#1

DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 12.08.2009 15:48
von Angelo | 12.396 Beiträge
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#2

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 12.08.2009 17:35
von FSK-Veteran (gelöscht)
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Phantastisches Zeitdokument!

Bravo, Angelo!!


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#3

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 12.08.2009 17:45
von Angelo | 12.396 Beiträge

Zitat von FSK-Veteran
Phantastisches Zeitdokument!

Bravo, Angelo!!


Danke schön


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#4

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 12.08.2009 20:01
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Wo hast du das Schild her ?



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#5

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 12.08.2009 20:39
von manudave (gelöscht)
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In Antwort auf:
Wo hast du das Schild her ?


Falls du das Schild von Angelo meinst - ein Kunststoffschild, welches er auf Point Alpha gekauft hat.

Zum Video von Angelo:

MEHR DAVON.


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#6

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 12.08.2009 23:00
von Augenzeuge (gelöscht)
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Ein klares geschichtliches Zeitdokument mit vielen Fakten, die völlig ohne Hetze für sich sprechen.


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#7

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 14.08.2009 17:26
von FSK-Veteran (gelöscht)
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DDR-Flüchtlinge , 11. Ausgust 1989

Siehe hier:


zuletzt bearbeitet 19.08.2009 12:46 | nach oben springen

#8

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 14.08.2009 17:42
von FSK-Veteran (gelöscht)
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Für Denjenigen, die (angesichts der scheinbar hoffnungslosen Situation der DDR-Bürger in Budapest im Film 11. August 1989) vielleicht etwas traurig geworden sind: hier schon mal ein "Schmanckerl" vorab...

Siehe eine Kurzzusammenfassung hier:


zuletzt bearbeitet 19.08.2009 12:47 | nach oben springen

#9

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 18.08.2009 10:56
von FSK-Veteran (gelöscht)
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Hier die aktuellen Nachrichten zur Situation in den Botschaften und in Ungarn vom 16. August 1989:


zuletzt bearbeitet 19.08.2009 12:48 | nach oben springen

#10

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 19.08.2009 12:25
von FSK-Veteran (gelöscht)
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Der Tag vor dem "Paneuropäischen Frühstück" bei Sopron...

Die Tagesschau vom 18.August,

siehe hier:


zuletzt bearbeitet 19.08.2009 12:49 | nach oben springen

#11

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 19.08.2009 12:50
von Angelo | 12.396 Beiträge

Zitat von Zermatt
Wo hast du das Schild her ?


Das haben wir am Kiosk von Point Alpha gekauft für 5 Euro pro Stück und es ist genau wie das Originale
David kann dir bestimmt eins schicken wenn du eins möchtest


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#12

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 21.08.2009 11:11
von FSK-Veteran (gelöscht)
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Hier erste Interviews nach der Massenklucht von Sopron. Schon die Kinder wußten in Wien zu berichten:
"....wir haben es auch satt, uns die Lügen immer anzuhören und immer "ja" zu sagen....

Hier die Tagesschau vom 20.08.1989:


zuletzt bearbeitet 21.08.2009 19:03 | nach oben springen

#13

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 21.08.2009 16:18
von Affi976 (gelöscht)
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@ Alle,
heute in der Zeitung gelesen:
Grenzopfer aus Weimar starb vor 20 Jahren
Zum 20. Mal jährt sich heute der Tod des Wahl-Weimarers Kurt-Werner Schulz:
Er war der letzte Grenztote im Kalten Krieg. Schulz wurde am 21.08.1989 erschossen, als er zusammen mit seiner Familie die ungarisch-östereichische Grenze überschreiten wollte. Wenige Tage später, am 10. September, wurde die Grenze endgültig geöffnet. Kurt-Werner Schulz, geboren am 25.Juli 1953, war 1962-1980 gemeldet in Falkenstein, Kreis Auerbach, wo er auch begraben ist.
An der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen studierte er seit 1975 und legte 1980 sein Diplom ab. Zuletzt hatte er in der Schillerstr.22 gewohnt.

( Schillerstrasse ist die Fußgängerzone in Weimar und somit absolutes Zentrum der Altstadt.)

Affi


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#14

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 21.08.2009 21:10
von Augenzeuge (gelöscht)
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Danke Affi, auch dieses letzte Opfer wird im folgenden Bericht erwähnt. Eine klare Schilderung für alle, die es bisher noch nicht so detailliert wussten.

19. August 1989
"Paneuropäisches Picknick an österreichisch ungarische Grenze"

Fluchtversuche

Jede Nacht fuhren damals aus Budapest Flüchtlingsgruppen los, Richtung österreichische Grenze. ihr Gepäck hatten sie meist im Lager zurückgelassen, die Botschaft schaffte es in großen LKW-Fuhren nach geglückter Flucht an die angegebenen Adressen in Westdeutschland. Jede Nacht rannten, robbten und krochen Hunderte im Mondlicht kilometerweit durch Maisfelder, Wald und Unterholz. Die ungarischen Grenztruppen würden nicht scharf schießen, lautete ein Gerücht.

Leider war das Gerücht falsch: Am 21. August wurde der DDR-Bürger Kurt Werner Schulz bei Györ erschossen, als er mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Kind gerade die Grenzlinie erreicht hatte. Beim Handgemenge mit ungarischen Grenzsoldaten löste sich aus einer Kalaschnikov ein tödlicher Schuß, Schulz kroch noch auf österreichisches Gebiet, wurde sterbend zurückgeholt, Der Grenzsoldat erlitt einen Nervenzusammenbruch. Er war - wie viele seiner jungen Kollegen - durch die neue Situation überfordert.

Auch der Autor dieses Beitrags hatte eine Gruppe von vier DDR-Bürgern bei ihrer dramatischen Flucht durch das Grenzgebiet begleitet. Als wir von einer Streife entdeckt wurden und davonrennen wollten, feuerten zwei Soldaten Dutzende von scharfen Warnschüssen über unsere Köpfe hinweg und dicht neben uns in den Acker - bis wir uns schockiert festnehmen ließen. Unsere von Budapester Diplomaten aufgeschnappte Information, die Grenzsoldaten schössen nur noch mit Platzpatronen, erwies sich als böser Irrtum.

Abtransport, mehrstündiges Verhör in der Kaserne von Fertörakos. Dutzende von anderen DDR-Flüchtlingen waren dort bereits festgenommen worden, etliche schon zum wiederholten Mal. Um Mitternacht ließ uns der Kommandeur, Major Gustav Ovári, plötzlich frei. Beim Abschied flüsterte er uns zu: -Warum seid Ihr nicht durch den Wald gegangen? Da gibt es doch keine Soldaten!« Dank Ováris Rat gelangten wir noch in dieser Nacht nach fünfstündigem Marsch durch dunkles Unterholz und rostige Stacheldrahtverhaue glücklich nach Österreich. Major Ovári hat sicherlich auch anderen heimlich auf diese Weise geholfen.

Eine Woche später kehrte der Münchner TV-Journalist Christian Zoltcer zu ihm zurück, der damals ebenfalls festgenommen worden war. jetzt ermunterte Ovári in einem Gespräch die DDR-Bürger in Ungarn faktisch sogar zur Flucht: »Wir schießen hier nicht mehr auf Menschen. Wir schrecken sie mit Warnschüssen und Hundegebell nur ab - damit nicht noch mehr kommen. Doch wenn die DDR-Flüchtlinge schneller laufen als meine Soldaten, dann haben sie gewonnen und sind in Freiheit.« Demonstrativ zerknickte er dabei ein Stück des durchlöcherten, rostigen Stacheldrahtzaunes, das sofort zerbrach. Das Interview mit Ovári wurde via ARD-»Tagesthemen« auch in der DDR gesehen. Man kann sich vorstellen, welche Wirkung es dort hatte.

Ein Jahr später erzählte mir Major Ovári die Motive seines Handelns: »Seit 22 Jahren bin ich schon hier an dieser Grenze. ich konnte bisher nur hinüberblicken. Doch es war immer ein großer Traum von mir, einmal mit meiner Frau Hand in Hand auf der anderen Seiten spazieren zu gehen. Als Grenzsoldat aber war das früher unmöglich.
Doch immer habe ich diese Sehnsucht gefühlt, wenn ich hinüberschaute. ich konnte daher mitempfinden, was die DDR-Flüchtlinge gefühlt haben müssen. Und so gelang es mir, diese Humanität auch auf meine Soldaten zu übertragen.

Dann führte er uns noch einmal ins Grenzgebiet zwischen Fertörakos und Mörbisch. Noch immer dieselben Trampelpfade, dazwischen rostige Stacheldraht-Reste an morschen Grenzpfählen. Ovári: »Hier, an dieser Stelle, gelang wohl mehr als 5000 DDR-Bürgern die Flucht in den Westen. Hier ging die Welle los, hier bekam sie ihre stärkste Dynamik. Hier haben meine Soldaten rund 5000 mal DDR-Bürger festgenommen und sie kurz darauf immer wieder freigelassen - bis ihnen ihre Flucht endlich gelungen war. Nur aus außenpolitischer Rücksicht gegenüber der DDR mußten wir diese Festnahmen durchführen. Hier war der Ausgangspunkt der politischen Kettenreaktion, die zum Ende der DDR führte. jetzt kommen hier meist Rumänen und Russen durch, die den selben Weg in den Westen nehmen wie damals die Ostdeutschen. Ich meine: Wir haben hier in Sopron sozusagen den ersten Stein aus der Berliner Mauer herausgebrochen.«

Auf Ováris Schreibtisch steht tatsächlich ein Trümmerstück aus der Berliner Mauer. Es ist der symbolische Dank eines DDR-Flüchtling für Ováris menschliche Haltung.

Inoffizielle Hilfe zur Massenflucht: Das war noch viel mehr das berühmt gewordene "Paneuropäische Picknick am 19. August 1989 an einem kleinen Grenzübergang bei Sopron. Organisator war die Paneuropa-Union, Schirmherren waren Imre Poszgay und der Europaabgeordnete Otto von Habsburg (der sich bei der Feier wegen einer Terminüberschneidung durch seine Tochter vertreten ließ).

Pozsgay und seine politischen Freunde hatten zuvor über private Kanäle unter DDR-Bürgern im Budapester Flüchtlingslager den Hinweis gestreut, daß man an diesem Tag kurz den Grenzzaun öffnen werde. Wer dann »zufällige weise« dort sei, könne ungehindert hin- und hergehen. Sogar fotokopierte »Wanderkarten« mit den Wegen zum Ort der Feier wurden verteilt.

Die ungarischen Grenzwachen wären an diesem Sonntag besonders dünn besetzt, als die Feier zu beiden Seiten des Grenzstreifens begann. Angestrengt-unauffällig lauschten auffallend viele Touristen auf der ungarischen Seite den Vorreden diverser Europapolitiker. Dann - endlich öffnete ein Grenzer unter Beifall das alte Holztor. Plötzlich kam Bewegung in die DDR-Touristen: Das Tor war kaum offen, da drängte schon ein Paar hindurch, die Frau stürzte vor Aufregung zu Boden, über sie hinweg rannten immer schneller die nachströmenden Flüchtlinge, die das Ereignis kaum fassen konnten und eine Stunde später wie betäubt und schluchzend mit ihren Kindern am Wegrand standen. Eine junge DDR-Frau wurde bei dem Durchbruch von den Massen derart niedergetrampelt, daß sie verletzt in ein Krankenhaus gebracht werden mußte - zu ihrem Pech zurück nach Ungarn.

Rund 1200 DDR-Bürgern gelang damals diese erste, öffentliche Massenflucht. Angesichts der Fernsehbilder brach in der DDR unter den Ausreisewilligen fast Hysterie aus. Rund 150.000 Anträge auf ständige Ausreise lagen damals bereits den Behörden vor. War nun die letzte, die allerletzte Chance vor den jetzt zu befürchtenden Reisebeschränkungen verpaßt? Die Urlaubssaison neigte sich dem Ende zu. Trotzdem machen sich noch mehrere zehntausend DDR-Bürger sofort auf den Weg nach Ungarn.

Aus Angst, diese letzte Chance zu verpassen, warteten auch dort bereits Zehntausende DDR-Urlauber die Entwicklung ab. Sie hatten ihren Aufenthalt verlängert oder als Transitreisende auf dem Rückweg vom Schwarzen Meer hier gestoppt. In den Familien gab es quälende, herzzerreißende Diskussionen um das Für und Wider der Flucht. Kinder verabschiedeten sich von ihren Eltern.
Freunde und Freundinnen trennten sich, selbst Ehepartner. Sie glaubten, es sei für viele Jahre. Und ihnen blieb nur die ungewisse Hoffnung, sich irgendwann einmal mit staatlicher Genehmigung wieder sehen zu dürfen.

Eine schier unerträgliche Endzeitstimmung brach unter vielen DDR-Bürgern aus. Der 1. September - Schulbeginn in der DDR - war für viele Wartende mit Kindern der Stichtag einer schwierigen Entscheidung. Wie viele Schulbänke würden wohl zu Hause im neuen Schuljahr leerbleiben?

Zwei weitere Massenfluchten wurden gemeldet. Die erste fand am hellichten Tage statt: Vor laufender Fernsehkamera fuhren rund 150 überfüllte DDR-Autos dicht hintereinander auf den österreichischen Grenzübergang Klingenbach. 100 Meter vor der ungarischen Zollstation sprangen Flüchtlinge plötzlich alle gleichzeitig aus den noch ausrollenden Autos, rissen ihre Kinder mit heraus. Sie nahmen flüchtend nur mit, was sie am Leib tragen konnten. Sie ließen ihre Autos zurück, auf die sie zehn Jahre lang gespart und gewartet hatten. Weiße Taschentücher schwenkend fluteten die Menschen - unter den Augen der verdutzten Grenzer - in einer breiten Prozession über abgeerntete Felder in den Westen.

Die dritte Massenflucht jedoch scheiterte dramatisch. DDR-Stasi-Agenten in Budapest hatten ihren ungarischen Kollegen verraten, daß eine ZDF-Reporterin angeblich vier Busse gemietet habe, um rund 200 Flüchtlinge zur Grenze zu bringen. Die DDR-Botschaft setzte daraufhin das Innenministerium unter Druck. Mehrere hundert Grenzsoldaten stellten sich den Flüchtlingen in gestaffelter Kette entgegen.

Doch die Flüchtlinge marschierten mit dem Mut der Verzweiflung auf sie zu und versuchten, sie mit dem Absingen der »Internationale« zu verwirren. Eingehakt drängen sie die Posten-Kette immer wieder zurück. Die Grenzsoldaten schossen mit Tränengas und schwangen drohend ihre Gummiknüppel dicht über den Köpfen der Flüchtlinge, schämten sich jedoch meist, wirklich zuzuschlagen. Da begannen einzelne Offiziere, ihren Soldaten nacheinander die Kalaschnikov-Maschinenpistolen abzunehmen und feuerten damit minutenlang wild in die Luft.

Vergeblich - die Flüchtlinge rückten auch dann noch weiter vor, als die Offiziere dicht vor ihnen MP-Sperrfeuer in den Boden schossen, so daß ihnen jaulende Querschläger nur so um die Ohren flogen. Plötzlich brach ein 14jä hriges Mädchen schreiend und blutend zusammen - ein Geschoß-Splitter hatte sie an der Schulter getroffen. Erst jetzt gaben die entnervten Flüchtlinge auf, ließen sich widerstandslos zu den Bussen zurückführen. Viele weinten.

Das Scheitern dieses bisher größten Durchbruchversuchs sprach sich in den Flüchtlingslagern schnell herum. Es markierte das Ende der Massenfluchten über die grüne Grenze. Volker Rühe, damals Fraktionsvize der CDU-CSU-Bundestagsfraktion, kam nach Budapest und forderte die DDR-Flüchtlinge auf einer Pressekonferenz zum Abwarten auf -niemand werde zurückgeschickt. Das war das Stichwort: Immer mehr DDR-Flüchtlinge sammelten sich in den fünf Flüchtlingslagern an, die Ungarn nun in rascher Folge einrichtete. Abwarten auf eine politische Lösung - doch wie lange noch?
Fast alle hatten jetzt Angst vor weiteren Fluchtversuchen.
Die stalinistischen >Arbeitermilizen hatten hart zugeschlagen. Doch das ungarische Fernsehen berichtete kritisch darüber und zeigte die primitive Schlägertruppe durch geschickte Kameraführung geradezu froschgesichtig häßlich. Es kam zu einem derartigen öffentlichen Aufschrei, daß die Milizen wieder abgezogen wurden. immer mehr Ungarn hatten jetzt Mitleid mit der Lage der DDR-Flüchtlinge und forderten deren freie Ausreise. Auch die DDR zeigte erstmals Nervosität: Wütend dementierte ADN eine Meldung der »Welt«, wonach die DDR zum 1. September eine Einschränkung des Reiseverkehrs nach Ungarn plane. Das Gerücht jedoch ging längst um in der DDR und trieb nur noch mehr Bürger nach Ungarn. Bundeskanzler Kohl schlug mehrfach direkte Gespräche mit Honecker über die Flüchtlingsfrage vor. Doch die DDR reagierte darauf nicht - um nicht faktisch ein Einmischungsrecht der BRD zu akzeptieren.

Am 25. August übergab DDR-Botschafter Gerd Veres in Budapest eine Protestnote seiner Regierung, in der er die -Saugwirkung« der Flüchtlingslager kritisierte und von Ungarn verlangte die DDR-Bürger zur Rückkehr aufzufordern. Vielsagend erklärte Veres, daß dieses Schreiben (noch?) keine Drohung enthalte. Der ungarische Staatssekretär Kovacs blieb kühl: Die Krise sei von der DDR selbst ausgelöst worden; damit liege der Schlüssel zur Lösung in anderen Händen.


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#15

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 22.08.2009 11:28
von Affi976 (gelöscht)
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Danke Jörg,
für Deine ausführliche Berichterstattung.
Und wie`s so iss. Auch hier wieder Details gefunden, die ich vorher noch nicht wußte. Also, im Forum lesen "bildet"!
Gruß Affi


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#16

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 01.09.2009 11:24
von FSK-Veteran (gelöscht)
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...hatte diesen Bericht noch nicht gelesen: KLASSE!


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#17

RE: DDR-Flüchtlinge in Ost Berlin, 08.08.89

in Das Ende der DDR 03.12.2016 00:08
von schnappi | 41 Beiträge

weiß jemand, wo diese dritte Massenflucht mit den Bussen stattfand? Meine Schwester war damals unter den Flüchtenden, sie weiß aber bis heute nicht, wo das Ganze stattgefunden hat. Der Ort wurde ja bis zuletzt geheim gehalten.





noch nicht so detailliert wussten.

19. August 1989
"Paneuropäisches Picknick an österreichisch ungarische Grenze"

Fluchtversuche

Jede Nacht fuhren damals aus Budapest Flüchtlingsgruppen los, Richtung österreichische Grenze. ihr Gepäck hatten sie meist im Lager zurückgelassen, die Botschaft schaffte es in großen LKW-Fuhren nach geglückter Flucht an die angegebenen Adressen in Westdeutschland. Jede Nacht rannten, robbten und krochen Hunderte im Mondlicht kilometerweit durch Maisfelder, Wald und Unterholz. Die ungarischen Grenztruppen würden nicht scharf schießen, lautete ein Gerücht.

Leider war das Gerücht falsch: Am 21. August wurde der DDR-Bürger Kurt Werner Schulz bei Györ erschossen, als er mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Kind gerade die Grenzlinie erreicht hatte. Beim Handgemenge mit ungarischen Grenzsoldaten löste sich aus einer Kalaschnikov ein tödlicher Schuß, Schulz kroch noch auf österreichisches Gebiet, wurde sterbend zurückgeholt, Der Grenzsoldat erlitt einen Nervenzusammenbruch. Er war - wie viele seiner jungen Kollegen - durch die neue Situation überfordert.

Auch der Autor dieses Beitrags hatte eine Gruppe von vier DDR-Bürgern bei ihrer dramatischen Flucht durch das Grenzgebiet begleitet. Als wir von einer Streife entdeckt wurden und davonrennen wollten, feuerten zwei Soldaten Dutzende von scharfen Warnschüssen über unsere Köpfe hinweg und dicht neben uns in den Acker - bis wir uns schockiert festnehmen ließen. Unsere von Budapester Diplomaten aufgeschnappte Information, die Grenzsoldaten schössen nur noch mit Platzpatronen, erwies sich als böser Irrtum.

Abtransport, mehrstündiges Verhör in der Kaserne von Fertörakos. Dutzende von anderen DDR-Flüchtlingen waren dort bereits festgenommen worden, etliche schon zum wiederholten Mal. Um Mitternacht ließ uns der Kommandeur, Major Gustav Ovári, plötzlich frei. Beim Abschied flüsterte er uns zu: -Warum seid Ihr nicht durch den Wald gegangen? Da gibt es doch keine Soldaten!« Dank Ováris Rat gelangten wir noch in dieser Nacht nach fünfstündigem Marsch durch dunkles Unterholz und rostige Stacheldrahtverhaue glücklich nach Österreich. Major Ovári hat sicherlich auch anderen heimlich auf diese Weise geholfen.

Eine Woche später kehrte der Münchner TV-Journalist Christian Zoltcer zu ihm zurück, der damals ebenfalls festgenommen worden war. jetzt ermunterte Ovári in einem Gespräch die DDR-Bürger in Ungarn faktisch sogar zur Flucht: »Wir schießen hier nicht mehr auf Menschen. Wir schrecken sie mit Warnschüssen und Hundegebell nur ab - damit nicht noch mehr kommen. Doch wenn die DDR-Flüchtlinge schneller laufen als meine Soldaten, dann haben sie gewonnen und sind in Freiheit.« Demonstrativ zerknickte er dabei ein Stück des durchlöcherten, rostigen Stacheldrahtzaunes, das sofort zerbrach. Das Interview mit Ovári wurde via ARD-»Tagesthemen« auch in der DDR gesehen. Man kann sich vorstellen, welche Wirkung es dort hatte.

Ein Jahr später erzählte mir Major Ovári die Motive seines Handelns: »Seit 22 Jahren bin ich schon hier an dieser Grenze. ich konnte bisher nur hinüberblicken. Doch es war immer ein großer Traum von mir, einmal mit meiner Frau Hand in Hand auf der anderen Seiten spazieren zu gehen. Als Grenzsoldat aber war das früher unmöglich.
Doch immer habe ich diese Sehnsucht gefühlt, wenn ich hinüberschaute. ich konnte daher mitempfinden, was die DDR-Flüchtlinge gefühlt haben müssen. Und so gelang es mir, diese Humanität auch auf meine Soldaten zu übertragen.

Dann führte er uns noch einmal ins Grenzgebiet zwischen Fertörakos und Mörbisch. Noch immer dieselben Trampelpfade, dazwischen rostige Stacheldraht-Reste an morschen Grenzpfählen. Ovári: »Hier, an dieser Stelle, gelang wohl mehr als 5000 DDR-Bürgern die Flucht in den Westen. Hier ging die Welle los, hier bekam sie ihre stärkste Dynamik. Hier haben meine Soldaten rund 5000 mal DDR-Bürger festgenommen und sie kurz darauf immer wieder freigelassen - bis ihnen ihre Flucht endlich gelungen war. Nur aus außenpolitischer Rücksicht gegenüber der DDR mußten wir diese Festnahmen durchführen. Hier war der Ausgangspunkt der politischen Kettenreaktion, die zum Ende der DDR führte. jetzt kommen hier meist Rumänen und Russen durch, die den selben Weg in den Westen nehmen wie damals die Ostdeutschen. Ich meine: Wir haben hier in Sopron sozusagen den ersten Stein aus der Berliner Mauer herausgebrochen.«

Auf Ováris Schreibtisch steht tatsächlich ein Trümmerstück aus der Berliner Mauer. Es ist der symbolische Dank eines DDR-Flüchtling für Ováris menschliche Haltung.

Inoffizielle Hilfe zur Massenflucht: Das war noch viel mehr das berühmt gewordene "Paneuropäische Picknick am 19. August 1989 an einem kleinen Grenzübergang bei Sopron. Organisator war die Paneuropa-Union, Schirmherren waren Imre Poszgay und der Europaabgeordnete Otto von Habsburg (der sich bei der Feier wegen einer Terminüberschneidung durch seine Tochter vertreten ließ).

Pozsgay und seine politischen Freunde hatten zuvor über private Kanäle unter DDR-Bürgern im Budapester Flüchtlingslager den Hinweis gestreut, daß man an diesem Tag kurz den Grenzzaun öffnen werde. Wer dann »zufällige weise« dort sei, könne ungehindert hin- und hergehen. Sogar fotokopierte »Wanderkarten« mit den Wegen zum Ort der Feier wurden verteilt.

Die ungarischen Grenzwachen wären an diesem Sonntag besonders dünn besetzt, als die Feier zu beiden Seiten des Grenzstreifens begann. Angestrengt-unauffällig lauschten auffallend viele Touristen auf der ungarischen Seite den Vorreden diverser Europapolitiker. Dann - endlich öffnete ein Grenzer unter Beifall das alte Holztor. Plötzlich kam Bewegung in die DDR-Touristen: Das Tor war kaum offen, da drängte schon ein Paar hindurch, die Frau stürzte vor Aufregung zu Boden, über sie hinweg rannten immer schneller die nachströmenden Flüchtlinge, die das Ereignis kaum fassen konnten und eine Stunde später wie betäubt und schluchzend mit ihren Kindern am Wegrand standen. Eine junge DDR-Frau wurde bei dem Durchbruch von den Massen derart niedergetrampelt, daß sie verletzt in ein Krankenhaus gebracht werden mußte - zu ihrem Pech zurück nach Ungarn.

Rund 1200 DDR-Bürgern gelang damals diese erste, öffentliche Massenflucht. Angesichts der Fernsehbilder brach in der DDR unter den Ausreisewilligen fast Hysterie aus. Rund 150.000 Anträge auf ständige Ausreise lagen damals bereits den Behörden vor. War nun die letzte, die allerletzte Chance vor den jetzt zu befürchtenden Reisebeschränkungen verpaßt? Die Urlaubssaison neigte sich dem Ende zu. Trotzdem machen sich noch mehrere zehntausend DDR-Bürger sofort auf den Weg nach Ungarn.

Aus Angst, diese letzte Chance zu verpassen, warteten auch dort bereits Zehntausende DDR-Urlauber die Entwicklung ab. Sie hatten ihren Aufenthalt verlängert oder als Transitreisende auf dem Rückweg vom Schwarzen Meer hier gestoppt. In den Familien gab es quälende, herzzerreißende Diskussionen um das Für und Wider der Flucht. Kinder verabschiedeten sich von ihren Eltern.
Freunde und Freundinnen trennten sich, selbst Ehepartner. Sie glaubten, es sei für viele Jahre. Und ihnen blieb nur die ungewisse Hoffnung, sich irgendwann einmal mit staatlicher Genehmigung wieder sehen zu dürfen.

Eine schier unerträgliche Endzeitstimmung brach unter vielen DDR-Bürgern aus. Der 1. September - Schulbeginn in der DDR - war für viele Wartende mit Kindern der Stichtag einer schwierigen Entscheidung. Wie viele Schulbänke würden wohl zu Hause im neuen Schuljahr leerbleiben?

Zwei weitere Massenfluchten wurden gemeldet. Die erste fand am hellichten Tage statt: Vor laufender Fernsehkamera fuhren rund 150 überfüllte DDR-Autos dicht hintereinander auf den österreichischen Grenzübergang Klingenbach. 100 Meter vor der ungarischen Zollstation sprangen Flüchtlinge plötzlich alle gleichzeitig aus den noch ausrollenden Autos, rissen ihre Kinder mit heraus. Sie nahmen flüchtend nur mit, was sie am Leib tragen konnten. Sie ließen ihre Autos zurück, auf die sie zehn Jahre lang gespart und gewartet hatten. Weiße Taschentücher schwenkend fluteten die Menschen - unter den Augen der verdutzten Grenzer - in einer breiten Prozession über abgeerntete Felder in den Westen.

Die dritte Massenflucht jedoch scheiterte dramatisch. DDR-Stasi-Agenten in Budapest hatten ihren ungarischen Kollegen verraten, daß eine ZDF-Reporterin angeblich vier Busse gemietet habe, um rund 200 Flüchtlinge zur Grenze zu bringen. Die DDR-Botschaft setzte daraufhin das Innenministerium unter Druck. Mehrere hundert Grenzsoldaten stellten sich den Flüchtlingen in gestaffelter Kette entgegen.

Doch die Flüchtlinge marschierten mit dem Mut der Verzweiflung auf sie zu und versuchten, sie mit dem Absingen der »Internationale« zu verwirren. Eingehakt drängen sie die Posten-Kette immer wieder zurück. Die Grenzsoldaten schossen mit Tränengas und schwangen drohend ihre Gummiknüppel dicht über den Köpfen der Flüchtlinge, schämten sich jedoch meist, wirklich zuzuschlagen. Da begannen einzelne Offiziere, ihren Soldaten nacheinander die Kalaschnikov-Maschinenpistolen abzunehmen und feuerten damit minutenlang wild in die Luft.

Vergeblich - die Flüchtlinge rückten auch dann noch weiter vor, als die Offiziere dicht vor ihnen MP-Sperrfeuer in den Boden schossen, so daß ihnen jaulende Querschläger nur so um die Ohren flogen. Plötzlich brach ein 14jä hriges Mädchen schreiend und blutend zusammen - ein Geschoß-Splitter hatte sie an der Schulter getroffen. Erst jetzt gaben die entnervten Flüchtlinge auf, ließen sich widerstandslos zu den Bussen zurückführen. Viele weinten.

Das Scheitern dieses bisher größten Durchbruchversuchs sprach sich in den Flüchtlingslagern schnell herum. Es markierte das Ende der Massenfluchten über die grüne Grenze. Volker Rühe, damals Fraktionsvize der CDU-CSU-Bundestagsfraktion, kam nach Budapest und forderte die DDR-Flüchtlinge auf einer Pressekonferenz zum Abwarten auf -niemand werde zurückgeschickt. Das war das Stichwort: Immer mehr DDR-Flüchtlinge sammelten sich in den fünf Flüchtlingslagern an, die Ungarn nun in rascher Folge einrichtete. Abwarten auf eine politische Lösung - doch wie lange noch?
Fast alle hatten jetzt Angst vor weiteren Fluchtversuchen.
Die stalinistischen >Arbeitermilizen hatten hart zugeschlagen. Doch das ungarische Fernsehen berichtete kritisch darüber und zeigte die primitive Schlägertruppe durch geschickte Kameraführung geradezu froschgesichtig häßlich. Es kam zu einem derartigen öffentlichen Aufschrei, daß die Milizen wieder abgezogen wurden. immer mehr Ungarn hatten jetzt Mitleid mit der Lage der DDR-Flüchtlinge und forderten deren freie Ausreise. Auch die DDR zeigte erstmals Nervosität: Wütend dementierte ADN eine Meldung der »Welt«, wonach die DDR zum 1. September eine Einschränkung des Reiseverkehrs nach Ungarn plane. Das Gerücht jedoch ging längst um in der DDR und trieb nur noch mehr Bürger nach Ungarn. Bundeskanzler Kohl schlug mehrfach direkte Gespräche mit Honecker über die Flüchtlingsfrage vor. Doch die DDR reagierte darauf nicht - um nicht faktisch ein Einmischungsrecht der BRD zu akzeptieren.

Am 25. August übergab DDR-Botschafter Gerd Veres in Budapest eine Protestnote seiner Regierung, in der er die -Saugwirkung« der Flüchtlingslager kritisierte und von Ungarn verlangte die DDR-Bürger zur Rückkehr aufzufordern. Vielsagend erklärte Veres, daß dieses Schreiben (noch?) keine Drohung enthalte. Der ungarische Staatssekretär Kovacs blieb kühl: Die Krise sei von der DDR selbst ausgelöst worden; damit liege der Schlüssel zur Lösung in anderen Händen.[/quote]


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