#1

Der Nikolaus war einmal mein Pädagoge.

in DDR Zeiten 26.11.2014 02:05
von der glatte | 1.356 Beiträge

Diese Geschichte sollte man mit einem betrachten, allerdings hat sie sich so oder eben auch etwas anders zugetragen.

Sie hatten es wirklich damals über das Herz gebracht, daran hatte ich ganz schön zu knabbern. Am Nikolausmorgen waren meine frisch geputzten und vor allem, blank polierten Schuhe, leer geblieben. Der Nikolaus hatte mich vergessen! Mutter sah mein Gesicht, sagte kein Wort und schob mir meine Schulbrote und den Topf Malzkaffee über den Tisch. Langsam habe ich mein Frühstück lustlos reingewürgt und bin dann in die Schule getrabt. Was war nur passiert?

In der Schule war alles wie immer und als die Lehrerin mit uns das Lied "Lustig, lustig, tralalalala..." anstimmte, standen mir die Tränen in den Augen. Alle meine Sünden fielen mir nun wieder ein. Ich war damals wirklich kein frommer Held in meiner Kindheit. Jeden Blödsinn mitgemacht, ging etwas kaputt, war ich natürlich in der Nähe. Meine schulischen Leistungen damals waren schlicht und ergreifend schlecht, aber beständig.

Gerade der Nikolaus war es nun, der mich an meine zahlreichen Versprechen der Besserung erinnerte. Nun war es wohl zu spät für neue Versprechen und wem sollte ich die auch geben? Der Nikolaus war durch, dass stand für mich fest und an Weihnachten wollte ich erst gar nicht denken. Ganze vier Unterrichtsstunden quälten mich diese Gedanken, dannn war endlich für mich die Schule aus. Langsam, ganz langsam ging ich im leichtem Flockenwirbel nach Hause. Immer wieder dachte ich an die frisch geputzten Schuhe, die wohl noch immer leer vor dem Schuhschrank standen. Dabei wurde ich immer langsamer und bemerkte nicht einmal meine Mutter, die erschrocken stehen blieb, als ich an ihr in mich selbst gekehrt, vorbeiging. Als ich sie dann endlich bemerkte musste ich weinen. Meine Mutter nahm mich in den Arm und dann sah sie mich auch an. Dabei sagte sie zu mir: "Du musst gar nichts sagen, denn Du hast bestimmt alles verstanden." Ich nickte mit dem Kopf.

Mit einem "Nun komm, das Essen wird sonst kalt!", gingen wir ins Haus. Aber was war das? So leer wie heute morgen waren meine beiden Nikolausschuhe nicht mehr. Nein, da war doch etwas drin! In jedem Schuh war ein Schokoladenpfefferkuchen, ein Apfel, eine kleine Apfelsine und einige Walnüsse (solche Dinge zum Nikolaus waren in meiner Kindheit noch üblich). Dazu stand vor den beiden Schuhen noch ein kleiner Schokoladen-Nussknacker. Ich weinte schon wieder, aber nun vor Freude. "Mutti, der Nikolaus war ja doch noch bei mir", rief ich in die Küche. "Ja", sagte Mutter. "Er hat dich heute Früh so traurig in die Schule gehen sehen. Du hattest ja immer wieder versprochen dich zu ändern, viel ist aber nicht passiert. Schaue einmal in dein Zimmer ist da aufgeräumt? Warum hattest du in der letzten Woche kein Gedicht gelernt? Warum machst du die Hausaufgaben nicht vollständig?"

Oh ja, Mutter hatte ja so Recht! Von unten schaute ich sie an, aber Mutter drehte sich um und ging in die Küche. Dabei sagte sie. "Der Nikolaus und ich, wir haben uns unterhalten. Wir sind der Meinung, dass du nun wirklich begriffen hast worum es geht. Vater und ich glauben dir und der Nikolaus hat dir auch geglaubt. Darum hat er auch etwas für dich dagelassen. Nun wasche dir die Hände und komm essen!

Für mich war das ein neuer Anfang. Ich wurde zwar nie ein Musterschüler, aber heute betrachtet, hatte mir der Nikolausentzug auf Zeit, doch einige Weichen gestellt. Oft haben wir später über das Thema "Nikolaus" gesprochen und meine Mutter war im immer wieder ganz erschrocken, welche Gedanken mich bei dem leeren Schuhen den ganzen Tag bewegt hatten. Ich glaube sie machte sich darüber immer noch Vorwürfe, dabei hatte sie ja so Recht und alles gut gemeint.

Meine Eltern sind schon vor vielen Jahren verstorben, aber in diesen Geschichten leben sie immer weiter. Ich erinnere mich immer noch gern an diese Begebenheit aus meiner Kindheit und heute habe ich sie Euch erzählt.

Auch wenn ich nun längst darüber lachen kann, eine Frage konnte ich bis heute nicht klären. Wer hatte damals nur diese blödsinnige Idee, den letzten Elternabend im Jahr ausgerechnet am 5. Dezember abzuhalten?

Gruß Reiner


ACRITER ET FIDELITER


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#2

RE: Der Nikolaus war einmal mein Pädagoge.

in DDR Zeiten 26.11.2014 22:06
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von der glatte im Beitrag #1
Auch wenn ich nun längst darüber lachen kann, eine Frage konnte ich bis heute nicht klären. Wer hatte damals nur diese blödsinnige Idee, den letzten Elternabend im Jahr ausgerechnet am 5. Dezember abzuhalten?

Es war auf jeden Fall ein richtig guter, ein Vollblutpädagoge. Odär?


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#3

RE: Der Nikolaus war einmal mein Pädagoge.

in DDR Zeiten 26.11.2014 22:33
von der glatte | 1.356 Beiträge

Genau! Vermutlich hatte er das Zeug zum "Pauker-Partisan".

Gruß Reiner


ACRITER ET FIDELITER


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#4

RE: Der Nikolaus war einmal mein Pädagoge.

in DDR Zeiten 27.11.2014 06:43
von furry | 3.580 Beiträge

Vor etwa einem Jahr habe ich nachfolgende Geschichte aufgeschrieben.
Advents- und Weihnachtslichter... (2)


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
der glatte hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#5

RE: Der Nikolaus war einmal mein Pädagoge.

in DDR Zeiten 12.12.2014 17:21
von berlin3321 | 2.519 Beiträge

Danke für deine Nikolausgeschichte, Reiner.

MfG Berlin


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
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#6

RE: Der Nikolaus war einmal mein Pädagoge.

in DDR Zeiten 12.12.2014 17:28
von berlin3321 | 2.519 Beiträge

Zitat von furry im Beitrag #4
Vor etwa einem Jahr habe ich nachfolgende Geschichte aufgeschrieben.
Advents- und Weihnachtslichter... (2)


Meine Gedanken, furry, stehen direkt darunter.

Wie viel hat sich in dem Jahr verändert ! Meine liebe, wunderschöne Frau ist ins Regenbogenland gegangen und muss nie mehr Schmerzen erleiden.

Es kommt gerade wieder hoch.....sie fehlt mir gerade sehr......


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
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