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Ein heilsamer Schock-oder die etwas andere Weihnachtsgeschichte

in DDR Zeiten 25.12.2014 00:56
von ABV | 4.202 Beiträge

Wir schreiben den 23. Dezember 1988. Es ist 17:00 Uhr. Hinter liegt eine Tagschicht als als Schutzpolizist im VPKA Seelow. Zehn Stunden Streife im Weihnachtsgetümmel. Ich freue mich auf die kommenden Feiertage. Das VPKA wird mich erst in der Nacht vom 27.-28. Dezember wiedersehen.

Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: beim "ODH" wartet bereits Hauptmann Helmut T., der Leiter der hiesigen Schutzpolizei, auf mich. Er sieht mich schuldbewusst an, so wie ein kleiner Junge der bei seiner Mutter eine Dummheit zu beichten hat. Nun bin ich nicht die Mutter meines Vorgesetzten, der mir schon gar nichts zu beichten hat, aber ich kenne die tiefere Bedeutung dieses unnachahmliches Gesichtsausdruck bereits zur Genüge: der Genosse Hauptmann möchte mir schonend eine Änderung des Dienstplans beibringen. Und so geschah es auch!

" Die Kriminalpolizei vernimmt gerade jemanden als Beschuldigten zu mehreren Körperverletzungen", druckste der Hauptmann, " in Absprache mit dem Staatsanwalt soll er noch heute dem Haftrichter vorgeführt werden." " Ja und?"
Der Hauptmann steckte sich eine Zigarette an: " Wir werden ihn heute nicht mehr los. Das Transportkommando der Untersuchungshaftanstalt kann ihn erst im Laufe des morgigen Tages abholen. Du musst ihn ab morgen früh leider solange im Gewahrsam bewachen. Ich denke mal das du gegen Mittag Zuhause sein wirst."
Verdammter Mist, fluchte ich innerlich. Normalerweise stellen ungeplante Zusatzdienste für mich kein Problem dar. Aber bitte doch nicht am 24.Dezember!

Selbstverständlich blieb mir nichts anderes übrig, als in den sauren (Weihnachts)Apfel zu beißen und am kommenden Morgen 05.30 Uhr wieder in der Dienststelle zu erscheinen. Dabei hasste ich den eintönigen Dienst im Gewahrsam, tief unten im Keller. Wo die Luft alles Mögliche enthielt: menschliche Ausdünstungen, kalter Zigarettenrauch und Farbgeruch. Nur eben keinen, oder um bei der Wahrheit zu bleiben, kaum Sauerstoff.
Der ODH wies mich kurz in die Aufgabenstellung ein. Dann löste ich VP-Obermeister Edmund S., der die ganze Nacht auf den " brutalen Schläger" aufpasste, ab.

Bei der Übergabe warf ich einen ersten Blick auf den Zelleninsassen. Auf der Pritsche lag, zusammengekrümmt, ein etwa achtzehnjähriger, dunkelhaariger, absolut unscheinbarer Jüngling, der mir zu vor nie aufgefallen war.
" Das ist doch nicht etwa der Schlägertyp, der mir das Dienstfrei versaut hat?" Edmund nickte und sagte: " Man sollte nicht glauben was manch einer für Kräfte entwickelt, wenn er ein paar Bier zu viel getrunken hat."

Gähnend trug ich mich ins Wachbuch ein. Gelangweilt schaltete ich das Radio ein. " Beim letzten Ton des Zeitzeichens ist es Sechs Uhr. Hier ist der RIAS Berlin-eine freie Stimme der freien Welt. Wir senden Nachrichten."
Verdammt, wenn du schon " Feindsender" hörst, dann schalte wenigstens hinterher wieder um, fluchte ich. SFB und Rias wurden in der Nacht tatsächlich des Öfteren eingeschaltet, natürlich nur heimlich und in Abhängigkeit des jeweiligen Diensthabenden. Obwohl sich hierher in den Keller nur selten jemand von der Führung verirrte. Schon gar nicht Nachts!

