#81

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 18:21
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Freienhagener im Beitrag #77
Zitat von damals wars im Beitrag #75
Damals war er schon ein Hoffnungsträger, alles war besser als Erich.
............

Für seine Genossen vielleicht.

Im Volk wurde gestöhnt, bei der Nachricht über seine Nachfolge. Man hatte mehr Mut erwartet in dieser Frage.

Eigentlich ist er eine Schattengestalt mit ganz kurzer Herrschaft, in der er nichts zukunftsweisendes auf den Weg brachte und deswegen zurücktreten mußte.

Er ist kaum der Rede wert.




Dafür, dass Krenz "kaum der Rede wert "sein soll, ist er in Büchern, Medien etc. aber gut vertreten.


zuletzt bearbeitet 25.12.2014 18:22 | nach oben springen

#82

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 18:29
von ABV | 4.202 Beiträge

Auf jeden Fall scheint es der Egon mit der Wahrheit überhaupt nicht so genau zu nehmen. Hatte er doch behauptet, bereits am Morgen des 08. Oktobers 1989 per Fernschreiben die Sicherheitsorgane zur absoluten Zurückhaltung verpflichtet zu haben. Gewalt gegen Demonstranten durfte nur zur Abwehr eines gegenwärtigen Angriffs, nicht aber zur Auflösung einer Demonstration durchgeführt werden.
In dem Buch " Mittendrin-Die Berliner Volkspolizei 1989 / 90" von Karl-Heinz Kriz und Hans-Jürgen Gräfe, liest sich das jedoch völlig anders.
Richtig ist, dass die " Schutz und Sicherheitsorgane" zur konsequenten Auflösung der ungenehmigten Demonstrationen aufgefordert wurden. Was an Hand der Geschehnisse weitaus nachvollziehbarer erscheint, als die Behauptung von Egon Krenz.

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 25.12.2014 18:30 | nach oben springen

#83

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 18:47
von Oss`n | 2.779 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #81
Zitat von Freienhagener im Beitrag #77
Zitat von damals wars im Beitrag #75
Damals war er schon ein Hoffnungsträger, alles war besser als Erich.
............

Für seine Genossen vielleicht.

Im Volk wurde gestöhnt, bei der Nachricht über seine Nachfolge. Man hatte mehr Mut erwartet in dieser Frage.

Eigentlich ist er eine Schattengestalt mit ganz kurzer Herrschaft, in der er nichts zukunftsweisendes auf den Weg brachte und deswegen zurücktreten mußte.

Er ist kaum der Rede wert.




Dafür, dass Krenz "kaum der Rede wert "sein soll, ist er in Büchern, Medien etc. aber gut vertreten.



Oh Alfred,

Verkaufszahlen von seinen Büchern ?
In den Medien?
Als Ziehsohn von Honecker und letztes Aufgebot der Partei.
Die Menschen in der ehem. DDR haben gelacht.
Neue Besen kehren gut - aber nicht mehr, wenn man für den Müll schon einen Bagger braucht .

Klar, wenn man in den Medien bleibt, gibt es vielleicht hier und da mal noch ein paar Euro und dafür kann man dann wieder ein Buch schreiben, was keiner braucht.

Seien wir doch mal ehrlich:
Schaut man sich mal den Werdegang von Egon an, dann müsste ihn doch der Teufel geritten haben, wenn er seine Einstellung geändert hätte.

Lasst ihn noch ein paar Bücher schreiben, damit er seinen Ruhestand finanziell etwas aufbessern kann und etwas mehr hat, als die meisten.
Aber..........das sollte ja sehr leicht zu machen sein, denn die meisten, die ihr ganzes Leben schwer arbeiten mussten (auch für den Staat DDR ) haben auf jeden Fall weniger.

In diesem Sinne


Oss`n


Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
Freienhagener hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 25.12.2014 18:48 | nach oben springen

#84

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 19:00
von Lutze | 8.034 Beiträge

die ganzen Wendehälse von damals.......,
da ist mir ein unlehrbarer Krenz lieber
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
Krepp, maxhelmut und damals wars haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#85

RE: Egon Krenz -unbelehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 19:04
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #1
Mit manchen Büchern verhält es sich wie mit " Schmuddelzeitschriften": angeblich werden sie von keinem Aas gelesen und dennoch verdienen sich etliche daran eine " goldene Nase".

Ob Egon Krenz, der Autor des von mir vor einigen Wochen erworbenen und später gelesenen Buches " Herbst 89" dadurch zu nennenswerten Reichtum kam, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall gehört der vielgescholtene Egon zu den Autoren, " die eigentlich nicht gelesen werden". Und falls doch, dann eben nur heimlich unter der Bettdecke.
Ganz so schlimm war es bei mir nicht. Ich gebe aber trotzdem zu, dass ich mich beim Kauf nicht eben wohl fühlte. Wahrscheinlich hätte ich das Ding auch gar nicht gekauft, aber da sich der Buchladen über einhundert Kilometer von meinem Wohnort entfernt befand, noch dazu in einem Nest wo ich weder Verwandte noch Bekannte habe, erschien mir die "Peinlichkeit" am Ende doch vertretbar.

Trotzdem: ich kam mir vor wie der Kerl in der Werbung, wo die Verkäuferin " Elfi wat kosten de Kondome" in die erheiterte Runde bläkte. Nicht auszudenken, wenn mir nun das selbe passierte: " Elfi, wat kostet der Egon Krenz?"
Für diesen Fall hatte ich mir bereits einen Plan zurechtgelegt: Buch wegschmeißen und aus dem Laden rennen!
Gott sei Dank blieb mir die Blamage erspart. Ob mich die Verkäuferin trotzdem für einen " ewig gestrigen" hielt? Scheiß egal, sie kannte mich ja nicht.

Aber warum blättert jemand denn nun stolze 19, 80 Euro für ein Buch hin, obwohl er bei dessen Erwerb am liebsten eine Tarnkappe getragen hätte?
Ganz einfach: aus Neugierde darauf wie der einstige, wenn auch nur kurzzeitige " erste Mann der DDR" jene Zeit erlebte, die sich bis heute in Bewusstsein einbrannte: den heißen Herst des Jahres 1989.

Ein ganz klein wenig hoffte ich auch, dem Menschen, nicht dem Funktionär Egon Krenz näher zu kommen.
Bereits beim Lesen der ersten Seiten überkam mich tiefe Beklemmungen und minder tiefe Wut. Krenz schilderte eine jener turnusmäßigen Tagungen der "Warschauer Vertragsstaaten", im Juli 1989. Mensch was wurde uns damals seitens der "offiziellen Medien" für eine Harmonie vorgegaukelt. Einer für alle-alle für einen!
Dabei herrschte am Tagungsort Bukarest eine eisige Stimmung. Vergleichbar mit der eines sich fremd gewordenen, auseinandergelebt habenden Ehepaares.

Völlig konsterniert musste Krenz, der seinerzeit Erich Honecker zu dieser Tagung begleitete aus dem Munde Gorbatschows erfahren, dass dieser die Mitgliedsstaaten " in die weitgehende Selbstständigkeit" entließ.
Statt sich darüber zu freuen, sahen beide Staatsmänner " ihre Felle davon schwimmen". Wußten sie doch, dass die SED den "Großen Bruder" so dringend benötigte, wie ein Client den Server. Ohne "Input aus Moskau" würden (Ost)Berlin die Bildschirme schwarz bleiben.

Für Krenz gab es auf die " neue Freiheit" nur eine Antwort: Gorbatschow ist mit der Perestroika gescheitert und biedert sich nun beim " Klassenfeind" an. Wie auch die Ungarn, die ihren Grenzzaun gegen " Devisen verschachtert hatten".
Überhaupt wird Gorbatschow in dem Buch als " Janusköpfiger undurchschaubarer , gegenüber der DDR-Führung unehrlicher Pokerspieler" beschrieben.
Offenbar schob ihm Krenz noch immer die Hauptverantwortung für das schnelle Ende der DDR zu. Das kann man so sehen, muss man aber nicht.

Erich Honecker erscheint uns als " zwar verdienstvoller, jedoch zunehmend an Altersstarrsinn leidender Politiker".
Wer hätte das gedacht? Erich blickte jedenfalls nicht mehr durch, legte sich gar mit Gorbi an, was den Spalt zwischen den Ländern nur noch vergrößerte.

Und der liebe Egon: der hatte die heraufziehende Gefahr natürlich längst erkannt, traute sich jedoch, aus falsch verstandener Loyalität nicht seinem Ziehvater " die Meinung zu geigen".
Am Ende quälte Krenz die selbe Frage, wie tausend andere Genossen auch: " Warum habe ich das nur so lange mitgemacht?"
Dabei übersieht er jedoch den Umstand, " nicht nur mitgemacht, sondern die Marschroute bestimmt zu haben".
Im Spätsommer 1989, als es in der DDR bereits an allen Ecken brannte und Honecker krankheitsbedingt ausfiel, traute sich Egon doch ein wenig aufzumucken. Worauf er kurzerhand "kalt gestellt" und in den Urlaub geschickt wurde. Statt seiner, hielt nun Günther Mittag im Staatsrat die Stellung.
Während dessen quälten sich Egon und andere heimliche Revoluzzer, Honeckers Rückkehr und den Feierlichkeiten zum vierzigsten Jahrestag entgegen.

Erstaunlich wenig erfährt der geneigte Leser über die anhaltende Fluchtwelle oder den ersten gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Bevölkerung und Sicherheitsorganen.
Wie auch? Egon will ja erst in den Vormittagsstunden des 08. Oktobers von Ausschreitungen gehört haben.
Flugs will er darauf sofort eine schriftliche Weisung erlassen haben, " die den Sicherheitsorganen das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten nur zur Selbstverteidigung erlaubte".
Das glaubst doch wohl selbst nicht, du A....., schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf. Warum wurde dann noch am 08. Oktober, teilweise auch am 09. Oktober, " geknüppelt"?

Kaum ein Wort verlor Krenz über die Mißhandlungen in den Zuführungspunkten. Gerade hier hätte ich eine Antwort erwartet! Warum konnte es zu solchen Ausschreitungen gegenüber völlig Wehrlosen kommen? Begangen von Volkspolizisten wie mir.

Es geht noch weiter:
Am 09. Oktober erreichten Krenz, im Vorfeld der geplanten Leipziger Montagsdemonstration, verschiedene besorgte Anrufe von Menschen die sich große Sorgen machten, dass es in der sächsischen Metropole ein Blutbad geben könnte.
Krenz beruhigte, sicher und souverän, unter Hinweis auf den von ihm erlassenen Befehl zur " Gewaltlosigkeit", die Gemüter. Auch aus dem Ministerium für Staatssicherheit wurde ihm bestätigt, dass sich die Sicherheitskräfte in Leipzig absolut zurückhaltend zeigen werden." Schließlich hatte es ja der Genosse Krenz so angewiesen!

Das war wieder so eine Stelle an der ich den Kauf des Buches aus tiefstem Herzen bereute! Krenz klärte nicht auf, er verklärte viel mehr. Vor allem sein eigene Rolle an jenem 09. Oktober 1989. Ganz so als hätte es den "Aufruf der Sechs" zu Dialog und Gewaltlosigkeit ebenso wenig gegeben, wie das Großaufgebot von Sicherheitskräften und die in der Nähe der Stadt bereit stehenden NVA-Soldaten.

Im übrigen widerspricht die Krenzsche Darlegung meinen eigenen Erfahrungen dieses historischen Tages.
Das am 09.Oktober 1989 kein Blut floss, ist unter Garantie, falls überhaupt, nicht Krenz allein zu verdanken!
Möglicherweise gehörte diese Legenden zur Verteidigungssrtragie, entstand doch das von mir, in zweiter Auflage erworbene Buch unmittelbar vor der Gerichtsverhandlung gegen Krenz und andere, wegen der Toten an der Grenze.
Einen größeren Raum widmet Krenz " dem Putsch gegen Honecker". Der offenbar unter Mitwisserschaft und ausdrücklicher Billigung Gorbatschows über die Bühne ging.

Hier nahm eine Entwicklung ihren Lauf, die sich in der SED über die kommenden Monate fortsetzte: man begann "personellen Ballast abzuwerfen". Wobei die Werfer ganz schnell selbst zu "Geworfenen" werden konnten.

Rein menschlich nehme ich Krenz " das schlechte Gewissen gegenüber Honecker" durchaus ab. Standen doch beide viele Jahre gemeinsam an der Spitze der DDR. Leider, aus der Sicht eines Egon Krenz, zu nah, um einen echten Neuanfang, oder wie er sagte " eine Wende einzuleiten". Gerade das schein Krenz, bis zum Ende seiner kurzen Amtszeit, zu keinem Zeitpunkt begriffen zu haben.

Darüber hinaus haperte es noch an einer anderen Erkenntnis: der Unvereinbarkeit zwischen einer "Ein-Parteienherrschaft und echter Demokratie".
Dabei zitierte Krenz sogar Wilhelm Liebknecht, um nachzuweisen das Demokratie und Sozialismus tatsächlich zusammen gehören. Nur das der " olle Liebknecht" bestimmt einen anderen Sozialismus als in der DDR praktiziert, im Kopf hatte.
Genau das aber wollte Krenz eben nicht! Oder wie er es ausdrückt: " man muss aufpassen, dass der Sozialismus nicht wegreformiert wird." Reform = Konterrevolution? Hier hatte wohl nicht nur der greise Honecker die Zeichen der Zeit nicht gehört!

Verbissen, bis zur Selbstaufgabe, kämpft Egon Krenz in den kommenden Wochen um den "Erhalt der Idee des Sozialismus". Oder besser gesagt, für das was er dafür hält!

Immer wieder gibt er dabei Einblicke in seine persönliche Entwicklung: vom Flüchtlingskind zum Klassensprecher und Student bis hin zum " eisernen Parteikader". Egon Krenz war auch ein Kind seiner Zeit! Geprägt durch die Nachkriegserfahrungen und die Hoffnungen auf eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung. Egon Krenz beschränkt sich dabei nicht nur aufs Hoffen und träumen, er packt tatkräftig mit an. Kein Wunder das so jemand wie ein Löwe gegen die offensichtliche Desilliusonierung kämpft, keinen Zentimeter von der einmal eingenommen Position abweicht. Wer möchte sich schon eingestehen, nicht an der Verwirklichung einer Idee, sondern bei deren Deformierung mitgewirkt zu haben?

Der allgegenwärtige Protest gegen seine Person überrascht ihn. Er hört aber auch Ansporn heraus. " Mach es Egon", soll ihm ein Arbeiter vor dem Staatsrat zugerufen haben. Wirklich?
So verbissen Egon Krenz auch kämpft, er wird immer mehr zu einem von den Ereignissen Getriebener. Dazu kommt noch das undurchsichtige Verhalten der "Freunde". Anlässlich eines Besuches in der sowjtischen Botschaft wird er sogar am Rande vor Ränkespielen gewarnt.

Auch wenn es niemand offen ausspricht: die " Deutsche Frage" kehrt immer deutlicher in den Fokus der Weltöffentlichkeit zurück. Sollte die DDR etwa zur Verhandlungsmasse zwischen Gorbatschow und Kohl "verkommen"?
Solche oder ähnliche Sorgen dürften Krenz in diesen Tagen gehäuft gequält haben.
Am 04. November 1989 erlebte die DDR die bislang größte und sogar von den Medien der DDR live übertragene Massenprotestdemonstration. Immerhin, diese neue Offenheit verdankte die Öffentlichkeit dem " neuen Mann an der Spitze des Staates." Der jedoch immer offenkundiger " mit dem Rücken zur Wand stand". Die vielen, vielen ebenso kreativen wie frechen " Anti-Krenz"-Plakate haben ihm das noch einmal mit aller Offenheit gezeigt.

Bereits im Vorfeld der Demo gab es Hinweise, unter anderem vom polnischen Geheimdienst, auf einen " massierten Grenzduchbruch" in der Nähe des Brandenburger Tores.

Egon Krenz lies Sicherheitskräfte massiert in dem Bereich auftreten, verbot jedoch zuvor ausdrücklich die Anwendung der Schusswaffe zur Verhinderung des Durchbruchs. " Mir ist bewusst, dass ich damit den entsprechenden Passus des Grenzgesetzes außer Kraft setzte", schreibt Krenz listenreich.

Hatte Egon Krenz etwa den " Schießbefehl" außer Kraft gesetzt? Offenbar möchte er, dass es möglichst viele Menschen so sehen. Krenz unterschlägt jedoch, dass bereits seit April 1989 an den Grenzen der DDR, zur Verhinderung einer Flucht, nicht mehr geschossen werden durfte. Eine Tatsache die nicht jeden bekannt ist und daher leicht zur eigenen Idealisierung benutzt werden kann.

Auch bei der Geschichte des 09. November 1989 maßt sich Krenz eine Rolle zu, die ihm überhaupt nicht zusteht.
Immer wieder behauptet er, dass es bei der offiziell für den 10. November geplanten " Vorläufigen Reiseregelung" um eine Order handelte, die von Anfang an sowohl " Ständige Ausreisen" als auch Privatreisen regeln sollte. Oberst Gerhaerd Lauter, der den entsprechenden Passus zu Privatreisen " auf eigene Gefahr" in die Regelung einarbeitete, wird von Krenz gar nicht erst erwähnt.

Immerhin verschweigt Krenz nicht, dass dieses Gesetz erst durch das Drängen der CSSR zustande kam, weil diese fürchtete das die Flüchtlinge die eigene Opposition im Lande zu ähnlichen Protestaktionen ermutigen könnte. Nicht zu Unrecht, wie die Geschichte zeigte.

Was am 09. November 1989 schließlich in der DDR geschah, ist hinlänglich bekannt. Aber auch hier versucht Egon Krenz wieder die Lorbeeren für sich einzuheimsen: " Schlagbaum hoch", will er Erich Mielke, in Kenntnis der ungeduldigen Massen vor den Grenzübergängen, angewiesen haben. Egon Krenz hat also die Grenze geöffnet? Mhmm, warum wurde dann diese klare unmissverständliche Weisung nicht an die Grenzübergangsstellen weitergegeben? Hatte Mielke etwa ganz allein versagt? Oder nimmt es Egon Krenz einmal mehr nicht so genau mit der Wahrheit?

Zweifel bleiben auf jeden Fall! Ein " Schlagbaum hoch" war zu keinem Zeitpunkt vorgesehen. Es ging einzig und allein um ein geordnetes und kontrolliertes Reisegeschehen. Krenz " mutiger Schritt die Mauer zu öffnen" war in Wirklichkeit einer der kollossalsten Fehltritte der deutschen Geschichte!

Je weiter die Krise in der DDR fortschritt, desto ungemütlicher wurde es für Krenz. Zunehmend wuchs nun auch der Unmut in den eigenen Reihen gegen den einstigen " Kronprinzen". Am Ende wunderte es niemanden, nicht einmal Krenz selbst, dass bald ein anderer den undankbaren Posten einnahm.

Bis hierher hielt sich mein Mitleid mit dem Apparatschik Krenz in sehr engen Grenzen. Menschlich nah rückte er mir zum ersten Mal, als er in bewegenden Worten schilderte, wie ihn die nun mehr zur SED-PDS umbenannte SED, seine Partei!!, aus ihren Reihen verbannte. Die sich im Sinkflug befindliche Partei trennte sich von ihrem personellen Ballast. Neben Krenz traf es auch die anderen " Mitverschwörer" gegen Honecker. Kaum zwei Monate später standen auch sie vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens.

"Geächtet" und abserviert, über Nacht zur Unperson erklärt. Von ehemaligen Weggefährten, die oft nicht weniger "Dreck am Stecken hatten". Unwillkürlich fiel mir das Gleichnis vom Sündenbock ein.

Die SED konnte nicht nur nicht anständig regieren, sie konnte nicht einmal anständig untergehen.
So gesehen hatte sich die Lektüre am Ende doch gelohnt: Bücher wie diese sind das beste Mittel gegen jegliche Form von Ostalgie und DDR-Verklärung. Man muss halt nur " zwischen den Zeilen lesen".

Gruß an alle
Uwe









ABV,

einige Anmerkungen.

Das Gorbatschow sein Land und andere Staaten "verkauft" hat, diese Auffassung vertreten wohl einige. Du beziehst dich hier z.B. auf Ungarn. Ungarn bekam zur damaligen Zeit einen Kredit durch die BRD. Kohl wollte sich natürlich auch gut darstellen. So kam er auf die Idee, dass die Grenzöffnung in Ungarn um einige Stunden vorgezogen wird, da er an dem Tag - auf dem Parteitag seiner Partei - wieder gewählt werden wollte. So wurde die Grenzöffnung vorgezogen und Kohl konnte dies als die Nachricht auf dem Parteitag bringen. Für das freundliche Verhalten der Ungarn spielte der Kredit da sicher keine Rolle .

Du schreibst, das Krenz nicht so richtig auf die Rolle der "der Sechs" in Leipzig eingeht. Kann ich nicht so finden. Krenz benennt die "sechs" mit Namen und bringt den vollen Wortlaut vom entsprechenden Aufruf in seinem Buch. So wichtig wie der Aufrauf auch war, überbewerten soll man diesen aber auch wieder nicht.

Auch bei den entsprechenden Befehlen musst aufgepasst werden, dass nichts verwechselt wird.

So ist im entsprechenden Befehl von Krenz z.B. zu lesen:

" 6. Durch die BEL der Grenzgebiete sind die erforderlichen Maßnahmen vorzusehen, damit Demonstranten nicht in das Grenzgebiet eindringen. Im Fall eines solchen Eindringens sind die Demonstranten durch Anwendung körperlicher Gewalt und geeigneter Mittel daran zu hindern, daß es zu Grenzdurchbrüchen kommt. In besonders gefährdeten Abschnitten sind zusätzlich zu den eingesetzten Grenzposten Diensthundeführer einzusetzen.

7. Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten."

Sprich, Krenz hatte schon einen Einfluss auf die Ereignisse im Herbst 1989.


Uleu hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#86

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 19:04
von Oss`n | 2.779 Beiträge

Thema verkannt ?? - meinte Lutze.


Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
zuletzt bearbeitet 25.12.2014 19:05 | nach oben springen

#87

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 19:16
von Lutze | 8.034 Beiträge

Zitat von Oss`n im Beitrag #86
Thema verkannt ?? - meinte Lutze.


dafür seit Ihr ja da,
wenn ich etwas durcheinander bringen sollte
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
nach oben springen

#88

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 19:36
von damals wars | 12.149 Beiträge

Zu den Vorgängen an den "Zuführungspunkten" kam es doch seitens der Runden Tische zu Ermittlungen. Von juristischen Ermittlungen oder Gerichtsverfahren habe ich in diesem Zusammenhang nichts gehört, kann man daraus schließen, das da nichts "ungewöhliches/ungesetzliches" passiert ist?
Vielleicht weiß ja die Polizeigewerkschaft was zu diesem Thema, ABV?


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
zuletzt bearbeitet 25.12.2014 19:39 | nach oben springen

#89

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 19:50
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von damals wars im Beitrag #88
Zu den Vorgängen an den "Zuführungspunkten" kam es doch seitens der Runden Tische zu Ermittlungen. Von juristischen Ermittlungen oder Gerichtsverfahren habe ich in diesem Zusammenhang nichts gehört, kann man daraus schließen, das da nichts "ungewöhliches/ungesetzliches" passiert ist?
Vielleicht weiß ja die Polizeigewerkschaft was zu diesem Thema, ABV?



Mhmm, mir persönlich ist nur ein einziger Fall bekannt geworden, wo ein Volkspolizist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Der betreffende Polizist soll einen Zugeführten in einer VP-Inspektion die Treppe herunter gestoßen haben, wobeo dieser erhebliche Verletzungen davon trug. Die Gefängnisstrafe " ohne Bewährung" wurde später in eine zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe umgewandelt.
Ja, vielleicht weiß ja noch jemand mehr zu diesem Thema? Mich würde das schon interessieren, was aber in einem anderen Thread weiter diskutiert werden sollte. Von wegen OT und so

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


damals wars hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#90

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 20:32
von ABV | 4.202 Beiträge

Um mal beim Thema Krenz zu bleiben: der Mann nimmt noch heute gerne für sich in Anspruch, für einen friedlichen Verlauf der Leipziger Montagsdemonstration, am 09. Oktober 1989, gesorgt zu haben.
Tatsächlich gibt es einen Befehl des Nationalen Verteidigungsrates an die Bezirkseinsatzleitung Leipzig, welcher den Einsatz der Schusswaffe gegen Demonstranten explizist verbot und einen Einsatz polizeilicher Kräfte und Mittel gegen Demonstranten, lediglich bei gewalttätigen Ausschreitungen vorsah.
Dieser Befehl, der Befehl 9/89, stammt jedoch noch von Erich Honecker, nicht aber von Krenz! Dieser strickte und strickt wahrscheinlich noch immer an der " Legende des Friedensstiftenden Reformers".
Außerdem wurde dieser Befehl erst am 13.10. 1989, also vier Tage nach der denkwürdigen Demo erlassen.

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 25.12.2014 20:45 | nach oben springen

#91

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 20:52
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #90
Um mal beim Thema Krenz zu bleiben: der Mann nimmt noch heute gerne für sich in Anspruch, für einen friedlichen Verlauf der Leipziger Montagsdemonstration, am 09. Oktober 1989, gesorgt zu haben.
Tatsächlich gibt es einen Befehl des Nationalen Verteidigungsrates an die Bezirkseinsatzleitung Leipzig, welcher den Einsatz der Schusswaffe gegen Demonstranten explizist verbot und einen Einsatz polizeilicher Kräfte und Mittel gegen Demonstranten, lediglich bei gewalttätigen Ausschreitungen vorsah.
Dieser Befehl, der Befehl 9/89, stammt jedoch noch von Erich Honecker, nicht aber von Krenz! Dieser strickte und strickt wahrscheinlich noch immer an der " Legende des Friedensstiftenden Reformers".
Außerdem wurde dieser Befehl erst am 13.10. 1989, also vier Tage nach der denkwürdigen Demo erlassen.

Gruß an alle
Uwe



ABV,

wenn Du schon so heftig Krenz kritisierst, solltest Du schon genau sein.

Richtig, Honecker hat den Befehl 9/89 unterzeichnet. Das dieser diesen Befehl unterzeichnet hat, war jedoch hauptsächlich Krenz und Streletz geschuldet. Krenz unterzeichnete dann die folgenden Befehle ( 10, 11, 12 ) als Vorsitzender des NVR.


zuletzt bearbeitet 25.12.2014 21:10 | nach oben springen

#92

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 22:23
von Ohmanndoh | 29 Beiträge

Das dieser diesen Befehl unterzeichnet hat, war jedoch hauptsächlich Krenz und Streletz geschuldet.
Wer sagt mir das es so war? Im übrigen bringt es ja bezugnehmend auf die Fragestellung keine weitere Erkenntnisse.
Solange aktiv an vorderster Stelle,schliesst für mich einen Reformer aus.
Tut mir leid, zu lange gezögert. Also doch eher Hardliner, ob unbelehrbar will ich mir nicht anmaßen ,zu beurteilen.

Gruss Ohmanndoh


nach oben springen

#93

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 23:16
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Ohmanndoh im Beitrag #92
Das dieser diesen Befehl unterzeichnet hat, war jedoch hauptsächlich Krenz und Streletz geschuldet.
Wer sagt mir das es so war? Im übrigen bringt es ja bezugnehmend auf die Fragestellung keine weitere Erkenntnisse.
Solange aktiv an vorderster Stelle,schliesst für mich einen Reformer aus.
Tut mir leid, zu lange gezögert. Also doch eher Hardliner, ob unbelehrbar will ich mir nicht anmaßen ,zu beurteilen.

Gruss Ohmanndoh


Hallo,

am 13.Oktober 1989 waren Krenz, Generaloberst Mittig ( Stellvertreter von Mielke ) , Generaloberst Wagner ( Stellvertreter des MdI ) Herger und Generaloberst Streletz in Leipzig.

Streletz hat nach der Rückkehr den entsprechenden Befehl der Sekretärin von Krenz in die Maschine diktiert. Anschließend waren Krenz und Streletz bei Honecker, wo hauptsächlich Streletz Honecker den entsprechenden Befehl erläutert hat.

Anschließend unterzeichnete Honecker den Befehl.


Ohmanndoh hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#94

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 25.12.2014 23:30
von ABV | 4.202 Beiträge

Eben, eben: der Befehl trägt das Datum 13. Oktober 1989! Krenz behauptet aber permanent, dass er für den friedlichen Verlauf der Montagsdemo am 09. Oktober 1989 gesorgt hätte. Zu diesem Zeitpunkt war besagter Befehl noch gar nicht in Kraft. Dafür galt jedoch die Weisung, sämtliche unangemeldete Demonstrationen konsequent aufzulösen. Davon konnte jedoch, auf Grund der für die Verantwortlichen überraschend hohen Teilnehmerzahl, an diesen 09. Oktober nicht mehr die Rede gewesen sein. Letztendlich war es der damalige Chef der BdVP Leipzig, der den vor Ort handelnden VP-Kräften den Befehl zum Rückzug und zur Eigensicherung erteilte.
Warum hätte der General einen Befehl erteilen sollen, der laut Krenz, längst bestand? Glaubt man Krenz, dann hätte die VP an dem Tag die Demo bestenfalls beobachten und begleiten, nicht aber gewaltsam auflösen sollen. Krenz möchte der Nachwelt einen gehörigen Bären aufbinden!!

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#95

RE: Egon Krenz -unlehrbarer Hardliner oder verkannter Reformer?

in DDR Staat und Regime 26.12.2014 17:24
von S51 | 3.733 Beiträge

Hm.
Man hat uns alle Munition vor dem Einsatz in Leipzig, am Abend davor abgenommen. Es ist ein ulkiges Gefühl, wenn man vor einem Einsatz den Gang zur Waffenkammer befohlen bekommt und alle Magazine (je zwei pro Pistole, eines pro MPi da das Zweite für die Platzpatronen vorgesehen und sowieso leer war) leer zu machen hat.
Dieser Befehl kam nicht von der Polizeiführung, er betraf die Kommandeure bei uns (Offiziersschule der DVP) genauso. Wobei lt. Latrinengerüchten die Zugführer ein Magazin mit 8 bzw. 7 Patronen behielten. Damit gab es, anders als heutzutage immer wieder offiziell zu lesen ist, praktisch keine Möglichkeit eines Schusswaffeneinsatzes. Wir hatten außer den Bereitschafts-MPi auch weder LMG noch Klein-MPi mit. Deshalb amüsiere ich mich immer wieder, wenn ich von Berichten lese, wo MG in Stellung beschrieben werden. Welche denn? Ich war als Melder zwischen PdVB und Bahnhof zwei- oder dreimal unterwegs. Auch die BePo dort hatte keine Munition wie die Schutzpolizisten aus den VPKA ebenfalls nicht.
Die einzige Technik, die über Munition verfügte, waren die PSH auf dem Hof des PdVB, die aber immer ausgerüstet waren und die man wohl eher abzurüsten vergessen hatte. Denn die waren noch teilweise mit Planen überzogen und verplombt.
Heutzutage erkennt man den Sinn Zwischenfälle zu verhindern, damals aber haben wir uns auch der massiven und offensichtlichen Unterlegenheit wegen von der Staatsführung "ausgeliefert" gefühlt. Vorgesehen zum Verheizen analog der chinesischen Soldaten, die meist ohne Munition auf dem Tienanmen-Platz gelyncht wurden.
Einen richtigen Einsatzbefehl hatten wir nicht. Was wir hatten, bezog sich auf das Beziehen der Bereitstellungsräume und den eher vagen "Schutz des Sozialismus und die konsequente Befehlsausführung". Genau das haben wir gemacht. Nach dem Beziehen der Räume also gewartet.
Der Aufruf der Leipziger Sechs, verbreitet zum Beispiel über die Sprechsäulen, war die einzige konkrete "Anweisung", die bei uns ankam. Woran wir uns gehalten haben. Kam sie doch auch von den örtlichen Parteioberen. Der Befehl der Einsatzleitung nur dann zu agieren, wenn wir konkret angegriffen würden, kam erst, als der Zug die BdVP schon erreicht hatte und am Bahnhof durch war. Da war eigentlich alles schon vorbei.
Was also das Verbot eines Schusswaffeneinsatzes betraf, da dürfte Hr. Krenz recht haben.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


Uleu hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen



Besucher
24 Mitglieder und 58 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Erinnerung
Besucherzähler
Heute waren 2526 Gäste und 134 Mitglieder, gestern 3611 Gäste und 206 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14367 Themen und 557815 Beiträge.

Heute waren 134 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen