#1

Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 26.07.2009 20:41
von Angelo | 12.397 Beiträge

Mit Telefonanrufen hatte Jens Niehaus selbst oft Nachbarn auf Trab gehalten - als der DDR-Grenzer endlich selbst in den Genuss eines eigenen Anschlusses gelangte, stellte er den Apparat bereitwillig auch anderen zur Verfügung. Und landete in einem Dilemma.

Wer das nötige Geld hat, kann heute alles haben. Und zwar sofort. Zu DDR-Zeiten waren die selbstverständlichsten Dinge in der Regel Mangelware. Wer die begehrte Trabbi-Rennpappe wollte, musste sich viele Jahre lang gedulden. Acht bis neun Jahre waren der Durchschnitt, bis zu 13 nicht selten. Noch schwieriger zu bekommen waren Telefonanschlüsse. Vergeben wurden sie vornehmlich an Menschen, deren Beruf es erforderte oder deren Rang sie dazu privilegierte.

Noch bis zum Ende der DDR war für einen Anschluss ein umständliches Antragsverfahren vonnöten, das mit noch längeren Wartezeiten als für ein Auto einherging. Daher existierte im Wohnblock meiner Eltern Mitte der Sechziger und noch Jahre danach nur ein einziges Telefon - in einer Wohnung, die zwei Stockwerke über denen meiner Eltern lag.

Meine Eltern wohnten damals im Parterre, und nach einigen Anrufen war ich fest davon überzeugt, dass es der Familie mit dem Telefon keinesfalls Freude bereitete, immer wieder ein Elternteil von mir die vielen Stufen nach oben zu bitten. Peinlich war es mir besonders an den Feiertagen, zu Weihnachten oder zum Jahreswechsel. Da spürte ich, wie ungelegen ihnen meine Anrufe kamen. Diese Erfahrung blieb mir so gegenwärtig, dass ich selbst in Sachen fernmündlicher Kommunikation aushalf, wann immer es mir möglich war.

Benachrichtigung per Kradmelder

Als Technikverwalter der Grenztruppen der DDR sollte ich ab 1973 für meine Dienststelle jederzeit erreichbar sein. Anfangs wurde ich noch durch einen Kradmelder, das heißt, durch einen motorisierten Boten, über die Auslösung eines Regimentgefechtsalarms informiert. Später wurde mir seitens der Dienststelle nahegelegt, mir einen Telefonanschluss zuzulegen. Dem Antrag wurde eine dringende dienstliche Befürwortung beigelegt. Das half.

Unsere Nachbarn im Grenzgebiet besaßen kein Telefon. Daher erledigten sie ihre Telefonate stets bei mir in der Wohnung. Sie sagten mir, dass sie Verwandte anriefen. Ich fragte nicht näher nach. Privatsache.

Erst später erfuhr ich, dass die Gesprächspartner meiner Nachbarn deren Verwandte in West-Berlin waren. Für mich als Angehörigen der Grenztruppen war es allerdings strengstens untersagt, mit Bürgern aus dem westlichen Ausland telefonisch Kontakt aufzunehmen. Das traf auch auf meine Frau zu, die als Archivarin im Ministerium des Inneren arbeitete.

Alibi für die Abhörer

Ich richtete es von nun an so ein, dass ich mich außerhalb der Wohnung aufhielt, während die für meinen Apparat unzulässigen Telefonate in den Westen geführt wurden. Für mich war es ein Alibi. So konnte ich offiziell keine Kenntnis von den Telefonaten haben. Ich wusste zum damaligen Zeitpunkt von der Telefonabhörzentrale in Potsdam, in der Gespräche ins Ausland, vor allen Dingen ins westliche Ausland, abgehört und aufgezeichnet wurden, und ging das Risiko ein.

Die Telefonspezialisten der Stasi hatten ohnehin sicher längst herausgefunden, zu wem der Apparat gehörte, von dem aus die problematischen Gespräche geführt wurden. Trotzdem haben sie uns nie darauf angesprochen. Womöglich hatte es schlicht damit zu tun, dass im Zusammengang mit den Westtelefonaten weder die Stimme meiner Frau noch meine je auf den Bändern waren. Vielleicht haben die Damen und Herren aber auch einfach nur geschlafen.

(Autor Alter Fritz Forum DDR Grenze)


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#2

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 26.07.2009 22:38
von Berliner (gelöscht)
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zum Thema Telefon abhoeren nur dieser sehr kurze Clip.
Bisher auf all meinen DVDs war nicht mehr zu dem Thema zu finden...komisch.

Berliner



Quelle: DVD Das war die DDR, Kapitel 6: Schild und Schwert


zuletzt bearbeitet 27.07.2009 07:44 | nach oben springen

#3

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 08:05
von harry (gelöscht)
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am 18.8. kommt eine schöne Dokumentation zum Thema telefonieren in der DDR: http://kl.am/1JrE
Gruß harry


zuletzt bearbeitet 27.07.2009 08:25 | nach oben springen

#4

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 09:35
von dein1945 (gelöscht)
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Hallo für Alle,

mitte des Jahres 1990 hatten Kunden von mir (Röntgenfirma) ihren ersten Mitarbeiter in Ostberlin, leider kein Telefon, durch einen Antrag mit dem Vermerk "Dringend" bekam er innerhalb weniger Tage einen Anschluß. Leider mußte der mit einer Dame im Haus geteilt werden. Ergebnis wie ohne Telefon, der Anschluß war ständig besetzt. Wie er dann erfuhr hatte die Dame sich als Quelle Vertreterin selbstständig gemacht. Durch nachfrage im Haus bekam er ihre Nummer, dann hat ein Firmenvertreter dort angerufen, er gab sich als Mitarbeiter der Post aus und bat sie den Anschluß zu gewissen Zeiten freizuhalten und drohte mit Sperrung. Von da an konnte der Mitarbeiter wenigstens öfter erreicht werden. Dann hatte die Dame noch ein FAX und alles war wie vor. Dem Mitarbeiter wurde dann ein C-Netz Telefon hingestellt und die Welt war wieder in Ordnung !

Gruß aus Berlin


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#5

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 10:44
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

@Berliner: Danke für den Clip. Ich hatte mich mit dem Thema bis dato noch nicht beschäftigt. Die Zahlen sind beeindruckend. 200 Mitarbeiter im Schichtbetrieb um Telefonate abzuhören ... Das ist enorm. Also, danke nochmal.

@dein1945: Ich habe von 1993 bis 1995 mit einem alten Freund einen Telekommuniktaionsladen betrieben. Vom Kopierer bis hin zu den ersten D- und E-Netz-Handys haben wir versucht, alles mögliche zu verkaufen, haben auch viele kleinere Telefonanlagen bei Kunden installiert. Die von Dir geschilderten Zustände in Berlin kenne ich daher nur zu gut. Sogenannte Doppelanschlüsse, marode Verbindungen (Ausrede: Da fehlen die Zwischenverstärker der Stasi-Abhörzentralen) und und und ... Wir haben damals noch einige C-Netz-Geräte verkauft, da die Versorgungsdichte des D-Netzes noch zu gering war. Allerdings klang das über C-Netz an vielen Stellen noch so, als würde man in eine Kloschüssel sprechen, während die Spülung geht. Danke für die nette Erinnerung an alte Tage.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#6

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 11:06
von karl143 (gelöscht)
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Doppelansclüsse, also eine Rufnummer für 2 Familien waren ja in der DDR kein Einzelfall. In dem von Harry beschriebenen TV Hinweis kommen diese, ebenso die Reparaturdauer bei Störung zur Sprache. Ist ein Dokumentarfilm, bei dem manches gezeigt wird, was ich bisher nicht für möglich hielt.


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#7

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 11:39
von dein1945 (gelöscht)
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[quote="karl143"]Doppelansclüsse, also eine Rufnummer für 2 Familien waren ja in der DDR kein Einzelfall.

Hallo karl143,

der Doppelanschluß in meinem Fall, war ein Ostberliner Plattenbau, wenn ich mich recht entsinne mit ca.80 Wohnungen, die Dame war die Einzige mit Telefon ! Ich habe mit meiner Firma anfang der Neunziger in Potsdam Altbauten saniert mit 50 Mietparteien da gab es nicht einen Anschluß !

Gruß aus Berlin



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#8

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 11:52
von Musiker12 | 822 Beiträge

Zweieranschlüsse (ein Anschluß mit zwei Rufnummern für zwei verschiedene Haushalte) waren bis zu Beginn der 70er Jahre "Westdeutschland" noch üblich. Heute sicherlich undenkbar.

An die Ausstattung von Teilnehmern mit C-Netz Telefonen kann ich mich noch recht gut erinnern. Jedoch kam konnte man damit wohl noch schlechter telefonieren als mit einem Zweieranschluß da das C-Netz zu Zeiten der Grenzöffnung völlig überlastet war. Die Anzeige "Netz Überlast" auf meinem Display ging stellenweise auf der Fahrt von Giessen nach Berlin tagsüber garnicht mehr aus. Die Kapazität von C-Netz Teilenhemer war auf ca 850 000 begrenzt. In den dann neuen Bundesländern war die Infrastruktur für einen reibunglosen Ablauf der C-Netz Telefonie eigentlich nicht vorhanden.



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#9

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 11:54
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

Naja, dank Berliners Video wissen wir ja nun, dass es genügend Anschlüsse gab, nur eben an der falschen Stelle ...

Aber eine Erklärung zur Richtigstellung: Das Phänomen des Doppelanschlusses ist kein typisch Ostdeutsches, die Erfindung gab es anderswo auch und sie war auf jeden Fall in westlichen Ländern bis in die 70-er Jahre keine ungewöhnliche Sache. Wir hinkten da halt nur ein wenig hinterher.

ciao Rainman

PS: Ein nettes Beispiel für die Nutzung eines Doppelanschlusses - Die Miss-Marple-Verfilmung mit Margaret Rutherford "Der Wachsblumenstrauß" (Original "Murder at the gallop" - 1963). Dort ist Miss Marple auch gezwungen, den Mord an Cora über einen Doppelanschluss zu melden. Und da schien das nichts ungewöhnliches zu sein.


--- ahhh, musiker war schneller ...


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 27.07.2009 11:55 | nach oben springen

#10

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 14:17
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Rainman2
@Berliner: Danke für den Clip. Ich hatte mich mit dem Thema bis dato noch nicht beschäftigt. Die Zahlen sind beeindruckend. 200 Mitarbeiter im Schichtbetrieb um Telefonate abzuhören ... Das ist enorm. Also, danke nochmal.


Hallo Rainman, Du weisst ja ich beteilige mich gerne...

Schoenen guten Morgen aus dem gerade die Sonne erblickenden Suedostens USA!
Berliner


zuletzt bearbeitet 27.07.2009 14:17 | nach oben springen

#11

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 14:46
von dein1945 (gelöscht)
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Zitat von Berliner
[quote="Rainman2"]@Berliner: Danke für den Clip. Ich hatte mich mit dem Thema bis dato noch nicht beschäftigt. Die Zahlen sind beeindruckend. 200 Mitarbeiter im Schichtbetrieb um Telefonate abzuhören ... Das ist enorm. Also, danke nochmal.


Hallo Rainman und Berliner,

erst mal dem Berliner aus Berlin, es ist jetzt früher Nachmittag und es scheint auch mal wieder die Sonne. ca.1994 haben wir in der Invalidenstr.(Berlin-Mitte) einen Altbau saniert, im Keller fanden wir Telefonanschlüsse, sie führten direkt auf das Nachbargrundstück, dort war bis zur Wende ein Intershop, einige auch etwas weiter in ein ehemaliges FDGB-Gästehaus, die Anschlüsse hätten ausgereicht um Hunderte mit Telefon zu versorgen. Kein Mieter durfte den Keller betreten.
Gruß aus dem z.Z. sonnigen Berlin


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#12

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 15:13
von Musiker12 | 822 Beiträge

Die Anschlüsse können durchaus ausgereicht haben. Das war in den Neubauten in den 60er Jahren im Westen ebenso (1966, Hochhaus mit 27 Parteien und ganze 2 Telefonanschlüsse wobei einer der beiden als Zweieranschluß geführt wurde). In allen Wohnungen waren die Anschlüsse vorgesehen. Nur ob die kapazitäten der Vermittlungsstellen ausgereicht hätten ist dann doch noch fraglich denn das war dann doch recht kostenintensiv. Selbst bei Leuten im Osten wo es als angebracht angesehen werden konnte (Seeleute z.B. deren einzige Verbindung per Telefon möglich war) konnten nicht so schnell in den Genuß eies Anschlusses kommen. Selbst die Seefunkstelle (Rügen Radio) hätte nicht über ausreichen Kapazitäten verfügt um dem Telefonverkehr gerecht zu werden.



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#13

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 16:05
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von dein1945
erst mal dem Berliner aus Berlin

Hallo dein1945,

erst zu meinem Namen, hier die Erklaerung wieso ich mich anmasse "Berliner" zu nennen. Kennt Ihr vielleicht alle die Rede, ich sage's nur halt gerne wieder...

Hier noch ein Clip, am Ende ein klitzekleiner Witz ueber das Telefonabhoeren in der DDR.



Quelle: DVD Damals in der DDR, Teil 4: Partei ohne Volk

Ich suche weiter...
Berliner


zuletzt bearbeitet 27.07.2009 16:08 | nach oben springen

#14

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 16:49
von kein Name angegeben • ( Gast )
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Wer weiss wieviele Privataushalte in der DDR im Jahr 1989 einen Telefonanschluss hatten,wie hoch war der % Anteil ?


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#15

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 16:50
von dein1945 (gelöscht)
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[quote="Berliner"][quote="dein1945"]

erst zu meinem Namen,
Hallo Berliner,
habe damals mit Hunderttausenden auch auf dem damaligen Breitscheidtplatz gestanden, ich glaube ganz Berlin war auf den Beinen,
Gruß aus dem noch immer sonnigen Berlin


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#16

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 19:20
von TOMMI | 1.992 Beiträge

Zitat von
Wer weiss wieviele Privataushalte in der DDR im Jahr 1989 einen Telefonanschluss hatten,wie hoch war der % Anteil ?

Soweit ich weiß, waren das offiziell 15%.


EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


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#17

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 19:34
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Die Frage kam von mir,danke



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#18

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.07.2009 21:14
von Berliner (gelöscht)
avatar

Zitat von Zermatt
Die Frage kam von mir,danke


wie hast Du es geschafft eine Frage zu stellen ohne Namen ?

Bist Du ein Spion ?

...kleiner Witz, weiter gehts mit 'm Thread...

Berliner


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#19

RE: Falsch verbunden

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 28.07.2009 17:16
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Geheimtrick



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