#1

"Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 19:42
von Gelöschtes Mitglied
avatar

„Einer flog über das Kuckucksnest“ – Der Film von Miloš Forman lief gestern spät abends mal wieder auf „arte“. Anschließend folgte eine Dokumentation zu dem Film, zu den Schauspielern und zu der Location, also dem Drehort.

Ich habe den Film diesmal anders und sehr bewusst gesehen und lange darüber nachgedacht, ob ich hier zu dem Thema Psychiatrie in der DDR einen Thread aufmachen sollte. Das Thema war garantiert ein Tabu-Thema in der DDR und ist es heute noch, Psychiatrie, obwohl seit dem Fall Gustl Mollath mehr und mehr über psychisch kranke Menschen in der Gesellschaft und deren Unterbringung in mehr oder weniger geschlossenen Anstalten diskutiert wurde und wird.

Ich habe lange Jahre vor meiner Anmeldung in diesem Forum meinen innerlichen Frieden mit der DDR und ihrer unmenschlichen Seite, z.B. Stasi, Grenzbefestigungen, Bautzen, wo ich zum Glück niemals war, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, gemacht. Somit sind mir also auch die Themen, in denen ich mich hier einbringen konnte, recht leicht aus der Tastatur gefallen. Eine gewisse persönliche Aufarbeitung fehlt mir dennoch und zwar dieses Thema hier. Man sollte über die Dinge reden, vor denen man Angst hat zu reden.

Mein Vater wurde vor Stalingrad, 2 Wochen bevor der „Kessel“ geschlossen wurde, schwer verwundet und in ein der Front rückwärtig gelegenes Lazarett ausgeflogen. Er wurde von einem Granatsplitter getroffen, der in den Unterkiefer eindrang und am Hinterkopf irgendwie wieder austrat. Genaues dazu weiß ich aber auch nicht. Er sprach nur sehr selten davon. Diese Verwundung war sein Glück im Unglück, ansonsten wäre er, wenn er nicht gefallen wäre, für lange Jahre in Kriegsgefangenschaft geraten.

Über den Heilungsverlauf ist mir nichts bekannt. In den Jahren 45 und 52, mein Geburtsjahr, hatte er u.a. auch Arbeit als gelernter Facharbeiter, Karusseldreher, im VEB Schwermaschinenbau 7. Oktober in Berlin-Weissensee. Mit vielen Verbesserungsvorschlägen, fast auf Ingenieurs-Niveau, wurde er recht schnell als Aktivist ausgezeichnet. Er war ein sehr anerkannter, geschätzter Mensch, beruflich wie auch privat. Über seine künstlerischen Hobbys in der Freizeit schrieb ich ja gerade. Auch half er vielen Leuten bei der Reparatur ihres Motorrades oder ersten gebrauchten Autos, indem er in unseren Keller stieg und dort an seiner eigenen kleinen Drehmaschine Teile für die Kumpels fertigte, meist nur für ein Dankeschön.

Meine Mutter war die bodenständige, pommersche Kraftfrau, die aber für die schöngeistigen Dinge nicht so einen Draht hatte. Dafür lag ihre Stärke beim Durchbringen der Familie, eine unbeschreiblich wichtige Eigenschaft, ohne die nichts funktioniert hätte.

Jetzt folgt der Teil, den ich bisher immer ausgeklammert oder nur ansatzweise umschrieben habe. Ich schrieb, mein Vater musste sich des Öfteren langen Krankenhausaufenthalten unterziehen. Das stimmt soweit auch. Ein Jahr war er in Zepernick in der „Mottenburg“, wie damals die TBC-Klinik bezeichnet wurde. Darüber könnte ich ja noch locker schreiben, er war dann aber auch mehrfach in der „Irrenanstalt“, wie die psychiatrische Einrichtung in Eberswalde bei der Eröffnung (heute: Martin-Gropius-Klinik, Oderberger Straße) und später zu DDR-Zeiten ebenfalls genannt wurde. Es war mir immer sehr peinlich und als Kind hatte ich immer Angst, auch einmal so krank zu werden. Ich besuchte ihn mit jungen Jahren dort auch in der geschlossenen Anstalt. Später war er auch im St. Josephs-Krankenhaus in der Gartenstraße in Weissensee.

Jetzt habe ich erst einmal einen Anfang gemacht und fühle mich schon etwas gelöster. Einige Ausführungen muss ich dazu sicher noch machen. Danke zunächst für Eure Aufmerksamkeit. Wo anders sollte ich dies schreiben, als in einem Forum über die DDR.


Kalubke und DirkUK haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 21.01.2015 20:06 | nach oben springen

#2

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 19:52
von Gelöschtes Mitglied
avatar

So sah mein Vater aus, bevor er nach Stalingrad wandern musste. Das kleine Bärtchen habe ich ihm bereits im zarten Kindesalter angemalt. Ein Hang zur Satire war mir also quasie schon angeboren.



Kalubke hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 21.01.2015 19:59 | nach oben springen

#3

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 19:56
von Kalubke | 2.300 Beiträge

Hatte mal über einen spektakulären Fall gelesen: HIM "Donner" alias Hans Hubert Wax von der HA II/1 ("Hofkapelle", Innere Sicherheit MfS, früher A XXI), leitete in den 50ern die Gruppe "Donner", die im Westen operative Einbrüche, Rückführungen und Attentate durchführte. Er war es, der zusammen mit GM "Jürgen" alias Horst Hesse 1956 die komplette DDR-Agentenkartei des MID-HQ in Würzburg in den Osten geschafft hat und 1958 den NTS-Sender "Freies Rusland" in Sprendlingen bei Offenbach in die Luft sprengte. Der Coup in Würzburg war die Vorlage für den späteren DEFA-Film "For Eyes Only".Er ist während seiner zweijährigen Haft in die psychatrische Anstalt Waldheim eingeliefert worden. Er wollte 1972 dem MfS einen Computer für 2,5 Mio Mark verkaufen, der angeblich Daten des Mossad enthielt. War natürlich ein Fake und das MfS entsprechend stinkig. Aber verdient hatten sie es irgendwie, weil sie auch Kriminelle als IM rekrutiert hatten.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 21.01.2015 20:05 | nach oben springen

#4

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 21:12
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Wie weshalb warum? Ich habe mir im Laufe des Lebens dazu viele Gedanken gemacht und sogar einige Büchlein von Freud gelesen. Bevor ich aber zu den Einzelheiten kommen werde, einen rein politischen Background gab es bei meinem Vater nicht, obwohl Stalingrad ja Politik hoch 3 war, hier erst einmal 2 Links zum Einlesen:

http://www.zeit.de/1991/27/wecken-um-halb-vier

http://www.bebraverlag.de/verzeichnis/ti...in-der-ddr.html

Auch mal wieder kein Kuschel-Thema von mir hier im Forum. Ich habe die SuFu vorher befragt und konnte relativ sicher feststellen, das dieses Thema höchstens in einem oder zwei Threads angerissen wurde. Worauf @Kalubke gerade ansprach, wollte ich nicht hinaus. Dazu kann ich gar nichts sagen, ob Politische auch in die Klapse geschickt wurden. Passt aber sehr gut zu diesem Thread. Danke. Beim CVJM in Westberlin durfte ich psychisch gebrochene, junge Menschen aus der DDR, die aus den Gefängnissen freigekauft wurden, kennen lernen. "Uhrwerk orange" a la DDR. Man hat die Ware 'Mensch' vorher in ihrer Persönlichkeit zu zerstören versucht, was in Einzelfällen auch gelang, bevor sie an den Westen verschachert wurden, damit dieser keinen Nutzen mehr von ihnen hat. Ein ganz übles, schmutziges Kapitel der DDR-Geschichte, wo Humanität doch oberste Prämisse sein sollte. Ein Beispiel mehr für die ganze ideologische Schizophrenie dieses Systems.

Bei denen, die frei gekauften, hat man sich offenbar in vielen Fällen den Umweg über die Psychiatrie gespart. Es geht mir mehr auch um die ärztlichen Methoden in der damaligen DDR, wie weit waren die "Götter in weiß" Erfüllungsgehilfen? Von Elektroschocks, wie im Film von Forman, obwohl es die sicher auch gab, ist mir nichts genau und direkt bekannt geworden. Nein, man hat diese Menschen zwangsweise als Probanden für alle möglichen Medikamente, Psychopharmaka, unter dem Deckmäntelchen des Heilungsanspruches, benutzt. Sicher, aber auch sicher, das der Kenntnisstand auch in diesem Feld der Medizin damals ja noch ein ganz anderer war, als heute.


zuletzt bearbeitet 21.01.2015 22:48 | nach oben springen

#5

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 22:53
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Hmm, ein schwieriges Thema für eine Diskussion, da unter Umständen nur wenige Erfahrungen damit vorliegen bzw. nicht jeder bereit ist, darüber zu schreiben. Ich hatte 1985 eine Zeitlang mit der Station Sozialtherapie im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie in Leipzig Dösen zu tun. Die Besuche dort waren sicher nicht sehr erhebend. Ich sah auch einiges von anderen Stationen, kam auch mit Patienten ins Gespräch.

Aus den vorliegenden Links kann ich die Unterbringung in Schlafsälen bestätigen. Das war aber auch in den großen Kliniken in der Stadt nichts ungewöhnliches. Der Zustand von Sanitärräumen war in vielen öffentlichen Einrichtungen in der DDR beklagenswert, da oft das Material für die Instandhaltung oder Instandsetzung fehlte. Damit hat man sich arrangiert, das war nicht so ungewöhnlich.

Die Behandlungsmethoden in der Sozialtherapie erschienen mir in der damaligen Zeit nicht ungewöhnlich. Es gab medikamentöse Behandlungen und eine Reihe von Therapiesitzungen für die Patienten. Die meisten waren wegen Alkohol bzw. Alkohol und Tabletten da. In zwei mir bekannten Fällen war die Behandlung erfolgreich - bis heute! Seitens der Patienten habe ich keine Beschwerden gehört, vielleicht mal ein paar Bemerkungen zum Essen, aber im Großen und Ganzen kam da nichts Vernichtendes.

Aus meiner Zeit im Estradenchor (1977/79) sind mir auch Auftritte in psychiatrischen Einrichtungen (u.a. in Dösen) in Erinnerung. Programme zu Ostern oder Weihnachten gehörten da zum Standard. Schwierig wurde es für unseren Chorleiter, wenn er versuchte, ein paar seiner üblichen Scherze in die Ansagen einzubauen und diese durch Vereinfachungen dem seiner Meinung nach aufnahmeschwächeren Publikum mundgerecht zu machen. Er machte sich damit eher lächerlich und hätte das lassen sollen. Es war aber kein böser Wille dahinter.

Soviel erst einmal dazu von mir.
ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


damals wars hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#6

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 23:08
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von Rainman2 im Beitrag #5
Hmm, ein schwieriges Thema für eine Diskussion, da unter Umständen nur wenige Erfahrungen damit vorliegen bzw. nicht jeder bereit ist, darüber zu schreiben. Ich hatte 1985 eine Zeitlang mit der Station Sozialtherapie im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie in Leipzig Dösen zu tun. Die Besuche dort waren sicher nicht sehr erhebend. Ich sah auch einiges von anderen Stationen, kam auch mit Patienten ins Gespräch.

Aus den vorliegenden Links kann ich die Unterbringung in Schlafsälen bestätigen. Das war aber auch in den großen Kliniken in der Stadt nichts ungewöhnliches. Der Zustand von Sanitärräumen war in vielen öffentlichen Einrichtungen in der DDR beklagenswert, da oft das Material für die Instandhaltung oder Instandsetzung fehlte. Damit hat man sich arrangiert, das war nicht so ungewöhnlich.

Die Behandlungsmethoden in der Sozialtherapie erschienen mir in der damaligen Zeit nicht ungewöhnlich. Es gab medikamentöse Behandlungen und eine Reihe von Therapiesitzungen für die Patienten. Die meisten waren wegen Alkohol bzw. Alkohol und Tabletten da. In zwei mir bekannten Fällen war die Behandlung erfolgreich - bis heute! Seitens der Patienten habe ich keine Beschwerden gehört, vielleicht mal ein paar Bemerkungen zum Essen, aber im Großen und Ganzen kam da nichts Vernichtendes.

Aus meiner Zeit im Estradenchor (1977/79) sind mir auch Auftritte in psychiatrischen Einrichtungen (u.a. in Dösen) in Erinnerung. Programme zu Ostern oder Weihnachten gehörten da zum Standard. Schwierig wurde es für unseren Chorleiter, wenn er versuchte, ein paar seiner üblichen Scherze in die Ansagen einzubauen und diese durch Vereinfachungen dem seiner Meinung nach aufnahmeschwächeren Publikum mundgerecht zu machen. Er machte sich damit eher lächerlich und hätte das lassen sollen. Es war aber kein böser Wille dahinter.

Soviel erst einmal dazu von mir.
ciao Rainman



Habe vielen Dank für Deine Sicht. Ich habe diese natürlich mit großem Interesse gelesen. Deinen Eingangssatz sehe ich eben so. Was mir allerdings auffiel, ist.....das es wohl fast alles nicht so ungewöhnlich war. Daraus schlussfolgere ich, das man sich mit der Situation als gewöhnlich im Sinne einer Normalität angepasst hatte, anzupassen hatte. Man wusste es vielleicht auch nicht besser und konnte ja schlecht die sozialen Leistungen der DDR-Regierung in Frage stellen, was einem dann u.U. schnell als ungewollter "Kennenlerner" der Einrichtungen "ermöglicht" worden wäre. Die selbst schützende Anpassung in einer Diktatur ist eben auch nicht so ungewöhnlich. Meine Mutter sagte immer: "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier!" Ich selbst war ja auch noch so jung, hatte keine Vergleiche und für mich waren, erschienen viele Dinge auch gewöhnlich (selbstverständlich), noch nicht gewöhnungsbedürftig. Erst viele Jahre später in meiner gedanklichen Nachbearbeitung war es nicht mehr so gewöhnlich. Ich verstehe Dich aber und wollte auch gar keine Wortklauberei veranstalten, hast mir aber ein kardinales Stichwort geboten.

Gruß Reinhard

P.S.: Estradenchor????


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 00:04 | nach oben springen

#7

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 23:46
von Lutze | 8.039 Beiträge

ich denke auch,ein ziemlich schwieriges Thema @Reinhardinho,
vielleicht hilft dir das Filmmaterial auf you tube etwas weiter,
"die Hölle von Ueckermünde"
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
nach oben springen

#8

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 23:53
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von Lutze im Beitrag #7
ich denke auch,ein ziemlich schwieriges Thema @Reinhardinho,
vielleicht hilft dir das Filmmaterial auf you tube etwas weiter,
"die Hölle von Ueckermünde"
Lutze


Ja, das meine ich. Habe mich gerade mal ausführlich dort eingelesen, das Video schaffe ich heute nicht mehr:

http://www.helpster.de/die-hoelle-von-ue...07544#anleitung

Vielen, vielen Dank.

Gruß Reinhard

P.S.: Es muss ja nicht immer einfach sein. Einen Karneval-Thread hatte ich ja auch aufgemacht. Was ist schon einfach auf dieser Welt?


nach oben springen

#9

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 21.01.2015 23:54
von damals wars | 12.194 Beiträge

Ne Psychatrie dürfte auf Grund der Einschränkung der persönlichen Freiheit jeder als Hölle empfinden.
So wie ich das im Bekanntenkreis mitbekommen habe, spielt manchmal die Einsamkeit eine große Rolle.
Mancher verschließt sich halt, und dann wird es schwer. Solche Mehrgenerationenhäuser scheinen ne gute Lösung zu sein.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
nach oben springen

#10

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 00:32
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Klar, Psychologie, ist ein weites Feld und bestimmt unser ganzes Leben und hat so viele Facetten. Ich glaube dennoch, das dieser Thread ganz interessant zu werden verspricht. Jeder von uns hat seine persönliche Sicht zu seiner eigenen und zu der Psyche anderer. Eine Diskussion auf einer semi-philosophischen Ebene in Bezug auf die persönliche Entwicklung in der DDR. In Bezug auf meinen Vater habe ich ja eine ganze klare Vorstellung von seinem psychopathologischen Zustand in gewisser Zeit.

http://www.pflegewiki.de/wiki/Psychopathologischer_Befund

Wenn wir im Supermarkt einkaufen: Verkaufspsychologie. Wenn wir uns bewerben: Verhaltenspsychologie. Umgang mit unseren Enkelkindern: Pädagogische Psychologie und und und ....wenn wir uns beispielsweise hier im Forum streiten, den Gegenüber möglichst auch noch beleidigen, ist es psychologisch begründet. Wir werden nicht verstanden, obwohl wir uns im Recht fühlen, verstehen den anderen nicht und reagieren entsprechend. Wir schalten dann wider besseres Wissen auf die niedersten Instinkte um. Fast einfach.


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 00:53 | nach oben springen

#11

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 01:14
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Höhenangst. Meine kleine persönliche Analyse kommt zu einem einfachen, grundsätzlichen Schluss:

Alles im Leben hat Ursache und Wirkung.

Ich habe z.B. eine ausgeprägte Höhenangst und habe mir die Mühe gemacht, mir selbst die Frage zu stellen, woher diese Angst wohl kommen könnte. Andere Männer sind Dachdecker und spazieren in luftiger Höhe ohne jegliche Probleme. Ich bin weit zurück gegangen. Mein Vater hat mich bei einem Spaziergang zu unserer Autobahnbrücke einmal über das Geländer gehoben, mich von hinten fest gehalten und stand nur auf einem kleinen Absatz, allerdings die Arme meines Vaters um mich geschlungen, die weite Autobahn vor mir. Unendlich. Ich hatte große Ängste entwickelt. Das Ganze spielte sich aber noch am Anfang der Brücke ab und war nicht direkt über der Fahrbahn unter mir. Eine weitere Möglichkeit: Meine Mutter und ich kamen spät abends, aus Westberlin von ihrer Arbeit kommend, am Bahnhof Ahrensfelde an. Dort hatte sie ein Fahrrad mit einem Körbchen deponiert, welches vorn am Lenker montiert war. Das Fahrrad hatte damals natürlich kein Licht. Wo auch? Wo es hätte sein können, war ja mein Körbchen. Wir fuhren also die einsame Kopfsteinstraße am Blumberger Wald bei Mondlicht entlang. Es hatte vorher stark geregnet. Riesengroße Pfützen lagen vor mir aus meiner Sicht im Körbchen sitzend, in welchen sich das Mondlicht gespenstisch spiegelte. Unüberschaubar und furchterregend. Das sind meine erklärbaren Gründe meiner Höhenangst. Andere plausible Ursachen fallen mir nicht ein. Das es eine Ursache geben muss, ist mir klar. Ich glaube nicht, das es ein angeborener genetischer Fehler sein kann. Kindliche Unüberschaubarkeit einer vermeintlichen Gefahr als Auslöser einer Phobie? Ich denke ja und weis es nicht besser. Fast schon OT, soll aber erklären, wie sich manche Phobien dann letztlich in einer Psychiatrie wiederfinden könnten. Es geht aber in der ehem. DDR weiter und war nur etwas Grundsätzliches zu dem schweren Thema Psychologie anhand meiner eigenen Phobie und dem untergeordneten Thema Psychiatrie. Jede kleine Phobie gehört natürlich noch nicht in eine Psychiatrie und ist nur ein Beispiel für das breite Spektrum Psychologie.


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 01:52 | nach oben springen

#12

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 05:29
von DirkUK | 298 Beiträge

@Reihardinho
War dein Vater 1988 noch im WMK 7.Oktober beschäftig? Wenn ja müsste ich ihn noch kennen. Zumindest kenne ich die Karusseldrehmaschine an der er arbeitete denn an der Maschine hab ich 2 Jahre dran gearbeitet. War ein riesen Geschütz mit ca. 5m Planscheibendurchmesser.


nach oben springen

#13

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 06:48
von Harsberg | 3.248 Beiträge

Moin,

wer in der NVA gedient hat und mal zu Manövern in der Letzlinger Heide war, kennt möglicherweise den Ort Uchtspringe.

Dort war eine dieser "Anstalten". Wenn wir nach der Bahnentladung den Sammelraum bezogen, war das immer auf Höhe dieser Einrichtung. Und das dauerte öfters bis zu einer Stunde.

Man konnte es nicht verhindern, dass die Insassen an den Fenstern hingen und Sprüche und Zeichen losließen. Die geringsten waren noch der "Deutsche Gruß" und Persönlichkeiten des Dritten Reiches.

Das müssen dort Säle gewesen sein, in den die untergebracht waren, denn die tauchten immer an verschiedenen Fenstern auf.

Es hat auch niemand des Pflegepersonals Einfluss genommen, diesen Zustand zu ändern.

Junge Soldaten waren völlig erschüttert über diesen Zustand. Wir haben dann schon im Vorfeld die jungen Burschen eingewiesen über die dortigen Zustände.


Phantasie ist wichtiger denn Wissen, denn Wissen ist begrenzt!
nach oben springen

#14

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 08:26
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von DirkUK im Beitrag #12
@Reihardinho
War dein Vater 1988 noch im WMK 7.Oktober beschäftig? Wenn ja müsste ich ihn noch kennen. Zumindest kenne ich die Karusseldrehmaschine an der er arbeitete denn an der Maschine hab ich 2 Jahre dran gearbeitet. War ein riesen Geschütz mit ca. 5m Planscheibendurchmesser.


Hallo Dirk,

nein, leider nicht. Er ist bereits im März 1982 verstorben. Er war Jahrgang 1921. Es wäre zu schön gewesen, hättest Du ihn noch kennen gelernt. Es war alles mehr als 30 Jahre vor Deiner Zeit dort. Hier seine Gesellenprüfung bei der Fa. Niles, wie das WMK 7. Oktober früher hieß und teilweise heute wieder heißt. Google weis Bescheid. Ebenfalls hier als Anlage Auszüge aus seinen SV-Ausweisen. Über die Größe der Karusseldrehbank hatte er mir damals erzählt. Vielen Dank für Dein Interesse.





Gruß Reinhard


DirkUK hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 22.01.2015 09:18 | nach oben springen

#15

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 08:39
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Zitat von Reinhardinho im Beitrag #6
Zitat von Rainman2 im Beitrag #5
...Aus den vorliegenden Links kann ich die Unterbringung in Schlafsälen bestätigen. Das war aber auch in den großen Kliniken in der Stadt nichts ungewöhnliches. Der Zustand von Sanitärräumen war in vielen öffentlichen Einrichtungen in der DDR beklagenswert, da oft das Material für die Instandhaltung oder Instandsetzung fehlte. Damit hat man sich arrangiert, das war nicht so ungewöhnlich....

... Man wusste es vielleicht auch nicht besser und konnte ja schlecht die sozialen Leistungen der DDR-Regierung in Frage stellen, was einem dann u.U. schnell als ungewollter "Kennenlerner" der Einrichtungen "ermöglicht" worden wäre. Die selbst schützende Anpassung in einer Diktatur ist eben auch nicht so ungewöhnlich. ... Ich verstehe Dich aber und wollte auch gar keine Wortklauberei veranstalten, hast mir aber ein kardinales Stichwort geboten. ...

Hallo @Reinhardinho ,

für meinen Fall sehe ich es so, dass dieses "nichts ungewöhnliches" keine Schutzhaltung nach außen war, also im Sinne von "ich darf da jetzt nichts sagen, sonst kriege ich Probleme". Es war der Versuch des Verstehens und des wohlwollenden Umgehens mit dem Problem. Was hätte man dem staatlichen Leiter einer solchen Einrichtung dazu sagen sollen, wovon man die Antwort nicht schon vorab kannte - keine Leute, keine Ressourcen. "Das sind eben so die Probleme auf einem schweren Weg, da muss man Verständnis haben" - ich glaube, mit diesem Satz, quasi aus dem Repertoire der Neuro-Linguistischen Programmierung, ist meine damalige Grundhaltung am besten beschrieben.
Zitat von Reinhardinho im Beitrag #11
Höhenangst. ...

Das driftet schon in Richtung OT ab, aber warum nicht dazu eine kleine Fingerübung: Die Entstehung von Phobien. Ich hatte keine Höhenangst, soweit ich das bis vor 3 Jahren überblicken konnte. Da war ich in Schwerin im Urlaub und besuchte dort einen Kletterpark. Ein paar Probleme mit der Schulter, das ausgefallene Gleichgewichtsorgan machte auch nicht alles leicht - aber es ging. Dann war ich an einem sehr hoch angebrachten Hindernis, von dem sich vor mir eine Besucherin schon hatte abseilen lassen müssen. Kein Problem, dachte ich. Als ich mitten drin war, kam mir plötzlich ein Bild in den Sinn. In meiner Kindheit war ich mal von unserem Balkon über die Brüstung in das daneben liegende schmale Klofenster an der Außenwand entlanggeklettert. Altbau, erste Etage, eigentlich nur ein großer Schritt - aber genau unter der Stelle, lag die Treppe zum Waschhaus - gemauerte Stufen. Und wie ich da so in Schwerin an einem Baumstamm hing, kamen mir in den Sinn: Die verrostete Halterung der Balkonbrüstung, der bröckelige Putz an unserem Haus und dann eben immer wieder diese Sch***treppe, die mir überhaupt keine Chance gelassen hätte. Seit diesem Tag in Schwerin habe ich einen Alptraum mehr und einen leicht gesteigerten Respekt vor Höhen. Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, ob meine Angst auf dem Hindernis Auslöser der Assoziation war, oder die Assoziation der Höhe Auslöser der Erinnerung mitsamt der Angst ...
Zitat von Reinhardinho im Beitrag #6

P.S.: Estradenchor????


"Estradenchor Leipzig" - der offizielle Name des Chores. Ein Laienchor, aber mit ein paar durchaus professionell ausgebildeten Sängern. Eine gute Schule damals für mich 16- bis 18-jährigen.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


nach oben springen

#16

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 08:47
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von Rainman2 im Beitrag #15

"Estradenchor Leipzig" - der offizielle Name des Chores. Ein Laienchor, aber mit ein paar durchaus professionell ausgebildeten Sängern. Eine gute Schule damals für mich 16- bis 18-jährigen.

ciao Rainman


Das ist nun wirklich OT, aber mich interessiert die Wortherkunft. "Estrada" ist portugiesisch und heißt auf deutsch übersetzt "Straße", demnach also Straßenchor? "La Strada" italienisch ebenfalls die Straße. Ebenso der berühmte Film von Fellini. Könnte es im weitesten Sinne mit der Mädler-Passage in Zusammenhang stehen, der Straße Leipzigs, die ich sehr mag? Auerbachs-Keller, Mephisto-Bar. Bei Google habe ich allerdings keine Verbindung dazu gefunden. Danke auch für Deine weiteren Ausführungen. Ich glaube nun auch, das @icke46 den Ursprung am besten gefunden haben könnte. Mit dem Podest, der Erhöhung beim Auftritt.

Gruß Reinhard

http://www.lastradaleipzig.de/


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 09:08 | nach oben springen

#17

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 08:53
von icke46 | 2.593 Beiträge

Zu dem Wort "Estrade":

Vielleicht hilft der Wikipedia-Eintrag weiter, um die Bedeutung der Chornamens zu verstehen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Estrade

Gruss

icke



Rainman2 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#18

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 08:54
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Zitat von Harsberg im Beitrag #13
... Man konnte es nicht verhindern, dass die Insassen an den Fenstern hingen und Sprüche und Zeichen losließen. Die geringsten waren noch der "Deutsche Gruß" und Persönlichkeiten des Dritten Reiches.

Das müssen dort Säle gewesen sein, in den die untergebracht waren, denn die tauchten immer an verschiedenen Fenstern auf.

Es hat auch niemand des Pflegepersonals Einfluss genommen, diesen Zustand zu ändern.
...

Naja, @Harsberg ,

was hätte das Pflegepersonal auch machen sollen? Wegsperren? Anbinden? Unter Drogen setzen? Die Fenster zumauern?

Jede Krankheit hat ihre Symptome. Man heilt nicht dadurch, dass man die Symptome verleugnet. Sicher, es gab mit Sicherheit auch Kranke, die festgebunden oder unter Drogen gehalten wurden. Das entsprach wahrscheinlich damit durchaus dem damaligen Verständnis im Umgang mit diesen Menschen - der hier genannte Film "Einer flog über das Kuckucksnest" zeigt ja auch diese Haltungen und Praktiken.

Mir ist ein Fall einer Behandlung mit schweren Beruhigungsmitteln selbst bekannt geworden, nicht aus der Psychiatrie, sondern bei einem Krankenhausaufenthalt. Ich hatte eine Blinddarmoperation und lag für ein paar Tage auf der Intensivstation. Dort lag ein junger Mann. Er war die ganze Zeit über teilnahmslos, sagte kaum etwas. Eine Schwester erzählte mir, dass er den Schulabschluss vergeigt und einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Eines Nachts erwachte ich, weil aus dem Nachbarbett heraus ein schweres Stöhnen zu hören war. Ich machte Licht und sah, wie er versuchte, die Fäden der Narbe herauszureißen. Ich klingelte, es kamen zunächst eine Schwester, danach eine Ärztin. Sie versuchten ihn zu beruhigen, er sagte aber immer wieder: "Aber da habe ich doch gar nicht zugestochen!" Dann brachte ein Pfleger eine Spritze und kurz danach war er wieder apathisch. An einem anderen Tag stand er einfach auf und zog sich an. Ich klingelte. Diesmal wurde er aggressiv und wehrte sich gegen Medikamente und Spritzen. Ich wurde aus der Intensivstation geschickt, mir kamen auf dem Flur ein sehr kräftig gebauter Pfleger und die Oberärztin mit einer Spritze entgegen. Als ich wieder ins Zimmer kam, lag er wieder teilnahmslos da. Ich fragte mich damals, ob ich nicht irgendwie nur da lag, damit ein Aufpasser mehr da war. Die Behandlung mit den Beruhigungsmitteln empfand ich als gerechtfertigt. Er war frisch operiert und wandte Gewalt gegen sich an. Was hätte man sonst tun sollen? Was würde man heute tun?

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


Harsberg hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#19

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 09:09
von damals wars | 12.194 Beiträge

Heute schnallen die Dich am Bett fest, ging mir auf der ITS jedenfalls so. Schlafen und aufwachen, alles Alptraum.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
nach oben springen

#20

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 09:24
von Stuelpner | 170 Beiträge

Vor ein paar Wochen war ich zur Besichtigung im Schloß Hubertusburg in Wermsdorf/Sachsen. Dort ist eine psychiatrische Klinik untergebracht. Patient dieser Klinik war Karl Hans Janke, der als "pathologischer Erfinder" behandelt wurde. Unzählige Entwicklungen, die einen zum Staunen bringen, entstanden in der Zeit bis zu seinem Tod 1988. Erst jetzt wurden diese Schätze bei Renovierungsarbeiten auf dem Dachboden gefunden. Ihm ist ein kleines Museum gewidmet, wo viele seiner Originalerfindungen ausgestellt sind. Ein halbstündiger Film informiert über die Klinik und den genialen Erfinder. Ein kleiner Mosaikstein der Psychiatrie in der DDR.

Gruß Stuelpner


nach oben springen



Besucher
24 Mitglieder und 62 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: TalSiar
Besucherzähler
Heute waren 1385 Gäste und 114 Mitglieder, gestern 3936 Gäste und 179 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14372 Themen und 558414 Beiträge.

Heute waren 114 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen