#81

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 09:11
von Alfred | 6.853 Beiträge

Zu den Hundertschaften.

Hatten wir im Beitrag von Streletz :

"In diesem Zusammenhang einige Erläuterungen zur Bildung von Hundertschaften der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen:

Die Bildung der Hundertschaften am 4.Oktober 1989 und im weiteren Verlauf der Wende, das heißt im Oktober und November – am 11.November wurde ihre Auflösung befohlen – hatte unter anderem folgende Gründe:

a) Im Herbst 1989 nahmen die Demonstrationen und Proteste immer größere Maßstäbe an. Es war zu befürchten, dass die Kräfte der Deutschen Volkspolizei nicht immer allein die öffentliche Ruhe und Ordnung sowie die Sicherheit der staatlichen Einrichtungen durchsetzen können. Davon ausgehend wurde die Forderung nach Unterstützung der Deutschen Volkspolizei durch Kräfte der NVA bei Notwendigkeit immer lauter. Es war deshalb zu entscheiden, in welcher Form diese Unterstützung erfolgen konnte. Die Lösung war die Bildung von Hundertschaften.

b) Mit dieser Form des Einsatzes sollte klar zum Ausdruck gebracht werden, dass die Nationale Volksarmee zur Erfüllung von Aufgaben im Innern der DDR nicht mit ihren militärischen Strukturen, der Kampftechnik und der Bewaffnung eingesetzt wird. „Hundertschaft“ ist ein polizeilicher Begriff. Die militärische Kommandostruktur, die Kampftechnik und Bewaffnung waren für die Erfüllung von Aufgaben im Verteidigungszustand zur Verteidigung der DDR gegen einen Angriff von außen vorgesehen.

c) Die für die Unterstützung der Deutschen Volkspolizei vorgesehenen Kräfte wurden aus den militärischen Strukturen herausgenommen und als Hundertschaften ohne Kampftechnik und Bewaffnung formiert. Dadurch sollte klar zum Ausdruck kommen, dass nicht militärische Einheiten zu Sicherungs- und Absperrmaßnahmen vorgesehen sind, sondern Kräfte, die aus der militärischen Struktur und Organisation zeitweilig herausgelöst wurden.

d) Die Festlegungen für die Hundertschaften beinhalteten, dass diese Kräfte bei Notwendigkeit auf Anforderung der Vorsitzenden der Bezirkseinsatzleitungen zur Hilfe und Unterstützung der Deutschen Volkspolizei eingesetzt werden konnten.

Den Vorsitzenden der Bezirkseinsatzleitungen bzw. dem jeweiligen Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei konnten und durften nicht militärische Strukturorgane als polizeiliche Hilfskräfte zur Verfügung gestellt werden. Eine solche Handlungsweise hätte auch den gültigen Führungs- und Einsatzgrundsätzen für die Nationale Volksarmee, die vom Nationalen verteidigungsrat bestätigt waren, widersprochen.
Das waren die vorrangigen Gründe für die Bildung der Hundertschaften während der Wende.
Hatten die Hundertschaften bei ihrem ersten Einsatz am 4.und 5. Oktober in Dresden noch ihre Handfeuerwaffen dabei, so wurde am 6. Oktober strikt befohlen, die Hundertschaften künftig ohne Bewaffnung einzusetzen.
Schlussfolgernd kann festgestellt werden :
Man kann heute darüber unterschiedlich urteilen, ob wir damals zweckmäßig und richtig gehandelt haben. Im nachhinein ist man immer klüger !"


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#82

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 10:12
von Vierkrug (gelöscht)
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Zitat von exgakl im Beitrag #80
Zitat von Vierkrug im Beitrag #76
@Moskwitschka - ich habe bekanntermassen auch auf der "anderen Seite" gestanden und gebe nur das wieder, was mir bekannt war und auch noch gegenwärtig ist, bzw. als Material in den jeweiligen Geheimhaltungsstufen noch vorliegt.
Im diesem Befehl steht kein Satz über "Hundertschaften der NVA". Unter einem Punkt geht es um die Vorbereitung von Reserven und deren Bereithaltung. Diese Aufgaben und Maßnahmen sind im Befehl konkret untersetzt. Abschließend zu dieser Aufgabenstellung heißt es:
"Die Bereitstellung der Reserven hat mit dem Ziel zu erfolgen, im Zusammenwirken mit den Kräften des Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministeriums des Innern jederzeit zuverlässig Aufgaben zur Gewährleistung der gesamtstaatlichen Sicherheit, der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie einer stabilen politischen Lage in der Hauptstadt der DDR, BERLIN, erfüllen zu können."

Das MfS verfügte über eigene Spezialkräfte, die sowohl strukturmäßig , wie auch nicht struktumäßig bestanden und die mit bestimmten Aufgabenstellungen betraut waren, wie die TSK in den BV´s.

Vierkrug




Moin @Vierkrug ... die Einsatzhundertschaften gab es... ich "durfte" damals selbst daran teilnehmen... irgendwo in den Tiefen des Forums schrieb ich bereits davon...

VG exgakl



@exgakl - Ich weiß und habe es auch nicht geleugnet bzw. verleugnet. @Alfred hat es ja in seinem Beitrag spezifisiert.

Der Begriff "Hundertschaften" war in der miltärischen Struktur bis dato nur in den VP-Bereitschaften und den KG bekannt und verwendet worden. Eine Hundertschaft hatte die Stärke einer Kompanie wimre - ca. 104 Mann.

Vierkrug


exgakl hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#83

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 11:18
von Vierkrug (gelöscht)
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Zitat von Moskwitschka im Beitrag #78
@Vierkrug Mir war bis zum Erscheinen dieses o.g. Buches nicht bwußt, wieviel Einsatzkräfte von VP, MdI, MfS, NVA, WKM usw. um den 4.Novmber 1989 allein in Berlin im Einsatz waren oder für die unterschiedlichsten Aufgaben bereit standen. Daraus abgeleitet stellte ich mir die Frage, wäre der Einsatz der sowjetischen Streitkräfte bei einer Eskalation, die ja Gott sei Dank ausgeblieben ist, überhaupt notwendig gewesen.

Spontan fallen mir da noch mehr Fragen ein. Nur eine davon. Aber die wirst Du nicht beantworten können. Welche Rolle hat damals die Botschaft der DDR in Moskau gespielt? Vielleicht besorge ich mir das Buch des letzten DDR - Botschafters in der SU.

LG von der Moskwitschka


@Moskwitschka - das Buch von Wjatscheslaw Kotschemassow kann ich Dir empfehlen.

Ich bin nur darüber froh, dass die Gesamtsituation nicht so eskalierte, dass es zu größeren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften gekommen ist. Nicht auszumalen die Entwicklung, wenn eine Seite die "Nerven" verloren hätte oder gar ein Schuß gefallen wäre - egal von/auf welcher Seite.
Ein kleines persönliches Erlebnis aus Hoyerswerda, wo die Montagsdemos erst Mitte November ihren Anfang nahmen. Im Anschluß fanden dann immer gemeinsame Beratungen der KEL Hoyerswerda und der Koordinierungsgruppe Schwarze Pumpe im HBE statt um die Situationen zu bewerten und Maßnahmen festzulegen, wie man sich bei der nächsten Demo verhält.
Die erste Demo nahm ihren Ausgang in der Einsteinstraße in der Höhe der Parkanlage mit der Martin-Luther-King-Kirche, führte über die Schwarze Elster - Brücke in die Altstadt und von dort wieder über eine andere Schwarze Elster-Brücke in die Neustadt bis zum Platz des 7. Oktober vor dem HBE. Der Demonstrationszug wurde lediglich von einem Funkstreifenwagen des VPKA Hoyerswerda geführt, um notwendige Sperrmaßnahmen auszuführen. Ansonsten verlief die Demonstration ruhig und beängstigend schweigend. Die paar Skins die provozierend auftraten, wurden von den Menschen in Schach gehalten.
Auch die anschliessend improvisierte Kundgebung analog Berliner Vorbild auf dem Platz des 7. Oktober mit ca. 7500 Teilnehmern verlief insgesamt sehr geordnet.
Am darauffolgendem Montag, wäre es dann fast zu einer verhängnisvollen Eskalation gekommen. Im VPKA Hoyerswerda muß Jemand die Situation falsch eingeschätzt und dabei die Nerven verloren haben - es waren ca. 15.000 Menschen auf dem Platz versammelt und auf den Zufahrtsstraßen drehte sich rein nichts mehr.
Da hörten wir schon Einsatzfahrzeuge mit Sondersignal, die sich aus Richtung des VPKA in der Altstadt, der Neustadt näherten. Durch die damalige Bebauung der Neustadt, wurde nicht nur das Martinhorn akkustisch verstärkt, sondern auch das Blaulicht von den Fronten der Hochhäuser reflektiert. Zeitgleich näherte sich über die Bautzener Allee die Hundestaffel des VPKA dem Platz. Diese Bewegungen wurden von vielen Demonstranten wahrgenommen und sofort in die Breite getragen. Es kam Unruhe auf und teilweise auch Angst.
Wir sind dann sofort durch das Foyer des HBE zum Hintereingang und haben den Zugang verschlossen, wogegen die Berufsfeuerwehr scharf protestierte, um den "hochgerüsteten" Einsatzkräften den Weg in Richtung Platz zu verwehren. Die Hundestaffel konnte auch noch rechtzeitig im Kreuzungsbereich der Bautzener Allee / Dr. Wilhelm-Külz-Straße gestoppt werden. Es bestand somit eine ausreichende Distanz zwischen den Sicherungskräften und den Kundgebungsteilnehmern auf dem Platz. Es hat dann ein paar Minuten gedauert, bis sich die hochgeschlagenen Emotionen wieder geglättet haben. Es hätte auch anders ausgehen können.
Ich will damit nur zum Ausdruck bringen, dass es in diesem Herbst nicht immer einfach war, situationsbedingt auch die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nach diesem Ereignis gab es dann ein Zusammenwirken zwischen Bürgerkomitee und den beteiligten KEL (die Koordinierungsgruppe Schwarze Pumpe hatte den Status einer KEL). Die Vorstufe des "Runden Tisches". Eine sehr spannende und interessante Zeit auch für mich, denn die Bürgerkomitees gewannen zunehmend an Fahrt und ich war einer der Moderatoren, der ihnen als Verbindung zur "Staatsmacht" benannt wurde.

Vierkrug

Ergänzend - HY hatte damals ca. 77.000 Einwohner


exgakl und Jobnomade haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 14.11.2014 11:37 | nach oben springen

#84

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 11:22
von Regina | 643 Beiträge

MfS war immer dabei!



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#85

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 11:34
von Vierkrug (gelöscht)
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Zitat von Regina im Beitrag #84
MfS war immer dabei!


Die evangelisch - lutherische Kirche auch, nicht nur von der CDU repräsentiert.


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#86

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 12:02
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Zitat von Vierkrug im Beitrag #85
Zitat von Regina im Beitrag #84
MfS war immer dabei!


Die evangelisch - lutherische Kirche auch, nicht nur von der CDU repräsentiert.



Und ich denke, das war völlig richtig in jenen Tagen, dass alle Interessengruppen dabei waren.
Das wichtigste war: miteinander zu reden und die Eskalation von Gewalt vermeiden.

Gruss Hartmut


u3644_Jobnomade.html
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#87

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 12:12
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Zitat von Vierkrug im Beitrag #71
Zitat von Schuddelkind im Beitrag #60
Mal eine Frage: Wie groß war eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass im Falle einer gewaltsamen Niederschlagung der Oppositionsbewegung, die Leute der Kampfgruppen gegen die eigene Führung gewandt hätten?


Zumindest wurden in den Ausbildungsprogrammen, wie auch in den Abschlussübungen 1989 die taktischen Handlungen "Räumen und Sperren von Strassen und Plätzen" mittels Sperrkette und Räumkette geübt - bis zur Einsatzstärke einer KGH.
D.h., auch in den Bezirkskampfkräften - das waren die KGB (m) und die KGH (m) mit zweistelliger Strukturnummer.
Die Einsatzbereitschaft, die auch in den Wochen des Herbst 1989 kontinuierlich überprüft wurde, lag prozentual sehr hoch, so dass man davon ausgehen konnte, dass auch gestellte Aufgaben zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit seitens des Personalbestandes der Kampfgruppen wahrgenommen werden konnten.
Die Ausrüstungsgegenstände, wie Schutzschilde, Schlagstöcke (kurz und lang), Schutzhelme, Führungsketten etc. waren in den Waffenkammern eingelagert.
Die militärische Ausbildung und Führung der KG-Einheiten in den Bezirken oblag der Abt. Bereitschaften / Kampfgruppen in den BDVP´s.

In der Kampfgruppen wurde kein Fahneneid sondern ein Gelöbnis abgelegt - Gelöbnis der Kämpfer der Kampfgruppen:
"Ich bin bereit, als Kämpfer der Arbeiterklasse die Weisungen der Partei zu erfüllen, die DDR, ihre sozialistischen Errungenschaften jederzeit mit der Waffe in der Hand zu schützen und mein Leben für sie einzusetzen."

Es gab im Herbst 1989 vermehrte Austritte aus den Kampfgruppen - aber dass sich die Kampfgruppen gegen die eigene Führung gewandt hätten, bezweifele ich sehr stark.
Auch in Leipzig sah es nicht danach aus. Ich meine jetzt nicht die Forderung des Kampfgruppenkommandeurs Günter Lutz , "diese konterrevolutlonären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!".
Ich belasse es hierbei.

Vierkrug



Danke für die umfassende Aufklärung, Vierkrug.
Ich hatte damals, als ich im Frühjahr 1989 für die Kampfgruppen "nominiert" werden sollte, nur so ein ungutes Bauchgefühl.
Viele meiner damaligen Arbeitskollegen und Freunde engagierten sich in der Kirche und hatten kritisches Gedankengut - ich hatte als damaliges noch-SED-Mitglied keine Probleme, mit ihnen darüber zu diskutieren. Für einige meiner damaligen Genossen aus der Parteileitung des Betriebes (Robotron Dresden) waren es einfach nur "Konterrevolutionäre", gegen die man "mit aller Härte und Entschlossenheit" vorgehen sollte.
Zu unser aller Glück gewannen die Besonnenen auf allen Seiten die Oberhand.

Ergänzung, zum ursprünglichen Thema:
Wie die in der DDR stationierten sowjetischen Truppen reagieren würden, hätte ich damals ebenfalls nicht vorhersagen können.
Es war zwar jedem klar, dass Gorbatschow zu den Besonnenen zählte - aber würden all seine Generäle "Disziplin" halten ?
Und die Erinnerungen und Erzählungen meiner Eltern um die Ereignisse des 17.Juni 1953 hatte ich immer im Hinterkopf.
Auch die wenigen Überlieferungen an die Ereignisse in Ungarn 1956 und die persönlichen Erinnerungen an den "Prager Frühling" 1968.


Gruss Hartmut


u3644_Jobnomade.html
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zuletzt bearbeitet 14.11.2014 13:09 | nach oben springen

#88

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 13:55
von Marienborn89 | 889 Beiträge

Zitat von damals wars im Beitrag #43
Zitat von josy95 im Beitrag #20
Zitat von damals wars im Beitrag #18
Zitat von 94 im Beitrag #4
Diese Passivität der Besatzer 1989 gegenüber 1953 lag vielleicht auch ä bissel an den ab Mai 1987 'leicht' geänderten Militärdoktrin?

Stimmt. Die hatten gesehen, wie Gorbatschow vor Reagen kapitulierte und wussten, es ist eh vorbei.


Aber sorry, ewig Gestrige bleiben ewig Gestrige, Hardliner bleiben Hardliner...

josy95


Verehre nur Deinen Götzen, ich habe damals Lebensmittelpakete in das Land Deines Helden geschickt, ja in das Land zu dem damals noch die Kornkammer Ukraine gehörte.
Hunger mussten wir bei Erich nicht, und wir waren auch nicht auf die abgelaufenen Lebensmittel aus Westberlin angewiesen, wie Dein Held!


Ja, durch die von dem Antikommunisten Franz-Josef Strauß vermittelten Kredite war die DDR-Wirtschaft noch nicht ganz im A... sondern nur fast.


Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker,
das alles sind rein vergebliche Werke;
denn meine Gedanken zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei
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#89

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 16:35
von ABV | 4.202 Beiträge

Egon Krenz nimmt für sich heute das Verdienst in Anspruch, für den " friedlichen Verlauf" der Demonstrationen Sorge getragen zu haben. Nach eigener Aussage hätte er am Vormittag des 08. Oktober 1989, mehr oder weniger aus Pressemeldungen, von " Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten" erfahren. MfS-General Rudi Mittig, seines Zeichens stellvertretender Minister für Staatssicherheit, hatte daraufhin gegenüber Krenz erklärt, " dass da wohl einige die Nerven verloren hätten". Ohne näher darauf einzugehen.
Krenz behauptet, daraufhin, eigenmächtig und ohne Abstimmung mit Honecker, den Sicherheitskräften " äußerste Zurückhaltung befohlen zu haben". Gewalt durfte nur zur Abwehr von Angriffen seitens der Demonstranten angewendet werden. Diese Weisung sei am 08. Oktober per Fernschreiben in alle DDR-Bezirke weitergeleitet worden.
Als sich am nächsten Tag, wegen der geplanten Demonstration in Leipzig und der Möglichkeit einer gewaltsamen Eskalation durch ein eventuelles exzessives Einschreiten der Sicherheitsorgane, sorgenvolle Nachfragen bei Krenz eingingen, will er diese mit dem Hinweis auf die von ihm angeordnete Zurückhaltung der Sicherheitsorgane beantwortet haben.
Krenz weist weiter darauf hin, dass ihm aus dem MfS bestätigt wurde, dass den Sicherheitskräften in Leipzig " äußerste Zurückhaltung auferlegt worden sei".
Folglich wäre die Aktion der " Leipziger Sechs" völlig unnötig gewesen. Da, " Dank Egon Krenz, in Leipzig zu keinem Zeitpunkt die Gefahr eines gewaltsamen Eingreifens der Sicherheitskräfte bestand. Krenz widerspricht damit auch dem damaligen Chef der BdVP Leipzig, VP-General Gerhard Strassenberg, der, Angesichts der unerwartet großen Teilnehmerzahl, eigenständig den Befehl zur " Eigensicherung" erteilt haben will.
In seinen Memoiren unterlief Krenz ein kleiner, aber nicht unwichtiger Fehler: er dankt den in Leipzig eingesetzten " Angehörigen des MfS, der VP und den Soldaten der NVA, für den friedlichen Verlauf der Demonstration". Obwohl die letzteren angeblich doch gar nicht eingesetzt wurden!!???

Gruß an alle
Uwe


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#90

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:05
von Moskwitschka (gelöscht)
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Reicht es nicht, dass sie in dem Zeitraum vom 27.09.1989 bis 11.11.1989 bereit standen? Eine kurzfristige Umstrukturierung mit ungewissen Einsatz und Aufgabenstellung für den Einzelnen zerrte bestimmt bei vielen Betroffenen an den Nerven. Zudem hatten sie bestimmt auch nur begrenzten Zugang zu Informationen über die Lage im Land und der Stimmung in der Bevölkerung. Zumal sie auf solche Aufgaben im inneren des Landes bzw. in Städten nicht vorbereitet waren. Da ist es nur recht und billig sich bei allen zu bedanken, die die Nerven behalten haben.

LG von der Moskwitschka

EDIT Datum


zuletzt bearbeitet 14.11.2014 17:11 | nach oben springen

#91

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:11
von Kalubke | 2.299 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #89

...
Krenz widerspricht damit auch dem damaligen Chef der BdVP Leipzig, VP-General Gerhard Strassenberg, der, Angesichts der unerwartet großen Teilnehmerzahl, eigenständig den Befehl zur " Eigensicherung" erteilt haben will.
...
Uwe


Ein wahrscheinlich systemunabhängiges Phänomen, dass sich den Erfolg meistens mehrere gleichzeitig an ihre Brust heften wollen.
Im Falle des Misserfolges ist das genau anders herum.

Gruß Kaluibke



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#92

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:15
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #91
Zitat von ABV im Beitrag #89

...
Krenz widerspricht damit auch dem damaligen Chef der BdVP Leipzig, VP-General Gerhard Strassenberg, der, Angesichts der unerwartet großen Teilnehmerzahl, eigenständig den Befehl zur " Eigensicherung" erteilt haben will.
...
Uwe


Ein wahrscheinlich systemunabhängiges Phänomen, dass sich den Erfolg meistens mehrere gleichzeitig an ihre Brust heften wollen.
Im Falle des Misserfolges ist das genau anders herum.

Gruß Kaluibke



Ich finde es trotzdem dreist von Krenz! Absolut " unterste Schiene"!!! Krenz Aussage widerspricht auch meinen eigenen Erfahrungen. Im VPKA Seelow wurden wir am Morgen des 09. Oktober noch, " durch die Blume", auf eine gewaltsame Auflösung der Leipziger Demonstration vorbereitet. Von einem Befehl von Krenz der zur absoluten Zurückhaltung aufforderte, war an diesem Tag keine Rede!

Gruß Uwe


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#93

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:20
von Kalubke | 2.299 Beiträge

Das war ja nicht die einzigste Ente, die Krenz in seinen Memoiren verbreitet hat. Im Fred "Die Maueröffnung, bleibt ein Versehen der SED" sind wir auch drauf gekommen, dass die Äußerung von Krenz, dass alle Befehle für die Grenzöffnung am 10.11.1989 vorbereitet waren, ebenfalls nur bedingt der Wahrheit entspricht.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 14.11.2014 17:31 | nach oben springen

#94

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:29
von Alfred | 6.853 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #92
Zitat von Kalubke im Beitrag #91
Zitat von ABV im Beitrag #89

...
Krenz widerspricht damit auch dem damaligen Chef der BdVP Leipzig, VP-General Gerhard Strassenberg, der, Angesichts der unerwartet großen Teilnehmerzahl, eigenständig den Befehl zur " Eigensicherung" erteilt haben will.
...
Uwe


Ein wahrscheinlich systemunabhängiges Phänomen, dass sich den Erfolg meistens mehrere gleichzeitig an ihre Brust heften wollen.
Im Falle des Misserfolges ist das genau anders herum.

Gruß Kaluibke



Ich finde es trotzdem dreist von Krenz! Absolut " unterste Schiene"!!! Krenz Aussage widerspricht auch meinen eigenen Erfahrungen. Im VPKA Seelow wurden wir am Morgen des 09. Oktober noch, " durch die Blume", auf eine gewaltsame Auflösung der Leipziger Demonstration vorbereitet. Von einem Befehl von Krenz der zur absoluten Zurückhaltung aufforderte, war an diesem Tag keine Rede!

Gruß Uwe



ABV,

Du kannst ja schlecht Herrn Krenz dafür verantwortlich machen, wenn am 9. Oktober im VPKA Seelow etwas durch "die Blume " erzählt wird.


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#95

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:46
von ABV | 4.202 Beiträge

@Alfred
Ich werfe aber Krenz vor, dass er sich heute als alleiniger Friedensengel aufspielt. Ich werfe ihm vor, dass er heute so tut, als wäre der friedliche Verlauf der Leipziger Demo sein Verdienst gewesen.
Für mich besteht der Verdacht, dass Krenz bewusst seine damalige Rolle schönt und von seiner wahren Verantwortung ablenken will.
Hier wird etwas sehr wichtiges verschwiegen mein lieber Alfred. Und das weißt du ganz genau!

Gruß Uwe


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#96

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:52
von exgakl | 7.237 Beiträge

Zitat von Moskwitschka im Beitrag #90
Reicht es nicht, dass sie in dem Zeitraum vom 27.09.1989 bis 11.11.1989 bereit standen? Eine kurzfristige Umstrukturierung mit ungewissen Einsatz und Aufgabenstellung für den Einzelnen zerrte bestimmt bei vielen Betroffenen an den Nerven. Zudem hatten sie bestimmt auch nur begrenzten Zugang zu Informationen über die Lage im Land und der Stimmung in der Bevölkerung. Zumal sie auf solche Aufgaben im inneren des Landes bzw. in Städten nicht vorbereitet waren. Da ist es nur recht und billig sich bei allen zu bedanken, die die Nerven behalten haben.

LG von der Moskwitschka

EDIT Datum


Die standen nicht nur bereit...


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
Marder hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#97

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 17:57
von Alfred | 6.853 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #95
@Alfred
Ich werfe aber Krenz vor, dass er sich heute als alleiniger Friedensengel aufspielt. Ich werfe ihm vor, dass er heute so tut, als wäre der friedliche Verlauf der Leipziger Demo sein Verdienst gewesen.
Für mich besteht der Verdacht, dass Krenz bewusst seine damalige Rolle schönt und von seiner wahren Verantwortung ablenken will.
Hier wird etwas sehr wichtiges verschwiegen mein lieber Alfred. Und das weißt du ganz genau!

Gruß Uwe


ABV,

es bleibt ein Fakt, dass Honecker als erstes den Befehl 8 / 89 des Nationalen Verteidigungsrates unterzeichnet hat, der einen Einsatz der Schusswaffe verbot. Krenz folgte dann mit dem Befehl 9/ 89 als er die Funktion des Vorsitzenden des NVR übernommen hatte.

Was verschwiegen wird, kannst du uns gern mitteilen.


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#98

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 18:44
von Vierkrug (gelöscht)
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@ABV - Uwe, mal eine Frage, bist Du am 9.10. und 16.10.1989 in Leipzig gewesen ? Nein, denn Du hast ja Deinen Dienst im VPKA Seelow versehen. Nach einem kurzem Zwischenstop am 8.10. zu Hause (war ja am 7.10. in Berlin), ging es am Montag in der Früh gleich nach Leipzig, denn es war ein sehr wichtiger Kombinatsbetrieb am Dittrichring, die anderen beiden Kombinatsbetriebe lagen an der Peripherie von Leipzig. Aber erstgenannter befand sich unmittelbar im sogenanntem Handlungsraum.
Ich werde jetzt nicht alles wiederholen, was ich bereits vor einem Jahr zu den Ereignissen in Leipzig geschrieben habe. Da müßte ich den Tiefen des Forums graben, wozu ich absolut keinen Bock habe. Es werden im gegenwärtigem Diskussionsverlauf mal wieder Rosinen im Kuchen gesucht.
Entscheidend in Leipzig war, dass durch die besonnene Reaktion und das abgestimmte Handeln seitens der BEL die ohnehin spannungsgeladene Situation sich nicht weiter zuspitzte. Am 16.9. kam noch der Aufruf der Vier hinzu, der deeskalierend wirkte.
Seitens der BEL gab es laufende Informationen zur Lage und Situation in Leipzig. Die Drähte "glühten" regelrecht.
Und wenn ich mich jetzt auch etwas weit aus dem Fenster lehne, dass es in Leipzig zu keiner weiteren Eskalation und "Niederschlagung nach Pekinger Vorbild" kam, ist auch dem Umstand mit zu verdanken, dass E.K. in Abstimmung mit anderen Protagonisten sehr verantwortungsbewußt und umsichtig gehandelt hat.

Jetzt OT - es waren Leipziger, die in den darauffolgenden Wochen auch die erste Demo in HY organisierten und anführten.

Vierkrug


RudiEK89, exgakl und ABV haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#99

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 18:44
von Moskwitschka (gelöscht)
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Was ich wirklich schade finde, dass sich Wolfgange Herger, Leiter der Abteilung Sicherheit im ZK der SED sich nicht öffentlich zu Wort meldet. In verschiedenen Publikationen über einzelne Ereignisse des Herbstes 1989 wird er im gleichen Atemzug mit Egon Krenz genannt. Am Abend des 9. Oktober nach der Demo in Leipzig, in Vorbereitung der Demo am 4. November in Berlin oder am Abend des 9. November nach Schabowskis Pressekonferenz.

LG von der Moskwitschka


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#100

RE: Die friedliche Haltung der Sowjetarmee während des Herbstes 1989-Wahrheit oder Legende?

in Das Ende der DDR 14.11.2014 18:50
von Vierkrug (gelöscht)
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Zitat von Moskwitschka im Beitrag #99
Was ich wirklich schade finde, dass sich Wolfgange Herger, Leiter der Abteilung Sicherheit im ZK der SED sich nicht öffentlich zu Wort meldet. In verschiedenen Publikationen über einzelne Ereignisse des Herbstes 1989 wird er im gleichen Atemzug mit Egon Krenz genannt. Am Abend des 9. Oktober nach der Demo in Leipzig, in Vorbereitung der Demo am 4. November in Berlin oder am Abend des 9. November nach Schabowskis Pressekonferenz.

LG von der Moskwitschka


Ich verstehe Wolfgang, denn so wie man mit ihm umgegangen ist, hätte ich auch keinen Drang mich aztekischen Opferritualen hinzugeben. Viele Sachverhalte werden auch aus Selbstschutz nicht mehr veröffentlicht - man nimmt sie unausgesprochen mit auf den letzten Weg.
Ich hoffe, dass ich Wolfgang noch Anfang Dezember treffen werde - wir werden ja nicht jünger und die biologische Uhr tickt weiter.


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