#1

Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 16:16
von Angelo | 12.396 Beiträge

Der eiserne Vorhang, die innerdeutsche Grenze fällt am 9. November 1989. Lars Schumacher & Michael Wöster (Burgdorf / Germany) sind am ersten Wochenende nach dieser Grenzöffnung in Helmstedt und am Grenzübergang Marienborn. Es entsteht die Dokumentation "Das Wochenende nach dem 9. November 1989". Dieses Video wurde hinsichtlich der Tonspur im Juni 2009 neu bearbeitet.


nach oben springen

#2

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 16:37
von Berliner (gelöscht)
avatar

Angelo, am Rande des Wahnsinns, trotz alldem immer noch sehr fleissig.

Noch ein tolles Video, vielen Dank! Das sind die Reportagen, die mir am meisten gefallen. Einblicke in das "wahre Leben" hinein.

Berliner


zuletzt bearbeitet 03.07.2009 16:38 | nach oben springen

#3

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 19:00
von Heldrasteiner (gelöscht)
avatar

So ein Video habe ich auch noch in meinem Kopf, kann ich Euch aber leider nur in Worten beschreiben.
Auch bei uns ging die Post ab am 10. und 11. November 89.

Mal kurz in der Erinnerung kramen:
Damals war ich im Rahmen meiner Ausbildung auswärts tätig, aber schon bei meiner Wochenendheimfahrt mit meinem betagten VW-Käfer fuhr ich auf der A2 bei Königslutter an nicht enden wollenden DDR-Fahrzeugkolonnen vorbei. Die Fahrzeuge waren meist voll besetzt, außer dicht gedrängten Menschen darin nichts zu sehen. Begeisterung pur für den Volkswagen West von den Insassen der Volkswagen Ost.
Ab Braunschweig wurde es einsamer, weniger Zweitaktwolken in der Luft.
Dann Richtung Göttingen, der Trabistrom schwoll wieder an. In Friedland runter von der Autobahn, die ganze Zeit das Radio an mit Reportagen über Grenzöffnung, "Wahnsinn", pure Lebensfreude, Politikerinterviews. Aber meist aus Berlin. Den NDR immer noch auf Empfang, bereits erste Staumeldungen an Grenzübergängen. Spekulationen über Grenzöffnungen an Orten, deren Namen ich nie zuvor gehört hatte.
Jetzt kommen mir DDR-Fahrzeuge entgegen, machen Lichthupe, Insassen winken freudig. Meine Spannung wächst. Wie sieht es in meiner Heimatstadt aus?
Erreiche abends dann mein Zuhause. Der kostenfreie Großparkplatz in Nähe meines Hauses ist bis auf den letzten Platz besetzt. Man könnte meinen, ich bin in Eisenach oder Erfurt gelandet. Der Parkplatz vorm Haus, auch alles voll. Ich parke vorm Haus, lade mein Gepäck aus und bin gedanklich noch auf der Autobahn. Nur nebenher nehme ich Leute wahr, die schwer bepackt mit Einkaufstüten ihre Trabis, Wartburgs, Ladas ansteuern. Sie verladen ihre Einkäufe in kleine Kofferräume, packen ne Stulle aus, in die sie reinbeißen, ehe sie sich in ihre Fahrzeuge zwängen und den beschwerlichen Heimweg antreten.
Es ist kalt, ein trüber Novembertag. Der Dunst der Werra steigt auf und zeichnet ein diffuses, gedämpftes Bild des Großparkplatzes. Zweitaktmotorengeräusche dringen an mein Ohr.
Jetzt aber schnell zu meiner Familie, die ja schon so lange wartet. Am Abendbrottisch Gespräche über überfüllte Warenhäuser, kein Durchkommen in der Fußgängerzone, Aktionen für die Besucher, Warteschlangen am Rathaus. Eine Meldung in der Zeitung, daß die Ladenöffnungszeiten aufgehoben sind für dieses Wochenende.
Irgendwann rauschten die Informationen nur noch an meinem Ohr vorbei. Kein Wunder, ich war seit morgens 5 Uhr auf den Beinen, hatte 200 km bewegte Fahrt hinter mir, den ganzen Tag die Ereignisse an einem kleinen Kofferradio verfolgt.
Ich ging zu Bett, schlief unruhig und wachte morgens gegen sechs auf. Timo, mein Hund, wollte mit mir raus. Also ging ich schlaftrunken vor die Tür - und erblickte einige DDR-Fahrzeuge auf dem Parkplatz, darin dösten übernächtigte Gestalten, die Jacken als Decken über sich gezogen, sich gegenseitig wärmend.
Es war kalt, das Werratal in Nebel gehüllt. Ja, es hatte gefroren, die Scheiben meines Käfers waren glitzernd weiß. Timo sträunte um die fremdartigen Autos, beschnüffelte Reifen. Es war ein fremder Geruch in seiner Welt.
Irgendwie konnte ich noch nicht fassen, was da vor knapp zwei Tagen passiert war. Alles nur ein Traum? So dachte ich, als ich morgens am 10.11.1989 in meinem Wohnheimzimmer fern der Heimat aufgewacht war. Da kam in meinem einzigen Kommunikationsgerät, einem Radiowecker, die berühmte Meldung mit dem Originaltext des Günter Schabowski. Und erste Reaktionen auf die Nacht in Berlin. Das konnte ich gar nicht glauben. Hatte ich abends zuvor denn wieder mal zu tief ins Glas geblickt? Auf jeden Fall war ich ohne Nachrichten an jenem Donnerstag schon früh eingeschlafen. Und jetzt – am nächsten Morgen? Kann doch gar nicht sein. Als ich ins Werk fuhr, hatte ich mein Autoradio an und verfolgte gebannt die Berichterstattung. Es war doch kein Traum – doch es war einer, den wir so lange hatten und der nun in Erfüllung ging. Wer hätte das gedacht?!
Timo zog mich nach Hause, er wollte zum Frühstück sein Leberwurstbrötchen. Also noch schnell zum Bäcker, in der Ferne Zweitaktmotorengeräusch, das näher kam. Eine funzelige Beleuchtung an dem Gefährt, es quietschen Bremsen, der Wagen hält neben mir. Timo reckt neugierig den Kopf. Die Beifahrerin steigt aus, fragt mich, wo man denn hier parken könne und wann die Geschäfte aufmachen. Ich lotse sie auf den Parkplatz vor meinem Haus. Ob ich sie nachher noch mal wiedersehe, wenn ich mit den Brötchen nach Hause komme? Wo sie wohl herkommen? Wie lange sie wohl gefahren sind? Ich bin noch zu müde, um sie zu fragen.
Wieder zu Hause, erstmal ein gutes Frühstück mit viel Kaffee, den brauch ich jetzt. Die Leberwurstbrötchenzeremonie fängt an, meine Gedanken sind bei denen, die da draußen vor der Tür in ihren Autos schlafen. Hab ich auch schon gemacht, aber im Winter ist das nicht so angenehm. Ich schau in meine Kaffeetasse und sage zu meiner Mutter: „Weißte was, ich koch jetzt die große Pumpkanne voll Kaffee und geh raus auf den Parkplatz. Haste noch ein paar Tassen?“ Meine Mutter heißt meine Idee gut, gibt mir alles an Bechern und Tassen mit, was sie in ihren Schränken auftreiben kann und was auch notfalls zu Bruch gehen darf. Das alte Rosenthal-Service meiner Oma bleibt im Schrank!
Ich gehe bewaffnet mit der Pumpkanne, einem Korb voll Tassen, Milch, Zucker und dem Hund raus auf den Parkplatz. Die ersten sind schon erwacht. Die Autoscheiben beschlagen vom feuchten Atem der Insassen. Ich biete meinen guten Bohnenkaffee an – stark muß er sein, stark und schwarz ist er.
Die Aktion kommt gut an – und ich ringe mit den Tränen der Rührung. Ich höre Namen von Orten hinter dem Zaun, nur wenige Kilometer von hier entfernt. Manche habe ich schon aus der Ferne gesehen, aber nie besuchen können. Es werden Belanglosigkeiten ausgetauscht, Streicheleinheiten mit dem Hund. Der genießt den Trubel um sich herum, schwänzelt.
Es wird hell, aber es ist trübe. Meine Hände werden klamm, der Kaffee geht zur Neige. Ich verabschiede mich und wünsche allen einen schönen Aufenthalt in unserer Stadt. Ich kann die Tränen der Freude kaum noch halten und bin froh, als die Tür hinter mir ins Schloß fällt. Jetzt lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf.

Das war mein erster Eindruck der Grenzöffnung am 10. November 1989.


nach oben springen

#4

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 19:52
von Augenzeuge (gelöscht)
avatar

Hallo Heldrasteiner, du hast wieder einen tollen Bericht geschrieben, ja so war es. Das Video von Angelo ist das Leben pur.
Am Morgen kamen Tausende und stürmten jede Bank oder Sparkasse. Geduldig standen die Menschen stundenlang in der Schlange, die Wessis staunten über die Geduld. 100 DM war mal was wert. In Berlin waren Bananen und weitere Südfrüchte kurz ausverkauft.
Und die Menschen freuten sich wie nach einer gewonnenen Fußball WM. Ganz richtig: Die Älteren träumten alle von der Wiedervereinigung, die jüngeren weniger.

Und nicht wenige staunten über die Preise- hatte man ihnen doch in den 40 Jahren mit erzählten Lügen so viel vorenthalten. Kein Mensch sprach über Errungenschaften der DDR, alle DDR-Produkte wurden aus den Läden verbannt- alles vom Westen wurde blind gekauft, bis man sich wieder besonnen hatte, und der Rausch etwas verpflogen war.
Und wie man heute sieht, haben einige DDR-Produkte wieder Konjunktur und halten auch Einzug in die ganz westlich gelegenen Plus- und Netto- Märkte. Ich finde das gut.

Zum Video noch etwas. Ich finde es irre, da hat ein BMW-Fahrer immmer ein paar Liter Öl dabei. Das habe ich noch nie erlebt. Ich selbst hatte noch nie Öl dabei. Und ich hatte auch mal jahrelang einen BMW. Hatte ja jede Tankstelle.
Tolle Bilder von Marienborn. Eins hänge ich mal hier dran.

Gruß, Augenzeuge

Angefügte Bilder:
Kontrollpunkt_Helmstedt 11_89.jpg

nach oben springen

#5

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 20:58
von Berliner (gelöscht)
avatar

Zitat von Augenzeuge
Zum Video noch etwas. Ich finde es irre, da hat ein BMW-Fahrer immmer ein paar Liter Öl dabei. Das habe ich noch nie erlebt. Ich selbst hatte noch nie Öl dabei. Und ich hatte auch mal jahrelang einen BMW. Hatte ja jede Tankstelle.

Hi Augenzeuge,
Du hast recht, der Mann ist definitiv ein "Erbsenzaehler" gewesen (oder wie war das neue Wort?).

Als Inginieur wuerde mir allerdings ein Grund dafuer sprechen Oel mitzufuehren. Das Oel an der Tankstelle ist teuer und man findet nie die richtige Marke, geschweigert die richtige Viskositaet (bei uns zumindest).

Ich als Inginieur muesste also Oel in meinem Auto haben, aber sowie Du, stimmt das nicht. Mein Auto ist zwar ziemlich alt, aben den Motor habe ich selbst ueberholt, nachfuellen nicht noetig.

Berliner
PS vielleicht eine dumme Frage, wurde das Bild von der Westseite aus gemacht?

Angefügte Bilder:
Toyota.jpg

zuletzt bearbeitet 03.07.2009 21:02 | nach oben springen

#6

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 21:25
von Heldrasteiner (gelöscht)
avatar

Ja, die darauffolgenden Wochenenden verbrachte ich dann auch in einem Supermarkt und kassierte Bananen, Orangen,...
Dabei erlebte ich auch ein Thüringer Ehepaar, die sich die Auswahl der verschiedenen Früchte ansahen. Vor der Kiste mit den Kiwis blieben sie stehen. Da sagte die Frau zu ihrem Mann: "Gucke mo, die vergaufn hier die Gardoffeln schon schtickweise"

Da habe ich ne Gänsehaut bekommen und die habe ich auch jetzt, wo ich das schreibe.

Aufgefallen war mir, daß besonders viel für die Kinder gekauft und mit dem Begrüßungsgeld sparsam umgegangen wurde. Aber es mußte unbedingt Jakobs Dröhnung, Persil, usw. sein. Halt das, was man aus der Werbung im Westfernsehen kannte.

Öl? Hab ich auch immer dabei - ist wohl ne Berufskrankheit, was?


nach oben springen

#7

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 21:35
von Berliner (gelöscht)
avatar

Zitat von Heldrasteiner
Öl? Hab ich auch immer dabei - ist wohl ne Berufskrankheit, was?


ist auch richtig so Heldrasteiner.

Bisch "Erbesenzaehler" also?

Berliner


nach oben springen

#8

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 21:37
von Berliner (gelöscht)
avatar

Hier, fand ich einen interessanten Clip auf der DVD Damals in der DDR, 3. DVD, Teil 1: Freiheit ohne Grenzen.

Die ist natuerlich im Literatur Shop erhaeltlich!

Berliner



zuletzt bearbeitet 03.07.2009 21:38 | nach oben springen

#9

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 22:18
von Augenzeuge (gelöscht)
avatar

Hey- Berliner,

da haben die einen Trabbi repariert, 8h ohne Berechnung. Na das klingt ja fast wie Kommunismus....aber nicht wie Marktwirtschaft.
Man fragt sich heute wie und was damals alles möglich war. Geld spielte kaum eine Rolle. So wie im Kommun....sagte ich schon.
Wenn nun so etwas jemand erlebt, der nichts kannte, dem alles verlogen beigebracht wurde- ja was soll der von dem System denken? Jedenfalls kann er das nicht so recht einordnen.

Hast du dir so einen Motor schon mal angesehen? Manche hatten schon mit der Identifikation der Teile ein Problem.

Die Meckereien der Leute habe ich nie erlebt in Berlin. Vielleicht haben die Menschen hier mehr als woanders gewusst, das es nicht weh tut, wenn man mal zurücksteckt. Und Berlin wurde von allen Seiten überrannt.
Ich weiß, das die Euphorie relativ lange anhielt. "Janz Berlin is eene Wolke"- det war der Spruch der Zeit! Nun is allet jut, oder?



@Heldrasteiner: Das stimmt. Kiwis kannten die nicht, wie auch Broccoli, Zucchini, Kaki, Litschi sogar Eisbersalat war fremd. Weißt du was der Witz ist? Heute bauen sie alles im Garten an. Warum ging das früher eigentlich nicht. Das Klima war doch da nicht kälter.
Gruß, Augenzeuge


nach oben springen

#10

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 03.07.2009 22:22
von Heldrasteiner (gelöscht)
avatar

Doch, Augenzeuge - Klimaerwärmung!!!


nach oben springen

#11

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 04.07.2009 11:30
von dein1945 (gelöscht)
avatar

So ein Video habe ich auch noch in meinem Kopf, kann ich Euch aber leider nur in Worten beschreiben.
Auch bei uns ging die Post ab am 10. und 11. November 89.

Hallo und guten Morgen,

ich fange mal etwas früher an 30.09.1989, Geburtstagsfeier, trotz alledem lief der Fernseher, bei uns wurde ständig hin und her gezappt, mal "Heute, mal Tagesschau und auch die Aktuelle Kamera", die wir ja in WB empfangen konnten, dann der Auftritt von H.-D. Genscher in Prag. Es ging weiter am 3.November 89 mit der großen Demo auf dem Alexanderplatz, ich war im Ruhrgebiet bei meinen Schwiegereltern, wie gebannt habe ich zugesehen, man konnte es sich nicht vorstellen, was da abging. Ich hatte noch die Bilder im Kopf wie die Vopo am 40.Jahrestag der DDR, in Ostberlin mit dem Knüppel aufgeräumt hat. Dann der 9.November wie immer alle Sender abgeklappert und auch die Pressekonferenz mit Schabowski, das war es dann. Diesen Abend nichts mehr mitbekommenm ,leider !
10.November um 5.30 der Wecker, wie immer mit Nachrichten von 100,6, damals der aktuelste Nachrichtensender in WB, wir konnten es nicht fassen was wir hörten.
Sonst nicht üblich um diese Zeit, gleich den Ferseher an und da liefen in alle Sendern Sondersendungen. Aber was soll;s es war Arbeit angesagt, in meiner Firma angekommen und wie immer Kaffee gekocht, diesmal mit TV. Gegen 7.00 kamen dann meine Mitarbeiter, weiter gespanntes Fernseh gucken und diskutieren. Ich hatte zu der Zeit auch zwei ehemalige DDR-Bürger beschäftigt, der eine war erst durch Ausreise im Juni in den Westen gekommen. Aber gegen Acht war Schluß mit Lustig, die Arbeit ruft. Wie es der Zufall will, ich hatte einen Termin in einem Cafe mit Imbiss direkt in der Nähe vom Übergang Heinrich-Heine-Str., ca. 5km von der Firma, für die Fahrt brauchten wir 1 Stunde, die Strassen in WB waren noch nie so voll wie an diesem Freitag. Endlich hatten wir unser Ziel erreicht, die erste Frage der Inhaberin, habt ihr Brötchen mitgebracht, wieso ?, na ich bin total ausverkauft. An Arbeit war nicht zu denken. Ich bin dann mit meinem EX-DDRler in Richtung Brandenburger Tor, es war die Hölle los, wir kamen nur im Schrittempo vorran. Also Auto abgestellt und zu Fuss weiter, aber auch da kaum ein durchkommen.
Ob West oder Ost, alles lag sich in den Armen, sowas habe ich danach nie wieder erlebt. Gegen Mittag sagte mein Mitarbeiter, es hat Heute eh keinen Sinn mehr, er wollte den Tag als Urlaub. Wurde sofort bewilligt, ab durch die Menschenmassen, erst mal nach Hause, ich wohne im Süden von Berlin, da war es etwas ruhiger. Am Abend hatte ich schon seit langem Karten für ein Konzert von Udo Jürgens in der Deutschlandhalle, meine Frau kam auch später als sonst, es war einfach zu voll auf den Strassen. Mit dem Auto war an diesem Abend kein vorwärtskommen, also mit Bus und Bahn, wir waren noch pünklich da, nur Udo kam eine Stunde später, er war vorher noch am Brandenburger Tor, alle nicht verkauften Plätze wurden an DDR-Bürger kostenlos vergeben, nachdem auch wir dichter zusammenrückten, kamen bestimmt noch mal Hundert dazu, ich hab die Deutschlandhalle noch nie so voll gesehen. Das Konzert nun auch nicht pünktlich zu Ende, aber was soll;s, wir wieder mit Bus und Bahn nach Hause, umsteigen am Kudamm, ich dachte die ganze DDR ist auf dem Bahnhof, endlich gegen Mitternacht wieder im Süden, aber noch nicht zu Haus. Bei unserem Stamm-Italiener war noch Licht, schliesst sonst um 24.00, Hunger hatten wir auch, also raus aus dem Bus und hinein, es war noch rappelvoll, Ost und West gemeinsam, die meisten Familien. Wir kamen auch gleich ins Gespräch obwohl man kaum einen kannte. So endete der Tag, muß schon früher Morgen gewesen sein, den Rest durften wir laufen, es fuhr kein Bus mehr, mal sehen ob es noch eine Fortsetzung gibt, denn die Tage danach waren auch noch anstrengend.

Gruß aus Berlin, damals West


nach oben springen

#12

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 06.07.2009 05:29
von CaptnDelta (gelöscht)
avatar

Zitat von Berliner
Hier, fand ich einen interessanten Clip auf der DVD Damals in der DDR, 3. DVD, Teil 1: Freiheit ohne Grenzen.
Die ist natuerlich im Literatur Shop erhaeltlich!
Berliner


Der Grenzuebergang am Anfang des Videos ist Ullitz, da bin ich am 12.11.89 das erste mal wieder in die alte Heimat. Wir waren ziemlich die ersten in Richtung Osten. Wir mussten noch nicht mal zwangsumtauschen, die waren einfach noch nicht soweit .
An die Staus auf der Gegenstrecke kann ich mich auch noch erinnern, ausserdem fuhr man teilweise im totalen Zweitakt-Nebel (also eher der Nase nach).

-Th


nach oben springen

#13

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 06.07.2009 05:47
von CaptnDelta (gelöscht)
avatar

Zitat von Augenzeuge
Die Meckereien der Leute habe ich nie erlebt in Berlin. Vielleicht haben die Menschen hier mehr als woanders gewusst, das es nicht weh tut, wenn man mal zurücksteckt. Und Berlin wurde von allen Seiten überrannt.

Das Problem war in den grenznahen Kleinstaedten, welche total unvorbereitet jeden Tag ueberrannt wurden. Z.B. Hof hatte damals so ca. 40.000 Einwohner, jeden Tag sind da bis zu 100.000 Leute aufgeschlagen. Nachdem das man da 30 Jahre die komplette Ruhe und Beschaulichkeit des Zonenrandgebietes gewohnt war, ist das eben doch einigen Leuten auf's Gemuet geschlagen.

Noch 'ne eigene Geschichte: Ich hab' im Sommer 1990 in dem Autohaus wo ich gelernt hatte gejobt, teilweise als Verkaeufer. Nach der Waehrungsunion wurden wir praktisch ueberrannt, so gross war die Nachfrage nach Gebrauchtwagen. An manchen Wochenenden verkauften wir manchmal ueber 50 Autos. Der Hammer war: Alle kamen mit' nem Geldkoffer voller 20 und 50 Mark-Scheinen. Wir haben uns manchmal 'nen Ast geschleppt mit dem Geld - 50 Autos, bezahlt mit 20 Mark Scheinen, das bringt 'nen VW-Bus in die Knie.

-Th


nach oben springen

#14

RE: Das Wochenende nach dem 9. November 1989

in Leben an der Berliner Mauer 16.07.2009 14:20
von Heldrasteiner (gelöscht)
avatar

Hier finden sich noch mehr Erlebnisse von Augenzeugen (nein, nicht unser "Augenzeuge" ist gemeint ):
http://www.mein-herbst-89.de/


nach oben springen

#15

Mein Novemberwochenende 1989

in Leben an der Berliner Mauer 31.07.2009 10:44
von Frank (gelöscht)
avatar

Ich mach hier mal einen Thread auf in dem jeder seine Erlebnisse der ersten Tage nach dem Mauerfall wiedergeben kann.
Schön wäre auch wenn Ihr vielleicht private Fotos hättet von Eurer ersten Reise oder Schnuppertour in den jeweils anderen Teil
Deutschands oder Berlins.
Ich fang einmal an.

Als Schabowski am 09.11.89 diese berühmte Pressekonferenz hielt, waren wir in unserer Familie natürlich erstmal total aus
dem Häuschen. So richtig konnten wir es gar nicht glauben was da gesagt wurde und was diese Worte bedeuteten.
Ich war damals 16 und mein Vater lief in der Wohnung herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Was war nun zu tun?
"Morgen fahren wir nach Berlin!" Sagte mein Vater mit einer hastigen Entschlossenheit in der Stimme.
So einfach war das aber nicht, erstens hatte Schabowski gesagt das "die zuständigen Behörden angewiesen sind, Genehmigungen für Reisen ins Ausland kurzfristig und ohne Angaben zu erteilen..." was bedeutete: Wir brauchten erstmal ein Visum.
Zweitens: Ich war noch Schulpflichtig und Freitag und Samstag wäre Unterricht gewesen.
Zweitens war recht schnell erledigt, meine Eltern meldeten mich in der Schule krank. Das hat mich sehr verwundert denn meine Eltern achteten sonst recht streng darauf, dass ich meine Schulischen Verpflichtungen ernst nahm. Aber aussergewöhnliche Ereignisse erfordern eben aussergewöhnliche Massnahmen :-).
Mit den Personalausweisen von mir und meinen Eltern und einer Vollmacht in der Hand stellte ich mich dann den ganzen Freitag in der Schlange unseres Volkspolizei-Kreisamtes an um die begehrten Visa-Stempel zu bekommen.
Samstag fuhren wir dann von Dresden aus in einem total überfüllten Zug nach Berlin. Die Nacht zuvor hatte ich vor Aufregung kein Auge zugemacht.
Vater hatte unseren Trip zwischenzeitlich schon etwas geplant: Grenzübergang Friedrichstraße durch den Tränenpalast, dann mit der U-Bahn Richtung Steglitz. Es hatte sich herumgesprochen dass die BVG DDR-Bürger kostenlos nach Vorlages des Ausweises beförderte. Ku`damm hielt er für nicht so eine gute Idee, wir wollten ja nicht von den Massen ertreten werden ;-).
Nach Stunden des Anstehens waren wir dann Endlich im Westen angekommen. Ich bin die ganze Zeit wohl mit offenem Mund staunend und recht planlos die Beriner Schlosstrasse hoch und runter gelaufen...
Unser Begrüssungsgeld holten wir uns in einer Filiale der Sparkasse im Steglitzer Rathaus ab, die Warteschlage da war einigermassen erträglich.
Ich werd diesen Tag niemals vergessen, ich versuchte so viele Eindrücke wie nur möglich zu sammeln. Zurück kamen wir voll bepackt, mein Vater mit einem Satelittenreciver, Mutter mit ner Kaffeemaschine und ich mit Audiokassetten, Schokolade und Cola
Zu dieser Zeit dachten wir noch alle dass es vielleicht nur ein kurzer Traum werden könnte und sich die DDR wieder abriegelt.
Ich hatte damals meinen kleinen Fotoapparat dabei und einige Bilder gemacht. Leute, ich hab lange gesucht aber die zwei hier sind die einzigen, die übrig geblieben sind...alle anderen sind in den 20 Jahren wohl irgendwie verschollen.
Tränenpalast am 11.11.89


Rathaus Steglitz, 11.11.89
Ganz rechts auf dem Bild kann man die Warteschlange vor der Sparkasse erahnen.




nach oben springen

#16

RE: Mein Novemberwochenende 1989

in Leben an der Berliner Mauer 31.07.2009 11:18
von dein1945 (gelöscht)
avatar

Zitat von Frank
Ich mach hier mal einen Thread auf in dem jeder seine Erlebnisse der ersten Tage nach dem Mauerfall wiedergeben kann.

Hallo Frank,
diesen Traed gab es schon, unter "Das Wochenende nach dem 9.November 1989", leider sehr schnell eingeschlafen !
Das Bild mit der Sparkasse, Du würdest dort einiges anders vorfinden, im Hintergrund links der "Steglitzer Kreisel", der Turm steht seit zwei Jahren leer, ehemals Bezirksamt Steglitz, entweder Asbest-Sanierung oder Abriss. Die Sparkasse gibt es noch, wurde aber durch einen Neubau überbaut und gehört heute zum "Schloss", ein Einkaufscenter, der Bau rechts neben der Sparkasse war und ist das "Alte Steglitzer Rathaus, soviel von einem Ur-Berliner,

Schönen Tag und Gruß aus Berlin


zuletzt bearbeitet 31.07.2009 11:20 | nach oben springen

#17

RE: Mein Novemberwochenende 1989

in Leben an der Berliner Mauer 31.07.2009 11:32
von sentry | 1.096 Beiträge

Ich war zu der Zeit auch in Dresden, als Student. Ich habe die ganzen Geschichten mit Ungarn, wo ich in dem Sommer zufällig auch in Urlaub war, und mit den Zügen durch den Dresdner Hbf. live miterlebt.
...natürlich auch den ersten mobilen Burger King Stand am Bahnhof - Das T-Shirt "Der erste Dresdner Hamburger" habe ich heute noch.
09.11. - alles irgendwie ein bisschen verblasst. In der Studentenecke ging das Gerücht um, man könne sich auf der Meldestelle unkompliziert und sofort einen Reisepass ausstellen lassen und dann ungehindert in den Westen reisen.
Also haben wir (und viele andere) uns buchstäblich vor der Meldestelle die Nacht um die Ohren geschlagen, denn wir waren es von der Mangelgesellschaft so gewohnt, dass Artikel grundsätzlich nicht in der ausreichenden Menge verfügbar waren.
Nach der ewigen Warterei ergatterten wir auch tatsächlich den begehrten Pass - wir konnten ja nicht wissen, dass an den Grenzen so eine Überflutung herrschen würde, dass man wohl auch mit dem FDJ-Ausweis durchgekommen wäre.

Jedenfalls sind wir als gute Studenten auch erst am Wochenende nach Berlin gefahren. Am Fahrkartenschalter wurde ich mit meinem Studentenausweis als Berliner besonders nett behandelt, weil ich offensichtlich nicht wegen der Ausreise nach Berlin fuhr, sondern weil ich da wohnte

Mein "Haus-und-Hof-Grenzübergang" all die Jahre in Berlin war der Checkpoint Charlie. Regelmäßig lag der auf der Wegstrecke unserer Spaziergänge...man musste ja immer mal gucken, was so läuft. Der Checkpoint war von meiner home base nur 5 min zu Fuß entfernt.
Insbesondere nach meiner Zeit in der SiK Marienborn war das natürlich interessant, weil ich seit dem die Grenzsicherungsanlagen und die ganzen Abläufe natürlich mit ganz anderem Blick und Sachverstand sah.

Also kam für uns als Übergang nur der Checkpoint in Frage, wo wir dann auch am 11.11. zum ersten Mal Kreuzberg betraten. Der Auflauf war gewaltig, Kontrollen fanden statt, aber alles ging unkompliziert.
So lief ich zum ersten Mal ohne AK-47 durch eine vollgesicherte GÜSt, passierte Sperrschlagbäume, sah Signalgeräte und überschritt die weiße Linie am Cafe Adler - bis heute das für mich unglaublichste Erlebnis und der beste Tag in meinem Leben.
Möglicherweise ist es für mich auch noch einen Tick beeindruckender gewesen, weil ich eben ein paar Jahre vorher selbst bei den Grenztruppen war und sich dort, unabhängig von der persönlichen Einstellung, das dauerhafte Bestehen dieser Grenze doch manifestiert hat. Ich hätte wohl nie geglaubt, dass es zu dieser Art von Grenzöffnung kommen kann.
Was ich am ersten Tag, alles gemacht habe, kann ich gar nicht sagen...das ganze war irgendwie wie im Traum. Ich glaube wir haben nur die nähere Umgebung erkundet, in einer Post das Begrüßungsgeld geholt und sind bald auch wieder zurück.
In den nächsten Tagen wurde das meiste Geld im Kino gelassen, glaube ich. Ich erinnere mich an Filme wie "Black Rain" oder "Abyss" - das war damals unsere Welt...und falls irgendwer die Mauer wieder zumachen würde, wollten wir wenigstens im Kopf ein bisschen 'was mit nach Hause nehmen.

Fotos vomn ersten Tag habe ich leider auch nicht parat, es gibt ein paar vereinzelte aus den Folgetagen, allerdings zur Zeit nicht digital.


nach oben springen

#18

RE: Mein Novemberwochenende 1989

in Leben an der Berliner Mauer 31.07.2009 12:01
von Heldrasteiner (gelöscht)
avatar

Ja, schade eigentlich, daß es jetzt noch einen Strang zu dem Thema gibt.
Mal ne Frage an die Admins:
Kann man die beiden Stränge nicht zusammenlegen?


nach oben springen

#19

RE: Mein Novemberwochenende 1989

in Leben an der Berliner Mauer 31.07.2009 14:45
von dein1945 (gelöscht)
avatar

[quote="Heldrasteiner"]Ja, schade eigentlich, daß es jetzt noch einen Strang zu dem Thema gibt.
Hallo Heldrasteiner,
kam eigentlich schon heute Morgen auf die Idee, es als Link einzustellen, klapt bei mir aber nicht, na liegt wohl daran, ich habs nicht so mit den "Linken",
aber der Angelo bekommt das bestimmt hin, wäre Schade wenn so einiges untergeht,
Schönes Wochenend und Gruß aus Berlin


nach oben springen

#20

RE: Mein Novemberwochenende 1989

in Leben an der Berliner Mauer 31.07.2009 15:42
von Angelo | 12.396 Beiträge

So erledigt die Themen hängen jetzt zusammen


zuletzt bearbeitet 31.07.2009 15:44 | nach oben springen



Besucher
26 Mitglieder und 61 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: gerhard
Besucherzähler
Heute waren 1520 Gäste und 131 Mitglieder, gestern 3956 Gäste und 189 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14370 Themen und 557995 Beiträge.

Heute waren 131 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen