#1

Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 28.12.2014 21:36
von Thüringerin | 62 Beiträge

„Touristischer Mehrkampf“ – ich weiß nicht mehr genau, wann ich damit angefangen habe, ich glaube es war in der 5. Klasse. Auf jeden Fall hat es mir von Anfang an Spaß gemacht.
Wir waren eine Mannschaft aus vier gleichaltrigen Mädchen. Das Alter spielte insofern eine Rolle, da man bei Wettkämpfen in Altersklassen (z.B. weibliche Jugend A oder B) eingeteilt wurde. Und wir wollten an Wettkämpfen teilnehmen. Gut wollten wir auch sein, deshalb trafen wir uns nach der Schule einmal wöchentlich zum Training, vor Wettkämpfen auch öfter. Neben Lauf- und Ausdauertraining wurde auch viel gelernt, z.B. Erste Hilfe, heimatkundliche und topografische Aufgaben, Umgang mit Karte und Kompass, Luftgewehrschießen u.a.
Die Wettkämpfe fanden zuerst auf Kreisebene statt. Die Sieger in jeder Altersklasse weiblich bzw. männlich durften an den Bezirksmeisterschaften teilnehmen. Wer dort gewonnen hatte, kam in den Endausscheid – die DDR-Meisterschaft.
Die Wettkämpfe bestanden aus einem Lauf durch ein unbekanntes Gelände. Vor dem Start bekam die Mannschaft eine Landkarte ausgehändigt, die eher spärlich gezeichnet und nicht immer besonders aktuell war sowie eine Laufkarte. Auf der Landkarte waren sogenannte „Kontrollpunkte“ eingezeichnet, die irgendwo verteilt im Gelände lagen, die es zu finden galt und an denen die Mannschaft unterschiedliche, der Altersklasse entsprechende Aufgaben erfüllen musste. Im Prinzip waren es Stationen, „Kontrollpunkte“ (KP) hörte sich scheinbar professioneller an ;-)
Für die Erfüllung der Aufgaben gab es Punkte. Je besser man war, umso mehr Punkte wurden in der Laufkarte eingetragen. Die jüngeren Altersklassen hatten weniger Kontrollpunkte anzulaufen und etwas einfachere Aufgaben zu erfüllen. Je höher die Altersklasse, umso anspruchsvoller waren die Aufgaben und die Zahl der Kontrollpunkte (KP)nahm zu.
Ziel war es, in möglichst kurzer Zeit alle Kontrollpunkte (KP) im Gelände zu finden, die Aufgaben dort mit höchst möglicher Punktzahl zu erfüllen und zurück zum Ausgangspunkt zu laufen. Start und Ziel waren der gleiche Punkt. Es blieb der Mannschaft überlassen, in welcher Reihenfolge die KP angelaufen wurde. Wir konnten mit Karte und Kompass umgehen, nach Marschrichtungszahl laufen und uns auch in fremdem Gelände gut orientieren.
Der Start der Mannschaften erfolgt in Abständen von ca. 15 min.
Die Aufgaben an den Kontrollpunkten waren:
- Luftgewehrschießen - oft lag dieser Kontrollpunkt gleich am oder kurz nach dem Start, weil nicht genug Gewehre da waren, um jeder Mannschaft eins mitzugeben
- Zelt aufbauen (das musste mit rum geschleppt werden)
- Flugbilder von Vögeln erkennen
- Entfernungen schätzen
- Hindernisstrecken überwinden (kriechen, hangeln über Schluchten oder Gewässer, Balancieren über Baumstämme, Hindernisse überwinden, also teilweise ähnlich wie Sturmbahn …)
- Erste Hilfe (Brüche notdürftig schienen mit Naturmaterialien, Tragen aus Naturmaterial herstellen, eine „verletzte“ Person über eine Strecke transportieren, stabile Seitenlage, andere Verletzungen versorgen, theoretische Fragen beantworten … die ganze Palette halt)
- Himmelsrichtung ohne Kompass bestimmen
- Pflanzen bestimmen, Blätter den Bäumen zuordnen, Giftpflanzen erkennen
- Suchaufgaben, z.B. bestimmte Pflanze in unmittelbarer Nähe des KP finden
- Fragen zur Lebensweise oder Besonderheiten von Waldtieren, besonders unter Naturschutz stehender Tiere

Bestimmt gab es noch mehr Aufgaben an den KP, die fallen mir im Moment aber nicht ein. Wichtig war es, die Kraft gut einzuteilen, denn in der Regel war man schon (je nach Altersklasse) anderthalb bis zweieinhalb Stunden straff unterwegs. Es kam auch vor, dass man einen KP nicht gefunden hat, dann fehlten natürlich am Ende die Punkte, dafür konnte man durch einen Spurt zurück zum Ausgangspunkt Zeit rausholen.
An zwei Wettkämpfe kann ich mich besonders gut erinnern.
Der eine Wettkampf war genau an dem Tag, an dem ich mich an der Pädagogischen Fachschule in Schmalkalden zum Aufnahmetest einfinden sollte.
Auf den Wettkampf wollte ich nicht verzichten, schließlich konnte ich doch meine Mannschaft nicht hängen lassen und überhaupt hatte ich darauf wesentlich mehr Lust als auf den Test.
Da ich erst etwas später in Schmalkalden dran war, nahm ich also erst an dem Wettkampf teil. Wir waren schnell wie noch nie, hetzten wie von der Tarantel gestochen durch den Wald, da ich unter absolutem Zeitdruck stand. Die Siegerehrung habe ich verpasst, zu dem Zeitpunkt versuchte ich mich auf der Rückbank unseres Trabbis so halbwegs zu restaurieren ;-) Meine Eltern hatten FDJ-Bluse, Rock und Wäsche mitgebracht, waschen konnte ich mich vorher nur notdürftig. Ich musste ja nur zusehen, dass jene Körperstellen sauber waren, die nicht von der Kleidung bedeckt waren, ging halt an dem Tag nicht anders.
Während ich mich mit meinen langen Beinen auf der Rückbank halb verrenkte, las mir meine Mutti vom Beifahrersitz her aus der Zeitung das aktuell politisches Geschehen vor, weil wir dazu auch interviewt werden sollten – stöhn. Darin war ich nicht besonders fit, weil ich es ja nie von mir aus las. Wir kamen pünktlich in Schmalkalden an, ich musste sofort ins „Aktuellpolitische Gespräch“ (somit hatte ich das wenigstens hinter mir) Es fand allein mit einer Lehrerin in einem winzigen Zimmerchen statt (wo ich doch eh schon schwitzte wie sonst was). Sie freute sich sehr über meine frische Hautfarbe (ich kam mir eher wie ein frisch gekochter Hummer vor). Ich erzählte ihr, dass ich grad von einem Wettkampf kam, was sie sehr spannend fand. und worin ich mich wenigstens auskannte und souverän auftreten konnte. Letztendlich drehte sich unser ganzes Gespräch nur um dieses Thema, worin ich mich, im Gegensatz zur Politik, wenigstens auskannte und souverän auftreten konnte. In nullkommanix war meine viertel Stunde rum – hatte ich ein Schwein gehabt!
Dann musste ich noch in ein paar andere Räume und zum Schluss noch zum musischen Test gemeinsam mit ein paar anderen Bewerberinnen, aber da brauchte ich nur einen Oktavsprung von oben nach unten und von unten nach oben zu singen, dann war ich erlöst und fix und fertig.
Jedenfalls habe ich nach ein paar Wochen den Bescheid bekommen, dass ich angenommen worden bin.

Der Zweite Wettkampf mit sehr hohem Erinnerungswert fand auf Bezirksebene statt. Damals hatten wir uns so richtig im Gelände verfranzt. Es war sehr heiß an dem Tag und zu allem Übel gerieten wir auch noch in morastiges Gelände. Zum Glück hatten wir die meisten KP angelaufen und hohe Punktzahl erreicht. Uns schien es, als ob die Landkarte nicht stimmte. Wie auch immer, irgendwann landeten wir auf einer Lichtung im Wald, von dort hörten wir Stimmen. Wir waren schon darauf gefasst, unerwartet den noch fehlenden KP entdeckt zu haben. Als wir näher kamen saßen da ein paar Jungs so in unserem Alter und machten Picknick. Uns tropfte schon lange der Zahn, vor allem hatten wir einen heiden Durst. Es gab auch was zu trinken, allerdings nur aus dem Fässle – oh oh! Aber Durst ist schlimmer als Heimweh und so ein Schlückchen Bier hat noch keinem geschadet. Wir brauchten gar nicht viel zu trinken, da wurde uns schon sehr lustig zumute. Es wurde ein bisschen geflirtet und sogar Adressen ausgetauscht. Der Durst war gestillt, der Rückweg wurde uns auch noch gezeigt und schnell gelangten wir ins Ziel, zwar leicht schwankend – aber bei der Hitze konnte das schon mal vorkommen, ne? (Hätte die Jury gewusst …)

1978 haben wir es bis zu den DDR-Meisterschaften geschafft. Die wurden damals in Saalfeld und Unterwellenborn ausgetragen. Ich weiß nicht mehr, welchen Platz wir erreichten. Unter den ersten dreien waren wir jedenfalls nicht. Egal, Dabeisein war schon eine Auszeichnung. Und es war eine Übernachtung dabei, das fanden wir auch toll, weil da abends meistens eine Disco war.

Was hat uns dieser Sport gebracht? Außer dass wir ziemlich fit waren, hatten wir natürlich auch viel dazu gelernt, um die Aufgaben an den KP gut zu erfüllen. Das Wichtigste war aber das Denken und Handeln als Mannschaft, sich gegenseitig anspornen, ergänzen, Rücksicht nehmen und zusammen halten. Manchmal kamen wir wirklich dicht an unsere körperlichen Leistungsgrenzen. Dann war mindestens einer da, der uns wieder aufgerichtet und Mut gemacht hat, schönes Gefühl.

Ein paar der Urkunden habe ich eingescannt. Medaillen gab es natürlich auch, muss mal gucken, wo ich die hin gepackt habe. Wir waren immer stolz über jede neu errungene Medaille und wie verrückt hinter diesem Stück Blech her – ein bisschen Ehrgeiz gehört halt zu jedem Sport dazu, stimmts?


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#2

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 28.12.2014 21:48
von Vierkrug (gelöscht)
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Heike, so ist mir der Touristische Mehrkampf auch noch in Erinnerung.

OT: Du hast in Schmalkalden an der Pädagogischen Fachschule studiert ??? Ja die künftigen Kindergärtnerinnen waren immer herzlich willkommen bei den Ingenieurschülern vom Blechhammer, nicht nur am 11.11. im "Hammer" (Studentengaststätte).
Oft ging es auch gemeinsam am Wochenende ins "Kraftwerk" nach Breitungen oder "Zum Schwan" nach Schwallungen. Das waren schöne Zeiten.

Vierkrug


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zuletzt bearbeitet 28.12.2014 21:49 | nach oben springen

#3

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 28.12.2014 21:53
von Thüringerin | 62 Beiträge

Ich sehe, du kennst dich gut aus, was die PF betraf


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#4

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 28.12.2014 22:10
von Vierkrug (gelöscht)
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Gemeinsames Leid, war geteiltes Leid.

Die Heimwege nach Mitternacht von Breitungen in Richtung Fambach, Niederschmalkalden, Mittelschmalkalden ... Schmalkalden kamen dann auch Orientierungsläufen des Touristischen Mehrkampfes gleich.
Ich hatte meine Studentenbude Am Schmiedhof in der Nähe der Metzgerei an der Stadtkirche St.Georg, die hat dann Sonntags oft an Übervölkerung gelitten.

Vierkrug


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zuletzt bearbeitet 28.12.2014 22:23 | nach oben springen

#5

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 28.12.2014 22:30
von Thüringerin | 62 Beiträge

Die ersten anderthalb Jahre war ich im Internat unter schärfster Bewachung von unserer Aufpasserin "Zensi", die wir trotzdem immer wieder austricksten Danach hatte ich eine Studentenbude im Quellenweg (Richtung Trusetal) - Ein ganzes Haus nur Studentinnen und eine super Nachbarschaft. Es waren im Rückblick drei wunderschöne Jahre für mich: Das erste Mal weg von daheim, verliebt in einen Lehrling vom WKS, der dann aber eingezogen wurde, ausgerechnet nach Berlin - so weit weg und genug Geld, Stipendium + Leistungsstipendium.


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#6

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 28.12.2014 22:45
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Zitat von Thüringerin im Beitrag #1
„Touristischer Mehrkampf“ ... ... ...
... und dir hat dieser semimilitaristisch ausgerichtete Pipifax wirklich Spaß gemacht???


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


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#7

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 09:12
von schulzi | 1.757 Beiträge

@Thüringerin für mich sieht es aus als ob das von dir beschriebene Wehrkampfsport war ,den disziplinen sind identisch kenne ich noch aus meiner Zeit als Übungsleiter bei der GST .Könnte aber auch eine zivilere Umschreibung sein


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zuletzt bearbeitet 29.12.2014 09:12 | nach oben springen

#8

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 09:33
von Thüringerin | 62 Beiträge

Ja, HG19801, das hat uns Spaß gemacht, wenn du dir das vielleicht auch nicht vorstellen kannst. Wir hätten es sonst im Leben nicht freiwillig gemacht. Wir haben dabei auch nicht an Militär gedacht, es war einfach eine Sportart, wir trugen ganz normale Trainingsanzüge (NanIch nicht mal einheitlich) und darüber unsere Startnummer.

Frank, ja vielleicht hatte es im weiteren Sinne was mit der GST zu tun, sicher sollte es zumindest darauf hin führen. Aber meistens war es dann so, dass sich die Mannschaften nach dem Ende der Schulzeit aufgelöst haben, wenn jeder woanders eine Ausbildung begonnen hat. Ich hab dann auch einen anderen Sport gemacht, weil ich unbedingt mal am Turn- und Sportfest in Leipzig teilnehmen wollte. Das habe ich dann auch 1983 und 1987. doch das ist wieder eine ganz neue Geschichte ...

Herzliche Grüße an euch beide


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#9

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 09:41
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Zitat von HG19801 im Beitrag #6
Zitat von Thüringerin im Beitrag #1
„Touristischer Mehrkampf“ ... ... ...
... und dir hat dieser semimilitaristisch ausgerichtete Pipifax wirklich Spaß gemacht???


Hallo @HG19801 ,

ich antworte mal für meine Person: Ja, mir hat dieser "semimilitaristisch ausgerichtete Pipifax" auch Spaß gemacht. Als Kind sieht man die Dinge manchmal etwas anders und es ist ja nicht jeder in ein Widerstandsnest hineingeboren worden.

@Thüringerin

Danke für Deinen Beitrag. Ich habe in der 5. und 6. Klasse (1971-73) auch über das Pionierhaus in Leipzig Touristischen Mehrkampf mitgemacht. Das Rosenthal und der Auwald gaben gute Trainingsmöglichkeiten ab. Beim Laufen über längere Strecken war ich schon immer eine ziemliche Null. Aber schnelles Wandern und Orientieren nach Karte gingen bei mir ganz gut. Dazu kam, dass ich ein passabler Punktesammler war. An den Wettkämpfen nahm ich daher auch teil. Ich erinnere mich zumindest an eine Kreis- und eine Bezirksmeisterschaft.

An Stationen sind mir noch in Erinnerung:
- Hangeln
- Balancieren
- Handgranatenzielwurf
- Luftgewehrschießen
- Bestimmen von Bäumen und Pflanzen
- Orientieren im Gelände
- Zeltaufbau

Das Pionierhaus hatte ich schon durch die Arbeitsgemeinschaft Schach kennengelernt. Da aber ein paar meiner Schulfreunde etwas mehr Bewegung brauchten, gingen sie lieber zum Touristischen Mehrkampf. Sie erzählten begeistert von einem sehr guten Trainer und da wechselte ich auch die AG. Sie hatten recht. Das Training machte Spaß, es sei denn, wir mussten längere Strecken rennen. Ich erinnere mich auch an einen Hausbesuch des Trainers, bei dem er meiner Mutter empfahl, mal meine Atemwege prüfen zu lassen, da ich bei längeren Läufen regelrecht "pfiff".

Der Wechsel der Schule in der 7. Klasse beendete dann auch meine "sportliche Karriere" in dieser Richtung. Über mögliche Zielrichtung, Sinn und Zweck der Sache haben wir uns damals wenig Gedanken gemacht. Wir waren zusammen draußen, es gab "Action" und das Training machte Spaß. Das reichte uns damals aus.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#10

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 09:41
von Gelöschtes Mitglied
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"Türkischer Mehrkampf" - Ich weis nicht, weshalb ich das immer lese. Meine Augen sind auch nicht mehr die besten.

Gruß Reinhard


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#11

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 09:41
von furry | 3.568 Beiträge

Was früher Mehrkampf hieß, wird heute in Einzeldisziplinen gemacht. Ballern mit der Luftbüchse im Schützenverein, suchen von irgendwelchen Geländepunkten mit GPS nennt man Geocaching.
Unbedingt verblödet ist man bei diesem Touristischen Mehrkampf sicher nicht. Er täte (ohne militärische Hintergedanken) auch den heutigen Kindern gut. Einfach mal lernen, dass die Bäume nicht nur aus Holz sind, sondern einen Namen haben und von den den schwabbeligen Pommesbäuchen mal etwas abspecken, wäre auch nicht von Schaden.


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
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#12

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 10:06
von RudiEK89 | 1.950 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #9
Zitat von HG19801 im Beitrag #6
Zitat von Thüringerin im Beitrag #1
„Touristischer Mehrkampf“ ... ... ...
... und dir hat dieser semimilitaristisch ausgerichtete Pipifax wirklich Spaß gemacht???


Hallo @HG19801 ,

ich antworte mal für meine Person: Ja, mir hat dieser "semimilitaristisch ausgerichtete Pipifax" auch Spaß gemacht. Als Kind sieht man die Dinge manchmal etwas anders und es ist ja nicht jeder in ein Widerstandsnest hineingeboren worden.

@Thüringerin

Danke für Deinen Beitrag. Ich habe in der 5. und 6. Klasse (1971-73) auch über das Pionierhaus in Leipzig Touristischen Mehrkampf mitgemacht. Das Rosenthal und der Auwald gaben gute Trainingsmöglichkeiten ab. Beim Laufen über längere Strecken war ich schon immer eine ziemliche Null. Aber schnelles Wandern und Orientieren nach Karte gingen bei mir ganz gut. Dazu kam, dass ich ein passabler Punktesammler war. An den Wettkämpfen nahm ich daher auch teil. Ich erinnere mich zumindest an eine Kreis- und eine Bezirksmeisterschaft.

An Stationen sind mir noch in Erinnerung:
- Hangeln
- Balancieren
- Handgranatenzielwurf
- Luftgewehrschießen
- Bestimmen von Bäumen und Pflanzen
- Orientieren im Gelände
- Zeltaufbau

Das Pionierhaus hatte ich schon durch die Arbeitsgemeinschaft Schach kennengelernt. Da aber ein paar meiner Schulfreunde etwas mehr Bewegung brauchten, gingen sie lieber zum Touristischen Mehrkampf. Sie erzählten begeistert von einem sehr guten Trainer und da wechselte ich auch die AG. Sie hatten recht. Das Training machte Spaß, es sei denn, wir mussten längere Strecken rennen. Ich erinnere mich auch an einen Hausbesuch des Trainers, bei dem er meiner Mutter empfahl, mal meine Atemwege prüfen zu lassen, da ich bei längeren Läufen regelrecht "pfiff".

Der Wechsel der Schule in der 7. Klasse beendete dann auch meine "sportliche Karriere" in dieser Richtung. Über mögliche Zielrichtung, Sinn und Zweck der Sache haben wir uns damals wenig Gedanken gemacht. Wir waren zusammen draußen, es gab "Action" und das Training machte Spaß. Das reichte uns damals aus.

ciao Rainman

Danke für deinen Beitrag.
Entfernungen zu bestimmten Zielen (Gebäude und Baumgruppen) schätzen, fällt mir noch ein. Ich habe diesen Sport damals
auf Kreisebene (Grimma b. Leipzig) ausgeübt und war später an Kontrollpunkten tätig.

Hat Spass gemacht und dümmer wurde man auch nicht.

Andreas


März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode
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#13

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 11:37
von Gelöschtes Mitglied
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Hallo furry, die Begeisterung von Kindern für Waffen und Kampfspiele wurde immer schon von den totalitären Regierungen ausgenutzt. Ob im dritten Reich, in der DDR und wo sonst noch alles auf der Welt.

Aber wie Du schon geschrieben hast, der heutigen Jugend fehlt oftmals die Bewegung in der Natur. Es muss ja nicht gleich ein 7 Tage Überlebenstraining im Wald sein. Aber bestimmte Grundkenntnisse in Flora und Fauna, etwas sportliche Betätigung an frischer Luft und etwas Orientierungsvermögen im Gelände auch ohne GPS, wären für die Entwicklung ganz hilfreich. Viele kommen doch ohne Smartphone und Laptop überhaupt nicht mehr zurecht.

Der Hesselfuchs


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#14

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 11:46
von Elch78 | 501 Beiträge

Zitat von Merlini im Beitrag #13
... der heutigen Jugend fehlt oftmals die Bewegung in der Natur.
1.Es muss ja nicht gleich ein 7 Tage Überlebenstraining im Wald sein.
2.Aber bestimmte Grundkenntnisse in Flora und Fauna, etwas sportliche Betätigung an frischer Luft und etwas Orientierungsvermögen im Gelände auch ohne GPS, wären für die Entwicklung ganz hilfreich.
3.Viele kommen doch ohne Smartphone und Laptop überhaupt nicht mehr zurecht.

Der Hesselfuchs

1. Warum eigentlich nicht?

2. Nicht nur hilfreich, so etwas kann lebensrettend sein.

3. Das "Zurechtkommen ohne ..." müßte - so scheint's mir - langsam als Unterrichtsfach in der Schule eingeführt werden.

Elch


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
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#15

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 11:53
von Gelöschtes Mitglied
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Hallo Elch 78, bei Jugendlichen sieht das vielleicht anders aus. Ich persönlich möchte in meinem Alter nicht mehr eine Woche im Wald campieren und mich dort selbst versorgen. Etwas Komfort will ich mir schon leisten. Im E Fall kann ich aber ein Tier schlachten oder einige Pflanzen zu Nahrungszwecken verarbeiten. Mit der Orientierung klappt es aber auch nicht mehr so wie vor 40 Jahren.

Der Hesselfuchs


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#16

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 12:04
von Gelöschtes Mitglied
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Hallo Heike

Danke für die Erläuterungen, jetzt weiß ich zumindest, was damit gemeint war. Der Begriff "touristisch" erschließt sich mir in diesem Zusammenhang zwar immer noch nicht, aber was soll's: Jedes Kind braucht einen Namen. Und Vor- und Nachnamen passen auch bei lebenden Menschen nicht immer zusammen.


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#17

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 13:09
von Thüringerin | 62 Beiträge

Hallo, Leute,
sicher kann man nicht alle Kinder oder Jugendliche über einen Kamm scheren, aber ich stimme zu, dass vielen solche Art von Sport und Bewegung nicht schaden würde.
Was die neuen Medien angeht - bei manchen jungen Leuten ist es schon nahe an einer Sucht. ich muss allerdings gestehn, dass mir ohne mein Iphone und meinen Laptop auch was fehlen würde.
Eine Woche in der Wildnis durchschlagen, das würde ich mir zutrauen, wäre bestimmt eine tolle Erfahrung. Also einen Hasen kann ich im Notfall schlachten, häuten und ausnehmen, wenn ich ein Messer dabei hätte, wir haben kürzlich erst unsere "Pfannenhasen" geschlachtet und eingefroren - die Frage wäre nur, ob ich ihn fangen könnte. Ich hab mir vor Jahren bei einem Vortrag von Rüdiger Nehberg sein "Survival-Lexikon" und "Survival-Abenteuer vor der Haustür" zugelegt (sogar handsigniert), man weiß ja nie was einem mal wiederfährt ... Als wir im Urlaub mal in so einer kleinen klapprigen Maschine über das Orinoco-Delta geflogen sind, musste ich unwillkürlich daran denken - lach.
Klar mag ich auch lieber den Komfort eines tollen Hotels, aber ich bin auch immer für ein Abenteuer zu haben, das ist doch die Würze im Leben, oder net? (also gut, ein Zelt hätte ich in der Woche schon gerne dabei , damit mich die Mücken nicht auffressen).
Grüße an euch alle
Heike


Stuelpner hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#18

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 15:32
von Rainman2 | 5.754 Beiträge

Zitat von Dandelion im Beitrag #16
Hallo Heike

Danke für die Erläuterungen, jetzt weiß ich zumindest, was damit gemeint war. Der Begriff "touristisch" erschließt sich mir in diesem Zusammenhang zwar immer noch nicht, aber was soll's: Jedes Kind braucht einen Namen. Und Vor- und Nachnamen passen auch bei lebenden Menschen nicht immer zusammen.

Nuja, @Dandelion ,

sicher war hier das Wort "touristisch" schon ein Euphemismus, euphemistisch ausgedrückt. Aber ich sag mal so: Bewegung im Gelände nach Karte und Kompass, Kenntnisse Fauna/Flora, Zelt aufbauen, Hindernisse überwinden ... So ganz untouristisch war es schon nicht. Klar, es fehlten das Reisebüro, die Flugbuchung und die Hotelreservierung. Dafür hatten wir dann das Luftgewehrschießen und das Handgranatenzielwerfen ... Das klingt zunächst nicht sehr touristisch, gebe ich zu. Aber Du hättest mal versuchen sollen, zu DDR-Zeiten ohne Beziehungen einen Urlaub in Ahrenshoop in der Saison zu bekommen; da waren ein Luftgewehr und eine 250-Gramm-Stielhandgranatenimitation schon ein bisschen wenig.
Bis hierher mal ein

Ernsthaft: Es gab schon eine von der Pionierorganisation her klar strukturierte vormilitärische Ausbildung oder militärische Vorbereitung, wie auch immer. Das Schießen der "Goldenen Fahrkarte", "Manöver Schneeflocke", "Hans-Beimler-Marsch" - um nur mal einiges zu nennen, was dann irgendwie nahtlos in die Ausbildung bei der GST mündete, oder in den 80er Jahren in die Wehrerziehung. Offen gestanden fiel da der touristische Mehrkampf nicht sonderlich heraus aus diesen Schemen. War man nicht schon ein grundsätzlicher Kritiker des Systems und/oder des Wehrdienstes, oder damit groß geworden, dann nahm man das halt mit. Wie gesagt, es war Bewegung, es machte Spaß und wenn man einen guten Trainer hatte, dann war die Welt in Ordnung.

Apropos Spaß - einmal haben wir uns bei einem Wettkampf mitten in Leipzigs Stadtgebiet hoffnungslos verfranzt und erreichten nicht mal mehr das Ziel (über die Qualität der Karten hatte sich @Thüringerin schon geäußert). Irgendwann stiegen wir entnervt in die Straßenbahn und fuhren nach Hause. Wir erwarteten, dass unser Trainer sauer reagieren würde. Als wir zum Training kamen, schimpfte er sofort los, aber nicht auf uns, sondern auf die schlechten Karten. Wir waren erleichtert und der Druck war weg. Aus heutiger Sicht betrachtet: Ein guter Mann.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#19

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 17:55
von Freienhagener | 3.856 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #18

sicher war hier das Wort "touristisch" schon ein Euphemismus,


"Tourismus" war wie "Sport und Technik" ein Tarnwort für Paramilitärisches (meine ich hier schon gestern geschrieben zu haben. Aber mein Beitrag ist auf wundersame Weise verschwunden).

Entschuldigung. Dasselbe wurde in einem anderen Thread besprochen, wie ich gerade feststellte. Mein Beitrag ist also noch da.
.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)
zuletzt bearbeitet 29.12.2014 18:54 | nach oben springen

#20

RE: Touristischer Mehrkampf

in Leben in der DDR 29.12.2014 17:58
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Hallo Rainman2, auch mich haben als Kind Waffen fasziniert. Ich konnte immer nie verstehen, wenn mein Vater jedes selbstgebaute Holzgewehr und sogar den Flitzebogen einkassiert und demilitarisiert hat. Irgendwann war ich alt genug um die Gründe dafür zu erfahren. Mein Vater war noch keine 22 Jahre als der Krieg vorbei war und hatte über drei Jahre seiner Jugend dabei zugesetzt. Schau Dir mal die Einsätze der .. Panzerdivision Hohenstaufen an. Von Russland über Jugoslawien, nach Arnheim (abwehr der Luftlandeoperaton) und dann noch die Ardennenoffensive. Ich glaube da brauche ich Dir keine Erläuterungen mehr zu geben. Der Bruder meiner Mutter wurde am 30.08.39 eingezogen, war bis kurz vor Leningrad und ist im Nov. 43 kurz vor Kiew gefallen. Seit ich das erfahren habe, habe ich zu Waffen und Militär eine andere Einstellung.

Der Hesselfuchs


Rainman2 und Freienhagener haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 29.12.2014 19:42 | nach oben springen


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