#1

"Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 11:46
von exDieter1945 | 228 Beiträge

Am 9. November war ich in Schwerin beim Festakt "25 Jahre nach dem Fall der Mauer".
Ministerpräsident Torsten Albig hat eine bewegende und persönliche Rede gehalten, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Hier der Text:

"Rede von Ministerpräsident Torsten Albig, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer
9. November 2014, Staatstheater Schwerin


Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
meine Damen und Herren,

es ist ein großes Geschenk, dass ich heute hier reden darf. Das Geschenk, dass meine Heimat größer wurde. Dass meine Heimat nicht nur Bielefeld, Kiel oder Bremen ist - sondern auch Schwerin, Stralsund oder Wismar.
Die Welt von 1989 hätte mich hier nicht reden lassen. Zumindest nicht in diesem öffentlichen und feierlichen Rahmen. Nicht, ohne meinen Text vorher kennen zu wollen.

Wir sagen viel zu selten Danke für dieses Geschenk, das uns die Bürger und Bürgerinnen gemacht haben, die für ihren Traum eines anderen Deutschlands das Wunder der Friedlichen Revolution gewagt haben.
Jeder hat seine ganz eigene Erinnerung an den 9. November 1989. Viele Menschen aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sind heute hier, um ihre ganz persönliche Erinnerung an diesen Tag miteinander zu teilen.

Für die meisten Westdeutschen meiner Generation war die Berliner Mauer ein Fakt. Als ich 1963 geboren wurde, stand sie bereits. Und wenige hatten damit gerechnet, dass sie eines Tages nicht mehr steht.
Für uns schien die Wiedervereinigung völlig ausgeschlossen. Die Teilung schien auf ewig. Es war auch kein Thema, das uns in nächtelange Diskussionen getrieben hatte. Auch mich nicht.

Paris, London oder Amsterdam schienen mir in meiner Bielefelder Zeit so viel näher als Dresden, Karl-Marx-Stadt oder Stralsund. Das Deutsch-Deutsche trat nur dann kurz in unser Leben, wenn es im Fußball zu einem Ost-West-Duell kam.
Ich war nicht vorbereitet als noch junger Mann auf den Fall der Mauer. Weder mein Kopf noch mein Herz.
Am 9. November fühlte ich vor allem eines: ungläubiges Staunen. Was wollen die von uns, dachte ich.
Der ganz nahe Osten war mir eine fremde Welt. Ich war noch nie da. Noch nicht einmal in Westberlin.

Erst 1994 - fünf Jahre später - traute ich mich das erste Mal. Erst im Berufsleben kam ich dem Osten wirklich näher. Weil es mich nach Berlin führte.
Langsam, ganz langsam wuchs meine Heimat auch in mir. Langsam, ganz langsam begann ich, das Geschenk der Einheit für mich auszupacken. Ich lernte Orte kennen, ich lernte Landschaften kennen. Vor allem aber lernte ich Menschen kennen. Menschen, die mir erzählten von einer fremden Welt. Und denen ich erzählte von einer fremden Welt. Wir staunten übereinander. Waren Fremde. Wurden Freunde.

Ich habe in Brandenburg 1999 ein Haus gebaut. Mein Sohn ging in Brandenburg zu Schule. Meine Tochter in die Kita. Ich habe wichtige berufliche Erfahrungen in Berlin-Mitte, in einem Ministerium direkt am früheren Mauer-Verlauf, gemacht. Die Entwicklung des Potsdamer Platzes 1999 habe ich fast aus dem Bürofenster miterlebt. Ich durfte nach 2005 einige Jahre an der Leipziger Straße im 9. Stock wohnen und den Gendarmenmarkt als mein Wohnzimmer erobern.

Seit 25 Jahren steht das Geschenk der Einheit nun in meinem Leben. Jedes Mal, wenn ich reinschaue, wird es größer. Weil ich Einheit erlebt habe. Leben durfte. Nicht nur in Berlin. Auch in Dresden, Erfurt, Potsdam, Schwerin oder Stralsund.
Wenn ich heute nach Rügen in den Urlaub fahre: Dann fahre ich nicht in den Osten. Dann berausche ich mich an unserer wunderbaren Ostseeküste.
Diese norddeutsche Normalität verdanke ich denen, die vor 25 Jahren mutig für Demokratie und Rechtsstaat gekämpft haben.

Viel mutiger, als ich es war. Mutiger, als die meisten bei uns im Westen es waren. Wir hatten den Traum einer größeren Heimat, einer anderen Heimat, einer besseren Heimat längst zu träumen verlernt. Menschen - auch hier in Schwerin - haben mir diesen Traum wieder geschenkt. Die Montagsgebete haben mir auch meine Kirche wieder nähergebracht. Mir gezeigt, wie machtvoll Gebete sein können. Auch das ist ein wundervolles Geschenk für mich.

Wenn ich heute durch Berlin schlendere, kann ich mir die Mauer gar nicht mehr in das Stadtbild denken. Wenn ich in Sellin auf die Ostsee schaue, vergesse ich leicht, dass auch dort eine unüberwindbare unsichtbare Mauer war. In dem Städtchen in Brandenburg, in dem ich mit meiner Familie ein Haus gebaut habe, verlief mitten im Spandauer Forst hinter unserem Garten eine Autostraße aus Betonplatten für Grenzkontrollfahrzeuge.
Mit vier Jahren - 2001 - fragte meine Tochter mich zum ersten Mal: "Warum ist das da mitten im Wald? Was soll der Wachturm im Ort direkt an der Havel?"

Wie erklärte man einer Vierjährigen: Deutsche bewachten Deutsch, damit sie nicht von Deutschland nach Deutschland fliehen? Einer Vierjährigen, die mich dann auch fragte: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?" Diese kleinen, aber so unfassbar entlarvende Frage meiner Tochter habe ich nicht vergessen. Auch meine Unfähigkeit, es zu erklären. Zu erklären, was ich eigentlich getan habe, um dagegen anzugehen.

Aber wir müssen das erklären. Immer wieder. Müssen die Geschichte wachhalten. An die Geschichte der Unfreiheit erinnern. Ihre Ursache. Und an die Geschichte der Friedlichen Revolution. Die Menschen, die sie getragen haben. Ihren Mut.
Und auch daran, dass es bei uns im Westen so viele gab, die vergessen hatten, was ihre Heimat wirklich war, denen der Traum abhanden gekommen war. Menschen, die mutlos waren. Menschen wie ich.

Wir müssen erzählen von dem wunderbaren Geschenk, das uns die mutigen Menschen gemacht haben. Menschen, die Geschichte umgeschrieben haben. Unser aller Geschichte. In Europa. Weltweit: Weil sie friedlich gekämpft haben: für Demokratie und für einen wirklichen Rechtsstaat. Und gegen das Unrecht. Weil sie nicht aufgehört haben, davon zu träumen, was unsere deutsche Heimat wirklich sein kann. In Freiheit. Für uns alle.

Ich danke im Namen meiner Generation für dieses wundervoll Geschenk. Das Geschenk, ein freies Volk zu sein. Das Geschenk, zu wissen, dass wir nie wieder aufhören dürfen, unsere Träume zu verwirklichen.




nach oben springen

#2

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 11:49
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Grossartig .

Danke für den Text, Dieter.

Gruss Hartmut


u3644_Jobnomade.html
nach oben springen

#3

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 11:53
von hundemuchtel 88 0,5 | 2.492 Beiträge

Zitat von Jobnomade im Beitrag #2
Grossartig .

Danke für den Text, Dieter.

Gruss Hartmut


ich schließe mich an und sage noch Danke fürs Einstellen @exDieter1945 !

gruß h.


nach oben springen

#4

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 12:19
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Ich möchte mich dem Dank anschließen. Und ganz besonders auf die Frage des Kindes hinweisen: Gerade Kinder stellen in ihrer "Unverdorbenheit" oder auch der positiv gemeinten Naivität Fragen, die zu beantworten Erwachsene oft ins Schleudern bringen.

Manchmal sollten wir wirklich mehr wie die Kinder sein.


IM Kressin hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#5

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 12:23
von Gelöschtes Mitglied
avatar

und wenn man bedenkt das wir fasst unseren Planeten in eine atomare Wüste verwandelt hätten... für was?!


94 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#6

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 12:24
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Nachtrag: Jeder von uns ist vermutlich schon mal durch eine Kinderfrage in eine Situation gekommen, die wir als höchst peinlich empfunden haben. Ein kleines Beispiel:

Meine Ex war mit unserem Sohn, damals ca. 3 Jahre alt, mit der Bahn unterwegs. In ihrem Abteil saß ihnen eine sehr übergewichtige, heftig schwitzende und entsprechend riechende Frau mittleren Alters gegenüber. Und dann kam die laut formulierte Frage unseres Sohnes:

"Mami, warum stinkt die Frau so?"

In diesem Moment hat sich meine Ex gewünscht, sich in Luft auflösen zu können.


IM Kressin hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#7

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 12:46
von polsam | 575 Beiträge

Zitat von Dandelion im Beitrag #4
Ich möchte mich dem Dank anschließen. Und ganz besonders auf die Frage des Kindes hinweisen: Gerade Kinder stellen in ihrer "Unverdorbenheit" oder auch der positiv gemeinten Naivität Fragen, die zu beantworten Erwachsene oft ins Schleudern bringen.

Manchmal sollten wir wirklich mehr wie die Kinder sein.


Der beitrag ist sehr gut.
Mir stellt sich aber die Frage, Muss man einem 4-jährigen Kind beibringen, dass die Menschen in dem anderen Land eingesperrt waren.
Ich habe auch Enkel deren Vater aus den alten Bundesländern kommt. Diese Wortwahl wurde und wird nicht gewählt.
Der 6-jährige will schon Einiges wissen, was die ehemalige Teilung betrifft, warum es nicht alles zu kaufen gab und auch warum man nicht hin fahren durfte wo man wollte.
Solche kindlichen Fragen kann man aber auch ohne eine "Abwertung" des Vergangenen beantworten.
Wir Erwachsenen können das Gewesene anders bewerten wie es Kinder tun.
Fangen aber mit solchen Aussagen ( die Menschen waren eingesperrt) nicht die Bauarbeiten von Mauern in den Köpfen von kleinen Kindern an?


RudiEK89, silberfuchs60 und Wahlhausener haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#8

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 13:39
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Ich fühlte mich eingesperrt. Nach meiner Dienstzeit mehr denn je.


Hapedi und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#9

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 27.11.2014 13:55
von Barbara (gelöscht)
avatar

Das Thema "Eingesperrt sein" schließt ja an unser "Gefängniswärter-Thema" an.
Die die es so empfunden haben, müssen es aussprechen dürfen, aber es haben offenbar nicht alle so empfunden. Auch das meine ich, muss man zur Kenntnis nehmen.

Die Rede oben ist eine Wessi-Perspektive, die ich als Wessi nachvollziehen kann, ich habe ebenso empfunden.
Aber ich teile polsams Aussage: macht es Sinn, einem Kind HEUTE die diesbzgl. deutsche Geschichte so zu vermitteln, dass es frühzeitig lernt, dass seine Altersgenossen potenziell die Kinder/Enkel ehem. "Eingesperrter" oder ehm. "Einsperrender" sind?

Es ist das persönliche Recht des Redners, das in seiner Familie zu tun, und wir wissen letztlich nicht, wie differenziert er das getan hat, aber in der Öffentlichkeit und in Amt und Würden dieses Kinder-Zitat als zentrale (und sehr emotionale!) Botschaft in den Mittelpunkt der Rede stellen?

Ja, das ist potenzieller "Mauerbau" im Hinblick auf die nachfolgende Generation, aus meiner Sicht.
.


silberfuchs60, polsam, RudiEK89 und Wahlhausener haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#10

RE: "Papa, was hatten die denn Böses gemacht, dass sie eingesperrt waren?"

in Themen vom Tage 29.11.2014 16:50
von FRITZE (gelöscht)
avatar

Zitat von AkkuGK1 im Beitrag #8
Ich fühlte mich eingesperrt. Nach meiner Dienstzeit mehr denn je.


Das glaube ich Dir unbesehen ! Auch heute noch !


nach oben springen



Besucher
21 Mitglieder und 45 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Andre Lambert
Besucherzähler
Heute waren 3501 Gäste und 196 Mitglieder, gestern 3956 Gäste und 189 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14371 Themen und 558146 Beiträge.

Heute waren 196 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen