#361

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 06.12.2014 23:38
von Gelöschtes Mitglied
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@Lutze and all

Wenn Ihr mich fragt? Ich werde dann (spontanes Forumstreffen?) mal ein paar kleine Episoden aus der Zeit erzählen, wo wir eine indianische Freundschaft hatten, wenn ihr mich darauf ansprecht. Das ist ein sehr komplexes Thema und nicht alles gehört hier in die Öffentlichkeit, anders als die Stasi-und Ost-Geschichten, hat aber auch unser Leben sehr geprägt.

Stichwort:
Damn'it Janet

Gelebte "The Rocky Horror Picture Show" >

http://en.wikipedia.org/wiki/Dammit_Janet


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zuletzt bearbeitet 06.12.2014 23:49 | nach oben springen

#362

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 08:32
von Gelöschtes Mitglied
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Janet
Ein ganz verrücktes Stück Westberlin

Ein bisschen was zur Vorgeschichte. Ich war lange Jahre Werbeleiter in einem Elektro-Großhandel in der Friedenauer Niedstraße, wo ein paar Häuser weiter damals auch Günter Grass wohnte. Wie das Leben so „spült“, wachsen mit dem Einkommen auch die Ansprüche und deshalb bewarb ich mich bei Ursula Riepert. Sie hatte eine Anzeigenannahme für Laufkundschaft in einem Laden in der Kantstraße. Sie war eine sehr attraktive Frau und wir kamen auch gleich ins Geschäft. 4 Wochen später sollte ich anfangen. Ich sollte aus der Anzeigenannahme eine Werbeagentur machen, d.h. auch Beratungskunden annehmen, die umfangreichere Aufträge bringen sollten. Mein erster Arbeitstag begann und was hörte ich von der dusseligen Dame? Sie hatte sich am Wochenende auf der Heimfahrt nach Berlin auf der Landstraße bei einem Unfall tot gefahren. Ihre beiden kleinen Kinder überlebten und der Mann kam eigens aus Amerika angeflogen, kümmerte sich um die beiden kleinen Kinder und wickelte die Geschäfte ab. Ich war ihm nicht sympathisch und er setzte eine langjährige Mitarbeiterin als Geschäftsführerin ein. Mir gab man zu verstehen, dass man mich nicht bräuchte und ich kam zu Arno W.

Arno W.’s rothaarige Mitarbeiterin verließ ihn und er stellte mich ein. In der damaligen Zeit konnte man am Freitagabend aufhören und Montagfrüh einen neuen Job beginnen. Traumzeiten, von denen man heute nicht einmal mehr träumen kann. In zwei kleinen Bürozimmern direkt am Kudamm hatte Arno W. seine kleine Werbeagentur und gleichzeitig betrieb er noch einen Lesezirkel, d.h. ließ Umschläge für ältere Zeitschriften mit Werbung bedrucken, die dann bei Ärzten im Wartezimmer auslagen und war in seiner Freizeit Vorsitzender des Modellflugvereins „Albatros e.V.“, fuhr erst einen Camaro, später eine Corvette Stingray. In einem Jahr „pushte“ ich den Umsatz von monatlich 20.000 DM auf 100.000 DM. Umsatz nicht gleich Gewinn. Die Anzeigenvermittlungsprovision liegt bei 10%-15% und das sind bei 100.000 DM Umsatz lediglich 10.000 DM brutto, wovon noch ein Batzen an Kosten abgeht.

Es gab natürlich auch andere, z.B. Gestaltungsaufträge, wo die Gewinnspanne etwas freundlicher aussah. Mit gestiegenem Umsatz musste auch büromäßig und personell aufgestockt werden. Wir zogen in die 4. Etage einer Altbauwohnung in der Leibniz-/Ecke Mommsenstraße, wo vorher eine vermögende, bekannte Geschäftsfrau vom Kudamm (Cafe Möhring) wohnte. Eine Dame für die Buchhaltung, ein junger Mann für die Kleinanzeigen und ein Grafiker wurden eingestellt. Ich war Arnos rechte Hand, sein Stellvertreter. Ich hatte Büroschlüssel und sollte eigentlich um 8 Uhr im Büro sein, was aber selten der Fall war. Zwischen 8.30 Uhr und 8.45 Uhr geruhte ich mit meiner Anwesenheit zu glänzen. Arno kam immer gut 1,5 Stunden später.

Eines morgens kam dann Arno und sah mich in meinem Büro mit meiner roten Breitcord-Hose. Lange Haare hatte ich ja schon. Lang und lockig, aber das war kein Problem, denn eine gewisse Extravaganz gestand man Werbeleuten zu. Eine rote Cordhose ging aber gar nicht. Zu meinen Aufgaben gehörte ja auch der Kundenkontakt, die ich als Kontakter aufsuchen musste. Ich fühlte mich in der auch nicht sehr wohl, aber es war morgens wohl keine andere greifbar.

Arno duzte mich immer, ich hingegen blieb vor den Mitarbeitern immer bei dem „Sie“. Er war sehr tolerant. Bei meiner roten Breitcord-Hose stieß ich jedoch an die Grenzen seiner Toleranz. Er ging mit mir zu seinem Ami-Schlitten und wir fuhren ein paar Straßen weiter zur Bleibtreustraße. In dem Laden „HotchPotch“ durfte ich mir dann einen Anzug aussuchen. Arno war dies sehr peinlich, denn die Leute könnten ja sonst was denken. Er, ein graumelierter Mann in den besten Jahren und ich ein junger Mann in einem Laden, wo auch oftmals Schwule einkauften. Ich suchte mir für 500 DM einen grauen, dezent gemusterten……..Samtanzug aus. Er zahlte. Er hätte lieber so einen konservativen mit Bügelfalte für mich bevorzugt. So oft trug ich ihn dann auch nicht, weil ich mich in ihm auch nicht so wohl fühlte.

Bei den Grafikern gab es bei uns damals eine starke Fluktuation. Da kam Martin als Grafiker in die Agentur. Schnell verstand ich mich mit ihm. Ich war ja auch auf ihn angewiesen, musste er doch die Sachen umsetzen, die ich mit den Kunden besprach.

Eines Nachmittags, kurz vor Feierabend, meinte er zu mir, ob ich nicht mal Lust hätte, mit ihm eine „schräge“ Frau, eine „schräge“ Familie in Steglitz zu besuchen. Warum nicht, dachte ich und ging mit. Da lernte ich Janet kennen und das Leben sollte nicht mehr so bleiben, wie es vorher war.


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#363

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 09:21
von Georg | 1.008 Beiträge

Zitat von Reinhardinho im Beitrag #350
Leider gibt es die ausdrucksstarke Version von Degenhardt
nicht mehr bei/auf YouTube. Hier aber auch auf deutsch >






Und wer hat das Kind mit dem Träumen erwürgt ?

Übrigens - Mutti galt als Reformkommunistin mit ihrer Vita bis 1990.


Einen Dummen anzuhören ist anstrengender, als einen Klugen zu widersprechen. ( W.Eckert )
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#364

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 09:24
von Gelöschtes Mitglied
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So, wie Du es beschreibst, @andy , hatte das Alltagsleben in Klein-Glienecke sehr viel Ähnlichkeit mit dem Leben auf einer Insel. Damit meine ich jetzt weniger die nicht so ganz unproblematische "Erreichbarkeit", sondern all das, was an Rahmenbedingungen dort gegeben war: Was man zum täglichen Leben brauchte, konnte eingekauft werden, man konnte die Kinder mehr oder weniger unbeaufsichtigt draußen spielen lassen (weglaufen konnten sie ja nicht und der Verkehr war marginal) und eine Kneipe gab es auch.

Sicher kein Paradies, aber alles zusammen doch recht akzeptable Umstände.


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#365

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 09:26
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Georg im Beitrag #363


Und wer hat das Kind mit dem Träumen erwürgt ?




Die Mutti meinte ich gar nicht, es war nur allgemein!

Mit dem "Kind" kapiere ich grad nicht. Hilf mir doch bitte auf die Sprünge, damit der Cent (früher Groschen) dann auch fällt...

Gruß Reinhard


zuletzt bearbeitet 07.12.2014 09:27 | nach oben springen

#366

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 09:38
von KARNAK | 1.690 Beiträge

Zitat von Dandelion im Beitrag #364


Sicher kein Paradies, aber alles zusammen doch recht akzeptable Umstände.

Nervend war es aber natürlich in jedem Fall, zumindest wäre es das für mich gewesen. Obwohl ich sicher auch solch eine Wohnung genommen hätte, als ich eine suchte und brauchte, wäre über jede froh gewesen. Du mustest nämlich bei jeden der Dich besuchen wollte einen Antrag stellen der genehmigt oder abgelehnt werden konnte. Bei nahen Angehörigen ging es ja noch, wolltest Du aber eine Fete machen, Geburtstag feieren oder sonst was, irgendeinen Kumpel oder alten Schulkameraden einladen konnte es schon passieren dass der nicht kommen konnte. Ein kleines bisschen Ledigenwohnheim blieb es und aus dem wollte ich raus.


"Das Unglück ist,dass jeder denkt, der Andere ist wie er,und dabei übersieht, dass es auch anständige Menschen gibt."
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#367

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 09:56
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von KARNAK im Beitrag #366
Du mustest nämlich bei jeden der Dich besuchen wollte einen Antrag stellen der genehmigt oder abgelehnt werden konnte. Bei nahen Angehörigen ging es ja noch, wolltest Du aber eine Fete machen, Geburtstag feieren oder sonst was, irgendeinen Kumpel oder alten Schulkameraden einladen konnte es schon passieren dass der nicht kommen konnte.


Nun ja, auf diesen Punkt hat Andy ja auch durchaus hingewiesen - und war offen genug, zuzugeben, dass er als "Privigelierter" auch schon mal Wege jenseits des offiziellen genutzt hat.

Aber diese Probleme hatte wohl jeder, der im Sperrgebiet wohnte - egal, ob in Berlin oder an der langen Grenze zur BRD. Mit den "akzeptablen Umständen" habe ich eher die spezielle Situation in Klein-Glienicke gemeint.

Wie sehr mich selber solche Rahmenbedingungen gestört hätten, wie wichtig mir spontane oder kurzfristig anberaumte Treffen mit Freunden von "außerhalb" gewesen wären, kann ich zum Glück nicht beurteilen - die Frage stellte sich einfach nicht.


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#368

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 15:11
von Georg | 1.008 Beiträge

Zitat von Reinhardinho im Beitrag #365
Zitat von Georg im Beitrag #363


Und wer hat das Kind mit dem Träumen erwürgt ?




Die Mutti meinte ich gar nicht, es war nur allgemein!

Mit dem "Kind" kapiere ich grad nicht. Hilf mir doch bitte auf die Sprünge, damit der Cent (früher Groschen) dann auch fällt...

Gruß Reinhard



Cent/Groschen - da werd ich immer wuschich.
Fürn Cent!Groschen fällt niche ma een Eimer um. Für Drei Groschen gabs schon ma ne ganze, große und erfolgreiche Oper. Jungs sollen für acht Groschen......und Wiki fehlen z.Z. ooch noch Millionen. Aber es lohnt sich, auch wenn oft aus Geldmangel was fehlt.
Meine Suchmaschine hatte bei " Nelkenrevolution " 38 000 Treffer. Rote Nelke 167 000 Treffer......da kann man schön was zusammenbasteln.
Und wenn man Glück hat, dann finden sich Hinweise darüber, wer und wieviel Soli gespendet hat. Die SPD soll Koffer voll Geld für das Bollwerk gegen den Kommunismus beigesteuert haben.


Einen Dummen anzuhören ist anstrengender, als einen Klugen zu widersprechen. ( W.Eckert )
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#369

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 17:25
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Georg im Beitrag #363
Zitat von Reinhardinho im Beitrag #350



Und wer hat das Kind mit dem Träumen erwürgt ?

Übrigens - Mutti galt als Reformkommunistin mit ihrer Vita bis 1990.


Jetzt hab' ich's.
"Die Revolution frisst ihre Kinder!"

Wer? Die NATO vielleicht?



Der Spiegel Nr. 23, 02.06.1975

Das war schwierig, vor allem der Nachweis. Ich war etwas verunsichert.
"mit" verlangt immer den Dativ, also "dem Traum", im Plural heißt
es aber "mit den Träumen". Richtig?

Pluralformen im Dativ
Wird eine Pluralform im Dativ benutzt, so erhält die Pluralform ein zusätzliches -n.
Mit den Jahren hat sich Rolf stark verändert. "Und wer hat das Kind mit den Träumen erwürgt ?"

Hier noch so eine andere grammatikalische Episode am Rande.
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod
http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisc...d-a-267725.html


damals wars hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 07.12.2014 18:09 | nach oben springen

#370

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 17:35
von damals wars | 12.140 Beiträge

Zitat von Georg im Beitrag #368
[
. Die SPD soll Koffer voll Geld für das Bollwerk gegen den Kommunismus beigesteuert haben.


Die Ausgaben hat sie sicher erstattet bekommen!


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#371

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 17:52
von Lutze | 8.033 Beiträge

in Klein Glienicke leben ganz normale Leute ,
wie sah das früher aus?,
ob da auch die Aktionen "Kornblume" und "Ungeziefer"
zugeschlagen haben?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
Harzwanderer hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#372

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 18:17
von furry | 3.572 Beiträge

Zitat von Reinhardinho im Beitrag #369

Das war schwierig, vor allem der Nachweis. Ich war etwas verunsichert.
"mit" verlangt immer den Dativ, also "dem Traum", im Plural heißt
es aber "mit den Träumen". Richtig?

Pluralformen im Dativ
Wird eine Pluralform im Dativ benutzt, so erhält die Pluralform ein zusätzliches -n.
Mit den Jahren hat sich Rolf stark verändert. "Und wer hat das Kind mit den Träumen erwürgt ?"




gelöscht


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
zuletzt bearbeitet 07.12.2014 18:21 | nach oben springen

#373

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 18:36
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von furry im Beitrag #372
Zitat von Reinhardinho im Beitrag #369

Das war schwierig, vor allem der Nachweis. Ich war etwas verunsichert.
"mit" verlangt immer den Dativ, also "dem Traum", im Plural heißt
es aber "mit den Träumen". Richtig?

Pluralformen im Dativ
Wird eine Pluralform im Dativ benutzt, so erhält die Pluralform ein zusätzliches -n.
Mit den Jahren hat sich Rolf stark verändert. "Und wer hat das Kind mit den Träumen erwürgt ?"




gelöscht



@furry

Ich weis, das Du mich für kleinkariert hältst und das aber gelöscht hast. Alles aber nur, weil Georg mich so verwirrt, aus
der Spur gebracht hatte, mit seinem Spruch '...das Kind mit dem Träumen...'. Erst dachte ich, es wäre falsch, dann löschte ich auch meinen Kommentar, weil ich fand, das mit den Dativ benötigt, dabei dachte, ich liege falsch. Dann suchte ich und merkte, das ich richtig liege. Aus der Nummer komme ich wohl nicht mehr raus? Kann man dies nicht alles durchstreichen?????


zuletzt bearbeitet 07.12.2014 18:46 | nach oben springen

#374

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 19:04
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Reinhardinho im Beitrag #373
Aus der Nummer komme ich wohl nicht mehr raus? Kann man dies nicht alles durchstreichen?????



Kann man durchstreichen, aber sehr aufwendig....



Jetzt habe ich lauter Striche auf meinem Monitor


zuletzt bearbeitet 07.12.2014 19:08 | nach oben springen

#375

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 20:33
von Regina | 643 Beiträge

Zitat von Reinhardinho im Beitrag #362
Janet
Ein ganz verrücktes Stück Westberlin

Ein bisschen was zur Vorgeschichte. Ich war lange Jahre Werbeleiter in einem Elektro-Großhandel in der Friedenauer Niedstraße, wo ein paar Häuser weiter damals auch Günter Grass wohnte. Wie das Leben so „spült“, wachsen mit dem Einkommen auch die Ansprüche und deshalb bewarb ich mich bei Ursula Riepert. Sie hatte eine Anzeigenannahme für Laufkundschaft in einem Laden in der Kantstraße. Sie war eine sehr attraktive Frau und wir kamen auch gleich ins Geschäft. 4 Wochen später sollte ich anfangen. Ich sollte aus der Anzeigenannahme eine Werbeagentur machen, d.h. auch Beratungskunden annehmen, die umfangreichere Aufträge bringen sollten. Mein erster Arbeitstag begann und was hörte ich von der dusseligen Dame? Sie hatte sich am Wochenende auf der Heimfahrt nach Berlin auf der Landstraße bei einem Unfall tot gefahren. Ihre beiden kleinen Kinder überlebten und der Mann kam eigens aus Amerika angeflogen, kümmerte sich um die beiden kleinen Kinder und wickelte die Geschäfte ab. Ich war ihm nicht sympathisch und er setzte eine langjährige Mitarbeiterin als Geschäftsführerin ein. Mir gab man zu verstehen, dass man mich nicht bräuchte und ich kam zu Arno W.

Arno W.’s rothaarige Mitarbeiterin verließ ihn und er stellte mich ein. In der damaligen Zeit konnte man am Freitagabend aufhören und Montagfrüh einen neuen Job beginnen. Traumzeiten, von denen man heute nicht einmal mehr träumen kann. In zwei kleinen Bürozimmern direkt am Kudamm hatte Arno W. seine kleine Werbeagentur und gleichzeitig betrieb er noch einen Lesezirkel, d.h. ließ Umschläge für ältere Zeitschriften mit Werbung bedrucken, die dann bei Ärzten im Wartezimmer auslagen und war in seiner Freizeit Vorsitzender des Modellflugvereins „Albatros e.V.“, fuhr erst einen Camaro, später eine Corvette Stingray. In einem Jahr „pushte“ ich den Umsatz von monatlich 20.000 DM auf 100.000 DM. Umsatz nicht gleich Gewinn. Die Anzeigenvermittlungsprovision liegt bei 10%-15% und das sind bei 100.000 DM Umsatz lediglich 10.000 DM brutto, wovon noch ein Batzen an Kosten abgeht.

Es gab natürlich auch andere, z.B. Gestaltungsaufträge, wo die Gewinnspanne etwas freundlicher aussah. Mit gestiegenem Umsatz musste auch büromäßig und personell aufgestockt werden. Wir zogen in die 4. Etage einer Altbauwohnung in der Leibniz-/Ecke Mommsenstraße, wo vorher eine vermögende, bekannte Geschäftsfrau vom Kudamm (Cafe Möhring) wohnte. Eine Dame für die Buchhaltung, ein junger Mann für die Kleinanzeigen und ein Grafiker wurden eingestellt. Ich war Arnos rechte Hand, sein Stellvertreter. Ich hatte Büroschlüssel und sollte eigentlich um 8 Uhr im Büro sein, was aber selten der Fall war. Zwischen 8.30 Uhr und 8.45 Uhr geruhte ich mit meiner Anwesenheit zu glänzen. Arno kam immer gut 1,5 Stunden später.

Eines morgens kam dann Arno und sah mich in meinem Büro mit meiner roten Breitcord-Hose. Lange Haare hatte ich ja schon. Lang und lockig, aber das war kein Problem, denn eine gewisse Extravaganz gestand man Werbeleuten zu. Eine rote Cordhose ging aber gar nicht. Zu meinen Aufgaben gehörte ja auch der Kundenkontakt, die ich als Kontakter aufsuchen musste. Ich fühlte mich in der auch nicht sehr wohl, aber es war morgens wohl keine andere greifbar.

Arno duzte mich immer, ich hingegen blieb vor den Mitarbeitern immer bei dem „Sie“. Er war sehr tolerant. Bei meiner roten Breitcord-Hose stieß ich jedoch an die Grenzen seiner Toleranz. Er ging mit mir zu seinem Ami-Schlitten und wir fuhren ein paar Straßen weiter zur Bleibtreustraße. In dem Laden „HotchPotch“ durfte ich mir dann einen Anzug aussuchen. Arno war dies sehr peinlich, denn die Leute könnten ja sonst was denken. Er, ein graumelierter Mann in den besten Jahren und ich ein junger Mann in einem Laden, wo auch oftmals Schwule einkauften. Ich suchte mir für 500 DM einen grauen, dezent gemusterten……..Samtanzug aus. Er zahlte. Er hätte lieber so einen konservativen mit Bügelfalte für mich bevorzugt. So oft trug ich ihn dann auch nicht, weil ich mich in ihm auch nicht so wohl fühlte.

Bei den Grafikern gab es bei uns damals eine starke Fluktuation. Da kam Martin als Grafiker in die Agentur. Schnell verstand ich mich mit ihm. Ich war ja auch auf ihn angewiesen, musste er doch die Sachen umsetzen, die ich mit den Kunden besprach.

Eines Nachmittags, kurz vor Feierabend, meinte er zu mir, ob ich nicht mal Lust hätte, mit ihm eine „schräge“ Frau, eine „schräge“ Familie in Steglitz zu besuchen. Warum nicht, dachte ich und ging mit. Da lernte ich Janet kennen und das Leben sollte nicht mehr so bleiben, wie es vorher war.


Ist OT,
thomas war einige Zeit nach der Wende Anzeigenwerber, es war ganz schlimm.



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#376

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 20:40
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Regina im Beitrag #375

Ist OT,
thomas war einige Zeit nach der Wende Anzeigenwerber, es war ganz schlimm.


Ein schlimmer Job, liegt aber meilenweit entfernt, von dem, was ich machte....
Er war quasie ein "Drücker"....??? Für wen, für welchen Verlag? Ich habe da allerdings
auch gewisse Erfahrungen (Betrügerverlag).

Gruß Reinhard


zuletzt bearbeitet 07.12.2014 20:44 | nach oben springen

#377

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 20:59
von DirkUK | 298 Beiträge

Berlin war ja wie ein Dorf und es war leicht auf Prominente zu treffen oder sie haben sogar in der Naehe gewohnt. Goyco Mitic z.B. wohnte bei uns im Hinterhaus, Gerd E. Schaefer wohnte ein par Strassen weiter und Andreas Schmidt-Schaller sah ich oft am Bahnhof Prezlauer Allee. Wie wars bei euch Berlinern ost wie west ?


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#378

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 07.12.2014 21:39
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von DirkUK im Beitrag #377
Berlin war ja wie ein Dorf und es war leicht auf Prominente zu treffen oder sie haben sogar in der Naehe gewohnt. Goyco Mitic z.B. wohnte bei uns im Hinterhaus, Gerd E. Schaefer wohnte ein par Strassen weiter und Andreas Schmidt-Schaller sah ich oft am Bahnhof Prezlauer Allee. Wie wars bei euch Berlinern ost wie west ?


Ich schrieb ja schon, das wir einmal mit Manfred Krug in einem Miethaus in Schöneberg wohnten.
Ein ehem. Abendschau-Sprecher im Seitenflügel. Bärbel Bohley gleich ein paar Häuser weiter. Jens Reich im Keller nahe Friedrichstraße. Romy Haag sowieso. Reinhard Mey traf ich mal im Garderobenbereich des Metropols am Nollendorfplatz vor einem Reggae-Konzert und bekam auch gleich ein Autogramm. Mit Axel-Springer bin ich einmal im Fahrstuhl gefahren. Bei Harry Belafonte, sein letztes Konzert in Berlin im ICC, saßen wir in der 1. Reihe. Bei der Funkausstellung, Sommergarten, ist das nun gar kein Problem, da laufen die einem alle Nase lang vor selbiger herum. Momper im Jugoslawischen Restaurant getroffen. Wowereit vor unserer Haustür bei einem Straßenfest und beim Schrippen holen im Bäcker Thürmann, sonntags morgens. Er wohnte ja gleich um die Ecke am Kurfürstendamm. Günter Grass in Friedenau. Willi Schwabe mir ggü. in der S-Bahn. Ex-Frau von Paul Kuhn. Das dürfte erst einmal spontan reichen.

War das bei Dir so? >>>>>



Grit Boettcher und Horst Tappert


zuletzt bearbeitet 07.12.2014 22:26 | nach oben springen

#379

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 08.12.2014 09:48
von Regina | 643 Beiträge

OT
Thomas war kein Anzeigenwerber, sondern Anzeigenvertreter bei der Thüringer Tagespost



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#380

RE: > Westberlin <

in Leben an der Berliner Mauer 08.12.2014 13:41
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von andy im Beitrag #360
Zitat von Barbara im Beitrag #246
Haben wir im Forum Leute die in Klein-Glienicke gewohnt haben? ich kann mich da überhaupt nicht reinversetzen, das ist doch hochgradig Klaustrophobie auslösend und dann wahrscheinlich noch die ganze Nacht unter Flutlicht, du lieber Gott, ist das pervers...



Ja, haben wir.
Ich kam 1983 aus Berlin nach Potsdam und wohnte zunächst in einem Ledigenwohnheim in Kleinmachnow. 1985 habe ich geheiratet und bekam Ende 85 eine 100 qm Altbauwohnung in der Klein Glienicker Wannseestr., die allerdings nur 2 Zimmer und eine unbeheizte Loggia hatte. Vor mir wohnte dort eine Familie mit 4 Kindern, die im Potsdamer Neubaugebiet Stern eine 4-Raum-Wohnung erhielt.
Wir haben dort gern gewohnt und es hatte mit Klaustrophobie überhaupt nichts zu tun. Flutlicht habe ich an dser Grenze nicht kennen gelernt. Klar, der Grenzabschnitt war beleuchtet, aber das waren ganz normale Strassenlaternen, hat uns überhaupt nicht gestört und wir hatten die Mauer quasi als Gartenzaun. Die Grenzstreife kam alle Stunde mal durch den Abschnitt, entweder mit dem Stoffhund oder dem Krad - nachts auch bei offenem Fenster nicht weiter störend. Im Ort gab es eine Konsum-Verkaufsstelle für Lebensmittel, eine Fleischverkaufsstelle, einen Laden für Waren des täglichen Bedarfs (WtB) sowie eine Gaststätte (Bürgershof). Die Läden wurden gut versorgt und in dem WtB ging meine Frau regelmäßig Klamotten für unsere Töchter einkaufen. Die Sachen konnte man dann ohne Bezahlung zum anprobieren mitnehmen und ging dann eben eine Woche später zum bezahlen. Es gab damals sehr viele junge Familien mit Kindern in Klein Glienicke. Die Kinder haben auf der Strasse gespielt - ausser dem Individualverkehr der Bewohner gab es ja keinen Durchgangsverkehr. Verschwinden konnten die Kleinen auch nicht, es war ja ein grosser Zaun drumrum. Klein Glienicke hatte einen dörflichen Charakter, in meiner Nachbarschaft wurden Gänse gehalten und die liefen frei auf der Wiese rum.
Einen entscheidenden Nachteil hatte Klein Glienicke allerding: Es war Sperrgebiet und man benötigte einen Passierschein, um da rein zu kommen. Meine gesamte Familie und meine engsten Freunde hatten Dauerpassierscheine, die ich ganz normal bei der VP beantragt habe. Für ungeplante Besuche hatte ich einen Dienstausweis der mir gestattete, Personen ohne Kontrolle in das Grenzgebiet mitzunehmen - zweifellos ein Privileg, welches ich auch ab und zu meinen befreundeten Nachbarn zukommen ließ, aber auch dort hatten die Verwandten i.d.R. Dauerpassierscheine - Ende der 80'er war das eigentlich kein Problem mehr.

Übrigens, ich habe es hier schon mal geschrieben, in Klein Glienicke wohnten überwiegend ganz normale Leute. Mein unmittelbarer Nachbar hat als Elektriker im WBK gearbeitet, ein weiterer war Kraftfahrer, Filmvorführer an der Filmhochschule Potsdam, Verkäuferin, Schlosser uvm.
Neben mir kannte ich in Klein Glienicke keine 10 MfS-MA, einige Grenzer und ein paar Polizisten, der Rest waren ganz normale Leute und Klein Glienicke hatte am Ende der 80'er Jahre ca. 250 Einwohner.


andy






andy, der Begriff "Rausch" ist in diesem Zusammenhang meiner Vorliebe für gut gemachte Dokumentationen geschuldet, Moskwitschka hatte liebenswürdigerweise welche über Klein-Glienicke/Glienicker Brücke für mich gepostet und hatte aber noch eine in Aussicht gestellt. Ich wollte also mit diesem Begriff meiner Neugier darauf zum Ausdruck bringen.

Das weiter oben bereits eingestellte Modell der eingemauerten Situation von Klein-Glienicke hat mich ganz spontan erschüttert, denn ein alltägliches Leben muss doch selbst in kleinen Dingen offenbar erheblich eingeschränkt, das ist doch nicht von der Hand zu weisen. Daher auch meine Reaktion oben und mein Interesse daran, mehr über eine solche Lebenssituation zu erfahren.

Nun schreibst du, dass die Situation für dein Lebensgefühl völlig i.O. war. Das nehme ich so zur Kenntnis, weil es dein Leben war. Und vielleicht hattetst du es auch in in bestimmten Dingen einfacher aufgrund deiner beruflichen Position?
Ich will nichts unterstellen, Tatsache ist aber offenbar, dass andere dort Lebende die Lebensumstände dort ganz anders empfunden haben, schau mal die eine der verlinkten Dokumentation weiter oben an.
In Zahlen: im Schnitt 500 Personen auf 3 HA - mit einer erheblichen Einschränkung von stinknormalen Alltagsaktivitäten - ich kann nicht anders, als das klaustrophob zu empfinden. Hast du immer schön darauf geachtet zB , dass wenn du familiäre Fotos machtest, die Mauer/Grenzanlagen nicht darauf abgebildet waren, weil das verboten war? Du sagst, sie waren wie ein Gartenzaun....
Normal ist es ebenfalls nicht, dass man in seinem Garten keine Leiter stehen haben durfte, man stelle sich überhaupt solche Gedanken vor, denn sie beinhalten doch eine grundsätzliche Atmosphäre von Misstrauen. Alleine solche Vorstellungen finde ich schon ziemlich pervers. - Ist Wessi-Perspektive, ich weiß.
.


zuletzt bearbeitet 08.12.2014 13:42 | nach oben springen



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