Bezirk Potsdam gehörende Teil des heutigen Bundeslandes Brandenburg schemenhaft vorbeizog, fachsimpelten die anderen Abteilinsassen über ihre bisherigen Erlebnisse bei der Deutschen Volkspolizei. Für mein „Outing“ als Angehöriger des „Wachkommando Missionsschutz“ erntete ich halb erstaunte, halb mitleidige Blicke. „ Wie bist du denn dahin gekommen?“, wurde ich von dem Unterwachtmeister voller Erstaunen gefragt. „ Ganz einfach, ich wurde bei der Armee angeworben“, antwortete ich einsilbig. „ Macht dir das etwa Spaß, den ganzen Tag vor einer Botschaft zu stehen“, wollte einer der beiden Oberwachtmeister wissen. „ Das weiß ich nicht“, gab ich schief grinsend zur Antwort, „ ich habe noch keinen richtigen Postendienst geschoben.“

Ich fürchtete, dass mich die Zugehörigkeit zum WKM zu einer Art Außenseiter machen wird. Ungläubig staunend, geradezu neidisch lauschte ich die von spannenden Einsätzen, Fahndungen nach Schwerkriminellen und eigener Beweihräucherung nur so triefenden Geschichten. Wer den Jungs zuhörte konnte kaum glauben, „ blutigen Anfängern“ gegenüberzusitzen. „ So etwas wirst du in deinem WKM nie erleben“, bohrte der Unterwachtmeister in „ meiner Wunde“.

Tatsächlich nagten in meinem Inneren bereits erste Zweifel, ob der Dienst beim WKM tatsächlich die Erfüllung aller meiner Polizistenträume bedeuten würde. „Schuld“ daran war niemand anders als Oberwachtmeister Krause, Mitbewohner meiner VP-Wohngemeinschaft in Biesdorf.
Vor einer guten Woche hatte er mich auf einen Trip in die Berliner Innenstadt mitgenommen. Unterwegs schwärmte er von einem zugegebenermaßen wahrhaft „ historischen Erlebnis“: Erich Honecker hatte alle Praktikanten des VP-Präsidium Berlin, zu einem Empfang wegen des 40. Jahrestages der „ Deutschen Volkspolizei“ in das Staatsratsgebäude eingeladen. Warum ausgerechnet Praktikanten, also relative Neulinge, und nicht etwa verdiente Volkspolizisten zu dieser nicht alltäglich Ehre kamen, wird wohl auf ewig Erichs Geheimnis bleiben. Neben Honecker waren an dem besagten Abend noch andere „ Großkopfeten“ anwesend. Wie immer, wenn es etwas umsonst gibt. Der Innenminister und Chef der Deutschen Volkspolizei, Armeegeneral Friedrich Dickel, durfte natürlich nicht fehlen. Und der andere Erich, der Minister für Staatssicherheit, ebenfalls nicht.

Dem letztgenannten war der gute Krause, schüchtern am Buffet stehend, „ein wenig näher gekommen“. Von der Vielfalt des für einen DDR-Bürger im wahrsten Sinn des Wortes „ unvorstellbaren“ Angebotes an Leckereien, erstarrte der Oberwachtmeister regelrecht zur Salzsäule. Außerdem zügelte das nicht minder große „Angebot“ an politischer Prominenz den Appetit des ansonsten nicht gerade zimperlichen Sachsen. Unvermittelt spürte er einen Klaps auf der Schulter. Erschrocken drehte er sich um und schaute ausgerechnet Erich Mielke ins Antlitz. Oder wohin auch immer. „ Nun Genosse Oberwachtmeister, langen Sie doch endlich ordentlich zu“, rief ihm Mielke, in kumpelhaften Ton, zu.

Das hätten sich bestimmt einige DDR-Bürger gewünscht: Erich Mielke steht hinter ihnen und fordert dazu auf, „endlich ordentlich zuzulangen“. Oberwachtmeister Krauser, der normalerweise bei jeder Gelegenheit bekundete, dass er mit der Stasi nichts am Hut hätte, zeigte sich von deren obersten Dienstherrn schwer beeindruckt. „ Der kleene Mielke hat mit mir gesprochen. Ganz so, als ob wir beide uns unterhalten“, schwärmte Krause noch immer.

Das von Krause in allen Facetten geschilderte Erlebnis weckte in mir höchstens eine gehörige Portion Neid, aber noch keine Zweifel an meiner Berufswahl. Die kamen erst auf, als ich gemeinsam mit Krause, vom Alexanderplatz kommend, die Straße „ Unter den Linden“ in Richtung Brandenburger Tor hinauf „flanierte“.

Unterwegs kamen wir an mehreren Botschaften und damit zwangsläufig an Posten des WKM vorbei. Mich bot sich immer wieder derselbe Anblick: gelangweilte, die Arme auf dem Rücken verschränkte, ein paar Meter auf und ab laufende Polizisten.

„Passiert hier eigentlich ab und zu mal was?“ Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen. „ Wie meinst du das?“ „ Ob hier auch mal was los ist?“, hakte ich nach. Krause mimte den „ Alten Hasen“, dabei war höchstens ein Jahr im Dienst: „ Hier soll ja nichts passieren! Wenn hier an einer Botschaft etwas passiert, dann zieht das sofort politische Kreise. Aber ich kann dich beruhigen, was meinst du was es hier im Sommer alles so zu sehen ist. Wenn die Tage länger und die Röcke kürzer werden. Da ist hier vielleicht etwas los, kann ich dir sagen.“ „ Das meinte ich nicht“, erwiderte ich ein wenig gereizt. „Sondern?“ „ Sondern polizeiliche Maßnahmen. Personenkontrollen, Fahndungen, Festnahmen, die ganze Palette eben.“ „ Ja, das kommt auch vor“, versuchte mich Krause zu beschwichtigen. „ Wir sind hier schließlich in der Nähe der Staatsgrenze. Aber hier geht es nun einmal anders zu, als auf einem Revier.“ „ Wie anders?“ „ Eben anders“, schnaufte Krause, „ weil das WKM ganze andere Aufgaben zu erfüllen hat, wie ein VP-Revier. Kapiert?“

Dieses Gespräch kam mir während der Zugfahrt wieder in den Sinn. Dann lief der Zug in den Bahnhof Neustrelitz ein. „ Aussteigen Genossen, wir sind am Ziel“, kommandierte einer der Leutnants.

Wieder hieß es den ganzen Krempel in die Hände nehmen und zum Ausgang des Bahnhofes zu schleppen. Auf dem Vorplatz standen mehrere Mannschaftswagen zur Abholung der Neuankömmlinge bereit. Toller Service! Mir fiel ein Stein vom Herzen. Hatte ich doch befürchtet, das Gepäck durch Neustrelitz schleppen zu müssen.

„ Aufsitzen“, bellte der Leutnant, dem der harsche Ton offenbar Vergnügen bereitete. Wieder saß ich auf der Ladefläche eines W 50-LKW. Bereit zur Abfahrt ins Ungewisse. Wie in der Nacht vom 03. Zum 04. November 1983, als man mich und andere „Auserwählte“, bereits nach wenigen Stunden vom „ Schloss Schleifstein“, wie das Grenzausbildungsregiment Oranienburg bei den Soldaten hieß, in die Clara-Zetkin-Kaserne ins nahe Hennigsdorf verfrachtete.

Im Gegensatz zu damals, hockte ich heute freiwillig auf der Ladefläche. Neustrelitz wirkte von hier aus nicht gerade reizvoll. Graue Gebäude, an denen der Putz herabblätterte. Eine typische DDR-Provinzstadt eben. Ehrlich gesagt, mich interessierte der Ort nur am Rande. Meine Gedanken und Sorgen, galten der Volkspolizeischule, meine „Heimat“ für die kommenden sechs Monate.

Die VP-Schule befand sich ein wenig außerhalb von Neustrelitz, an der Woldecker Chaussee. Zunächst stoppte der LKW-Konvoi vor dem Tor der Fahrzeugschleuse. Ein Posten in Stiefelhosen, Knobelbechern und Käppi, öffnete, warf einen stoischen Blick auf die Papiere des Kraftfahrers, ehe der die Weiterfahrt auf den Campus gewährte.

Wie nicht anders zu erwarten, versprühte das Schulgelände den typischen spröden Charme einer Militär-Kaserne. Allerdings einer, für DDR-Verhältnisse, hochmodernen Kaserne. Kein Wunder, war sie doch erst ein knappes Jahr zuvor durch den Innenminister eröffnet worden. Unterkünfte für die Schüler, Schulgebäude mit Lehrkabinetten und Hörsäle, Kulturhaus, Sporthalle, hier wurde einiges für die Bildung der zukünftigen Volkspolizisten investiert. Wer konnte auch ahnen, dass wenige Jahre später der Bundesgrenzschutz das Gelände für eigene Ausbildungszwecke nutzen wird?

Ich jedenfalls nicht. Und der Rest der mit mir vor dem Stabsgebäude vom LKW steigenden jungen Polizisten, sicherlich ebenfalls nicht. Wir nahmen vor dem Denkmal Teddys, alias Ernst Thälmann, Arbeiterführer und Namenspatron der Schule in „Personalunion“, reckte die geballte Faust. So als ob er uns vertreiben wollte.

Aus dem Stabsgebäude traten ein paar Offiziere hinaus. Namen und Dienstgrade wurden aufgerufen. Die Neuankömmlinge wurden in Klassen aufgeteilt. Anschließend stellten sich die Offiziere als Klassenleiter vor, übernahmen „ ihren Haufen“, um zu den jeweiligen Unterkünften abzumarschieren. Der Empfang verlief in einem wohltuend zivilen Ton. Niemand brüllte sich mehr die Seele aus dem Hals.

Ringsum reckten Teilnehmer anderer Lehrgänge, die bereits kurz vor den Prüfungen standen, ihre Köpfe aus den Fenstern. Hin und wieder entdeckte jemand aus der Marschkolonne einen Bekannten, zumeist Angehörige ihrer Dienststelle, am Fenster. „ Habt ihr euch das auch gut überlegt?“, rief jemand vom oberen Stockwerk eines plattenartigen Unterkunftsgebäudes. Ein anderer hielt Besen und Bohnerkeule aus dem Fenster. Ein bloßer Scherz, nicht mehr und nicht weniger. So etwas wie eine „ EK-Bewegung“ gab es hier natürlich nicht. Dafür jedoch verschiedene, ähnlich verstörende Dinge, die ich zuvor nie für möglich gehalten hätte.

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


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Hans, IM Kressin, Udo, Bürger Zett, RudiEK89, Elch78, Lutze, EK87II und MHL-er haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#55

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 25.02.2015 20:12
von Lutze | 8.026 Beiträge

was heißt hier typische Provinz-Stadt?
seit froh,das ihr mit LKWs vom Bahnhof abgeholt wurdet,
euer Objekt liegt ja nicht gerade so mal um die Ecke,
aber eine schöne Gegend dort,hast du wenigstens ein Pilzbuch
mit eingepackt?hervorragend zum Pilze sammeln
Lutze


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#56

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 25.02.2015 20:55
von Elch78 | 501 Beiträge

"... Zwei Leutnants übernahmen das Kommando. Vorbei an teils staunenden, teils lachenden Zivilisten liefen wir zum Eingang des Bahnhofes. Zielsicher lotste uns einer der „Lollis“ zum richtigen Bahnsteig, wo der Zug nach Neustrelitz zur Abfahrt bereit stand ..."

Was gab es denn da zu lachen?

Elch


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
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#57

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 26.02.2015 04:35
von S51 | 3.733 Beiträge

Mit Elefantenportomonais behuckte grüne Männchen, die schulterstückmäßig offensichtlich keine ganz grünen Jungs mehr sind aber folgsam hinter einem Offizier hinterherzuckeln...
Gerade bei den immer schon etwas renitenten Friedrichshainern sicher eine schöne Gelegenheit, etwas Spott loszuwerden.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


IM Kressin hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#58

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 28.02.2015 16:31
von ABV | 4.202 Beiträge

Fortsetzung

Eigentlich würden die sechs Monate auf der VP-Schule Neustrelitz genügend Stoff für einen eigenen Thread ergeben. Da es hier aber hauptsächlich um das Wachkommando Missionsschutz geht, würde dieses den Rahmen sprengen. Ganz unerwähnt lassen, möchte ich diese nicht ganz unwichtige Episode meines zu der Zeit noch jungen Polizistenlebens jedoch nicht. Schon allein deshalb, weil mir in Neustrelitz „ die rosarote Brille“ aus der ich die Volkspolizei bislang betrachtet hatte, allmählich „abhanden“ kam.
Zunächst einmal, wie verlauf der Tag an der VP-Schule?

Jeden Morgen, Punkt 06:00 Uhr, ertönte die Stimme des Diensthabenden Offiziers aus dem sich in jedem Zimmer befindlichen Lautsprecherboxen: „ Guten Morgen Genossen. Hier spricht der Diensthabende. Es ist 06:00 Uhr, Nachtruhe beenden, Fertig machen zum Frühsport.“
Auf dieses Signal hin sprang die im Durchschnitt aus vier bis fünf VP-Schülern bestehende Belegschaft der einzelnen Unterkünfte aus den Betten heraus und in die weinroten Dynamo-Trainingsanzüge hinein.

Nicht jeder schaffte das auf Anhieb. Manche blieben noch eine Minute lang liegen, was das Aufstehen zusätzlich erschwerte. Wieder erwies sich der Umstand dass ich erst kurz vor meinen Wehrdienst beendet hatte, als unschätzbarer Vorteil. Obwohl, der letzte richtige Frühsport bereits einige Zeit zurücklag.

Zunächst hieß es etliche Gymnastikübungen zu überstehen. Zur Erwärmung, damit sie niemand bei der anschließenden „Ehrenrunde“ um das gesamte Schulgelände verletzte. Wie rücksichtsvoll!
Der Aufsichtshabende Offizier, ein Lehrer der Schule, achtete penibel darauf, dass niemand schummelte. Körperliche Fitness besaß in Neustrelitz die zweithöchste Prioritätsstufe. Nach „Marxismus / Leninismus“, ab er dazu später mehr.

Durchgeschwitzt, völlig außer Atem, ging es dann in den zumeist überfüllten Waschraum. Zur obligatorischen Körperpflege. Dann wieder zurück ins Zimmer. Betten bauen und rein in die Uniform. Halbschuhe, Hose lang und Bluse, wenn es zum normalen Dienstunterricht ging. Stiefelhose, Knobelbecher, Jacke und Schirmmütze wurden dagegen bei der Schießausbildung getragen, während Felddienstuniform (Ein Strich / kein Strich), Knobelbecher und das grüne Käppi, anlässlich einer Geländeausbildung oder des einmal im Mon at zu absolvierenden Wachdienstes aus dem Schrank geholt wurden. Sage keiner, „ Maskenball“ hätte es nur bei der Armee gegeben.

Zu den Mahlzeiten wurde, zumindest in den ersten Wochen, marschiert. Jede Klasse wurde in einzelne Gruppen unterteilt, an deren Spitze jeweils aus dem Schülerbestand ausgewählte Gruppenführer standen. Diese trugen, als „Zeichen ihrer Würde“, lilafarbene Schlaufen auf den Schulterstücken. Geführt wurden die Schulklassen, von einem Klassenlehrer. Bei den an der Schule tätigen Lehrern handelte es sich durchweg um Offiziere. Zumeist der „ mittleren Führungsebene“, also vom Leutnant bis zum Hauptmann. Wobei im Fach „ Marxismus /Leninismus“ auch Majore zum Einsatz kamen.

Der Unterricht fand dreimal im Monat von Montag bis Samstag und einmal von Montag bis Freitag statt. An Wochentagen von 08:00 Uhr -16:00 Uhr, am Samstag von 08:00 -12:00 Uhr.
Folgende Fächer wurden an der VP-Schule unterrichtet: Marxismus-Leninismus, Fachkunde, Körperertüchtigung, Einsatzausbildung, KCB-Schutz, Schießausbildung, Polizeitaktik.

Angesichts der wenigen Fächer und der im Vergleich zur heutigen Polizeiausbildung äußerst geringen Ausbildungszeit, ergeben sich beinahe zwangsläufig erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen der Volkspolizei und der Polizei der Bundesrepublik Deutschland. Sowohl im damaligen als auch im heutigem Maßstab.

Bezeichnenderweise kam dem Fach „ Marxismus-Leninismus“ ein äußerst hoher Stellenwert zu. So hoch, dass die Gesamtabschlussnote am Ende nicht besser sein durfte, als die im „M-L“ erreichte Note. Wenn also jemand nur Einsen auf dem Abschlusszeugnis vorweisen konnte und vielleicht im „M-L“ nur die Note Drei erreicht hatte, dann lautete das Prädikat am Ende tatsächlich nur „Befriedigend“. Wer im „M-L“ total „verkac kte“, musste seinen Dienst quittieren. Ich kann mich allerdings keinen einzigen derartigen Fall erinnern.

Anders jedoch im Fach Körperertüchtigung, wo der von einigen wohl unterschätzte 3000-Meter-Lauf, jedes Mal etliche „Opfer kostete“. Wobei es nicht immer am Wollen sondern in einigen Fällen an gravierenden körperlichen Unzulänglichkeiten lag. Bei manch einem musste die Einstellungsuntersuchung „ am grünen Tisch“ stattgefunden haben. Ich staunte, wie viele übergewichtige Volkspolizisten es doch an dieser Schule gab. Zumindest bis zum Ende des Lehrgangs.

Defizite ergaben sich bei einigen VP-Schülern jedoch nicht nur in körperlicher, sondern vor allem in charakterlicher Hinsicht. Manche angebliche „ Freunde und Helfer“ entpuppten sich gar als „ ganz normale Kriminelle“.

Bereits nach zwei Tagen ereignete sich in unserer Klasse das erste schwerwiegende Vorkommnis:
Ein aus Berlin-Friedrichshain stammender VP-Schüler, der nicht wie andere mit dem Zug sondern mit seinem privaten PKW angereist war, fuhr abends nach Dienstschluss, gemeinsam mit anderen, in die Innenstadt von Neustrelitz, wo sie in der erstbesten Kneipe dem Gerstensaft frönten. Wie selbstverständlich, betrank sich der Fahrer ebenfalls. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass Ausgang, Ab und Anfahrt zur VP-Schule, grundsätzlich in Uniform erfolgten! Vier Volkspolizisten „gaben sich also in aller Öffentlichkeit die Kante“, wie man so schön sagt. Reichlich beschwipst trat das Quartett gegen 23:00 Uhr die Rückfahrt an. Auf Grund der unsicheren Fahrweise fielen sie unterwegs einem Streifenwagen vom VPKA Neustrelitz auf. Die unmissverständlichen Haltesignale ignorierend, gab der Fahrer Gas. Auf den Straßen von Neustrelitz spielte sich eine kurze, nichts desto trotz für alle Beteiligten nicht ungefährliche Verfolgungsfahrt ab. An deren Ende die „richtigen“ Polizisten Sieger blieben. Deren Erstaunen dürfte nicht gering gewesen sein, als sie statt der erwarteten „Halbstarken“, vier uniformierte Volkspolizisten vorfanden.

Am nächsten Morgen gab es zunächst eine geharnischte Auswertung des Vorfalls, seitens des Klassenlehrers. Niemand, allen voran der Klassenlehrer selbst, hegte Zweifel daran, dass der Abend zumindest für den Fahrer ernsthafte Konsequenzen haben wird. Der Entzug des Führerscheins erschien an dieser Stelle noch das geringere Übel zu sein. Dem Volkspolizisten drohte die unvermeidliche Entlassung.
Unvermeidlich? Unmittelbar nach den Worten des Klassenlehrers wurde der Delinquent zur Schulleitung bestellt. Nach ungefähr einer Stunde kehrte er, auffallend ruhig und nachdenklich, zurück. Wider Erwarten, für alle unverständlich, durfte er sowohl an der VP-Schule als auch in der VP selbst verbleiben. Ob und welchen Deal er dafür eingegangen ist, darüber kann an dieser Stelle lediglich spekuliert werden.

Dabei hätten ihm einige aus der Klasse die Entlassung durchaus gegönnt! Der Mann war das, was man allgemein „einen Kotzbrocken“ nennt-Arrogant, Selbstgefällig und unter Alkoholeinfluss durchaus gewalttätig. Dieses bekam, wenige Wochen später, ein Unterwachtmeister zu spüren, der von ihm brutal zusammengeschlagen wurde. Der Grund: der körperlich weit unterlegene Unterwachtmeister hatte sich geweigert, den Wüterich mit „ Massa“ anzureden.
Unglaublich aber wahr: selbst die Körperverletzung an dem Unterwachtmeister blieb ohne Folgen.

Überhaupt verkörperte der Volkspolizist aus Friedrichshain, der seine „Großkotzigkeit“ schnell wiederfand, einen Polizistentypen den ich niemals innerhalb der Volkspolizei vermutet hätte. In einer beinahe an Wollust grenzenden Verzückung erzählte er eines Tages, von einem Gummiknüppeleinsatz gegen „Assis“. Wobei der Begriff „Assi“ für eine Asozialen, reichlich breit gefächert war. Es lag also durchaus im Auge des polizeilichen Betrachters, wer als „Assi“ galt und wer nicht. Für mich stand jedenfalls eines fest: solch einen Volkspolizisten wollte ich weder als Kollege, noch als Bürger begegnen. Einer der ganz wenigen bei dem ich hoffe, dass ihm der Berliner Senat nach der Wiedervereinigung nicht übernommen hat. Solche „Kotzbrocken“ haben in keiner Polizei etwas zu suchen!

Das war aber nicht der einzige Vorfall in meiner sechsmonatigen „Schulzeit“:
Eines Tages rückte sogar das MfS an. Wenig später klickten bei drei VP-Schülern die Handschellen. Ihr Vergehen: sie hatten im Suff eine Hitlergedenkveranstaltung abgehalten. Alle drei waren so genannte „ Zehnender“, Berufssoldaten der NVA, die nach dem Ende ihrer zehnjährigen Dienstzeit zur VP gewechselt waren. Über ihr weiteres Schicksal ist mir nichts bekannt.
Ebenso wenig wie das des VP-Schülers, der, ebenfalls nach einer „Sufforgie“ gewaltsam in die Unterkunft der VP-Schülerinnen eindrang und eine Schülerin vergewaltigen wollte.

Ohnehin spielte „Teufel Alkohol“ eine unvermutet große Rolle bei einigen VP-Schülern. Beinahe an jedem Sonntagabend spielten sich auf dem Berliner Ostbahnhof unsagbar peinliche Szenen ab: Volkspolizisten torkelten, vom kurzen Heimaturlaub zurückkehrend, über den Bahnsteig. Noch dazu in voller Uniform! Einige pöbelten dabei noch Reisende an. Immer wieder sah sich die Transportpolizei gezwungen, gegen die eigenen Kollegen einzuschreiten. Dabei war der Anblick völlig betrunkener, der eigenen Muttersprache beraubter Uniformträger in der DDR, vor allem auf Bahnhöfen, beinahe alltäglich. In der Regel konnte ein betrunkener Uniformträger auf das volle Verständnis seiner Mitbürger hoffen. Solange es sich bei ihm um einen Wehrpflichtigen handelte.

Bei „Profis“, sprich Berufssoldaten, sah das schon ganz anders aus. Bei Volkspolizisten, die ja eigentlich von Berufs wegen gegen solche Übel einzuschreiten haben, sowieso.

Die Idee des generellen Uniformzwangs für VP-Schüler, kann nur im Gehirn eines Welt und Lebensfremden hohen Stabsoffiziers entstanden sein. Angeblich erhoffte sich das Innenministerium dadurch eine höhere Polizeipräsenz. Das mag stimmen! Aber ob dadurch zwangsläufig das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erhöht wurde, darf bezweifelt werden. Von dem Imageschaden ganz zu schweigen!

Hier noch ein paar Sätze zur Ausbildung:
Die körperliche Ausbildung kann durchaus als hart und anspruchsvoll bezeichnet werden. Bereits in der zweiten Woche stand ein Zwanzig-Kilometer-Marsch, inklusive der bei solchen Härtemärschen üblichen „Einlagen“ auf dem Programm.

Des Weiteren verfügte die VP-Schule über eine Sturmbahn. Allerdings war diese anders aufgebaut, als die beim Militär übliche. Glaubt man den Ausbildern, dann wurde dieser Typ Sturmbahn von der sowjetischen Miliz entworfen und eigens auf polizeiliche Belange zugeschnitten. Tatsächlich gestaltete sich das Überwinden der Hindernisbahn als vergleichsweise angenehm. Sofern man bei einer Sturmbahn überhaupt von angenehm sprechen kann. Die zwingend zu erfüllende Norm wurde auch hier niemanden „geschenkt“.

Neben dem Schießen mit der Pistole „Makarow“ und der Maschinenpistole „ Kalaschnikow“, gehörte das Werfen scharfer Handgranaten ebenfalls zur Ausbildung, wie der Häuserkampf. An diesen Beispielen zeigt sich einmal mehr, dass die Volkspolizei über eine nicht unbedeutende militärische Komponente verfügte.

Unter einer geradezu lächerlichen Geheimhaltung verlief die Ausbildung mit der so genannten Sonderausrüstung: Helm, Schild und Schlagstock. Diese fand in einem abgelegenen, ringsherum von Posten bewachten Waldgelände statt. Die Bevölkerung sollte nicht wissen, dass die Volkspolizei über solche Equipments verfügte. Helm und Knüppel galten, in der Propaganda, eher als Symbol „ der Polizei des Klassenfeindes“.

Reizgas gehörte ebenfalls zu den Einsatzmitteln der Volkspolizei. Dieses wurde mittels spezieller Aufsätze verschossen. An sich nichts besonders, da Reizgas beinahe überall auf der Welt bei gewalttätigen Demonstrationen angewendet wird. Wir VP-Schüler wurden jedoch vom Ausbilder gezwungen, in einer Linie Aufstellung zu nehmen und das Reizgas selbst einzuatmen. Wehe den, der dabei seinen Platz verließ!
Der Ausbilder wollte damit erreichen, dass wir die Wirkung des ekelhaften Zeugs am eigenen Leib erfahren, um es später nicht leichtfertig einzusetzen. Eine im wahrsten Sinn des Wortes „ brennende Idee“.

Die Körperertüchtigung umfasste unter anderem den Ausdauersport und eine Zweikampfausbildung. Zu der neben den üblichen polizeilichen Eingriffstechniken, die Grundlagen des Judo-Sports gehörten. Hierbei kam es im Verlauf der Zeit wiederholt zu schmerzhaften Unfällen. Stauchungen, Prellungen, sogar Knochenbrüche. In beinahe hundert Prozent aller Fälle hatten die Schüler nicht auf den Ausbilder gehört, sondern „eigene Techniken ausprobiert“.

An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass zur vermittelten Zweikampfausbildung, neben vielen in der polizeilichen Praxis nützlichen Dingen, auch zweifelhaftes gehörte. So bekamen die VP-Schüler nicht nur die Abwehr eines Messerangriffs, sondern auch die Führung eines Messerangriffs gelehrt. Zum Beispiel zum Ausschalten eines feindlichen Postens. Der Ausbilder zeigte uns auch die Körperstellen, an denen ein Treffer unweigerlich zum Tod führt. Jedoch, dass sei ebenfalls gesagt, geschah das ganze unter dem ausdrücklichen Hinweis, derartige Techniken nur im alleräußersten Notfall zum Einsatz zu bringen! Auf keinen Fall sollten diese im normalen polizeilichen Geschehen angewendet werden.

Übrigens deutete der Ausbilder, ein freundlicher Hauptmann im Gespräch an, dass er mehrere Jahre in Angola zugebracht hat, um dort bei der Ausbildung der Polizei zu helfen. Dort konnte man diesen „Quatsch“ ohnehin besser gebrauchen.

Der theoretische Unterricht fand in hochmodernen Lehrkabinetten oder im Hörsaal statt. Die Lehrer gaben sich große Mühe, den angehenden Volkspolizisten ein möglichst hohes Rechtswissen zu vermitteln. Was in Anbetracht der Kürze der Zeit und dem anderem Ausbildungsprogramm nicht gerade einfach war. Da die Lehrer grundsätzlich keine „Fachidioten“ sondern gestandene Praktiker waren, gestaltete sich der Unterricht dennoch hochinteressant. Viele von ihnen hatten bis zu ihrer Versetzung nach Neustrelitz, bei der Schutz oder Kriminalpolizei gearbeitet. So mancher bedauerte uns gegenüber, nicht mehr den spannenden polizeilichen Alltag, in einem Revier oder VPKA, erleben zu dürfen.
Da war sie wieder, meine Sehnsucht nach dem abenteuerlichen Polizeileben. Aber immer öfter musste ich mir eingestehen, dass ich dieses Leben beim Wachkommando Missionsschutz wohl nie bekommen werde. Ich war bei der Polizei und würde möglicherweise dennoch nie erfahren, wie es dort wirklich zugeht

Marxismus-Leninismus stand auf der Hitliste der unbeliebtesten Fächer unangefochten auf Rang 1. Das lag nicht unbedingt daran, dass das Gros der VP-Schüler diese Ideologie abgelehnt hätte. Sondern eher daran, dass keiner den trockenen, für einen normalen Menschen absolut unverständlichen Lernstoff „ in die Birne bekam“. Es gab jedoch einen Trost: Marxismus-Leninismus wurde zu einem nicht unwesentlichen Teil im Selbststudium vermittelt. Konkret heißt das, dass der Lehrer eine bestimmte Aufgabe stellte und anschließend für längere Zeit den Raum verließ.
Was tat ich? Ich schrieb einfach eine Seite ab, die ich dann nach Bedarf dem Lehrer vorweisen konnte. Den Rest des Selbststudiums verbrachte ich dann mit geschlossenen Augen. Hat immer prima geklappt und mir manche Eins eingebracht. Ohne das ich nur ansatzweise verstand, was die „Vordenker einer besseren Welt“ genau ausdrücken wollten.
Aber auch im Fach " M-L" habe ich Lehrer kennengelernt, die nicht nur hohle Phrasen klopften, sondern sich bemühten auf die Fragen ihrer Schüler einzugehen. Sogar dieser oder jene kritische Ton zu den politischen Verhältnissen in der DDR, blieb nicht aus. Selbst die " M-L"-Lehrer waren keine "hirnlosen Parteiroboter". Sie konnten jedoch den selbstauferlegten Zwängen, trotz allen Willens, nicht entfliehen. Die Tragik eines jeden, der sich einer Ideologie über das übliche Maß hinaus, verpflichtet fühlt.

.

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#59

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 28.02.2015 18:39
von Hans | 2.166 Beiträge

Hei, Uwe,
Lass mich mal raten : Deal - Mensch, da habt ihr doch euren Keks gaaaanz schnell gefunden. ( Einzige logische.....)
und Zweitens : Gott sei Dank, wie brave Atheisten so sagen - ich war nicht in Neustrelitz. Unsere Schule war in Halle. Offensichtlich spielen die 10 Jahre Zeitunterschied auch eine Rolle. Lief etwas anders.
Weitermachen.
73, Hans


I´m just a truckle, but I don´t like to truckle. ( Prokop; Unterschenkel )
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#60

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 28.02.2015 18:50
von RudiEK89 | 1.949 Beiträge

Zitat von Hans im Beitrag #59
Hei, Uwe,
Lass mich mal raten : Deal - Mensch, da habt ihr doch euren Keks gaaaanz schnell gefunden. ( Einzige logische.....)
und Zweitens : Gott sei Dank, wie brave Atheisten so sagen - ich war nicht in Neustrelitz. Unsere Schule war in Halle. Offensichtlich spielen die 10 Jahre Zeitunterschied auch eine Rolle. Lief etwas anders.
Weitermachen.
73, Hans

Ich war von Frühjahr bis Herbst 1989 in Neustrelitz und kann den Beitrag von Uwe nur bestätigen.
Schreib bloß weiter, Uwe.

Andreas


März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode
ABV und GeWa-8 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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