#61

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 11:12
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #60
Den Befehlen gehorchen oder dem Gewissen? Wie geht man mit denjenigen "staatsnahen Personen" (Polizei, Armee, Beamten usw.), die ihrem Gewissen folgten und so das Land verrieten?
Theo


So ist es in den Köpfen vieler heute auch noch so verankert.
Verräter,die erfolglos ein Attentat auf A.H. verübten,eine Verzweiflungstat in letzter Stunde als Aufstand des Gewissens.
Schlimmer noch,Soldaten die ihren Eid gebrochen haben und der kämpfenden Truppe in den Rücken fielen.
Eine Dolchstosslegende sozusagen.
Dem Wort Verräter für die Personen des 20.Julis 1944 muss man entschieden entgegentreten.

Widerstand ist eine politisch-sittliche Frage.Nicht umsonst räumt auch das GG der Bundesrepublik jedem Bürger das Recht ein,gegen jeden der die verfassungsmässige Ordnung beseitigen will,von diesem Widerstandsrecht Gebrauch zu machen.
Das Widerstandsrecht dient der Wahrung oder Wiederherstellung der vom GG konstituierten Ordnung.

seaman


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#62

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 11:37
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von seaman im Beitrag #61
Verräter,die erfolglos ein Attentat auf A.H. verübten,eine Verzweiflungstat in letzter Stunde als Aufstand des Gewissens.
Schlimmer noch,Soldaten die ihren Eid gebrochen haben und der kämpfenden Truppe in den Rücken fielen.
Eine Dolchstosslegende sozusagen.
Dem Wort Verräter für die Personen des 20.Julis 1944 muss man entschieden entgegentreten.

Eidbrüchig war'ns doch aber?
Hier mal der Wortlaut des §2(2) des Gesetz über die Vereidigung der Beamten und der Soldaten der Wehrmacht vom 20. August 1934 ...

Der Diensteid der Soldaten der Wehrmacht lautet: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber* der Wehrmacht unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mit Leben einzusetzen."
* geändert am 20. Juli 1935 (genau 9 Jahre vor dem Anschlag) zu Obersten Befehlshaber
http://www.verfassungen.de/de/de33-45/vereidigung34.htm

Nebenbei stellt sich mir gerad die Frage, ob eine persönlich Vereidigung auf Hitler überhaupt rechtens war, so trat doch oben erwähntes Gesetz erst reichlich zwei Wochen nach dem 2.8.34 in Kraft?


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


zuletzt bearbeitet 22.07.2014 11:38 | nach oben springen

#63

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 12:02
von Gelöschtes Mitglied
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Nun ja - wenn der Anschlag geglückt wäre, dann wären sämtliche Soldaten auf einen Schlag ihren Eid los.


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#64

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 12:38
von Barbara (gelöscht)
avatar

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #60
Den Befehlen gehorchen oder dem Gewissen? Wie geht man mit denjenigen "staatsnahen Personen" (Polizei, Armee, Beamten usw.), die ihrem Gewissen folgten und so das Land verrieten? Nur ein Beispiel eines Schweizers, den in der Schweiz eigentlich kennt, obwohl im 60'000 Juden ihr Leben verdanken.
http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Lutz
Ein derartig exklatanter Verstoss gegen diplomatische Gewohnheiten konnte natürlich nicht ungerügt bleiben:
... die Bezeichnung der betreffenden Ausweispapiere als schweizerische Kollektivpässe (war) nicht statthaft (...), denn die Abteilung für fremde Interessen sei wohl ermächtigt gewesen, den ihren Schutz unterstellten Ausländern Papiere abzugeben, habe aber diese nicht als Schweizerpässe bezeichnen dürfen. Die Polizeiabteilung gelangt deshalb zum Ergebnis, dass eine Kompetenzüberschreitung Ihrerseits vorgelegen habe.
Da die Ausstellung der fraglichen Dokumente bereits 5 Jahre zurückliegt, möchten wir im Einvernehmen mit der Polizeiabteilung dem Falle keine grosse Bedeutung mehr beimessen; doch wollten wir immerhin diese Seite der Angelegenheit nicht unerwähnt lassen.
"
http://www.raoul-wallenberg.de/Retter/Ca.../carl_lutz.html
Theo



Raoul Wallenstein!

Carl Lutz, kannte ich nicht, danke.

Gab/gibt es eine Diskussion in der Schweiz bzgl. ihrer eigenen Politik der geschlossenen Grenzen gegenüber den Verfolgten in der NS-Zeit oder wird das tabuisiert?
.
.


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#65

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 12:48
von TOMMI | 1.988 Beiträge

Zitat von Dandelion im Beitrag #63
Nun ja - wenn der Anschlag geglückt wäre, dann wären sämtliche Soldaten auf einen Schlag ihren Eid los.


Genau darauf bauten ja die Walküre-Befehle. Mit dem Tod Hitlers entfiel ja die Bezugsperson des Eides.


EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


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#66

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 12:58
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von Barbara im Beitrag #64


Raoul Wallenstein!

Carl Lutz, kannte ich nicht, danke.

Gab/gibt es eine Diskussion in der Schweiz bzgl. ihrer eigenen Politik der geschlossenen Grenzen gegenüber den Verfolgten in der NS-Zeit oder wird das tabuisiert?
.
.



Raoul Wallenberg!

Gibt zahlreiche Bücher und Filme zur Person.....

seaman


zuletzt bearbeitet 22.07.2014 12:59 | nach oben springen

#67

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 20:55
von Ari@D187 | 1.989 Beiträge

Zitat von seaman im Beitrag #61
Zitat von eisenringtheo im Beitrag #60
Den Befehlen gehorchen oder dem Gewissen? Wie geht man mit denjenigen "staatsnahen Personen" (Polizei, Armee, Beamten usw.), die ihrem Gewissen folgten und so das Land verrieten?
Theo


So ist es in den Köpfen vieler heute auch noch so verankert.
Verräter,die erfolglos ein Attentat auf A.H. verübten,eine Verzweiflungstat in letzter Stunde als Aufstand des Gewissens.
Schlimmer noch,Soldaten die ihren Eid gebrochen haben und der kämpfenden Truppe in den Rücken fielen.
Eine Dolchstosslegende sozusagen.
Dem Wort Verräter für die Personen des 20.Julis 1944 muss man entschieden entgegentreten.[...]

Verrat ist immer eine Frage der Definition... Lediglich die Sicht des von dem Verrat Betroffenen kann hierbei von Bedeutung sein.
Somit also ein glasklarer Verrat.


Zitat von seaman im Beitrag #61
Widerstand ist eine politisch-sittliche Frage.Nicht umsonst räumt auch das GG der Bundesrepublik jedem Bürger das Recht ein,gegen jeden der die verfassungsmässige Ordnung beseitigen will,von diesem Widerstandsrecht Gebrauch zu machen.
Das Widerstandsrecht dient der Wahrung oder Wiederherstellung der vom GG konstituierten Ordnung.[...]


Ob dieses Recht auch das legen von "Kofferbomben" und die damit verbundenen Opfer legitimiert wage ich zu bezweifeln.

Ari


Scheint es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode...
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#68

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 21:20
von Tobeck | 488 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #6
ich sehe die Rolle der Offiziere, die am Attentat beteiligt waren, sehr zwiespältig. So lange die Karre in der Spur war und man von Sieg zu Sieg eilte haben sie sich die Orden gern von ihrem Führer an die Brust heften lassen. Erst als sie sahen, dass die Karre auf den Abgrund zu fuhr, kam Widerstand auf. Wenn ich die anschließenden Opfer sehe, wäre ein Selbstmordattentäter effektiver und glaubwürdiger gewesen.
Ein gelungenes Attentat hätte eine Menge Menschen das Leben gerettet. Das Schicksal D's war besiegelt. Es wäre nur eine bedingungslose Kapitulation möglich gewesen mit anschließender Besetzung, so wie es dann auch kam.
Noch ein Wort zu den hohen, meist adligen Offizieren. Die hatten keine Grundgesinnung für eine demokratische Republik. Das waren zum Teil sehr reaktionäre Typen des preußischen Landadels, die noch die Ordnung des wilhelminischen Kaiserreichs im Kopf hatten. Mit denen hätte wir keinen neuen deutschen Staat aufbauen können. Das ist meine Meinung.


Hallo Gert,
das stimmt aber nur zum Teil. Bei Ludwig Beck, Generaloberst, und einigen weiteren stimmt das nämlich nicht. Er plante bereits 1938, u.a. mit Admiral Canaris einen Staatsstreich gegen Hitler wegen dessen Kriegsplanungen. Die Pläne für diesen Staatsstreich lagen 1938 bereits ausgearbeitet in den Schubladen. Hätte es in München während der Sudetenkrise 1938 keine Einigung mit den Westmächten gegeben, wäre der Staatsstreich eingeleitet worden. Im letzten Augenblick konnte noch die Ingangsetzung der Befehle gestoppt werden. U.a. auch deshalb wurde Canaris später ins KZ gebracht und kurz vor Kriegsende ermordet.

Zitat von Gert im Beitrag #6
Ein gelungenes Attentat hätte eine Menge Menschen das Leben gerettet. Das Schicksal D's war besiegelt. Es wäre nur eine bedingungslose Kapitulation möglich gewesen mit anschließender Besetzung, so wie es dann auch kam.
Noch ein Wort zu den hohen, meist adligen Offizieren. Die hatten keine Grundgesinnung für eine demokratische Republik. Das waren zum Teil sehr reaktionäre Typen des preußischen Landadels, die noch die Ordnung des wilhelminischen Kaiserreichs im Kopf hatten. Mit denen hätte wir keinen neuen deutschen Staat aufbauen können. Das ist meine Meinung.


Was hatten die Attentäter 1944 für die Zeit nach einem gelungenen Staatsstreich geplant? Unter anderem die Öffnung der Westfront. Die Westmächte hätten Deutschland in kürzester Zeit komplett besetzt und dann wäre die Kapitulation erfolgt. Das heißt, die Teilung Deutschlands hätte es so vermutlich so nie gegeben, denn die Aufteilung Deutschlands in die späteren Besatzungszonen stand im Sommer 1944 noch nicht fest. Vielleicht wären die Gebiete östlich der Oder unter sowjetische Kontrolle gekommen - wenn überhaupt. Es hätte viele Millionen weniger Kriegstote gegeben, vielleicht auch keine Vertreibung in dem Ausmaß. Ein neues Kaiserreich hätte es wohl nicht mehr gegeben, eher eine Wiederherstellung der Weimarer Republik, denn Beck sollte der neue Reichspräsident werden.


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#69

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 21:31
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von Tobeck im Beitrag #68

Was hatten die Attentäter 1944 für die Zeit nach einem gelungenen Staatsstreich geplant? Unter anderem die Öffnung der Westfront. Die Westmächte hätten Deutschland in kürzester Zeit komplett besetzt und dann wäre die Kapitulation erfolgt. Das heißt, die Teilung Deutschlands hätte es so vermutlich so nie gegeben, denn die Aufteilung Deutschlands in die späteren Besatzungszonen stand im Sommer 1944 noch nicht fest. Vielleicht wären die Gebiete östlich der Oder unter sowjetische Kontrolle gekommen - wenn überhaupt. Es hätte viele Millionen weniger Kriegstote gegeben, vielleicht auch keine Vertreibung in dem Ausmaß. Ein neues Kaiserreich hätte es wohl nicht mehr gegeben, eher eine Wiederherstellung der Weimarer Republik, denn Beck sollte der neue Reichspräsident werden.


Wo kann man das nachlesen?

seaman


zuletzt bearbeitet 22.07.2014 21:32 | nach oben springen

#70

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 21:51
von eisenringtheo | 9.182 Beiträge

Zitat von Barbara im Beitrag #64
(...)


Raoul Wallenstein!

Carl Lutz, kannte ich nicht, danke.

Gab/gibt es eine Diskussion in der Schweiz bzgl. ihrer eigenen Politik der geschlossenen Grenzen gegenüber den Verfolgten in der NS-Zeit oder wird das tabuisiert?
.
.


Es wurde nicht viel darüber gesprochen. Etwas mehr über die Flüchtlingspolitik. Ganz wenig über die Finanzpolitik (Stichwort Raubgold von Juden). Denn die Deutschen hatten im Zweiten Weltkrieg ein grosses Problem: Kriegswichtige Güter waren nicht im Einflussgebiet der Achsenmächte zu beschaffen. Diese mussten auf dem "Weltmarkt" beschafft werden und die Verkäufer wollten nur harte Währung akzeptieren, keinesfalls Reichsmark. Schweizer Franken wurden aber gerne genommen. Das Deutsche Reich beantragte deshalb bei der Schweiz einen Kredit in Schweizer Franken, der bald den Gegenwert von einer Milliarde Reichsmark erreichte. Mit dem Schweizer Franken konnte man (die meist obskuren) Lieferanten zahlen. Rückzahlung der Kredite sollte in Gold erfolgen. Die ganzen Transaktionen erfolgten bei höchster Geheimhaltung, besonders die Goldtransporte. Auf jeden Fall war die Regierung der Meinung, dass die Deutschen die Schweiz nicht angreifen, solange sie auf Franken angewiesen waren, um Lieferanten zu bezahlen
http://www.uek.ch/de/publikationen1997-2000/gold.pdf
Das Gold kam von Juden, die anschliessend vielleicht sogar in Baracken aus Schweizer Produktion des Typs "Cron" untergebracht wurden...
http://www.geschichte-luzern.ch/sites/de...ndel_1941_2.pdf
Theo


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#71

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 22.07.2014 22:17
von Tobeck | 488 Beiträge

Zitat von seaman im Beitrag #69
Zitat von Tobeck im Beitrag #68

Was hatten die Attentäter 1944 für die Zeit nach einem gelungenen Staatsstreich geplant? Unter anderem die Öffnung der Westfront. Die Westmächte hätten Deutschland in kürzester Zeit komplett besetzt und dann wäre die Kapitulation erfolgt. Das heißt, die Teilung Deutschlands hätte es so vermutlich so nie gegeben, denn die Aufteilung Deutschlands in die späteren Besatzungszonen stand im Sommer 1944 noch nicht fest. Vielleicht wären die Gebiete östlich der Oder unter sowjetische Kontrolle gekommen - wenn überhaupt. Es hätte viele Millionen weniger Kriegstote gegeben, vielleicht auch keine Vertreibung in dem Ausmaß. Ein neues Kaiserreich hätte es wohl nicht mehr gegeben, eher eine Wiederherstellung der Weimarer Republik, denn Beck sollte der neue Reichspräsident werden.


Wo kann man das nachlesen?

seaman



Hier:

Zitat
....Am 16. Juli berichtete Stauffenberg den versammelten Mitverschwörern, die Heerführer im Westen seien auf ihrer Seite. "Sie werden die Feindseligkeiten aus eigener Initiative einstellen", sagte er, "die deutschen Truppen auf den Westwall zurücknehmen und die Voraussetzungen für ein gemeinsames Vorgehen der Westmächte und Deutschlands mit der Absicht des baldigen Kriegsabschlusses schaffen."....

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607128.html


zuletzt bearbeitet 22.07.2014 22:17 | nach oben springen

#72

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 09:14
von ABV | 4.202 Beiträge

"Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.“
Diese Worte stammen von einem deutschen Offizier. In diesen Worten gab der vom Nationalsozialismus im allgemeinen und von Adolf Hitler im besonderen begeisterte Militär seine Eindrücke vom "Polenfeldzug", im Spätsommer 1939 wieder.
Solche und ähnliche Worte dürften damals viele Offiziere und auch Mannschaftsdienstgrade der deutschen Armee geäußert haben. Diese Worte stammen jedoch nicht von irgend einem beliebigen Berufssoldaten XY, sondern von dem späteren Oberst und Hitler-Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg!
War dieser Oberst Graf Schenk von Stauffenberg also gar kein aufrechter Streiter gegen den Nationalsozialismus? Oder war er am Ende, was in den Augen vieler noch viel schwerer wiegt, gar kein lupenreiner Held? Der schon immer alles wissende, von Anfang an Hitlers verbrecherische Politik durchschauende, die Nazis kalt lächelnd verachtende Supermann in Uniform?
Nein, das war er ganz sicher nicht! Auch wenn es uns diverse Filmproduktionen immer wieder einreden wollen. Nicht erst seit Tom Cruise in die Rolle des Obersten geschlüpft war.
Für mich ist Stauffenberg eher ein deutliches Beispiel für die enorme Vielfältigkeit einer menschlichen Persönlichkeit. Um den wahren Charakter eines gelebten Lebens zu beurteilen, bedarf es des gesamten Lebens. Keineswegs genügen dafür einzelne Jahre oder irgendwann getätigter Formulierungen.
So schwer die Einsicht auch fällt, aber der arrogante Schnösel aus dem Jahre 1939 und der todesmutige, den schlimmsten Tyrannen der Weltgeschichte aus dem Weg räumen wollende gereifte Mann des Jahres 1944, sind ein und die selbe Person!
Dazwischen lag ein gutes halbes Jahrzehnt voller "Aha-Erlebnisse". Die letztendlich in der Erkenntnis mündeten, dass das einstige Idol Hitler um jeden Preis, im Interesse Deutschlands, beseitigt werden muss. Fünf lange Jahre voller schrecklicher Erlebnisse. Der eher unscheinbare, in seinem Leben weit weniger Bildung genossene Georg Elser, benötigte so etwas nicht, um den wahren Charakter und die enorme Gefahr die von Hitler ausging, zu erkennen. Und das bereits einige Jahre vor den meisten " Verschwörern des 20. Juni 1944"!
Keine unbedingt überraschende Erkenntnis. Das deutsche Militär stand seit eh und je für einen eher konservativen in vieler Hinsicht sogar reaktionären Geist. Zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung trauerten nicht wenige den nach dem verlorenen " 1. Weltkrieg" verlustig gegangenen Privilegien hinter her. Hitler gelang es meisterhaft, binnen weniger Jahre, dem Militär wieder zu großem Ansehen in der Gesellschaft zu verhelfen. Die Rüstungsindustrie lief auf Hochtouren, überall im Land wurden aufgegebene Standorte reaktiviert oder Standorte neu geschaffen. Uniformen bestimmten wieder das Bild in der Öffentlichkeit. Kein Wunder also, dass gerade die konservativen Adelsfamilien, die traditionsgemäß einen großen Teil des Offizierskorps stellten, in eine regelrechte Hitler-Euphorie gerieten. Wer kratzt schon gerne an der Fassade eines Mannes, der einem, vermeintlich, so viel gutes beschert?
Dazu brauchte es dann schon einer absoluten Katastrophe, um auch den konservativen Offizieren die Augen zu öffnen. Da hatte es ein Georg Elser, ein einfacher Mann aus dem Volke, einfacher. Obwohl es bekanntlich auch aus dem einfachen Volk sehr viele Gegenbeispiele gab. Spätestens hier stellt sich die Frage, warum der mutige Tischler im heutigen Deutschland weitgehend vergessen ist? Obwohl ihm eigentlich mindestens so viel Aufmerksamkeit wie Stauffenberg gebührt!
Möglicherweise erinnert man sich heute an einen Georg Elser nur deshalb nur ungern, weil er gewissermaßen am schlechten Gewissen Deutschlands rührt. Weil Menschen wie er durch seine Handlungen die immer wieder gehörte Ausrede der Deutschen, " das haben wir alles nicht gewusst", konterkariert. Da könnte doch die Nachwelt glatt auf die Idee kommen zu fragen: " Warum hat ein einzelner Tischler mehr gewusst, als viele Millionen anderer Deutscher?"
Ein medial aufbereiteter Saubermann wie Stauffenberg taugt da schon eher zum deutschen Nationalhelden. Aktiver Hitlergegner und hoher Offizier in Personalunion. Quasi ein Vertreter des, überwiegend, guten Deutschlands. Angesichts solcher Helden kann man schon mal "vergessen", dass die Verschwörer des 20. Juli 1944 noch lange nach dem Ende des 2. Weltkrieges, als " eidbrüchige Verräter" galten. Glimmte da etwa noch
" Nationalsozialistische Glut unter der demokratischen Asche"? Egal! Wir sind ein sauberes Volk, waren es schon immer gewesen. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 hatte ein fremdes Terrorregime, die Nazis, Deutschland zwangsweise annektiert. Nach dem Ende des Krieges steigen die bösen Nazis zurück in ihr Raumschiff und die schon immer nichts anders als demokratisch gesinnten Deutschen atmeten erleichtert auf.
Genau so wollen heute viele Deutsche die Nazizeit am liebsten sehen. Gott sei Dank gibt es aber noch viele andere, die mit ihren bohrenden Fragen einfach keine Ruhe geben wollen.
Am Schluss noch ein paar Worte zu den von @Barbara erwähnten, früheren DDR-Kulturministers und Autors Hans Bentzien,
Ein Mann, der ähnlich wie Stauffenberg, über eine widersprüchliche Vita verfügt. Ein Mann der zu seinen Irrungen steht und, wie er des Öfteren in seinen Publikationen unter Beweis stellte, zu neuen Einsichten fähig ist. Vor zwei Jahren sollte Hans Bentzien, der auch als Kenner der preußischen Geschichte gilt, im Oderbruchdorf Letschin einen Vortrag über den König Friedrich II. von Preußen halten. Auf Betreiben der Vorsitzenden der CDU-Ortsgruppe wurde Hans Bentzien jedoch wieder ausgeladen. Die Vorsitzende zeigte sich empört über die DDR-Vergangenheit des Referenten und sprach ihm pauschal die Fähigkeit ab, glaubhaft über den berühmten König zu reden.
Ob sich die Dame je mit der gesamten Persönlichkeit des Referenten, mit seiner gesamten Lebensleistung befasst hat? Unter anderem mit seinem in der DDR verfassten und vom offiziellen Bild abweichenden "Stauffenberg-Aufsatz". Höchstwahrscheinlich nicht! Sie hat sich lediglich einen einzigen Aspekt herausgesucht, um den Stab über einen ihr völlig unbekannten Menschen zu brechen. Leider ein viel zu oft praktiziertes Beispiel deutscher Vergangenheitsbewältigung!

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


seaman und Udo haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 23.07.2014 09:23 | nach oben springen

#73

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 09:24
von eisenringtheo | 9.182 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #72
(...)
Keine unbedingt überraschende Erkenntnis. Das deutsche Militär stand seit eh und je für einen eher konservativen in vieler Hinsicht sogar reaktionären Geist. Zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung trauerten nicht wenige den nach dem verlorenen " 1. Weltkrieg" verlustig gegangenen Privilegien hinter her. Hitler gelang es meisterhaft, binnen weniger Jahre, dem Militär wieder zu großem Ansehen in der Gesellschaft zu verhelfen. Die Rüstungsindustrie lief auf Hochtouren, überall im Land wurden aufgegebene Standorte reaktiviert oder Standorte neu geschaffen. Uniformen bestimmten wieder das Bild in der Öffentlichkeit. Kein Wunder also, dass gerade die konservativen Adelsfamilien, die traditionsgemäß einen großen Teil des Offizierskorps stellten, in eine regelrechte Hitler-Euphorie gerieten. Wer kratzt schon gerne an der Fassade eines Mannes, der einem, vermeintlich, so viel gutes beschert?
(....)

Gruß an alle
Uwe



Das war schon fast Staatsdoktrin: Der erste Weltkrieg wurde verloren, weil angeblich Deutsche Deutsche verraten haben (Streik, Revolution, Dolchstosslegende). Das war tief in den Köpfen und die Propaganda sorgte dafür, dass sich das Gefühl noch verstärkte:
Aus einem Volksgerichtsurteil
http://www.schule-bw.de/unterricht/faech...mannheim/q4.pdf
Bei der Strafzumessung hat der Senat nicht den bei den einzelnen Angeklagten verschiedenen
Umfang ihres strafbaren Handel[n]s zugrunde legen können, sondern er ist vielmehr davon
ausgegangen, daß alle Angeklagten sich mit vollem Bewußtsein zu einer Organisation
zusammengeschlossen haben, der die Aufgabe zugedacht war, die durch den Krieg geschaffene
Notlage des deutschen Volkes auszunutzen und die ihnen verhaßte nationalsozialistische
Staatsführung zu beseitigen und das deutsche Volk dem Würgetod des Kommunismus zu
überantworten. Einem derartigen Beginnen muß mit voller Härte des Gesetzes entgegengetreten
werden. Das deutsche Volk hat sich schon einmal in einer ähnlichen Notlage befunden. Auch im
Krieg 1914-1918 hat der deutsche Soldat unter Aufbietung aller seiner Kräfte den Feind, wo
immer er ihn traf, geschlagen und unvergleichliche Opfer gebracht. Die Heimat aber war
schwach, war nicht bereit, ihre Pflicht zu tun und hörte lieber auf die hohlen Phrasen
internationaler jüdischer Marxisten, die ihr das Paradies versprachen, dessen wahres Gesicht
uns jetzt Sowjetrußland zeigt. Mit dem Munitionsarbeiterstreik 1917 begann der Zusammenbruch
der deutschen Front. Das Diktat von Versailles war seine Folge. […]
Das deutsche Volk, vor allem aber der seine besten Kräfte verkörpernde Frontsoldat, verlangen,
daß die Heimat geschlossen hinter ihnen steht, daß jede Zersetzung, jede Lähmung des
Siegeswillens und jede Schwächung der Wehrkraft mit größter Härte geahndet werden. Die
nationalsozialistische Staatsführung wird unter keinen Umständen dulden, daß die Katastrophe
von 1918 sich wiederholt.

Theo


ABV hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#74

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 09:31
von ABV | 4.202 Beiträge

@eisenringtheo Jetzt stelle dir mal vor, dass Attentat wäre geglückt, die Wehrmacht hätte an allen Fronten kapituliert und Deutschland einen sofortigen, aber bedingungslosen Frieden akzeptiert.
Das wäre die Geburtsstunde einer zweiten " Dolchstoßlegende" gewesen. Ich gebe dir " Brief und Siegel", dass die meisten Deutschen ganz schnell der Meinung gewesen wären, " dass das Attentat Deutschland den verdienten und greifbar nahen Sieg gekostet habe."
So sind wir Deutschen: erlittenes Unheil wird manchmal (zu) schnell wieder vergessen. Genau wie die Gründe dieses Unheils.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


seaman und eisenringtheo haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#75

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 10:21
von seaman | 3.487 Beiträge

Die Ziele der Widerstandskämpfer des 20.Juli 1944 :

http://www.gdw-berlin.de/fileadmin/theme...Faksimile_d.pdf

seaman


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#76

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 10:45
von icke46 | 2.593 Beiträge

Zitat von seaman im Beitrag #75

Die Ziele der Widerstandskämpfer des 20.Juli 1944 :

http://www.gdw-berlin.de/fileadmin/theme...Faksimile_d.pdf

seaman


Mal davon abgesehen, dass der Text ja wohl als Verlautbarung an das Volk gedacht war: ich lese da heraus, dass die Verschwörer den Krieg weiterführen wollten - nu reben als anständigen Krieg wie es da steht. Es ist ja für das Opfer auch ein himmelweiter Unterschied, ob es von einer anständigen oder von einer unanständigen Kugel getötet wurde.

Und was Uwe im Text davor schreibt mit bedingungsloser Kapitulation an allen Fronten und bedingungslosem Frieden: Ich glaube nicht, dass die Allierten da mit gemacht hätten, schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt - immerhin war es 5 Wochen nach der Landung in der Normandie. Das einzige, was sie vielleicht hätten erreichen können, wäre ein Separatfrieden mit den Briten und Amerikanern und danach ein gemeinsamer Feldzug gegen die Sowjetunion gewesen. Allerdings würde ich den Erfolg eines solchen Plans zu dem Zeitpunkt auch in Frage stellen.

Fazit: Im Grossen und Ganzen hätte sich an dem Kriegsergebnis kaum etwas geändert, ausser dass der Krieg einige Monate früher zu Ende gewesen wäre und es vermutlich eine ganze Anzahl Opfer weniger gegeben hätte.

Gruss

icke



seaman und ABV haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#77

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 12:44
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von ABV im Beitrag #74
@eisenringtheo Jetzt stelle dir mal vor, dass Attentat wäre geglückt, die Wehrmacht hätte an allen Fronten kapituliert und Deutschland einen sofortigen, aber bedingungslosen Frieden akzeptiert.
Das wäre die Geburtsstunde einer zweiten " Dolchstoßlegende" gewesen. Ich gebe dir " Brief und Siegel", dass die meisten Deutschen ganz schnell der Meinung gewesen wären, " dass das Attentat Deutschland den verdienten und greifbar nahen Sieg gekostet habe."
So sind wir Deutschen: erlittenes Unheil wird manchmal (zu) schnell wieder vergessen. Genau wie die Gründe dieses Unheils.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe



Das glaube ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr.
.


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#78

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 12:53
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Barbara im Beitrag #77
Das glaube ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr..


Ich bin mir da nicht so sicher, @Barbara : Denk doch bitte auch daran, welcher permantenten Gehirnwäsche die Bevölkerung durch Radio, Kino und Zeitungen ausgesetzt war. Und es gab gewiss nicht wenige, die felsenfest daran geglaubt haben.

Gut, die aus Russland oder von anderen Frontabschnitten heimkehrenden Soldaten hätten zwar etwas mehr Wahrheit ins Licht des Dunkels bringen können (sofern sie den dazu erforderlichen Überblick besaßen, was gewiss nicht für jeden Frontkämpfer galt), aber denen wurde nach dem 1. WK auch nicht geglaubt.


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#79

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 12:58
von icke46 | 2.593 Beiträge

Zitat von Dandelion im Beitrag #78
Zitat von Barbara im Beitrag #77
Das glaube ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr..


Ich bin mir da nicht so sicher, @Barbara : Denk doch bitte auch daran, welcher permantenten Gehirnwäsche die Bevölkerung durch Radio, Kino und Zeitungen ausgesetzt war. Und es gab gewiss nicht wenige, die felsenfest daran geglaubt haben.




Dann müsste aber in den neun Monaten bis zum Kriegsende ein enormes Umdenken in der Bevölkerung eingesetzt haben - denn die Werwolfbewegung, die ja auf den fanatischen Glauben an Führer und Endsieg baute, war ja nach dem 8.5.45 so gut wie nicht vorhanden.

Gruss

icke



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#80

RE: 20.Juli 1944

in Themen vom Tage 23.07.2014 12:59
von eisenringtheo | 9.182 Beiträge

Die Invasion der Alliierten nach Deutschland war kein Selbstläufer!! Deshalb stand eine bedingungslose Kapitulation stand im Juli 1944 noch nicht zur Diskussion. Waffenstillstandsverhandlungen waren ein Thema! Ob sich die Alliierten darauf eingelassen hätten, ist unsicher, sogar eher ungewiss. Denn die wollten, dass das Gros der Bevölkerung auch zu spüren bekam, dass der Krieg verloren war: Diese Haltung legten speziell die Briten, aber auch die Amerikaner an den Tag. Im Gegensatz zu 1918: Der Krieg war zwar auch verloren, aber die Heimatfront bekam das im Schutze der Propaganda und Zensur (und damals noch ohne Radio!) kaum mit und das förderte in der Folge die Dolchstoßlegende sehr stark ("Im Felde unbesiegt").
Theo


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