Es dauerte nicht lange, da erwachte der Delinquent, den ich der Einfachheit für den weiteren Verlauf Heiner nenne. Seit richtiger Name ist bekannt, tut aber nichts zur Sache!

Fast schüchtern bat er mich, bei der nächsten Zellenkontrolle, auf die Toilette gehen zu dürfen. Die Toilette, falls das Ding diese Bezeichnung überhaupt verdient, befand sich gegenüber seiner Zelle. Wie praktisch! Anschließend wusch er sich in dem kleinen Waschbecken und bat dann noch eine Zigarette rauchen zu dürfen.
Während dessen blieb mir genügend Zeit den Burschen in Augenschein zu nehmen. Nicht das mir jemand irgendwelche Neigungen attestiert, aber zum einen musste ich mich notgedrungen auf einen möglichen Angriff seinerseits vorbereiten und andererseits konnte ich mir noch immer nicht vorstellen, dass dieser "Schmalhans" mehreren Seelower Kneipenbesuchern die Gesichter ramponiert haben soll.

Wir unterhielten uns kurz, dann brachte ich ihn in die Zelle zurück. Dann offenbarte sich ein Problem: normalerweise werden die Zelleninsassen aus der Kantine des " Rates des Kreises" verpflegt. Normalerweise, denn am 24. 12. blieb die Kantine aus naheliegenden Gründen geschlossen. Wer sich jetzt fragt, warum ich nicht einfach zur nächsten Tanke gefahren bin, sollte bitte aufs Datum schauen: 24. Dezember 1988! Die Gaststätte "Schwarzer Adler", für die das VPKA für solche Fälle über Essenmarken verfügte, öffnete erst um 18:00 Uhr. Warum bei der Abendverpflegung niemand an das Frühstück gedacht hat, weiß ich heute leider nicht mehr.
Ist ja auch egal: Fakt ist, der Junge hatte nichts zu beißen. Mir blieb nichts anderes übrig,als mit ihm meine mitgebrachten Stullen zu teilen. Großen Appetit schien er in Folge der inneren Anspannung, ohnehin nicht zu verspüren.

In den kommenden Stunden wiederholte sich das immerwiederkehrende "Spiel", zwischen Sichtkontrolle, gelegentlichem Zigaretten rauchen und Wiedereinschluss.
Gegen 11:00 Uhr bat mich Heiner geradezu flehentlich, nicht mehr in die enge Zelle zurückkehren zu müssen. " Bitte, wir können uns doch ein bischen unterhalten und Sie müssen dann nicht dauernd auf und zuschließen", bettelte er.

Das entsprach natürlich nicht den strengen Regeln im Gewahrsam! Man darf nicht vergessen, dass ich dort unten, mehrere Meter unter der Erde, völlig allein mit ihm war! Ein unvermittelter Angriff, bedingt durch eine Kurzschlussreaktion, wäre, schon allein an einem Tag diesen, nicht auszuschließen. Dabei spielt es keine Rolle, dass Heiner dennoch nicht aus dem verschlossenen, im Erdgeschoss vom "Hausposten" gesicherten VPKA herausgekommen wäre. Zumindest nicht ohne weiteres!

Mir tat der Junge dennoch leid. Meine innere Stimme sagte mir, dass von Heiner keinerlei Gefahr droht.

Ich konnte die "Suspendierung der Gewahrsamordnung" freilich nicht alleine entscheiden. Kurzentschlossen griff ich zum Telefonhörer und rief den " ODH" an. Seit 08:00 Uhr hielt oben in der Leitzentrale der gutmütige, leider viel zu früher verstorbene Hauptmann Helmut Franz die Fäden in der Hand. In knappen Worten schilderte ich dem Offizier das Problem: Du, dass wollte ich dir auch schon vorschlagen", erwiderte Franz zu meiner Überraschung. " Nicht das der Junge dort in seiner Zelle noch durchdreht in seiner Situation. Ich möchte mir nicht vorstellen wie es ist, ausgerechnet Weihnachten ins Gefängnis zu müssen. Versuche ihn so wie möglich zu beruhigen. Ich habe vorhin mit der UHA telefoniert. Sie müssen noch jemanden vom VPKA Schwedt und einen anderen aus Eberswalde abholen. Seelow kommt mal wieder zuletzt an die Reihe. Tut mir leid für dich."

Schwedt und Eberswalde lagen im äußersten Norden des damaligen Bezirkes Frankfurt (Oder). Ich blieb wohl noch einige Zeit um den "Weihnachtspsychologen" zu geben.

Tatsächlich entwickelte sich zwischen uns ein intensiver Gedankenaustausch. Wie sich bald herausstellen sollte, besaßen wir das gleiche Hobby- in den " Seelower Höhen" nach sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkrieges zu fahnden.

Als besonderer Vorteil erwies sich der geringe Altersunterschied- mit meinen schlappen vierundzwanzig Jahren konnte ich in seinen Augen beinahe als " Gleichaltrig" durchgehen.

Über Familie und Freundin näherten wir uns allmählich dem Weihnachtsfest an. Obwohl ich gerade dieses Thema eigentlich vermeiden wollte. An einem 24. Dezember ein mehr als hoffnungsloses Unterfangen.
" Bei uns Zuhause ist immer um 19:00 Uhr Bescherung. Vorher gibt es, wie jedes Jahr, Kartoffelsalat mit Halberstädter Würstchen" berichtete Heiner leicht entrückt. Meinem aufmerksamen Blick blieb der traurige Ausdruck seiner Augen nicht verborgen. " Wie ist das eigentlich so im Gefängnis, zu Weihnachten? Ich meine, gibt es dort auch so etwas wie eine Bescherung?"

Diese Naivität rührte und verblüffte mich zugleich. Junge, die spielen dir dort höchstens das alte deutsche Märchen " Knüppel aus dem Sack vor", schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf.
Ich verkniff allerdings diese unpassend saloppe Bemerkung, zuckte stattdessen vielsagen die Schultern und sagte: " Keine Ahnung! Ich war noch nie in einem Gefängnis." " Das wäre in ihrem Fall auch nicht gut für die Karriere", rang sich Heiner, schmerzlich lächelnd, einen Scherz ab. " Ach das kommt gant darauf an, ob ich vor oder hinter den Gitterstäben stehe", konterte ich augenzwinkernd.

Zwischenzeitlich servierte Oberleutnant der K Volker Schm., der Diensthabende Kriminalist, das eigens von seiner Frau georderte Mittagessen. " Nachmittags gibt es noch Kuchen", versprach Volker, ehe er wieder nach oben ging.
" Geht das hier immer so zu?", staunte Heiner. " Nein, nur an Weihnachten", antwortete ich, selbst über die unerwarteten " milden Gaben" erstaunt. Eine durchaus anerkennenswerte menschliche Geste! Hinter der jedoch nicht zuletzt die Absicht stand, einen möglichen psychischen Zusammenbruch des jungen Mannes unbedingt zu verhindern.

Eine Weile erzählte mir Heiner von zurückliegenden Weihnachtsfesten und von den Eltern die bislang jeden Wunsch erfüllten und ganz, ganz sicher heute sehr unglücklich sein werden. Die Überleitung nutzend, sprach er nun auch mir gegenüber von seinen Straftaten. Die er, jetzt in diesem Moment, selbst nicht verstehen konnte.
" Immer wenn ich ganz viel Bier trinke, dann werde ich völlig aggressiv. Dann stört mich bereits die Fliege an der Wand. Wenn mich dann noch jemand anschaut, oder wenn ich mir einbilde das mich jemand anschaut, dann raste ich völlig aus. Ich kenne mich dann selbst nicht mehr."

Heiner vergrub, sichtlich verzweifelt, verzweifelt über sich selbst, den Kopf in beiden Händen. " Versuche doch einfach in Zukunft weniger zu trinken. Oder lass am besten gleich die Finger vom Alkohol." " Das werde ich ", schluchzte er, den Tränen nah.

Mir fehlten in diesem Moment die Worte. Hier wäre wohl eher ein echter Psychologe gefragt. Auf jeden Fall jemand mit mehr Lebenserfahrung als ich. Ich hatte des Öfteren gelesen, dass " Bruder Alkohol" völlig unterschiedliche Wirkungen hervor rufen kann. Der eine wird melancholisch, der andere einfach nur affig und wieder andere mutieren zum King Kong. Offenbar gehörte ausgerechnet dieser " Bubi" zur letztgenannten Fraktion.
Die nächste Zeit hing Heiner rauchend seinen Gedanken nach. Während im Radio halblaut Weihnachtsmusik dudelte. Eine diffuse, beklemmende, geradezu unheimliche Stimmung.

Gegen 17.00 Uhr klingelte das Telefon. Heiner erbleichte sofort. Offenbar ahnte er, dass es für ihm nun ernst wird.
" Gehe mal nach oben und nimm das Transportkommando in Empfang", wies Hauptmann Franz an. Ehe ich der Weisung Folge leistete, musste Heiner, der mich fragend ansah, zurück in die Zelle. " Es geht gleich los", sagte ich tonlos.

Oben, beim Hausposten warteten zwei graublau uniformierte Angehörige des " Strafvollzugs" auf mich. Ich führte sie hinab in die " Unterwelt". Nach der Erledigung der Formalitäten holte ich den unglücklichen Heiner aus dem Verlies.

Gemeinsam ging es wieder nach oben. Im menschenleeren Flur wollte einer der Männer dem wie Espenlaub zitternden Heiner Handschellen anlegen. " Darf ich bitte vorher noch dem Wachtmeister Auf Wiedersehen sagen?", bat er unter Tränen. " An einem Ort wie diesen sagt man nicht auf Wiedersehen", erwiderte der Gefängniswärter mit schneidender Stimme. Heiner erstarrte zur Salzsäule. In der selben eindringlichen Tonlage wurde er über das weitere Prozedere belehrt: " Sie werden jetzt in die Untersuchungshaftanstalt Frankfurt (Oder) gebracht. Leisten Sie keinen Widerstand! Bei Flucht, oder Fluchtversuch wird ohne vorherige Androhung von der Schusswaffe Gebrauch gemacht! Haben Sie mich verstanden?"

Heiner, dem nun der Ernst der Lage restlos klar geworden sein dürfte, zitterte am gesamten Körper.

Meine Nerven flatterten ebenfalls. Am liebsten hätte ich den Kollegen vom "Strafvollzug" gesagt, dass sie Heiner nach Hause, zur "Bescherung", gehen lassen sollen. Der Erziehungszweck ist doch eingetreten. Ich stand jedoch lediglich schweigend daneben, folgte ihnen hinaus auf die Straße und sah zu wie Heiner in den vor dem VPKA bereit stehenden grauen Häftlingstransporter, Typ Barkas, stieg.

Weihnachten 88 war für mich gelaufen. Den ganzen Abend konnte ich an nichts anderes denken, als an den wie ein Kind weinenden " Gefangenen".
Sechsundzwanzig Jahre sind seit diesem Tag vergangen. Unsere Wege haben sich seitdem nie wieder gekreuzt.

Aber eines weiß ich: Heiner ist nie wieder straffällig geworden. Ob er wohl noch an dieses für ihn so unschöne Weihnachten zurück denkt? Vielleicht hat sich ja der erlittene Schock im Nachhinein als heilsame Erfahrung erwiesen?

Weihnachtliche Grüße an alle

Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 25.12.2014 02:16 | nach oben springen



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