#1

KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 04:39
von B208 | 1.351 Beiträge

In einigen Beiträgen wird , sinngemäß , davon berichtet , dass es eine inoffizielle und geheime Anweisung gab , die besagte , der Nichtgebrauch der Schusswaffe bei einem erfolgreichen Grenzdurchbruch ist nicht zu bestrafen .

Den sogenannten " Schiessbefehl " gab es lt. vielen Berichten nicht in schriftlicher und nicht in mündlicher Form .

Es gab die Schusswaffengebrauchsbestimmung und die Vergatterung , mit wohl nicht ganz eindeutigen Formulierungen .

Der Grenzsoldat hätte die Schusswaffe im Rahmen der Schusswaffengebrauchsbestimmung einsätzen können . Er hätte sie einsätzen KÖNNEN , nicht müssen . Es gab weder einen Befehl , noch eine Pflicht die Schusswaffe einzusetzen .
Dennoch glaubten viele Grenzsoldaten an eine Bestrafung , falls sie zur Verhinderung eines Grenzdurchbruches die Schusswaffe als letztes ihnen zur Verfügung stehendes Mittel nicht einsätzen würden .

In einigen Beitägen gab es sinngemäß Aussagen - lieber der GV , als dass ich dafür bestraft werde -

Woher kommt diese Befürchtung , diese Angst vor einer Strafe bei Nichtanwendung der Schusswaffe bei einem geglückten Grenzdurchbruch , bei einer geglückten Flucht ? Wer oder was hat diese Angst bei den Grenzsoldaten ausgelöst . Warum haben Verantwortliche und Vorgesetzte die Grenzsoldaten in dem Glauben gelassen und ihn gefördert ?

Wurden Grenzsoldaten , die in der Situation/Lage eines Grenzdurchbruchversuches waren evtl. dadurch zu einem Schusswaffengebrauch gegen den Flüchtling genötigt !?!?

Wenn der Gebrauch der Schusswaffe an der Grenze ohne Notwehrsituation schon sehr " fragwürdig " war , so wäre , sollte die o.g. Anweisung bestand gehabt haben , die Situation in der die Verantwortlichen und Vorgesetzten ihre Untergebenen Grenzsoldaten mit dieser bewussten Angstmacherei gebracht haben , menschenverachtend und verbrecherisch .

B208

PS : Langer , Achim , deutlich , aber ohne Hass und kein Kalter Krieger , der liebe Onkel von GsG .


eisenringtheo hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#2

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 05:25
von S51 | 3.733 Beiträge

Formuliere ich die Antwort mal anders.
In der FDGO gibt es Beamte (ja, auch da...). So ein besonderes, lebenslang alimentiertes Menschenwesen könnte ja mal auf die Idee kommen das es besser sei, den angstschlotternden (bei allererstem Mal kommt das vor...) Fahrraddieb nicht dem gierigen Malstrom der strafrechtlichen Verfolgung (beim allerersten Mal glaubt der an so etwas noch...) zu überantworten und ihm das Vorbestraftsein für 50 Euro Schaden (pro Speiche...) zu ersparen. Warum macht der Beamte das nicht, was könnte ihm passieren?
Es gibt so etwas wie eine Strafvereitelung (sogar im Amt, ja, ja auch Nichtstun...) und der sich so strafbar machende Beamte würde Job und berufliche Perspektive verlieren. Denn auch die gnädige Entscheidung ist mit mindestens einem Jahr bedroht und das genügt für den unwiderruflichen Verlust der Bezüge und Pensionsansprüche.
Unabhängig davon, das der Fahrraddiebstahl von der Staatsanwaltschaft gerade noch so eventuell aber vom Richter nur noch äußerst gelegentlich zur Kenntnis genommen aber keineswegs zur Anklage oder gar noch Verurteilung gebracht würde. Dem Beamten tut also zwar das Würstchen leid aber Dienst ist Dienst... Und das Unheil, sprich die kriminelle Karriere nimmt ihren Lauf (täte sie sonst freilich auch...).
Republikflucht war eine Straftat. Dem Strafmaß nach konnte sie Verbrechenstatbestände (mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe belegt) erfüllen. Sie nicht zu unterbinden konnte also Beihilfe sein. Musste nicht, konnte... Wer aber einem Verbrecher hilft, wird (umgangssprachlich) bestraft wie ein Verbrecher. Da gab es Ausschlußgründe und so weiter aber im Wesentlichen hat der Soldat da vorne genau das im Hinterkopf gehabt. Es wäre nicht passiert, ist nicht passiert aber konnte passieren. Sie waren Soldaten, keine Polizisten. Auch Polizisten wurden in der DDR wie jene in der FDGO (man merkt, die Abkürzung kommt dem postsozialistischen Naturell zu sehr entgegen...) auf Tatbestände, Tatbestandsmerkmale und Verhältnismäßigkeit getrimmt aber Soldaten eben nicht. Da gab es, querbeet durch die Gesellschaft auch recht einfache Gemüter drunter. Auch bei den Offizieren. So mancher hat dann eben das Einfachste gemacht... nach dem Motto, warum ich, dann lieber du.
Die Politik lassen wir dabei besser nicht außer Acht. Auch hier ist es üblich, bei einem nicht genehmen Wort des die Tasten... kloppenden, gerade noch so menschenähnlichen (weil anderer Meinung...) Gegenüber diesem die gesellschaftliche Verachtung entgegenzuschleudern. Zumindest so ein bisserl. Damals am Kanten hätte dies anders sein sollen? Ja, wieso eigentlich? Also gab es Zeiten, gab es Orte, da erging es dem Soldaten in einer Versammlung oder so nicht anders als dem schwer geschockten kleinen Beamten beim erstmaligen Öffnen (solche Ausnahmeexemplare gibt es...) der BIX-Zeitung mit der Schlagzeile "...ließ das Monster laufen..." Da war es entschieden einfacher, jemanden nicht laufen zu lassen.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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#3

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 06:07
von 94 | 10.792 Beiträge

Ganz einfach ... Kein Schuß - Keine Strafe

Oder doch nicht, denn so zumindest erlebte ich's. Erfolgte die Festnahme, gabs selten eine Bestrafung, egal was für Delikte während des Grenzdienstes geschahen. Erfolgte ein Durchbruch, kenne ich nun aber nur vom Hörensagen, wurde schon recht intensiv die Ursachen für das Versagen der eingesetzten Kräfte ermittelt. Und traten dabei Delikte zu Tage, was ja nun nicht selten sondern eher die Regel war, na dann 'rollten auch schonemal Köpfe'. Mal etwas flapsig ausgedrückt. Allerdings kenne ich auch vom Hörensagen (war Batallionsgespräch damals, vielleicht hat @UvD815 noch die Details?) Belobigungen nach einem erfolgtem Durchbruch, weil ebend gerade dem an einer Engstelle eingesetzten Posten KEIN grenztaktisches Fehlverhalten nachgewiesen wurde, obwohl es nicht zur Anwendung kam. Also so einfach wie's der von Dir gewählte Thementitel suggeriert war's nicht.

Weiterhin sprichst Du das Thema Notwehr an, ein Jedermannsrecht. Keine Frage. Doch ist nicht auch heute noch für einen behördlichen Waffenträger legitim, zur Abwendung von Verbrechen die Waffe einzusetzen, Stichwort Rechtsgüterabwägung und Putativnotwehr respektive -hilfe? Na das weißt Du als ein solcher dienstlicher Waffenträger bestimmt besser, mir als Sportschütze würde nichtmal im Traum die Anwendung einer Schußwaffe zur Notwehr einfallen.
Aber ich schweife ab.

Der Knackpunkt für mich ist, das der §213(2)4 den Grenzverletzer im Grenzgebiet einem Verbrecher gleichstellte. Der Grenzer, nun ... er hat dieses Gesetz nicht gemacht, er setzte es nur um. Ein Spruch, der auch heutigen Unformträger locker-flockig über die Lippen kommt. Ganz einfach ...


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


Winch, Damals87, damals wars, S51 und Rothaut haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#4

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 06:31
von damals wars | 12.186 Beiträge

Eine Nötigung setzt eine Rechtswidrigkeit voraus.
Es war aber eben gerade nicht rechtswidrig!


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#5

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 06:34
von exgakl | 7.237 Beiträge

Zitat von damals wars im Beitrag #4
Eine Nötigung setzt eine Rechtswidrigkeit voraus.
Es war aber eben gerade nicht rechtswidrig!


Ein vorhandenes Gesetz bedeutet nicht gleichzeitig Recht, maximal für die Anwender und Umsetzer Rechtssicherheit


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#6

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 07:49
von ABV | 4.202 Beiträge

Polizeibeamte dürfen laut Gesetz in bestimmten Fällen, zur Verhinderung der Flucht eines Rechtsbrechers, die Schusswaffe anwenden. Das entsprechende Gesetz sagt aber nur aus, " dass die Anwendung zulässig ist". Nicht das die Anwendung " zwingend zu erfolgen hat". Weiterhin entbindet das Gesetz den Polizeibeamten nicht von der Pflicht, Gefahren für Leib und Leben Unbeteiligter auszuschließen.

Beispiel: ein des Mordes dringend Verdächtiger entzieht sich der Festnahme. Er flüchtet in eine Menschenmenge. Polizeiobermeister Y zückt die Wumme, verzichtet auf Grund dessen das seiner Meinung nach " Gefahr im Verzuge besteht", auf die Androhung der Schusswaffenanwendung, nimmt den Killer aufs Korn und drückt ab. Da Polizeiobermeister Y, der in der Schießhalle zu den Besten gehört, sehr aufgeregt ist, trifft er nicht den Killer sondern die neben ihm laufende Oma Krause. Anschließend hat Deutschland nicht nur eine Rentenempfängerin sondern auch einen Polizeibeamten weniger.

Formal lagen die rechtlichen Voraussetzungen für einen Schusswaffengebrauch zwar vor, der aber trotzdem unter diesen Umständen niemals hätte erfolgen dürfen!

Polizeiobermeister Y würde sich einer Anklage wegen " Fahrlässigen Tötung" zu stellen haben. Und weiterhin einem Disziplinarverfahren wegen erheblicher Verletzungen der Dienstpflichten.

Der Passus im Grenzgesetz der DDR, welcher Soldaten, als letztes Mittel, die Anwendung der Schusswaffe zur Verhinderung eines Grenzdurchbruchs erlaubte, unterscheidet sich nicht, oder kaum, von heutigen Regularien. Auch im Grenzgesetz der DDR wurde nicht von einer " zwingenden Anwendung" gesprochen! Auch hier gab es im Gesetz festgelegte "Ausschlussgründe" für die Anwendung der Schusswaffe.

Zwischen dem Polizeiobermeister Y aus der Gegenwart und einem durchschnittlichen Grenzsoldaten aus DDR-Zeiten, gibt es jedoch gravierende Unterschiede:

a) Polizeiobermeister Y hat eine mehrjährige, qualitativ hohe Ausbildung genossen. Er wurde während der Ausbildung und auch darüber hinaus, mehrmals im Jahr, in der Anwendung der Schusswaffe, den rechtlichen Voraussetzungen und der dabei einzuhaltenden besonderen Sorgfaltspflicht geschult. Polizeiobermeister Y waren auch die rechtlichen Folgen eines Fehlverhaltens bekannt.

b) der durchschnittliche Grenzsoldat hat vor seinem Einsatz eine sechsmonatige Militärausbildung "genossen". Die aus Kriechen, Gleiten, Marschieren, Sturmbahn und mehr oder weniger praxisnaher Grenzdienstausbildung bestand. Schießen gehörte natürlich ebenfalls zur Ausbildung, jedoch lediglich in einem verhältnismäßig geringen Umfang. Noch viel weniger wurden die künftigen Soldaten mit den rechtlichen Voraussetzungen für die Anwendung der Schusswaffe vertraut gemacht.

Viel mehr galt der als unbedingter Befehl verstandene, suggerierte Grundsatz, " dass ein Grenzdurchbruch unbedingt zu verhindern sei."
Für einen rechtlichen Laien, noch dazu wenn er ist neunzehn oder zwanzig Jahre alt ist, ein schwerlich erkennbarer Widerspruch!
Zu prüfen wäre, im Rahmen der Geschichtsaufarbeitung, in wie weit " von Oben" bewusst Einfluss darauf genommen wurde, dass den Grenzsoldaten wichtige Details zur Anwendung bzw Nichtanwendung der Schusswaffe, vorenthalten blieb.
Da die unmittelbaren Vorgesetzten ebenfalls "nur" Befehlsempfänger waren, dürfte die Verantwortung " weiter Oben", in den Grenzkommandos, wenn nicht sogar im MfNV in Strausberg, zu suchen sein.

Mit dem heutigen Wissen kann man natürlich leicht darüber labern, "dass der Großteil der tödlichen Schusswaffenanwendungen an Grenze überhaupt nicht notwendig war." Dieses Wissen stand den Grenzsoldaten aber überhaupt nicht zur Verfügung! Anders als dem besagten Polizeiobermeister Y, der dann auch in vollem Umfang für sein (Fehl)Verhalten verantwortlich ist. Wobei auch in seinem Fall die konkreten Umstände berücksichtigt werden müssen.

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


Jobnomade, Udo, utkieker, Grenzfuchs und DoreHolm haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 25.11.2014 08:02 | nach oben springen

#7

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 08:11
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Ich stell mir gerade vor, ein Politoffizier versammelt seine Schäfchen und erklärt ihnen die nun offene Richtlinie etwa so "Genossen, um den kursierenden Gerüchten über Bestrafungen bei der Nichtverhinderung von Grenzdurchbrüchen ein Ende zu machen, unterrichte ich sie hiermit davon das eine nicht erfolgreiche Anwendung der Schusswaffe keine Bestrafung nach sich zieht".
Also ich hätte damals gedacht ich hätte einen Hörfehler wenn ich so einen Spruch vernommen hätte und der hätte mich auch total verunsichert weil er ja eigentlich einen allseits bekannten Befehl negiert hätte der halt gegenständlich ausgegeben wurde.
Dann hätte man wohl besser diesen Befehl konkretisieren sollen, eventuell so "Der im Vergatterungstext enthaltene Begriff "Vernichtung" bedeudet nicht "Tötung", wenn sie sich nicht sicher sind ob eine Anwendung der Schusswaffe den Tod einer flüchtenden Person verursachen kann, dann ist die Anwendung der Schusswaffe über den Warnschuss hinaus gehend in diesem Fall ab sofort untersagt".
Letzteres wäre Nägel mit Köpfen gewesen, ersteres irgendwie nur Wischiwaschi.
Dann hätten die Synapsen in den Köpfen der meist unreifen jungen Kerle die wir nun mal in Mehrzahl waren auch nicht den Reflex "Rennender-Schießen-Treffen" produziert, sondern eher den "Rennender-nicht schießen-selbst rennen-fangen".
Hätte wohl manches schlimmes was geschehen ist verhindert.


Jobnomade und Heimgänger 80 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 25.11.2014 08:34 | nach oben springen

#8

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 09:19
von Gelöschtes Mitglied
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am Ende meiner Dienstzeit kam ja noch der Spruch zur Vergatterung: wobei die Schusswaffe das letzte Mittel ist (zur Vernichtung) impliziert doch, das vorher in jedem Fall die Schusswaffe einzusetzen war - und was bedeutet als letztes Mittel? Bevor er mich niederstreckt oder er über den Zaun hüpft?

Vieles wurde nur angedeutet, Verunsicherung und Gerüchte geschürt. Damit ist man ja fein raus als Vorgesetzter: wurde nie befohlen! Schon allein die Nichtaufklärung der Soldaten ist für mich straffällig.

Das Gesetz das Republikflucht aus Bürgern Verbrechern macht, war inhuman, falsch und menschenrechtswidrig und somit nicht gültig. Ich gehe sogar soweit, das die DDR-Regierung sich ohne Legitimierung des Volkes an die Macht gebracht hat durch die militärische Besatzungsmacht SU. Wie sie das gemacht haben ist sehr gut in W.Leonhards Buch: Die Revolution entlässt ihre Kinder nachzulesen.


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#9

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 09:26
von Elch78 | 501 Beiträge

Zitat von B208 im Beitrag #1

Der Grenzsoldat hätte die Schusswaffe im Rahmen der Schusswaffengebrauchsbestimmung einsätzen können . Er hätte sie einsätzen KÖNNEN , nicht müssen . Es gab weder einen Befehl , noch eine Pflicht die Schusswaffe einzusetzen .
Dennoch glaubten viele Grenzsoldaten an eine Bestrafung , falls sie zur Verhinderung eines Grenzdurchbruches die Schusswaffe als letztes ihnen zur Verfügung stehendes Mittel nicht einsätzen würden .

In einigen Beitägen gab es sinngemäß Aussagen - lieber der GV , als dass ich dafür bestraft werde -

Woher kommt diese Befürchtung , diese Angst vor einer Strafe bei Nichtanwendung der Schusswaffe bei einem geglückten Grenzdurchbruch , bei einer geglückten Flucht ? Wer oder was hat diese Angst bei den Grenzsoldaten ausgelöst . Warum haben Verantwortliche und Vorgesetzte die Grenzsoldaten in dem Glauben gelassen und ihn gefördert ?

Wurden Grenzsoldaten , die in der Situation/Lage eines Grenzdurchbruchversuches waren evtl. dadurch zu einem Schusswaffengebrauch gegen den Flüchtling genötigt !?!?

Wenn der Gebrauch der Schusswaffe an der Grenze ohne Notwehrsituation schon sehr " fragwürdig " war , so wäre , sollte die o.g. Anweisung bestand gehabt haben , die Situation in der die Verantwortlichen und Vorgesetzten ihre Untergebenen Grenzsoldaten mit dieser bewussten Angstmacherei gebracht haben , menschenverachtend und verbrecherisch .


Ich glaube, Deine Fragestellung gut nachvollziehen zu können, und sie ist einer Erklärung wert. Sie resultiert sicher aus Deiner Sozialisation auf der Grundlage der FDGO (kein Vorwurf!), die jedoch in der persönlichen Entwicklung der jungen Menschen im Osten so gut keine Rolle gespielt hat.

Jenseits aller juristischen Feinheiten von Grenzgesetz, Schußwaffengebrauchsbestimmung, Vergatterung, Waffe einsetzen können oder müssen bzw. Notwehr stand die Erfahrung des DDR-Menschen, daß es keine Gerechtigkeit gegenüber dem "Wahrheits-Postulat" der Oberen (sprich der Partei und ihrer ausführenden Organe also auch des Militärs) gibt.
Will sagen: Braucht es einen Schuldigen (und den benötigt man immer!), dann findet man den auch. Und es wird derjenige sein, der sich am wenigsten wehren kann: Schütze Arsch im letzten Glied (der keinen mehr unter sich hat, auf den er zeigen kann).
In unserer jetzigen Ordnung lernt man doch, daß man gegen eine Entscheidung klagen kann, man kann erlittenes Unrecht auch öffentlich machen und dann Unterstützung erfahren, man kann in einer Folgeinstanz ein revidiertes Urteil erreichen - all diese Dinge gehörten nicht zum Erfahrungsschatz des gemeinen DDR-Bürgers.

Sollte man im Falle des Falles darauf vertrauen, daß die Untersuchungsorgane sachlich und fair ermitteln würden?
Durfte man damit rechnen, daß andere Verantwortliche aus Grenzkommando, -regiment, -bataillon, -kompanie oder meinetwegen Verwaltung 2000 freiwillig eine Verantwortung und damit eine Schuld einräumen würden im Sinne von: ja, wir haben eine schlechte Personalplanung für den Grenzdienst gemacht ... ja, wir haben die Sensibilität in diesem Sicherungsabschnitt unterschätzt ... ja, wir haben Wartung/Instandsetzung von grenzdienstlichen Anlagen vernachlässigt ... ja, wir haben fahnenfluchtgefährdete AGT in der GK nicht erkannt ...?

Nein, darauf sollte man lieber nicht vertrauen. Im Falle eines Durchbruchs wären die kleinen GT-GWDler isoliert und penetrant eventuell so lange befragt und beeinflußt, bis auf dem Papier die Unterschrift des Soldaten steht und das, was man für günstig erachtete.
Und selbst wenn der Einzelne nichtangreifbare Äußerungen zu Protokoll gab, was würde der/die Andere/n den Befragern zum Besten geben?
Nein, es gab nach meinem Dafürhalten da keine Gerechtigkeit, in meiner Vorstellung war die Militärgerichtsbarkeit kein Organ der Rechtspflege sondern diente der Aufrechterhaltung der "Ordnung" und der Bestrafung und Abschreckung.
Das Ergebnis konnte dann nicht nur "Grenzverletzung nicht verhindert" sondern zusätzlich "Befehlsverweigerung" oder "Beihilfe" lauten.
Eine Revision gegen das Urteil des Militärgerichts - für mich damals undenkbar!

Die Schußwaffenanwendung galt nicht als Frage von Können oder Dürfen, sie war ein "Müssen", wenn die Flucht nicht anders verhinderbar war.
Die Formulierung "Nur in Notwehr!" tauchte nur auf, wenn Staatsbesuch in die DDR kam und man für diese Zeit kein Vorkommnis mit Toten oder Verletzten an der Grenze haben wollte.

Hoffe, zur Erklärung der damaligen Befindlichkeit ein wenig beigetragen zu haben!
Elch


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
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#10

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 09:36
von Gelöschtes Mitglied
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@Elch das bringt es auf den Punkt. Die Verheimlichung des "angeblichen" nicht Bestrafens bei keinem Schusswaffengebrauchs macht es eigentlich noch schlimmer und verachtenswerter.


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#11

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 09:41
von Rüganer (gelöscht)
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@Elch78,

kann es sein, dass Schütze Arsch dies alles kurz gesagt als Druck auf ihn empfunden hat?


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#12

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 10:08
von utkieker | 2.924 Beiträge

Die Schusswaffe konnte angewendet werden, wenn jemand sich durch Flucht oder Widerstand der Festnahme entziehen wollte.

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
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#13

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 10:51
von eisenringtheo | 9.179 Beiträge

Strafrechtlich gesehen ist es nicht so kompliziert. Der GT Angehörige hat eine sogenannte Garantenpflicht.
http://de.wikipedia.org/wiki/Garantenpflicht
Er muss dafür sorgen, dass ein tatbestandlicher Erfolg nicht eintritt. Da nach DDR Strafrecht der unerlaubte Grenzübertritt als Verbrechen gilt, ist in extremis auch der Waffeneinsatz erlaubt. Setzt der Soldat die Waffe nicht ein, hätte aber der Einsatz der Waffe den Grenzübertritt verhindert, kann er wegen Beihilfe angeklagt werden. Ist eine Streife unterwegs und einer der beiden flieht, so ist auch eine Anklage wegen Mittäterschaft in einem schweren Fall zu prüfen.
Was Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte daraus gemacht haben, weiss ich nicht. Als GT Angehöriger wäre ich das Risiko nicht eingegangen und hätte z.B. "bei einem sich nach rechtsvorwärtsbewegenden Ziel " auf sieben Uhr mit genügend Abstand zum Ziel gezielt geschossen und beim Neuzielen mir vielleicht etwas mehr Zeit als erforderlich gelassen.
Möglicherweise hat der eine oder andere GT Angehörige, wenn er draussen unterwegs war oder auf einem BT saß, sich ähnliche Strategien entwickelt. Ob man diese allerdings im E-Fall und dem damit verbundenen Stress auch umsetzen konnte, ist natürlich eine andere Frage.
Theo


Elch78 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#14

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 11:27
von Elch78 | 501 Beiträge

Zitat von AkkuGK1 im Beitrag #10
Die Verheimlichung des "angeblichen" nicht Bestrafens bei keinem Schusswaffengebrauchs macht es eigentlich noch schlimmer und verachtenswerter.

Das stimmt, zeigt es doch daß wir eben auch eine menschliche Manövriermasse waren.
Allerdings ist mir noch nicht ganz klargeworden, ob das, was @Rainman2 geschildert hat, nur für seine Zeit oder seinen Absschnitt (Kompanie, Bataillon, Regiment) oder überall gelten sollte.

Elch

Edit: wegen Interpunktionsergänzung


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
zuletzt bearbeitet 25.11.2014 11:52 | nach oben springen

#15

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 11:35
von Elch78 | 501 Beiträge

Zitat von Rüganer im Beitrag #11

kann es sein, dass Schütze Arsch dies alles kurz gesagt als Druck auf ihn empfunden hat?

Natürlich, diesen Druck versuchte ich mit meinen Ausführungen zu illustrieren.

Wie habe ich dieses Dilemma in meinem Kopf gelöst?
Ich hab' mir damals in etwa gesagt: auf Menschen ohne Not zu schießen, ist sehr fragwürdig. Ich habe es aber letztlich nicht zu entscheiden und ziehe mich deshalb auf den Standpunkt zurück ----> das Betreten und erst recht das Überwinden der Sperranlagen ist verboten, und jeder weiß das. Wer es dennoch tut ...

Heute für Außenstehende schwer nachzuvollziehen, ich weiß ...

Elch


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
zuletzt bearbeitet 25.11.2014 11:52 | nach oben springen

#16

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 11:44
von Elch78 | 501 Beiträge

Zitat Utkieker: "Die Schusswaffe konnte angewendet werden, wenn jemand sich durch Flucht oder Widerstand der Festnahme entziehen wollte."

Ja, KONNTE ... Hast Du das so verstanden? Es mag ja im Text so gestanden haben, aber wie wurde es kommuniziert?
Deinem Bild entnehme ich, daß Du Uffz.warst und also auch Vorgesetzter für Soldaten.
Hast Du das denen gegenüber auch so verbalisiert? Und was haben dann Deine Vorgesetzten dazu gesagt, daß Du den Befehl als "Kann"-Bestimmung formulierst?

Elch


"Es gibt immer drei Wahrheiten: eine, die Du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen"
zuletzt bearbeitet 25.11.2014 11:53 | nach oben springen

#17

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 11:55
von Rüganer (gelöscht)
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Zitat von Elch78 im Beitrag #15
Zitat von Rüganer im Beitrag #11

kann es sein, dass Schütze Arsch dies alles kurz gesagt als Druck auf ihn empfunden hat?

Natürlich, diesen Druck versuchte ich mit meinen Ausführungen zu illustrieren.

Wie habe ich dieses Dilemma in meinem Kopf gelöst?
Ich hab' mir damals in etwa gesagt: auf Menschen ohne Not zu schießen Menschen, ist sehr fragwürdig. Ich habe es aber letztlich nicht zu entscheiden und ziehe mich deshalb auf den Standpunkt zurück ----> das Betreten und erst recht das Überwinden der Sperranlagen ist verboten, und jeder weiß das. Wer es dennoch tut ...

Heute für Außenstehende schwer nachzuvollziehen, ich weiß ...

Elch



Ich hatte diesen Druck auch, andere aber verspürten ihn scheinbar gar nicht, deshalb die Nachfrage. Auch dein Standpunkt - ich hatte diese Meinung auch, weit bis nach der Wende... aber man erfährt hier eben doch ab und an Dinge, die solch Meinungen verändern und dann fragt man sich doch, wieso habe ich mich so verarschen lassen...


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#18

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 12:47
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Ich hab früher mit meinen eigenen Ohren einen Befehl gehört "Grenzverletzter sind aufzuspüren, festzunehmen und notfalls zu vernichten", das Wort "kann/können" kam da eigentlich nicht vor.
Eventuell hab ich mich aber auch getäuscht, ist ja mittlerweile 30 Jahre her.


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zuletzt bearbeitet 25.11.2014 12:53 | nach oben springen

#19

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 13:56
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Zitat von Elch78 im Beitrag #14
Zitat von AkkuGK1 im Beitrag #10
Die Verheimlichung des "angeblichen" nicht Bestrafens bei keinem Schusswaffengebrauchs macht es eigentlich noch schlimmer und verachtenswerter.

Das stimmt, zeigt es doch daß wir eben auch eine menschliche Manövriermasse waren.
Allerdings ist mir noch nicht ganz klargeworden, ob das, was @Rainman2 geschildert hat, nur für seine Zeit oder seinen Absschnitt (Kompanie, Bataillon, Regiment) oder überall gelten sollte.

Elch

Edit: wegen Interpunktionsergänzung

Ich melde mich nochmal zu dem Thema, muss arbeiten.
1. mündliche Information 1984
2. durch Leiter Politabteilung GR3
3. an Politstellvertreter Kompanien
4. Geltungsbereich und Geltungsdauer sind mir unbekannt.

Ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#20

RE: KEIN Schuß - KEINE Strafe

in Grenztruppen der DDR 25.11.2014 14:13
von eisenringtheo | 9.179 Beiträge

1984 war der zweite Milliardenkredit. Vielleicht war das ja auch ein Zugeständnis der DDR an die BRD???
Der ehemalige GI Johnny Workman aus Kalifornien kann diese Bilder nicht vergessen und macht sich über 40 Jahre später auf, die Soldaten aus der Zeit des Kalten Krieges wieder zu treffen. Er recherchiert im Schweriner Stasi-Unterlagen-Archiv und findet Hinweise auf eine "Fahnenflucht in besonders schwerem Fall". Er liest in den Akten über einen dritten Grenzsoldaten, der 1970 auf der Ostseite verhaftet worden war und wegen Beihilfe zur Fahnenflucht im Schweriner Stasi-Gefängnis und später im berüchtigten NVA-Militärgefängnis Schwedt einsaß.
Als Johnny den in der DDR inhaftierten Soldaten im mecklenburgischen Burg Stargard aufspürt, verblasst die für ihn spektakuläre Episode aus seiner Wehrdienstzeit. Zu bitter sind die Berichte des Mannes. Der Soldat ist verurteilt worden, weil er nicht auf seine Kameraden schießen wollte. Und er nimmt den Amerikaner mit auf eine Zeitreise, zeigt ihm die Verhörzimmer und Gefängniszellen in Schwerin. Johnny Workman setzt alles daran, auch die 1970 geflüchteten Grenzsoldaten im Westen zu treffen. Ein Jahr benötigt er für seine Recherche, bis es dann am Ufer der Elbe zum Wiedersehen kommt..

Hervorherhebung durch mich
http://www.phoenix.de/johnny_und_die_gre...aten/812317.htm
Theo


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