#261

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 28.05.2015 19:25
von ABV | 4.202 Beiträge

Ein Schlag in die Magengrube-mein erster Tag in der Wache Blankenfelde
Montag 14. April 1986, 12:00 Uhr

Heute würde ich nun wissen, ob sich die Gerüchte um die Wache Blankenfelde bewahrheiten oder in „ heiße Luft“ auflösen. Inständig hoffte ich auf das Gegenteil. Gemeinsam mit Ulli trat ich aus dem Wohnheim hinaus auf den angrenzenden Parkplatz. Dort würde in Kürze der Schichtbus des WKM eintreffen. Wer in Pankow Dienst schob, besaß das Privileg mit einem IKARUS-Bus zur Dienststelle und wieder nach Hause kutschiert zu werden. Wenigstens etwas! S-Bahnfahrten in Uniform, vor allem Spätabends, konnten durchaus gefährlich werden. Vor allem immer dann, wenn man sich als einzelner Volkspolizist einer Gruppe angetrunkener Jugendlicher gegenübersah. Angriffe auf Polizisten gab es auch in der DDR.

Vor der „Haltestelle“ hatten sich bereits mehrere Polizisten versammelt, die wie wir auf das Eintreffen des Busses warteten. Wir stellten uns einfach dazu, grüßten freundlich, wurden jedoch kaum beachtet. Blauer Tabakrauch stieg, auf mehrere Wolken verteilt, in die Frühlingsluft. Die Gespräche der Polizisten drehten sich um das vergangene Wochenende, das die meisten bei ihren Familien verbracht hatten. Einige prahlten dabei von den Erlebnissen ihrer letzten Sauftour. Stimmten die Gerüchte also doch?

Wer eine Vorstellung von den in der DDR vorhandenen Dialekten bekommen wollte, brauchte nur der illustren Gruppe zu lauschen. Sämtliche Mundarten gaben hier eine kostenlose Probe zum Besten, was das Zuhören extrem erschwerte. Der Thüringer unterhielt sich mit dem Anhaltiner, der Mecklenburger mit dem Sachsen und der Brandenburger mit dem Oberlausitzer. Nur eine Mundart suchte man hier vergebens: die des waschechten Berliners!

Einer der Polizisten, ein gutmütiger dunkelhaariger Schnauzbartträger dessen leicht tippelnder Gang etwas „ Tuntenhaftes“ an sich hatte, sah sich des Öfteren den Scherzen anderer ausgesetzt. „Gülli“, wie der Polizist genannt wurde, ertrug die Späße mit der stoischen Mine eines Indianerhäuptlings.

Nach einigen Minuten des Wartens fuhr der blaue Ikarus-Bus des Wachkommando Missionschutzes vor. Der uniformierte stand im Rang eines VP-Meisters. „ Mahlzeit ihr Säcke“, begrüßte er die „Fahrgäste“ derb. Unter lautem Gejohle erwiderten die Eintretenden den Gruß. Ein Ritual, dass sich später immer wiederholen sollte. Für mich wirkte diese „ Begrüßung“ beim ersten Mal noch etwas gewöhnungsbedürftig.

Der Fahrer steckte sich eine Zigarette an, legte eine Kassette mit deutscher, sprich Westdeutscher Schlagermusik, Babaloo-die wilden sechziger Jahre-, erschienen bei AMIGA und zumindest in Berlin in jedem Plattenladen erhältlich, ein, ehe er Kurs auf Pankow nahm. Die Route führte über beinahe durch ganz (Ost)Berlin. Über die Allee der Kosmonauten, Lichtenberg und die Klement-Gottwald-Alle zunächst bis zur Hadlich-Straße in Pankow. Unterwegs stiegen immer wieder Polizisten zu. Schließlich lebte nicht jeder im Wohnheim Biesdorf.

An der Hadlich-Straße, dem Standort der eigentlichen „ Wache Pankow“, leerte sich der Bus zusehends. Beim Anblick des neu erbauten, würfelartigen Gebäudes verspürte ich so etwas wie Beruhigung. Warum sollte es in Blankenfelde anders aussehen? So konnte wohl nur jemand denken, der nie zuvor in Blankenfelde gewesen ist.

Berlin zeigte sich in mehreren, grundverschiedenen Facetten. Hochmoderne Neubaugebiete, Grünanlagen und graue, offensichtlich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr sanierte, mit den typischen Hinterhöfen. Dem Lieblingsmotiv des Malers Heinrich Zille. Aber Heinrich Zille und graue Hinterhöfe passten doch nicht mehr in die „helle Zeit des Sozialismus“. Oder?

Je mehr wir uns dem Endziel näherten, desto weniger glaubte man noch in der Millionenstadt Berlin zu sein. Blankenfelde versprühte eher sprödes Kleinstadtmilieu als hauptstädtischen Flaire.

Schließlich standen wir vor dem Eingangstor der „ Wache Blankenfelde“, oder „ Pankow B“, wie die Dienststelle im internen Sprachgebrauch genannt wurde. Ein hagerer VP-Meister schlurfte gelangweilt zum Tor um es für den Bus zu öffnen. Kennt jemand das Gefühl, wenn man urplötzlich einen Hieb in die Magengegend bekommt? Nicht sehr angenehm, oder? Meine neue Dienststelle entpuppte sich als Ansammlung grauer Baracken. Ein Maschendrahtzaun, befestigt an Betonpfeilern, umschloss das alles andere als einladend wirkende Areal. Ich wähnte mich in einer jener früheren Kasernen der „ Deutschen Grenzpolizei“, die unbegreiflicherweise noch immer genutzt wurden.

Was ich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: bis vor einigen Jahren diente die vermeintliche Kaserne zur Unterbringung von „Rückkehrern aus der Bundesrepublik oder Westberlin“. Also jenen DDR-Bürgern, die es aus welchen Gründen auch immer, „ im Westen“ nicht gefiel.

Möglicherweise sehnten sich einige von einigen beim Anblick der Baracken von Blankenfelde, in denen sie die ersten Monaten nach der Rückkehr verbringen mussten, gleich wieder in den „Westen“ zurück.

Ungläubig, voller Entsetzen, verließ ich den Bus und folgte darauf dem grünen Pulk, der sich in die unmittelbar hinter dem Tor gelegene Baracke bewegte. Links neben der Baracke ragte ein Funkmast in die Höhe. Sichtbares Zeichen, dass es hierbei um die Stabsbaracke handelte. Im Innern des Baus roch es nach kaltem Zigarettenrauch, Kaffee und Kohlsuppe. Rötliches, von dunklen Flecken übersätes Linoleum bedeckte den Fußboden. Kein Vergleich mit der vergleichsweise hochmodernen „Wache Mitte“.

Was sind das nur für Polizisten, die an einem Ort wie diesen Dienst verrichteten? Großen Wert auf eine Vorschriftsmäßige Anzugsordnung schien man hier anscheinend nicht zu legen. Bei einigen hatte sich der Zustand ihrer Uniformen, die Länge der Haare und Bärte dem trostlosen Zustand der Dienststelle auf augenfällige Weise angenähert.

Vor der Einweisung ging es nacheinander zum Waffenempfang. Ulli und ich würden unsere Waffen später separat ausgehändigt bekommen. Nach dem obligatorischen Willkommensgespräch mit dem Wachabteilungsleiter.

Die Einweisung erfolgte in dem dazu vorgesehenen Raum. Während sich die Gruppenführer, mehr oder weniger erfolgreich, um die Durchsetzung einer exakten militärischen Ordnung beim Antreten mühten, produzierten sic h ein paar Wachtmeister als Spaßvögel. Ein in der „ Wache Mitte“, wo den Gruppenführern tatsächlich noch Respekt entgegengebracht wurde, undenkbarer Vorgang.

Besonders wenig Respekt genossen offenbar die als Gruppenführer fungierenden VP-Obermeister Neumann und Wulff. Von den anderen nur „ Kolja und Wowa“ genannt. „ Wowa“, ein kleiner dicker Endvierziger, dessen Augen von unbeschreiblich dicken Brillengläsern unnatürlich vergrößert wurden, agierte besonders erfolglos.

„ Hört endlich auf zu quatschen, der WAL kommt gleich“, flehte der Obermeister regelrecht. Um dann, wohl als Ausdruck purer Verzweiflung, ausgerechnet den gutmütigen „ Gülli“, der bereits in Biesdorf als Zielscheibe des Spottes diente, anzubrüllen: „ Mensch Gülli, nimm die Pfoten aus der Tasche! Oder willst du Standposten beziehen?“

Ein Hauptwachtmeister, der die Szenerie amüsiert beobachtete, schlug sich vor Lachen auf die Schenkel. „Wowa“ hatte sich damit wohl endgültig blamiert.
Dann betrat der Wachabteilungsleiter, ein Oberleutnant Namens Gottmann, den Raum. Der lange dürre Unterleutnant Norbert Schindler, der Führer des 1. Zuges, vollzog die Meldung:

„ Genosse Oberleutnant, der Bestand der 4. Wachabteilung ist vollständig zur Einweisung angetreten.“ „ Guten Tag Genossen“, begrüßte Gottmann seine Untergebenen. „ Guten Tag Genosse Oberleutnant“, kam es wie ein Echo zurück.

Die Einweisung unterschied sich kaum von der Prozedur in der „ Wache Mitte“. Mit monotoner Stimme verlas der Offizier die aktuellen Fahndungen, ermahnte die Angetretenen zur Wachsamkeit, ehe er den anderen Ulli und mich vorstellte.

Während dessen wartete der Schichtbus noch immer vor der Stabsbaracke. Ein Polizist nach dem anderen, stieg anschließend zurück in den Bus, der sie in ihre jeweiligen Postenbereiche bringen und die abgelösten Posten zurück in die Dienststelle bringen sollte. Der Bereich der „Wache Blankenfelde“ erwies sich als ungleich größer als der in „Mitte“.

Nachdem der Bus das Tor wieder verlassen hatte, bat Gottmann Ulli und mich in sein Dienstzimmer. Das Zimmer unterschied sich kaum von dem Standard anderer Büros. Schreibtisch, Telefon, Konferenztisch, zwei Schränke, nebst dem unvermeidlichen Portrait-Foto des Staatsratsvorsitzenden.

Durch das von außen vergitterte Fenster schaute man auf den Innenhof der Wache, dem sich jenseits des Zaunes ödes Brachland anschloss. Dahinter zeichneten sich die sichtbaren Konturen der „Berliner Mauer“ ab. Von hier aus war es nicht mehr weit bis Zuständigkeitsbereich des Grenzregimentes 38, in dem ich bis vor einem Jahr noch diente. Hatte sich jetzt etwa ein Kreis geschlossen?

Gottmann machte uns zunächst mit den Besonderheiten des Zuständigkeitsbereiches der Wache Blankenfelde vertraut: „ In operativer Hinsicht wichtige Botschaften gibt es hier nur wenige. Zum Beispiel die PLO-Vertretung und die ANC-Niederlassung.

Dafür gibt es im Bereich jedoch jede Menge Residenzen und von Diplomaten, vor allem Amis und Britten, genutzte Wohnhäuser. Anders als in „Mitte“, befinden sich einige dieser Objekte in direkter Nachbarschaft von normalen Wohnhäusern. Manch Botschafter residiert sogar in einer Gartenanlage. Wer also Ruhe und frische Luft liebt, der ist hier genau richtig.“

Der letzte Satz war wohl als Scherz gedacht. In meinen Ohren klang er jedoch wie der blanke Hohn! Sollte ich, ein gerade mal zweiundzwanzig Jahre junger Polizist, voll Abenteuerlust und Tatendrang, etwa in einer Gartenanlage versauern?
Oberleutnant Gottmann hörte sich offenbar gerne reden. Über zwei Stunden dauerte das „Kennenlern-Gespräch“. Anschließend empfingen wir unsere Dienstwaffen. Automatisch quittierte ich den Empfang.

Dann nahm uns Obermeister Helmut Brennstuhl in Beschlag: „ Ich bin euer Gruppenführer. Wir werden uns schon vertragen, was Jungs“, sagte er kumpelhaft. Unzählige Falten durchzogen das Gesicht des Obermeisters. Unverkennbare Spuren unzähliger täglich konsumierter Zigaretten. Noch etwas hatte sich in Brennstuhls Gesicht eingegraben: eine Vielzahl kleiner roter, teilweise geplatzter Äderchen. Sichtbares Zeichen, dass sein Spitzname, „Sprithocker“, nicht von ungefähr kam.

Plaudernd lud uns der Obermeister zu einem Kaffee in der Kantine ein. Wieder wäre ein direkter Vergleich mit der „ Wache Mitte“ verheerend ausgefallen. Mein Gott, wo bin ich nur gelandet?

Gegen 18:00 Uhr lösten wir, in Begleitung von Brennstuhl, einen Posten zur Pause heraus. Ein lichtgrauer Barkas brachte uns hinaus in den Bereich. Auf einer Frustskala zwischen 1 und 10, hatte sich mein persönlicher Pegel momentan auf eine glatte 8 „festgehakt“. Bei der ersten Konfrontation mit einem der Postenbereiche schnellte der Frustpegel unwillkürlich bis ganz nach oben.

Ich weiß heute nicht mehr, um was für ein Objekt es sich handelte, dass ich als erstes „beschützen“ sollte. Das ist ja letztendlich auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist jedoch die Lage der diplomatischen Einrichtung-am Ende einer von Hecken, Büschen und unscheinbaren Eigenheimen umgebenen Sackgasse. Bereits am ersten Tag als richtiger vollwertiger Volkspolizist, der alle theoretischen und praktischen Hürden erfolgreich hinter sich gebracht hatte, fühlte ich mich am Endpunkt meiner beruflichen Karriere angekommen.

Ulli, der schweigend neben mir stand, fühlte anscheinend dasselbe. Leise stieß er die eingeatmete Luft durch den geöffneten Mund, während seine weit aufgerissenen Augen die Umgebung sondierten.

Obermeister Brennstuhl bemerkte von all dem nichts. „ Jungs, ihr habt das große Los gezogen“, säuselte er andächtig. „ Als WKM-Posten genießt man hier sowohl bei den Diplomaten als auch unter der Bevölkerung ein hohes Ansehen.“
Wie zur Bestätigung wurden wir von einer vorbei radelnden älteren Dame freundlich gegrüßt.
Brennstuhl warf die aufgerauchte Kippe auf den Boden. Keine zwei Minuten später klopften seine Hände unruhig den oberen Bereich der Uniformjacke ab, ehe er sich eine neue Zigarette ansteckte.

„ Mensch, ich habe heute vielleicht ein Appetit auf das olle Zeug“, entschuldigte er sich leicht verlegen, um dann den Dienst in Blankenfelde weiter in den schillerndsten Farben zu schildern. Glaubte man seinen Worten, dann wäre die Wache Blankenfelde so etwas wie ein „ Synonym für besondere Zuverlässigkeit“.

„Einmal im Jahr werden wir zur Absicherung eines Fußballspiels vom BFC Dynamo im Stadion der Weltjugend eingesetzt. Der Einsatzleiter ist jedes Mal froh, wenn er weiß dass die Blankenfelder wieder da sind. Wir bekommen dann jedes Mal die Sicherung der Staatsgrenze anvertraut.“
„ Wie bitte?“ Was hatte die Sicherung der Staatsgrenze mit dem Fußball zu tun? „ Die Staatsgrenze verläuft doch gleich in der Nähe des Stadions“, klärte mich Brennstuhl auf. „ Dieser oder jene Zuschauer könnte das Durcheinander für einen illegalen Grenzübertritt nutzen. Aber da müsste er erstmal an den Blankenfeldern vorbei“, prahlte der Obermeister grinsend.

Ich hörte ihm kaum noch zu. Meine Gedanken kreisten derweilen um die Frage, wie man zum Teufel am besten hier wieder wegkommt. Versetzung oder Kündigung. Andere Varianten standen mir nicht zur Verfügung. Auf jeden Fall wollte ich nicht die nächsten vier Jahrzehnte in dieser Einöde verbringen. So sah er also aus, der mir vor knapp zwei Jahren von dem Werber versprochene „ hochinteressante, Abwechslungsreiche Dienst“. Tief in Gedanken versunken, drehte ich dem Kerl, wie gesagt in Gedanken, den Hals um.

„ Passiert hier auch mal was?“, erkundigte ich mich wie nebenbei dem kettenrauchenden Brennstuhl. Der nahm die Zigarette aus dem Mund, sah mich voller Unverständnis an und fragte: „ Was soll denn hier passieren? Dafür bist du doch da, dass hier nichts passiert.“
Natürlich hatte der Obermeister Recht! Aber irgendwie auch wieder nicht. Denn ein junger Polizist möchte schließlich etwas erleben. Aber wenn nie etwas passiert, kann man auch nichts erleben! Eine einfache, aber aus meiner Sicht wenig erfreuliche Logik.

Auch wenn ich bislang nur einen Postenbereich kennen gelernt hatte-es gab für mich keinen Zweifel das die Zukunft für alles andere als rosig aussah.

Hier seht ihr ein paar Fotos des Rückkehrerlagers Blankenfelde, bzw der WKM-Wache Blankenfelde

http://www.google.de/imgres?imgurl=http%...ved=0CFYQrQMwEQ

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe

P.S. ich bitte noch mal um Entschuldigung, dass ich mich in letzter Zeit so rar gemacht habe. Aber momentan habe ich eine Menge zu tun, so dass für unser Forum nicht immer genügend Zeit bleibt.
Es kommen auch wieder andere Zeiten!


www.Oderbruchfotograf.de

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#262

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 29.05.2015 01:22
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #261
Ein Schlag in die Magengrube-mein erster Tag in der Wache Blankenfelde
Montag 14. April 1986, 12:00 Uhr

Meine neue Dienststelle entpuppte sich als Ansammlung grauer Baracken. Ein Maschendrahtzaun, befestigt an Betonpfeilern, umschloss das alles andere als einladend wirkende Areal. Ich wähnte mich in einer jener früheren Kasernen der „ Deutschen Grenzpolizei“, die unbegreiflicherweise noch immer genutzt wurden.

Was ich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: bis vor einigen Jahren diente die vermeintliche Kaserne zur Unterbringung von „Rückkehrern aus der Bundesrepublik oder Westberlin“. Also jenen DDR-Bürgern, die es aus welchen Gründen auch immer, „ im Westen“ nicht gefiel.

Möglicherweise sehnten sich einige von einigen beim Anblick der Baracken von Blankenfelde, in denen sie die ersten Monaten nach der Rückkehr verbringen mussten, gleich wieder in den „Westen“ zurück.





Schönen Dank, für Deinen wieder mal umfangreichen, Situationsbericht.
Wie ich feststellen kann,haben wir mehr Gemeinsamkeiten als man vermuten dürfte.
Hier,zu diesem Bericht fallen mir ein deshalb paar Dinge auf, die ich ergänzen bzw.richtigstellen möchte.Ergänzen,aus dem Grunde,weil ich in diesem Barackenobjekt mindestens schon über 25 Jahre vor Dir untergebracht war.
Als ich dort einquartiert war(Frühjahr 1961), diente dieses Objekt als "Übergangslager zur Eingliederung von Flüchtlingen aus der Bundesrepublik Deutschland,Westberlins und anderen westlichen Staaten in die DDR".Richtig ist,dass auch ein paar wenige Rückkehrer,also ehemalige DDR-Bürger,sich darunter in geringer Anzahl befanden.Mehrheitlich waren dort Flüchtlinge von West nach Ost untergebracht,die sich alternativ eine neue Chance in einem sozialistischen Deutschland damals erhofften,einen familiären Anschluss wünschten bzw. politisch verfolgt waren und mit Berufsverboten im westlichen Teil D. belegt waren.
Die Wenigsten sehnten sich damals in Richtung West zurück,Manchen wurde die Staatsbürgerschaft/Eingliederung in die DDR verwehrt.
Soweit mir bekannt,war dieses Lager Blankenfelde schon Ende der 50er Jahre in Betrieb und wurde auf Grund des hohen Flüchtlingspotentials kontinuierlich erweitert.
Bis zum 13.August 1961 ersuchten über eine halbe Million Bundesbürger/Westberliner um Aufnahme in der DDR.
Hatte hier zu diesem Objekt schon mal berichtet:

Abschied West



seaman


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zuletzt bearbeitet 29.05.2015 15:46 | nach oben springen

#263

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 29.05.2015 15:00
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke für deine Ergänzungen und Korrekturen @seaman
Mir war bisher nur bekannt, dass dort DDR-Rückkehrer untergebracht wurden. Zum ersten Mal hatte ich davon, aber auch nur andeutungsweise, im Jahre 1987 von einer Verwandten erfahren, die früher bei der Kriminalpolizei in Berlin gearbeitet hat. Seitens unserer Vorgesetzten, aber auch von den älteren dort tätigen Polizisten, war die Vergangenheit des Objektes offenbar tabu. Jedenfalls hat sich während meiner Anwesenheit dort niemand darüber geäußert.
Viel wird sich in der Zeit von 1981-1986 nicht verändert haben. Noch heute kann ich mich an die eiskalten Umkleideräume in einer der Baracken erinnern. Auch die "Stabsbaracke" gleich rechts hinter dem Eingangstor, wie auf einem der Fotos ersichtlich, war alles andere als gemütlich.
Für einen jungen Volkspolizisten war die heruntergekommene Dienststelle ein regelrechter Schock!

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


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#264

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.06.2015 17:13
von ABV | 4.202 Beiträge

Bombenstimmung in (Ost)-Berlin

Die erste Woche lag nun fast hinter mir. Nach drei Spät und vier Nachtschichten, inklusive des so genannten „Schlaftags“, stand heute eine Frühschicht auf dem Plan. Acht Stunden Dienst, spätestens um fünfzehn Uhr würde ich wieder im Wohnheim sein.

Durch Zufall hatte ich im Biesdorfer Schlosspark eine gut bestückte Bibliothek entdeckt. Lesen gehörte schon immer zu meinen Leidenschaften. Wer meinen bisherigen Weg durch die DDR rekapitulieren wollte, brauchte nur in den Mitgliederkarteien der örtlichen Bibliotheken nachschauen. Von Letschin über Peitz, Königswartha bis nach Hennigsdorf. Heute würde nun Berlin-Biesdorf dazu kommen.

Der Gedanke an die Bücherei versöhnte mich ein wenig mit meiner Unlust am Dienstgeschehen. In den zurückliegenden vier Nachtschichten hatte ich, gemeinsam mit anderen, die Residenz des syrischen Botschafters bewacht. Jeweils ein Doppelposten patrouillierte eine Seite des Grundstückszauns auf und ab. Während ein Streifenwagen vor dem Eingang wachte. Der syrische Botschafter fühlte sich offenbar besonders bedroht.

So bedroht, dass es nicht einmal eine Pausenablösung gab. Unsere Mahlzeiten nahmen wir in einem eigens zu diesem Zweck abgestellten, zur „ mobilen Küche“ umfunktionierten Bauwagen ein. In dem Bauwagen stand ein Radio. Tanzmusik nach Mitternacht sollte für Unterhaltung und neuen Schwung sorgen. Während einer der Pausen hörte ich, hundemüde, lustlos an einer Bockwurst kauend und kaum aufnahmefähig, von den Angriffen US-amerikanischer Bombenflieger auf die lybischen Städte Tripolis und Bengasi. Offiziell galten die Angriffe als Vergeltung für das „ La Belle-Attentat“. Verstehen konnte ich dieses Vorgehen schon damals nicht. Was konnten die bei den Angriffen ums Leben gekommenen Zivilisten, darunter einige Kinder, für die Handlungen von Terroristen?

Bei den anderen löste die Nachricht von den Bombenangriffen aus einem anderen Grund Unmut aus: „ Die sind doch bescheuert, die Amis“, schimpfte der aus Leipzig stammende VP-Meister Zunder, von allen nur „Zunkie“ genannt. „ Ich sehe uns schon wieder mit Maschinenpistolen Standposten vor der USA-Residenz beziehen.“ „ Du sollst dein Geld schließlich nicht für umsonst bekommen“, witzelte ein anderer Polizist. Noch ahnte niemand, welche weitreichenden Konsequenzen die eben gehörte Meldung für einen Großteil des WKM haben sollte.

Heute sollte ich nun zum ersten Mal einen „eigenen Postenbereich“ bekommen. Für den ich dann den „Rest“ meines Volkspolizistendaseins Verantwortung tragen sollte. Der Bereich bestand aus einer Ansammlung untergeordneter diplomatischer Objekte, Residenzen und Wohnungen, in denen sich am Tage, abgesehen vom Personal, ohnehin niemand aufhielt. In einer dieser Wohnungen lebte der ehemalige chilenische Außenminister Clodomiro Almeyda mit seiner Familie. Almeyda genoss, nachdem das Pinochet-Regime in seiner Heimat den demokratisch gewählten Regierungschef Allende brutal aus dem Amt gejagt und in dem Andenstaat ein Terrorregime errichtet hatte, so etwas wie politisches Asyl in der DDR. Während meiner Schulzeit stand das Thema Chile des Öfteren auf dem Plan. Vor allem wenn es darum ging, bei uns Kindern Verständnis für die Solidarität mit den Menschen dort zu entwickeln. Neben Luis Corvalan und dem ermordeten Sänger Victor Jarra, gehörte Clodomiro Almeyda zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Allende-Regierung. Ich brannte daher regelrecht, diesem Mann möglicherweise bald leibhaftig gegenüberzustehen.

Mein Gruppenführer, Obermeister Brennstuhl, hatte es sich nicht nehmen lassen, mich persönlich in die Gegebenheiten des Postenbereiches zu unterweisen.
Wie mir Obermeister Brennstuhl mitteilte, sorgte der Sohn von Almeyda in regelmäßigen Abständen für einigen Ärger, in dem er, unter anderem, das Inventar des Hauses zerlegte. „ Eine Spätfolge der in Chile erlittenen Folter“, meinte Obermeister Brennstuhl. „ Quatsch, der hat sich hier sein Hirn weggesoffen“, widersprach im Hauptwachtmeister Behrens, der den Gruppenführer auf seiner Einweisungstour begleitete.
Zum Postenbereich gehörte übrigens noch ein Objekt, dass von außen wie ein ganz normales Wohnhaus aussah. „ Ingenieurtechnisches Institut“ stand auf einem metallenen Schild, direkt am Eingang. „ Nach was wird denn hier geforscht?“, erkundigte ich mich bei den beiden erfahrenen WKM-Polizisten.
Während Brennstuhl, nach Worten suchend an seiner unvermeidlichen Zigarette saugte, lupfte Behrens grinsend die linke Ecke seines Jackenkragens. „ Die Ingenieure sind keine Ingenieure“, brachte er noch immer grinsend zum Ausdruck. Der Hauptwachtmeister, dessen Pflichtzeit beim WKM im Herbst ablief, nahm offenbar kein Blatt vor dem Mund. Sehr zum Leidwesen von Obermeister Brennstuhl, der offenbar fürchtete, dass mich der kecke Hauptwachtmeister versauen könnte.

Nach einer Stunde verzog sich Brennstuhl, einen soliden Kippenberg zurücklassend, endlich wieder. Ulli, dem die PLO-Vertretung im Schönholzer Weg zugewiesen wurde, wollte schließlich auch noch von ihm eingewiesen werden.
Während dessen überschlugen sich im Wachkommando Missionsschutz die Ereignisse. Francis J. Mahane, seines Zeichens Botschafter der Vereinigten Staaten der USA in der DDR, hatte sich kurz zuvor mit der Bitte alles für die Sicherheit der USA-Diplomaten in (Ost)Berlin zu unternehmen, an das DDR-Außenministerium gewandt. Mahane rechnte, wohl nicht zu Unrecht, mit lybischen Racheakten gegen US-amerikanische Einrichtungen.

Nun wird heute viel darüber spekuliert, ob und wie viel die DDR über die Rolle der lybischen Botschaft in Berlin-Karlshorst, bei der Planung und Durchführung des „ La Belle-Attentates“ wusste.
Belassen wir das spekulieren denen, die es nötig haben! Ich halte mich lieber an die bekannten Tatsachen. Eine davon lautet, dass das Außenministerium die Bitte des USA-Botschafters sofort an das für die Sicherheit der diplomatischen Objekte zuständige WKM und natürlich an das Ministerium für Staatssicherheit, weiterleitete.

Dort, in den Chefetagen von WKM und MfS, in Kaulsdorf und Lichtenberg, herrschte sofort helle Aufregung. Jedem einzelnen dort wurde sofort klar, welche enorme Verantwortung auf den Schultern der „ Schutz und Sicherheitsorgane“ lasteten. Dabei machte man sich weniger um das Leben der US-Diplomaten Sorgen, als um das außenpolitische Ansehen der DDR. Ein Anschlag in Mitten der Hauptstadt der DDR, würde unserem Land schweren Schaden zufügen. Darum musste ein Anschlag unter allen Umständen verhindert werden!
In die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen wurden nicht nur diplomatische Objekte der USA, sondern auch die Groß Britanniens aufgenommen, da sich britische Bombenflieger an den Angriffen beteiligt hatten.

Während dessen liefen beim Diensthabenden in der Wache Blankenfelde lange Fernschreiben ein. Das „ Kommando Kaulsdorf“ verlangte die sofortige Einleitung verstärkter Sicherheitsmaßnahmen an allen diplomatischen Einrichtungen der USA und Groß Britanniens. Also nicht nur der ohnehin intensiv bewachten Botschaften und Residenzen, sondern auch der Wohnhäuser.

Oberleutnant Gottmann, dessen Telefon an diesem Vormittag schier pausenlos klingelte, standen die Haare zu Berge. „ Macht euch schon mal darauf gefasst, dass wir demnächst in einen geteilten „ Zwei-Hälften-Dienst übergehen werden“, hatte ihn der „ Operative Diensthabende“ aus dem „ Kommando“ vorgewarnt. Gottmann wusste, was das bedeutete: der ein ganzes Jahr im Voraus geltende, einem immer wiederkehrendem Rhythmus unterliegende Dienstplan, war nichts mehr als wertlose Makulatur. Ihm und den anderen Wachabteilungsleitern, würde nicht viel Zeit bleiben, um in aller Eile eine Art „ Notplan“ zu erstellen. Als erstes würde er jedoch die Posten an den in Frage kommenden Residenzen verstärken.

Dann klingelte das Telefon erneut. Wieder meldete sich der „ ODH“ aus dem Kommando. Diesmal klang die sonst so gemütliche Stimme des altgedienten Majors aus der Zentrale auffallend ärgerlcih:
„ Genosse Oberleutnant, ich habe soeben eine Beschwerde aus dem MfS bekommen. Einer der Posten an der USA-Residenz, soll den Einsatzkräften der Staatssicherheit verwehrt haben, dass diese dort ein Fahrzeug zur Observation des Residenzgebäudes abstellen. Der Posten soll die Genossen vom MfS regelrecht verjagt haben. Mensch Oberleutnant, was hast du denn für Trottel in deiner Truppe? Der Kerl muss dort sofort weg! “ „ Zu Befehl, Genosse Major“, murmelte Gottmann tonlos in den Hörer seines Telefons.

Obwohl sich der Oberleutnant beim besten Willen nicht vorstellen konnte das sich ausgerechnet die Staatssicherheit von einem WKM-Posten „ den Schneid abkaufen lies“, zögerte er keine Sekunde dem Befehl nachzukommen. Gottmann konnte sich nämlich denken, welchen von den beiden, dort handelnden Posten, er den Anpfiff aus Kaulsdorf verdankte: den gutmütig trotteligen Oberwachtmeister Schneider. Der Sohn eines höheren Offiziers des „ Organs Strafvollzug“ galt innerhalb der Wachabteilung als ein extrem langsamer Denker. Dem Oberwachtmeister, an sich kein unangenehmer Zeitgenosse, fiel es schwer bestimmte Handlungsabläufe rechtzeitig zu erkennen und daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Was war an diesem Vormittag vor der Residenz des USA-Botschafters in Berlin-Niederschönhausen geschehen?
Ein vierköpfiges MfS-Kommando hatte den Auftrag bekommen, in einem Lada-Kombi, direkt neben dem Haupteingang der Residenz, Posten zu beziehen und damit, für jedermann, also auch für etwaige Terroristen, sichtbare Präsenz zu zeigen. Zuvor waren die MfS-Mitarbeiter vom Diensthabenden telefonisch angekündigt worden. Das „Problem“ bestand darin, dass der ausgewählte Standplatz eventuell die Müllabfuhr behindern könnte. Zumindest nach Meinung von Oberwachtmeister Schneider, dem selbst die Aufforderung seines Postenführers, „doch endlich die verdammte Schnauze zu halten“, nicht davon abhielt sich mit den „ MfS-lern“ anzulegen. Was bei Schneider eher unterwürfig-trotzig rüberkam. Wie Ein Kind das seinen Eltern das ersehnte, jedoch hartnäckig verweigerte Spielzeug aus dem Kreuz leiern will. Ein Held ist nicht immer ein Held, auch wenn es auf dem ersten Moment so aussieht!

Gottmann grübelte sekundenlang, wie er das Problem bereinigen konnte. Dann fiel ihm die rettende Lösung ein: Hauptwachtmeister Siegbert Prahl, der zu den „Ablösern“ gehörte und gerade im Pausenraum Karten spielte, sollte Schneider ablösen.
Da gab es aber noch ein Problem: irgendjemand musste den Nebeneingang der Residenz „verposten“. Den so genannten, nur bei „ besonderen Lagen“ besetzten „ Posten 152“. Und das war nun einmal eine „ besondere Lage“!

Irgendwie muss die Wahl dabei auf mich gefallen sein. Nichts ahnend, noch immer auf das Erscheinen von Clodomiro Almeyda wartend, spazierte ich durch meinen „Abschnitt“. Den selbst ein extrem kurzsichtiger mühelos hätte überblicken können. Plötzlich hielt der Funkstreifenwagen neben mir. Aufgeregt winkte mir Brennstuhl zu, während ein sich der behäbige VP-Meister Schulze aus dem Polster quälte. „ Los einsteigen“, bellte Brennstuhl. „ Der Genosse Schulze übernimmt ab sofort den Posten hier. Auf dich wartet eine Sonderaufgabe.“

Die Mitteilung erleichterte mich zunächst. Hatte ich doch, auf Grund des unwirschen Befehls, Ärger vermutet.
Kaum saß ich im Fond des Streifenwagens, legte der Fahrer den Gang ein und brauste davon. Neben mir saß der baumlange Siegbert (Siggi) Prahl. „ Mach dir nichts draus, ich weiß auch nicht was los ist“, bemerkte Siggi trocken.

Geheimnisvoll drehte sich Brennstuhl zu uns um. Obwohl wir im Streifenwagen nun wirklich keine unbefugten Mithörer befürchten mussten, sprach er mit gedämpfter Stimme: „ Uns liegen gesicherte Erkenntnisse vor, dass ein Attentat auf eine diplomatische Einrichtung der USA, hier bei uns in Berlin, unmittelbar bevorsteht. Was ein solches Attentat für das Ansehen unserer Republik und den Weltfrieden bedeutet, brauche ich euch wohl nicht zu erklären. Darum müssen wir ab sofort die Sicherheitsvorkehrungen an den Objekten der USA und von Groß Britannien erhöhen. Auf euch wartet eine verantwortungsvolle Aufgabe, Genossen. Enttäuscht uns nicht!“

Über eine Kopfhaut liefen tausende von Ameisen. Tief in meinem Inneren breitete sich ein Mix aus neu erwachter Abenteuerlust und gelindem Schrecken aus. Der Frust über den Einsatzort Pankow, schien auf einem Mal wie weggeblasen. Mein Staat braucht mich, setzt Vertrauen in meine Person. So weit, so gut, so einfältig! Dass ich, weder physisch noch sonst wie in der Lage war gegen Terroristen anzutreten, spielte in meinem Denkschema keine Rolle. Ebenso wenig wie die Überlegung, dass der Genosse Brennstuhl möglicherweise „ etwas dick aufgetragen haben könnte“.
Sollte ich nun wider Erwarten, doch zu meinem Abenteuer kommen?

Der Streifenwagen hielt zunächst am Haupteingang der USA-Residenz. Einer von einem hohen eisernen Zaun umgebenen früheren Villa eines Berliner Möbelfabrikanten.
„ Schneider, du Unglücksbursche! Scher dich sofort in den Streifenwagen“, bellte Brennstuhl den unglückseligen, vor lauter Schreck regelrecht zusammenzuckenden Oberwachtmeister an.
Siggi übernahm derweilen dessen Posten. Weiter ging es zu dem in einer Nebenstraße gelegenen zweiten Eingang zum Residenzgelände. Einem großen, verschlossenen Eisengittertor.
„ Genosse Bräuning, du beziehst hier Standposten. Du wirst dafür sorgen, dass niemand, außer dem Botschafter und dessen Gattin, durch dieses Tor geht. Unter keinen Umständen darfst du dich hier weg bewegen. Hast du mich verstanden Genosse?“
Und ob der Genosse Bräuning verstanden hat! Pflichtbewusst, den Rücken kerzengerade in die Höhe gereckt wie ein preußischer Leibgrenadier, pflanzte ich mich vor dem Tor auf. An meiner linken Schulter baumelte das Sprechfunkgerät, aus dem hin und wieder kurze Satzfetzen an mein Ohr drangen. Zumeist „ Toni sowieso-Kommen Sie über Draht!“
Wie bereits in „ Mitte“ wurde auch hier im Bereich Pankow fast ausschließlich über Telefon kommuniziert. Wegen der nur wenige Kilometer Luftlinie entfernten „ Lauscher des Klassenfeindes“. Berlin war eine Frontstadt im " Kalten Krieg".

Zunächst glaubte ich noch an den bevorstehenden, planmäßigen Feierabend. Gegen 12:30 Uhr leuchtete die über dem Postenhäuschen angebrachte Lampe, womit üblicherweise ein Telefonanruf signalisiert wurde. Zu diesem und nur zu diesem Zweck durfte ich das Postenhaus überhaupt betreten, wie mir Brennstuhl gesagt hatte.
Gab es etwa neue Erkenntnisse wegen des „bevorstehenden Anschlags“? Voller Anspannung schloss ich die Tür auf, hob den Hörer von der Gabel und meldete mich mit der Nummer des Postens.

Gottmann befand sich am anderen Ende der Leitung. „ Genosse Bräuning, bis auf weiteres wird es keine Ablösung geben. Wir mussten den Plan umstellen und ab sofort in Zwölf-Stunden-Dienst übergehen. Sie werden frühestens um 19:00 Uhr abgelöst werden können. Trösten Sie sich, den anderen Genossen geht es genauso.“ „ Bleibt es denn bei dem freien Wochenende?“ Gottmann schwieg zunächst, lachte dann jedoch bitter auf. „ Freies Wochenende? Genosse Bräuning, wie können Sie denn in einer Situation wie dieser an ein freies Wochenende denken? Oberst Tuszek hat für den gesamten Bestand des WKM bis auf weiteres eine Dienstfrei und Urlaubsperre verhängt. Das bringt der Dienst in den Schutz und Sicherheitsorganen so mit sich!“

Erst jetzt wurde mir das gesamte Ausmaß der Situation so richtig bewusst. Zum ersten Mal dämmerte mir, was die „ brisante Lage“ konkret für meine Person bedeutete: ich würde, abzüglich der Pausen, von nun täglich und natürlich auch in den Nächten, acht bis zehn Stunden wie ein Zinnsoldat vor dem Tor hier stehen! Falls nicht irgendetwas Schwerwiegendes passieren sollte.

Noch immer glaubte ich an den Sinn der mir gestellten Aufgabe. Mir hing der Magen zwar allmählich in den Kniekehlen, aber solche Situationen kannte ich noch zur Genüge aus meiner Militärzeit. „ Ein leerer Magen erhöht die Überlebenschancen bei einem Bauschuss“, pflegte Unteroffizier Kallweit, mein damaliger Gruppenführer, stets zu sagen. Ich versuchte mich mit der Erinnerung an die noch nicht ferne Armeezeit über das Hungergefühl hinweg zu trösten. Fatalerweise herrschte im Kühlschrank in der Unterkunft gähnende Leere. Den Einkauf wollte ich, nach dem Bibliotheksbesuch, heute Nachmittag abwickeln. Bis ich wieder im Wohnheim war, würde die Kaufhalle im Biesdorfer Kornmandelweg längst geschlossen haben. Ebenso wie die Kantine des Wohnheims. Verdammte Scheiße aber auch!

Die Stunden vergingen. Nichts geschah. Außer das die Familie welche das schmucke Eigenheim gegenüber der Residenz bewohnte, von der Arbeit nach Hause kam.
„Oh, was ist denn heute los?“, wunderte sich die zur Familie gehörige Frau, eine nette Endvierzigerin, „ sonst steht doch hier keiner von euch?“ Um sich die Antwort gleich selbst zu geben: „ Aber das dürfen Sie mir ja bestimmt nicht sagen.“ Die Frau zwinkerte mir freundlich zu. Wer so lange in direkter Nachbarschaft zu einem hochwichtigen diplomatischen Objekt und dessen grünuniformierten Bewachungskräften lebte, erwartet auf gewisse Fragen keine Antworten mehr.
Ich flüchtete mich in das übliche verlegene Grinsen, das mich stets bei unangenehmen Fragen überkam. Was hätte ich der Frau aber auch sagen sollen? Das hier möglicherweise bald ein Terrorkommando vorfährt und alles in die Luft jagt? Für diesen Akt von Geheimnisverrat hätte man mich im WKM „gevierteilt“. Da stellte das unverfängliche Grinsen noch die beste Variante dar. „ Gelernte DDR-Bürger“ wussten dieses Grinsen ohnehin zu deuten und verzichteten auf weitere Fragen.

Hin und wieder verließ einer der im Lada vor dem Haupteingang ausharrenden MfS-Mitarbeiter das enge Gefährt „ um sich seitwärts in die Büsche zu schlagen“. Büsche gab es hier jedenfalls genug. In unmittelbarer Nähe der Residenz breitete sich eine dicht bewachsene Brachfläche aus. Die, nicht nur zum Verrichten der Notdurft, sondern auch Terroristen zur unbemerkten Annäherung dienen konnte. Die vorbei gehenden Stasi-Männer bedachten mich kaum eines Blickes. Den Posten am Haupteingang erging es nicht anders. Erst Wochen später, im Verlauf des Einsatzes, entwickelten sich lockere Gespräche zwischen den Einsatzkräften von WKM und MfS. Auf die anfängliche Arroganz angesprochen, berichtete ein junger MfS-Mitarbeiter, dass ihnen von den Offizieren untersagt wurde, mit den Volkspolizisten zu reden. Das änderte sich erst, nachdem das MfS-Kommando lediglich von einem Berufsunteroffizier geführt wurde.

Endlich, gegen 19:00 Uhr, erschien die Ablösung. Die Posten der Nachtschicht trugen, zumindest an den „ brisanten Objekten“, statt der „ Makarow-Pistole“, Maschinenpistolen vom Typ „ PM 63“. Ein untrügliches Zeichen für die Brisanz der Lage.
Nach Dienstschluss beraumte Gottmann noch eine kurze Versammlung ein. An der auch Oberstleutnant Wagner, der Leiter der Wache Blankenfelde, teilnahm.

Pathetisch appellierte der schlanke grauhaarige Dienststellenleiter persönlich noch einmal an die Wachsamkeit jedes einzelnen: „ Genossen, vor euch und euren Familien liegen schwere Wochen. Der von den USA und Groß Britannien zu verantwortende verbrecherische Bombenangriff auf die lybischen Städte, wird nicht ohne Folgen bleiben. Gewalt verursacht Gegengewalt. Nach unseren Informationen steht ein Anschlag gegen Einrichtungen dieser beiden führenden imperialistischen Staaten unmittelbar bevor. Die Wahrscheinlichkeit dass dieser Anschlag bei uns, in der Hauptstadt der DDR, durchgeführt wird, wird als sehr hoch angesehen. Wir müssen alles was in unseren Kräften steht dafür tun, dass gerade bei uns kein Attentat auf amerikanische oder britische Diplomaten passiert. Würde doch ein solches Attentat auf dem Boden der DDR möglicherweise einen willkommenen Anlass für gewaltsame Vergeltungsakte gegen unser Land darstellen. Oder anders ausgedrückt: Gestern sind Bomben auf Tripolis und Bengasi gefallen. Morgen schon könnten die Flugzeuge der USA ihre tödliche Last auf Berlin, Dresden oder Leipzig abwerfen.“

Der Oberstleutnant legte eine kurze Pause ein, wohl um die Wirkung seiner Worte zu beobachten. Die Worte schlugen, um beim Thema zu bleiben, „ wie eine Bombe ein.“ Kaum jemand, der nicht erbleichte. Einige wenige, wahrscheinlich die klügeren von uns, unterdrückten ein Lächeln.

Ja, wer nur ein wenig nachdachte, wusste dass der Wache-Leiter absoluten Blödsinn erzählte. Zumindest was die Gefahr eines Bombenangriffes auf die DDR nach einem etwaigen Terroranschlag betraf. Mit solchen „ Mätzchen“ versuchte die WKM-Führung lediglich die Wachsamkeit des in Routine erstarrten Personals zu pushen. Das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchschauen, einige andere waren da schon viel weiter, wie sich noch zeigen sollte.

Ein Terroranschlag in Berlin hätte jedoch immense Folgen für das internationale Ansehen der DDR gehabt. Schließlich träumte Erich Honecker von einem Staatsbesuch in Washington. Da wäre der nicht erfüllte Wunsch des USA-Botschafters Francis Mahane „ alles für die Sicherheit seiner Diplomaten in der DDR zu tun“, doch „etwas kontraproduktiv“ gewesen.

Auf jeden Fall gestaltete sich der Dienstplan von nun an sehr überschaubar: Zwölf Stunden Tagschicht-vierundzwanzig Stunden frei, zwölf Stunden Nachtschicht-vierundzwanzig Stunden frei-zwölf Stunden Tagschicht…….. und so weiter und so fort.
Und was wurde aus dem unglücklichen Oberwachtmeister Schneider? Er „durfte“, obwohl das sich das WKM quasi „ im Kriegszustand befand“, bereits wenige Tage später in seine ehemalige Dienststelle nach Dresden zurückkehren. Sein Gesuch nach Verlängerung der Dienstzeit beim WKM um weitere drei Jahre, wurde von Gottmann brüsk zurückgewiesen. Im Missionsschutz, der bekanntlich unter Personalknappheit litt, eigentlich ein Unding!

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


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zuletzt bearbeitet 15.06.2015 17:31 | nach oben springen

#265

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.06.2015 18:15
von Lutze | 8.035 Beiträge

Über Oberwachtmeister Schneider war bestimmt so mancher traurig,
nach dem Motto-mal schauen was dieser als nächstes anstellt,
habt ihr Ihn vermisst?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#266

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.06.2015 18:19
von hundemuchtel 88 0,5 | 2.492 Beiträge

Sehr gut und flüssig geschrieben Uwe und außerdem noch sehr interessant, Danke.

gruß Bernd


ABV hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#267

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.06.2015 18:24
von Kalubke | 2.298 Beiträge

Es macht immer wieder Freude Deine Beiträge zu lesen. Bin verblüfft wie viele Details über die Situationen und Personen Du nach so langer Zeit noch parat hast. Die Logik: "US-Bomben auf Ostberlin im Falle eines dortigen terroristischen Anschlages!" war ja wirklich ziemlich krude. Konnte mir auch mit einem Schmunzeln bildlich vorstellen, wie bei den WKM-Vorgesetzten die "Kernschmelze" eingesetzt hat, als Wachmann Schneider in treuer Pflichterfüllung das MfS von seinem Beobachtungspunkt vertrieb.

Gruß Kalubke



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zuletzt bearbeitet 15.06.2015 18:33 | nach oben springen

#268

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.06.2015 19:44
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #265
Über Oberwachtmeister Schneider war bestimmt so mancher traurig,
nach dem Motto-mal schauen was dieser als nächstes anstellt,
habt ihr Ihn vermisst?
Lutze


Ich habe ihn ja kaum kennengelernt. Auf dem ersten Blick hätte man ihn ja sogar einen "Helden" nennen können. Allerdings war das Handeln der MfS-Kräfte mit dem USA-Botschafter im voraus abgesprochen gewesen. Zumindest erfolgte die Anwesenheit der Staatssicherheit in seinem Interesse. Schneider wusste darüber ebenfalls Bescheid, so dass sein Auftritt einfach nur idiotisch war. Er hatte sich an eine, an diesen Tagen außer Kraft gesetzte Weisung gehalten, dass niemand vor dem Haupteingang parken durfte. " Niemand" war in seinen Augen auch die Staatssicherheit. Aber die war ja zum Schutz der Residenz und nicht " zum Vergnügen" dort.

Gruß Uwe


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#269

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.06.2015 19:47
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #267
Es macht immer wieder Freude Deine Beiträge zu lesen. Bin verblüfft wie viele Details über die Situationen und Personen Du nach so langer Zeit noch parat hast. Die Logik: "US-Bomben auf Ostberlin im Falle eines dortigen terroristischen Anschlages!" war ja wirklich ziemlich krude. Konnte mir auch mit einem Schmunzeln bildlich vorstellen, wie bei den WKM-Vorgesetzten die "Kernschmelze" eingesetzt hat, als Wachmann Schneider in treuer Pflichterfüllung das MfS von seinem Beobachtungspunkt vertrieb.

Gruß Kalubke


Die These mit den " Bombenangriffen auf die DDR" war wohl ein psychologischer Trick der Führung, um die Moral zu stärken. Selbstverständlich konnten sich die verantwortlichen Offiziere an allen zehn Fingern abzählen, das auf Dauer die Wachsamkeit kaum aufrecht zu erhalten ist. Zumal ja, wie sich noch zeigen wird, der Dienst an den Residenzen als nervtötendes, nichts desto Trotz eintöniges, stinklangweiliges Einerlei entpuppte.
Da musste man schon mal " tief in die Propagandakiste greifen", um die Posten bei Laune zu halten.

Gruß an alle
Uwe


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#270

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 15.06.2015 19:53
von 94 | 10.792 Beiträge

Schonema Glückwunsch zum 4tausender.


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#271

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 16.06.2015 13:28
von andy | 1.199 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #264
Bombenstimmung in (Ost)-Berlin

... Einer der Posten an der USA-Residenz, soll den Einsatzkräften der Staatssicherheit verwehrt haben, dass diese dort ein Fahrzeug zur Observation des Residenzgebäudes abstellen. Der Posten soll die Genossen vom MfS regelrecht verjagt haben. Mensch Oberleutnant, was hast du denn für Trottel in deiner Truppe? Der Kerl muss dort sofort weg! “ „ Zu Befehl, Genosse Major“, murmelte Gottmann tonlos in den Hörer seines Telefons...


Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe




Vielleicht war der Junge aber auch einfach nur clever und suchte nach einer Möglichkeit, dem Hamsterrad zu entkommen, was ihm dann ja auch gelungen ist


andy


Komm, wir essen Opa. Satzzeichen können Leben retten.
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#272

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 16.06.2015 16:10
von ABV | 4.202 Beiträge

Nee Andy. Clever war der unter Garantie nicht. Eher verdammt einfältig und außerdem " im Hamsterrad WKM" eigentlich gut aufgehoben....

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Uwe


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#273

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 16.06.2015 18:51
von Fritze | 3.474 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #272
Nee Andy. Clever war der unter Garantie nicht. Eher verdammt einfältig und außerdem " im Hamsterrad WKM" eigentlich gut aufgehoben....

Gruß an alle
Uwe


Na ,das ist nicht unbedingt bewiesen Uwe ! Du hast ja geschrieben ,daß Du ihn kaum kennengelernt hast ! Und Kommentare anderer sind oft ein schlechtes Mittel um jemanden richtig kennenzulernen !
Schon bei Kaisers Zeiten hiess es "Ein bissl dumm sein hat sich oft bewährt " !
Ich kannte auch einen VP-Hauptwachtmeister ,welcher einen Versetzungsantrag von Neubrandenburg nach Greifswald gestellt hatte .Seine Frau kam von dort .Da Neubrandenburg als Bezirksstadt nicht mit Kräften gesegnet war ,wurden seine Anträge immer abgelehnt !
Da entwickelte er eine leichten Schlendrian und sein Engagement ging gegen Null . Promt schob man ihn ab . Da dachte son Schlauer in der BDVP,den stecken wir zum Objektschutz nach Lubmin ins KKW.
Da hat sich aber Einer ins Fäustchen gelacht !

MfG Fritze


"Das kann doch überhaupt nur jemand nicht wissen ,der entweder vollkommen ahnungslos ist ,oder ,oder jemand der also bösartig ist !"

"If you get up and walk away, leave the past behind, go ahead and take a ride ,no telling what you find ! "
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#274

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 13.07.2015 19:20
von ABV | 4.202 Beiträge

Zwischen Euphorie und Langeweile

Eine Woche ging der „ Spaß“ nun schon. Unser Auftrag lautete „ ein Übergreifen des Konfliktes zwischen der USA und Libyen auf das Staatsgebiet der DDR zu verhindern.“ Mit dieser martialischen Formel endete ab jetzt jede Einweisung. Wir zogen nicht auf Posten, sondern in den Krieg. Oder besser gesagt: wir sollten einen Krieg verhindern. Und zwar den 3. Weltkrieg!

Selten war der Kontrast zwischen Anspruch und Realität größer, als in jenen Tagen. Vor allem für mich. Zwölf Stunden dauerte eine Schicht. Zwölf Stunden abzüglich zweier Pausen von jeweils zwei Stunden, was einer „ Nettostandzeit“ von acht Stunden entsprach. Immer noch lang genug. Mir standen nur wenige Meter links und rechts des Tores als „Auslauf“ zur Verfügung. Die Straße vor der dem Hintereingang der Residenz bot keinerlei Abwechslung. Nach einer Weile drückte der Riemen des Funkgerätes. Auf Dauer wog die Maschinenpistole gefühlte fünfzig Kilometer.

Was waren schon die physischen Belastungen im Vergleich zur unendlichen Langeweile des Dienstes?
Wie bringt man viele Stunden sinnlosen Herumstehens hinter sich, ohne bekloppt zu werden? Gestandene „ WKM-ler“ schmökerten gewöhnlich dicke Bücher oder hörten Radio. Nur das die Zeit vergeht. So viel hatte ich in den wenigen Tagen in der Wache Blankenfelde bereits gelernt. Mit Polizeidienst hatte das ganze kaum etwas zu tun.

Aber selbst diese, freilich verbotenen Hilfsmittel, standen mir als Standposten nicht zur Verfügung.
Zuerst zählte ich die einzelnen Zaunfelder. Dann die Gehwegplatten in meinem kurzen „Streifenbereich“.
Irgendwann begann ich mir in Gedanken Geschichten zu erzählen, oder irgendwelche Begebenheiten ins Gedächtnis zurückzurufen. In Ermangelung eines Radiogerätes summte ich, wieder in Gedanken, meine Lieblingshits.
Ein Stein diente mir als „Fußball“. Ich spielte die gesamte DDR-Oberliga rauf und runter. Mal gehörte ich zu dieser, dann zu jener Mannschaft. Mal gehrte ich zu den Siegern, mal zu den Verlierern.

War der Dienst am Tag noch einigermaßen erträglich, gestalteten sich die Nachtschichten zu einer absoluten Qual. Immer wieder gingen im Frühjahr 1986 heftige Regenschauer auf Berlin herunter. Der grüne Postenmantel schaffte nur wenig Abhilfe. Zur Müdigkeit und den schmerzenden Gliedern, kam jetzt auch noch eine unangenehme, feuchte Kälte.

Den anderen beiden Posten, vorn am Haupteingang, ging es auch nicht viel besser. Immerhin sorgten der Straßenverkehr und gelegentlich vorbei kommende Passanten, für ein wenig Abwechslung im Einerlei. Außerdem konnten sie sich miteinander unterhalten. Jedenfalls solange, bis der Gesprächsstoff ausging.

Da hatten es die Jungs vom MfS schon besser. Zu viert hockten sie im Lada, den sie nur zum Pinkeln verließen. Darüber hinaus erhielten die Einsatzkräfte der Staatssicherheit Sonderverpflegung; Südfrüchte, Bonbons, Bockwurst oder Bouletten. Spätestens gegen Mitternacht fiel das Quartett geschlossen in den Tiefschlaf. „ Kollegial behütet“ von den Genossen der Volkspolizei.

Für die einzige Abwechslung sorgten die Pausen. Bei Bockwurst oder Spiegelei, konnte man sich wenigstens unterhalten. Es kam jedoch auch vor, dass ich die Pause einsam in der Küche verbrachte, während die anderen im Raucherzimmer Karten spielten. Ich habe noch nie gerne Karten gespielt, schon gar nicht um Geld. Erstaunlich, welche Summen hier jedes Mal über den Tisch gingen. Genauso erstaunlich, dass niemand von den Offizieren Anstoß daran nahm, dass in einer Dienststelle der VP dem Glücksspiel gehuldigt wurde. Der lange Siggi, der vorn am Haupteingang der USA-Residenz Dienst tat, gehörte regelmäßig zu den Verlierern. Ebenso regelmäßig pumpte er die anderen aus der Abteilung um Geld an. Das er kaum jemals zurückzahlte. Zumindest nicht in Bar. Siggi lud die Gläubiger lieber zum Umtrunk in der eigenen Wohnung ein. An diesen Saufgelagen nahm auch Siggis Frau teil, die dann dem Gast, quasi zur Begleichung der Schuld, „angeboten“ wurde.

Klaus, der Stammposten an der USA-Residenz, nahm diese besondere Form der Schuldenbegleichung angeblich besonders gerne in Anspruch. Trotz seiner fünfunddreißig Jahre war er noch immer Junggeselle. Was, nicht zuletzt, seinem heruntergekommen Erscheinungsbild geschuldet war. Trübe Augen, ein rundes aufgedunsenes Gesicht und ein gelbbraunes, schadhaftes Gebiss, zeugten vom jahrelangen Alkohol und Nikotinmissbrauch. Anderswo als hier in der Wache Blankenfelde, hätte man Siggi und Klaus längst aus dem Verkehr gezogen. Diese Wache war offenbar eine Art Refugium für gescheiterte Volkspolizeiexistenzen.


Im Anschluss an eine Tagschicht lies der Dienststellenleiter überraschend, die gesamte Wachabteilung in den Schulungsraum einrücken.
Hundemüde, die Knochen vom langen Stehen schmerzend, hockte ich auf einen der Stühle. Oberstleutnant Wagner erschien wieder einmal, wie so oft in diesen Tagen, vor der Truppe. An normalen Tagen, in normalen Zeiten, wäre der Offizier um diese Zeit längst zu Hause gewesen.

„ Achtung“ , brüllte Gottmann bei seinem Eintreten. Wenig militärisch, die müden Gesichter voller Unmut, quälte sich die Belegschaft aus den Polstern. Nach so vielen Stunden im Dienst stand niemand mehr der Sinn nach kernigen Reden.
„ Genosse Oberstleutnant, der Bestand der 4. Wachabteilung ist außerordentlichen Dienstversammlung angetreten“, meldete unser „ WAL“ dem Dienststellenleiter.

Befriedigt in die Runde schauend, bedankte sich der Offizier, ehe er die Erlaubnis zum Hinsetzen erteilte.
Wie erwartet, referierte Wagner zunächst über die Notwendigkeit der momentanen verstärkten Sicherheitsmaßnahmen. Zwischen den üblichen Worthülsen fiel ein Satz, der uns aufhorchen ließ:
„ Damit ihr wisst wie brisant die eingetretene Lage ist-der Genosse Erich Honecker besteht darauf , alle zwei Stunden über die Situation an den diplomatischen Objekten der USA und Groß Britanniens informiert zu werden. Genossen, das kleinste Vorkommnis kann einen neuen Weltenbrand entfachen. Der Gegner wartet doch nur darauf, damit er einen Grund hat die sozialistischen Länder anzugreifen. Glaubt nicht, dass das was vor kurzem in Tripolis und Bengasi passiert ist, nicht auch bei uns geschehen kann. Wer die Geschichte der USA und deren Kriege verfolgt, der weiß auch, dass inszenierte Gründe für einen Krieg zu deren Spezialitäten gehören. Ich denke da nur an das Schicksal unseres vietnamesischen Brudervolkes.“
Dem Genossen Honecker wird jede zweite Stunde Bericht über die Lage an den diplomatischen Objekten erstattet? Dieser Gedanke fraß sich tief in mein Gehirn ein, sorgte für leises Erschauern, um dann wieder in leichte Zweifel umzuschlagen. Denn, wenn es an irgendeinem der Objekte tatsächlich „knallen“ sollte, wäre Honecker wohl einer der ersten der davon erfuhr! Warum sollte also der Generalsekretärin mit Fehlmeldungen gelangweilt werden. Andererseits…., vielleicht gab es ja doch noch etwas von dem wir subalternen Wachtmeister nichts wissen durften? Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr verwirrten sich meine Gedanken zu einem schier undurchdringlichen Knäul.

Oberstleutnant Wagner hatte an diesem Abend noch einen weiteren Trumpf im Ärmel: Prämien. Für „ besondere Leistungen“ wurden mehrere Wachtmeister mit einem Geldbetrag von 100 Mark ausgezeichnet. Ich gehörte zu den „ Auserlesenen“. Voller Stolz nahm ich die Ehrung entgegen. Vor allem die Worte „ besondere Leistungen“ schmeichelten meinem Ego, noch viel mehr jedoch der angeschlagenen Moral noch viel mehr. Woher sollte ich auch wissen, dass das Ganze zu einem ausgeklügelten psychologischen Maßnahmenplan gehörte, mit denen das WKM seine Männer „ bei der Stange hielt“, gehörte. Zuckerbrot und Peitsche! Die Peitsche gab es, unter derselben Begründung, für diejenigen denen das Gequatsche vom bedrohten Weltfrieden „ am Arsch vorbei ging“.

Bestraft wurde an diesem Abend jedoch noch niemand. Ein Polizist wollte wissen, ob wir mit Verstärkung aus anderen Dienststellen rechnen können? Ein anderer brachte die in Basdorf stationierte Bereitschaftspolizei ins Spiel. Wagner hörte geduldig zu, legte die Stirn in Falten und sagte: „ Genossen, so einfach ist das leider nicht. Ich sage das ganz offen und ehrlich-für den Einsatz an einem diplomatischen Objekt des Klassenfeindes, zumal der USA oder Groß Britannien, kommt nicht jeder in Frage. Nicht jeder Volkspolizist, von den Wehrpflichtigen in Basdorf ganz zu schweigen. Wir müssen erst eingehend prüfen, wer die hohen kaderpolitischen Anforderungen für den Dienst im WKM erfüllt.“
Diese Aussage verfehlte ihre Wirkung nicht. Wir, die Offiziere und Wachtmeister des Wachkommando Missionsschutzes gehörten also zur absoluten Elite der Deutschen Volkspolizei. Nichts anderes hatte der forsche Oberstleutnant damit angedeutet.

Von einer Sekunde auf die andere sah ich den öden Wachdienst in einem völlig anderen Licht. Höchstwahrscheinlich ging es den meisten anderen in diesem Moment ähnlich. Andere, die das Affentheater längst durchschaut hatten, behielten ihre Gedanken ohnehin lieber für sich.
Gegen 21:00 Uhr traf der WKM-Bus im Wohnheim ein. „ Kommt ihr noch mit auf einen Schluck Gerstensaft ins Bireska?“, wurden Ulli und ich von Obermeister Eckhard Heidenberg, den alle nur Ecki nannten, gefragt.

Euphorisch, noch immer unter dem Eindruck der „ Seelenmassage“ stehend, willigte ich ein. Ulli zeigte sich gleichfalls nicht abgeneigt.
Oben in der Wohnung angekommen, entledigten wir uns rasch der Uniform. Schnell noch ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht, dann ging es per Fahrstuhl wieder nach unten. Ecki wartete bereits, eine Zigarette rauchend, vor der Tür. Andere „Insassen“ des Wohnheims schlossen sich uns ebenfalls an.

Das „ Bireska“, eine gemütliche Gaststätte in der man auch gut speisen konnte, befand sich in der Oberfeldstraße, gleich neben der Kaufhalle, unweit des VP-Wohnheims. Und der Hochschule der „Deutschen Volkspolizei“, deren Kursanten ebenfalls regelmäßig dort einkehrten.
Ecki bestellte eine Runde Bier. „ Große oder kleine Gläser?“, erkundigte sich der junge dunkelhaarige Kellner augenzwinkernd. „ Natürlich Große“, antwortete der schnauzbärige VP-Meister Rainer Panzer. „ Aber nur aus Mitleid mit Dir. Schließlich wollen wir nicht, dass du zu oft wegen uns laufen musst.“

Breit grinsend nahm der Kellner die Bestellung auf. „ Weiß euer Innenminister was ihr so treibt?“ „Quatsch nicht dämlich, walte lieber deines Amtes du Pinguin“, konterte Panzer. Noch immer grinsend, begab sich der Kellner zurück zum Tresen. Ecki, Panzer und die anderen am Tisch gehörten hier zu den Stammgästen. Man kannte und akzeptierte sich eben.
Wenige Minuten später kehrte der Ober mit einer vollen „Trommel“ zurück. Ecki, der in der Abteilung als Gruppenführer fungierte, hob das Glas. „ Auf die Weltlage. Und darauf, dass dieser Scheiß Einsatz bald vorbei ist“, sagte er und stürzte das Bier hinunter.

Als sich Ecki kurz erhob, fiel mir auf, dass sein Hosengürtel die „ Stars and Strips“ der USA zierten. Keine Ahnung, wo er das gute Stück erworben hatte. Keine Ahnung, was er damit zum Ausdruck bringen wollte. Mein erstaunter Blick blieb ihm jedenfalls nicht verborgen. „ Schicker Gürtel, was? Ist doch nicht verboten!“
Nein, verboten vielleicht nicht. Aber an der Hose eines Volkspolizisten wirkte das Teil dann doch etwas deplatziert. Ecki kümmerte sich nicht darum. Im WKM arbeiteten offenbar seltsame, widersprüchliche Typen, dachte ich.

Die Gespräche drehten sich, fast zwangsläufig, um das Dienstgeschehen. Wir verfluchten die Amis, die uns diesen Scheiß eingebrockt hatten. „ Habt ihr gehört, wer in Ronald Reagans Augen der ideale US-Außenminister wäre?“, fragte Ecki in die Runde, um kurz darauf selbst die Antwort zu geben: „ John Wayne, wenn er noch leben würde. Alles Schauspieler, diese Amis.“
„ Glaubt ihr wirklich, dass uns die Amis bombardieren, falls es zu einem Anschlag in Berlin kommen sollte?“, fragte ich vorsichtig. Ecki zündete sich eine Zigarette an. „ Ich traue den Amerikanern grundsätzlich jede Sauerei zu. Aber das sie einen Weltkrieg wegen eines Attentats riskieren? Ich weiß es nicht.“

Im Verlauf des Gesprächs meldeten auch die anderen ihre Zweifel an. Wagners Worte verfingen bei den erfahrenen „WKM-lern“ offenbar weniger als von mir ursprünglich geglaubt. Dabei ging es weniger um die theoretische Möglichkeit eines Attentates auf dem Boden der DDR, als um die Folgen für den Weltfrieden.

Rainer Panzer brachte es auf den Punkt: „ Wenn in den nächsten Tagen tatsächlich in Berlin vor den Objekten der Amis oder Britten eine Bombe hochgehen sollte, dann rollen im WKM Köpfe! Hier geht es wohl mehr um das Ansehen der DDR als um den Weltfrieden. Irgendwie müssen die da oben ja verhindern, dass wir wie Nachts wie gewohnt in den Postenhäusern pennen. “
Je länger wir diskutierten, desto mehr verfestigte sich der Eindruck, dass die älteren Polizisten eine gewisse innere Distanz zu ihrem Dienst im WKM aufgebaut hatten.
Am Ende des Abends blieben für mich mehr Fragen offen, als dass diese beantwortet werden konnten. Frust und innere Zweifel kehrten schneller zurück als erwartet.
Woche um Woche ging ins Land. Nach einiger Zeit bekam ich einen zweiten Posten an die Seite gestellt. Dieser hatte, als Posten 152 / 1, die nördliche Umzäunung der Residenz zu bestreifen. Zweihundert Meter vor, zweihundert Meter zurück. Wir wechselten uns gegenseitig ab. Auf diese Art und Weise brauchte ich nicht mehr die gesamte Schicht vor dem Tor zu stehen. Zudem sorgten die Unterhaltungen für mehr Abwechslung. Hin und wieder nahm einer von uns, verbotswidrig, im Postenhaus Platz. Ganz erfahrene, gönnten sich gar in den Nächten hin und wieder ein kurzes Schläfchen. Ein ebenso einfaches wie ausgeklügeltes „ WKM-internes Warnsystem“ sorgte dafür, dass man dabei nicht von einem der ständig umher streifenden Gruppenführer oder gar einem Kontrolloffizier erwischt wurde. Erschien irgendwo jemand zur Kontrolle, dann warnte der zuerst kontrollierte Posten die anderen über Funk mit Klopfzeichen. Je deutlicher die Klopfzeichen, desto näher die Kontrolle. Man musste schon ausgesprochen dämlich sein, um bei einem Postenvergehen ertappt zu werden.

Bei den MfS-Kräften vor der Residenz vollzog sich ebenfalls ein Wandel. An die Stelle der Offiziere traten Berufsunteroffiziere und „ 3-ender“ einer in Blumberg stationierten Abteilung des Wachregimentes „ Feliks Dzerzynski“.
Diese zeigten sich weitaus gesprächsbereiter als ihre Vorgänger. Des Öfteren konnte man von nun an Zivilisten und uniformierte Volkspolizisten, einträchtig plaudernd, zusammen stehen sehen. Es kam sogar so weit, dass die „ Felikse“ ihre Sonderverpflegung mit uns Volkspolizisten teilten.

Bei den Gesprächen kam zuweilen auch kurioses ans Tageslicht: einmal wurden wir während der Einweisung, wie bereits im April, kurz vor dem „ La Belle-Attentat“, auf ein mysteriöses dunkles, mit arabisch aussehendes Auto hingewiesen. Bei dessen Auftauchen sollte sofort der Diensthabende verständigt werden.

So weit, so gut. Seltsamerweise wussten ausgerechnet die MfS-Kräfte nichts von dem seltsamen Auto! Wusste die VP mehr als die Staatssicherheit? Oder wollte man mit solchen Mätzchen lediglich unsere Wachsamkeit „ am Leben erhalten“?

In dieser Zeit ereignete sich das erste erwähnenswerte Vorkommnis am Postenpunkt 152: Wie bereits gesagt, bestand die einzige Aufgabe des Postens 152 darin zu verhindern, dass jemand anders als der Botschafter oder dessen Gattin den Hintereingang passiert. Wochenlang geschah nichts. Bis eines Tages ein Ford vor dem Tor hielt. Dem Ford entstieg ein uniformierter amerikanischer Soldat. „Open the door“, forderte er mich auf. Ich versuchte ihm, unter verzweifeltem Einsatz meiner während der Schulzeit erworbenen Englischkenntnisse klar zu machen, dass er den Haupteingang nutzen soll. „The ambassador has banned the use of this gate“, radebrechte ich. Im Fond des PKW hockte eine zweite Militärperson. Sichtlich verärgert, kurbelte der zweite Ami die Scheibe herunter. Er rief seinem Fahrer irgendetwas was ich als „ was ist los, warum macht der Idiot das Tor nicht auf?“, deutete. „This is a colonel in the US Army“, zischte der Fahrer mir drohend zu. Und ich bin Wachtmeister der Volkspolizei, dachte ich in einem Anflug mutiger Verzweiflung. „ Mensch, mach keinen Scheiß und lass die Amerikaner zum Tor hinein“, raunte mir mein zweiter Posten, der normalerweise in der Sportvereinigung Dynamo dem Boxsport nachging, zu. „ Halt dich raus und lass mich machen“, knurrte ich verärgert zurück. „You may not enter here. Please use the front entrance” beharrte ich stattdessen. „ Wie Sie wollen! Das wird Folgen für Sie haben“, blaffte der Fahrer, der plötzlich deutsch sprach, während mich der Oberst wütend anschaute.
Mein „ Gehilfe“ hatte es derweil vorgezogen, abseits vom Geschehen, an der Umzäunung, Streife zu laufen. Wenn schon, dann sollte ich den sich seiner Meinung nach anbahnenden Ärger allein bekommen.

Mit quietschenden Reifen fuhr der Ford davon. Keine Minute später stand der „Boxer“ wieder neben mir. Ich erstattete dem Diensthabenden sofort Meldung über das Vorkommnis. „ Sie haben genau richtig gehandelt, Genosse Bräuning“, meinte der Offizier anschließend zu meiner nicht geringen Erleichterung. „ Möglicherweise wollten die Amerikaner Sie nur testen. Wenn Sie das Tor geöffnet hätten, wäre der Botschafter morgen ins Außenministerium gestürmt um sich zu beschweren.“

Meine erste Bewährungsprobe hatte ich also bestanden. Richtig wohl war mir dennoch nicht. Wochenlange öde Langeweile, plötzlich kann einem eine falsche Entscheidung „ den Kopf kosten“. Und das nur weil ein amerikanischer Offizier „ Gott spielen“ wollte! Vielleicht wusste er es auch nur nicht besser. Eine Reaktion auf den abendlichen Vorfall, oder gar Konsequenzen ergaben sich aus dem Vorfall jedenfalls nicht. Weder in negativer noch in positiver Hinsicht. Eines wurde mir jedoch immer deutlicher bewusst: mit dem Dienst im WKM würde ich mich auf Dauer nicht identifizieren können!

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


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#275

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 13.07.2015 19:43
von Alfred | 6.848 Beiträge

Nur mal eine Frage.

Sollen dies alles Tatsachen sein oder gibt es da auch eine gewisse Freiheit in den Darstellungen ?


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#276

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 14.07.2015 09:56
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #275
Nur mal eine Frage.

Sollen dies alles Tatsachen sein oder gibt es da auch eine gewisse Freiheit in den Darstellungen ?


Alles was das dienstliche betrifft, die Sicherheitsmaßnahmen an der Botschaft, die Äußerungen über den " bedrohten Weltfrieden" und das sich Honecker alle zwei Stunden (angeblich) über die Lage an den Botschaften berichten ließ, sind wahr. Auch der Vorfall mit dem Colonel der US-Army vor der Residenz des USA-Botschafters hat sich tatsächlich abgespielt.
Das einige Dialoge, nach fast dreißig Jahren, nicht mehr 1:1 wiedergegeben werden können, dürfte wohl normal sein. An den Tatsachen selbst, ändert das wohl nichts.

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#277

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 14.07.2015 15:36
von ABV | 4.202 Beiträge

Übrigens: die Beschreibung der beiden Wachtmeister, inklusive der etwas ungewöhnlichen Art der Begleichung von Schulden, ist ebenfalls wahr. Auch wenn es nicht so klingen mag.

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#278

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 14.07.2015 15:41
von furry | 3.576 Beiträge

@ABV , da wart ihr so ein richtiges "Kollektiv der sozialistischen Arbeit".
Es wurden sich gemeinsam die Beine in den Bauch gestanden, gemeinsam gefeiert und vor allem brüderlich geteilt.
Das war doch mehr als 50 Mark im Jahr wert.


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
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#279

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 14.07.2015 16:52
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von furry im Beitrag #278
@ABV , da wart ihr so ein richtiges "Kollektiv der sozialistischen Arbeit".
Es wurden sich gemeinsam die Beine in den Bauch gestanden, gemeinsam gefeiert und vor allem brüderlich geteilt.
Das war doch mehr als 50 Mark im Jahr wert.


Wir waren eben schon ganz nah am Kommunismus

Gruß Uwe


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#280

RE: Aquarienpolizist-Meine Zeit im "Wachkommando Missionschutz Berlin"

in DDR Zeiten 14.07.2015 19:30
von Schakal | 271 Beiträge

Durfte man als Volkspolizist den Amis einfach "vorschreiben" welches Tor sie in ihre Botschaft/Residenz zu benutzen haben? Ansonsten mal wieder ne sehr lesenwerte Episode @ABV


--- Ex oriente lux.---
zuletzt bearbeitet 14.07.2015 19:30 | nach oben springen



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