#41

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 00:55
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Rainman2 im Beitrag #40
@94
Da der zweite Grenzdurchbruch mit Minenverletzten einherging und ich mich schon an anderer Stelle ausgiebig über meine damaligen Gedanken geäußert habe ("Das Schwein ist durch") kann ich bestätigen, solange es sich um Fremde, also in meiner damaligen Sicht Feinde handelte, funktionierte die Verdrängung eher.


Passt zwar nicht zum Thema, wohl aber zu den Gedanken vom Rainman - denke ich.

Ein Bekannter von mir musste in einem Auslandseinsatz die Schusswaffe anwenden. Solange er dort in diesem Land war, hatte er ähnliche Denkreflexe: Der wollte was von mir, ich kenne den nicht, der wusste doch was auf ihn zu kommt, wenn er uns angreift...usw.

Das hielt aber auch nur an, bis er Daheim war. Dann kamen die Fragen. Wer war im Recht, hätte ich anders handeln können.

Keine schöne Situation.

......

Und zum Thema:

Mich würde der Arbeitsalltag eines Politoffz interessieren und auch wie seine Arbeit innerhalb der Einheit angenommen/gewertet wurde. Ich kann mir relativ wenig unter dem Job vorstellen. Sollte sich also jemand der hier anwesenden meinen Fragen annehemen (gerne auch Links wenn es das Thema schonmal gab) danke!

Und nun ab ins Bett! Schlaft gut.


Damals87 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 30.01.2014 00:56 | nach oben springen

#42

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 06:39
von Schuddelkind | 3.511 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #24
Ach Lutze, das sind ja wieder so viele Fragen auf einmal. Ich fange mal mit der ersten Frage an:

Ja, es gab Politoffiziere, die irgendwann begannen, an ihrem Auftrag zu zweifeln. Zwei Fälle sind mir direkt bekannt.

Einer war bei uns an der Offiziershochschule der absolut Kundige in allen Fragen Werke von Marx, Engels und Lenin. Er studierte viel in den jeweiligen Gesamtausgaben, ging weit über die Lehrpläne und Studienfragen hinaus. Er war bei uns ein angesehener Spezialist in Fragen Zitate und Textstellen. Seine Abschlussarbeit an der Offiziershochschule schrieb er in Form einer Chrestomathie mit Aussagen von Marx, Engels und Lenin zu Krieg und Frieden. Wir wurden zusammen mit 20 anderen jungen Leutnants direkt von der Offiziershochschule an die Militärpolitische Hochschule geschickt, um dort nach den 3 Jahren OHS noch einen 10-monatigen Lehrgang zur Heranbildung zum Politoffizier zu machen. In dieser arbeitete er an einer Arbeit, die er bereits an der Offiziershochschule mit einem Dozenten für dialektischen und historischen Materialismus (Philosophie) begonnen hatte. Es war, soviel mir bekannt wurde, eine Arbeit, die sich mit den Aussagen der Klassiker zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität beschäftigte. Ich fürchte, da der Junge analytisch durchaus stark war, er ist in den Vergleich Theorie und Praxis hineingegangen. Eines Tages war er sang- und klanglos verschwunden. Es hieß, die Arbeit sein unter Verschluss und sein Mentor von der Offiziershochschule hätte auch mächtig Ärger am Hacken. Warum das damals kein Weckruf für mich war ... ich weiß es nicht. Da war einer über das Studium des "Wissenschaftlichen Grundlagen des Sozialismus" in den Zweifel zum Sozialismus geraten. Der Fall wurde unter den Teppich gekehrt, wir erhielten keinerlei Informationen über die Abversetzung oder Entlassung.

ciao Rainman


Da muss ich mal wieder nachharken, @Rainman2 . Musste nicht gerade die intensive Auseinandersetzung mit den Schriften von Marx, Engels und Lenin zwangsläufig zu einem Konflikt mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR führen? Vorausgesetzt, die von dir angesprochene "Erziehung zur Kritiklosigkeit" griff mal nicht. Wie siehst du das?


Intellektuelle spielen Telecaster
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#43

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 08:18
von Duck | 1.741 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #40
@94
Mein persönlicher Worst Case waren 2 Pionierbauabschnitte im Grenzabschnitt und in der gleichen Zeit 2 Grenzdurchbrüche.
Das hat mich schon an den Rand meiner psychischen Belastbarkeit geführt.
Da der zweite Grenzdurchbruch mit Minenverletzten einherging und ich mich schon an anderer Stelle ausgiebig über meine damaligen Gedanken geäußert habe ("Das Schwein ist durch") kann ich bestätigen, solange es sich um Fremde, also in meiner damaligen Sicht Feinde handelte, funktionierte die Verdrängung eher. Sie hält nicht ewig, aber zunächst und damals hat oder hätte sie funktioniert. Wie das im Fall, dass es ein persönlicher Bekannter gewesen wäre (Fahnenflucht eigene Einheit) kann ich nicht sagen. Es gibt für so etwas kein "Denkmodell".

@Duck
Hätte ich damals gesagt, ich wollte mit dem BGS frühstücken, dann wäre ich komplett weg vom Fenster gewesen. Nein, ich sagte, ich frühstücke in Weimarschmieden und das ist ein kleiner, verträumter Ort. Das konnte man mir in Maßen "verzeihen".

ciao Rainman


Du meinst das ein Teil der "Obrigkeit" nicht wusste das Weimarschmieden schon in Bayern liegt, na zum Glück hast Du nicht München gesagt.


08/88 - 10/88 Eisenach
10/88 - 12/88 Räsa / Unterbreizbach (Rhön Thüringen/Hessen)
12/88 - 01/90 Erbenhausen (Rhön Thüringen/Bayern)


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#44

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 08:33
von Freienhagener | 3.859 Beiträge

Zitat von icke46 im Beitrag #5
Mich überrascht ja am meisten der kreative Threadtitel - so weiss scheinbar jeder gleich, was gemeint ist -
nur ich nicht, vermutlich bin ich doch etwas beschränkt.



Vermutlich meint er verzagt, statt versagt.

Der Schreibfehler sollte korrigiert werden.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)
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#45

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 08:37
von Rainman2 | 5.761 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #42
... Da muss ich mal wieder nachharken, @ Rainman2 . Musste nicht gerade die intensive Auseinandersetzung mit den Schriften von Marx, Engels und Lenin zwangsläufig zu einem Konflikt mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR führen? Vorausgesetzt, die von dir angesprochene "Erziehung zur Kritiklosigkeit" griff mal nicht. Wie siehst du das?

Hallo @Schuddelkind ,

zunächst einmal: Die "Erziehung zur Kritiklosigkeit" hatte zwei Seiten. Es wird gern und oft nur die quasi von außen gesteuerte Seite, also eine Art der Indoktrination unterstellt (ich schreib dazu auch noch was in der Aufarbeitung, hab nur im Moment viel um die Ohren) bzw. als Form der Vermeidung, um nicht in Konflikte zu geraten. Interessanter wird es aber bei der Form der Kritiklosigkeit, die nicht auf Druck von außen oder aus Angst vor Auseinandersetzung zustande kam. Sie kam für die Generation meiner Großmutter und meiner Mutter als eine Erfahrung daher. Ich mache die Sache mal etwas weiter auf und vereinfache an einem Beispiel: Hätte sich die Arbeiterklasse in Gestalt der beiden Parteien KPD und SPD einigen können, gemeinsam gegen den Faschismus vorzugehen, hätte es den Krieg mit allen Schrecklichkeiten in der Form vielleicht nicht gegeben (bitte jetzt keine Grundsatzdiskussionen dazu, ich spreche hier von einer subjektiven Wahrnehmung aus der Zeit, nicht von einem nachträglichen historischen Wissen). Daraus konnte man durchaus ableiten, dass es bisweilen besser sein kann, Kompromisse zu machen, nicht an allem sofort Kritik zu üben, um Schlimmeres zu verhindern, oder Besseres voranzubringen. So setzt sich das über viele andere Einzelheiten fort. Da musste keiner kommen und Indoktrinieren oder es musste keine Angst vor Auseinandersetzung da sein. Ganz im Gegenteil: Ich habe meine Mutter erlebt, wenn es um ihre Schule, die Studenten und deren Möglichkeiten ging. Da war für mich keine Kritiklosigkeit zu spüren. Und ähnlich ging es mir ja auch. Die Kritiklosigkeit bezog sich auf die Gesellschaft, weil man seine Handvoll Grundsätze hatte, die zur Erklärung aller Probleme und Schwierigkeiten ausreichend schienen. Das war eine Form der inneren Indoktrination, die man verstehen sollte, wenn man viele Menschen in diesem System und ihr Handeln jenseits von Duckmäusertum oder Mitläuferei begreifen will. Das verstanden wir als Selbstbestimmtheit. Daher auch oft die vehemente Ablehnung, Unterdrückungsszenarien einfach so zu akzeptieren. Aber das nur am Rande.

Auseinandersetzung mit den Klassikern: Tja, ist schwer zu sagen. Bei genauem und analytischem Herangehen konnte das so kommen. Es herrschte aber oft eher das selektive Lesen bzw. das selektive Studium vor. Das hat nichts mit Kritiklosigkeit zu tun, das ist eher auf Axiome oder meinetwegen Grundüberzeugungen zurückzuführen, die nicht von außen aufgedrückt wurden, sondern die in einem selbst lagen (siehe Beispiel oben). Wenn ich also davon ausgehe / davon überzeugt bin, dass der Sozialismus die bessere Gesellschaft ist, die im Moment (also damals) in einer unperfekten Form existieren muss, da in ständiger Auseinandersetzung mit dem Klassenfeind und unter ständiger höchster Kriegsgefahr, dann lese ich entsprechende Stellen anders, als wenn ich tiefgründig und analytisch hineingehe und feststelle: Da kann doch was nicht stimmen.

Ich glaube, der von mir hier genannte Fall begann nicht mit dem Zweifel, dass da was nicht stimmen kann. Der Offizier hat studiert und seine Erkenntnisse zusammengetragen. Erst als der Konflikt mit der Gesellschaft, sprich mit der Parteiorganisation an der Militärpolitischen Hochschule begann, dürfte ihm klar geworden sein, dass auch mit der Gesellschaft etwas nicht stimmen kann, wenn sie das eigene Grundwissen so negiert. Der Konflikt mit der Gesellschaft ist das zentrale Thema für mich, an dem sich die Geister grundsätzlich scheiden. Wuchs jemand in einer Familie auf, in der Mangel an Freiheiten, an persönlicher Entfaltungsmöglichkeit oder einfach nur an Dingen in Kritik gegenüber der Gesellschaft mündete, dann war die Chance größer, dass derjenige ebenfalls von vornherein die Mängel der Gesellschaft anders bewertete, als ich. Auch ich hätte so lange gebraucht, bis ich einen wirklichen Konflikt mit der Gesellschaft komme, um zu erkennen, was wirklich um mich herum geschieht.

Es gab viele solcher Konflikte, aber ich habe sie immer auf mich bezogen oder auf Einzelpersonen. Nie auf das System. Das war die wesentliche Grundlage meiner damaligen Überzeugtheit.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#46

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 08:48
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Die Polit's waren ja nicht nur Einpeitscher die dir in einem Unterrichtsraum pausenlos Marx, Engels und Lenin eintrichtern sollten.
Der unsrige war auch die Anlaufstelle wenn es mal Probleme gab, der kümmerte sich auch mal darum das einer Sonderurlaub bekam wenn daheim was nicht stimmte und ähnliches.
Er saß auch gerne mal mit auf der Stube um einen Skat mit zu dreschen, also nicht so preußisch herausgehängter Abstand Offizier-Soldat, war eigentlich von den 3 Kompanie-Oberen der mit dem der Kontakt am besten war, nicht nur Befehls-Geber.
Sein politischer Standpunkt war allerdings sehr fest, logisch, sonst wäre er wohl kein Polit geworden.


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zuletzt bearbeitet 30.01.2014 08:51 | nach oben springen

#47

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 09:41
von Freienhagener | 3.859 Beiträge

Man muß aber auch verstehen, daß dieses Verhalten der jovialen Herablassung nicht spontan-individuell, sondern offiziell gewollt war.
Probleme, insbesondere mit der Familie, konnten zu Kurzschlußreaktionen im Grenzdienst führen. Dem entgegenzuwirken war Aufgabe der Politoffiziere.
Es ging in erster Linie um die Grenzsicherung.

Gewiß war nicht nur meine Stube gegenüber solchen "Besuchen" mißtrauisch und wollten ihren Skat lieber allein klopfen.
Das Kumpelgebaren war aufgesetzt und konnte ganz schnell umschlagen. Deshalb hat man es instinktiv vermieden, sein Innerstes zu offenbaren.

Das ist im Zivilleben nicht anders: Man sieht den Chef am liebsten von hinten und seine Abgesandten erst recht.


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zuletzt bearbeitet 30.01.2014 09:44 | nach oben springen

#48

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 09:44
von utkieker | 2.919 Beiträge

Beim "Polit", hat man gewisse Assoziationen mit einen ultraroten Oberlehrer einen kommunistischen Phrasendrescher und Einpeitscher. Ich kann das nun wirklich nicht bestätigen. Für mich war der Polit ein Animateur um den Kasernenkoller zu begrenzen. Wir hatten da keine Dumpfbacken vor uns sondern sensibel gebildetes Personal. Politunterricht war einmal im Monat aber während der Ausbildung mindestens zwei mal wöchentlich. Ich möchte nicht verhehlen, daß ich mich wie Bolle gefreut habe, wenn ich beim Politunterricht UvD hatte.
Der Unterricht selbst war langweilig gehörte zum Maßnahmeplan, der irgendwie abgehakt werden mußte und in so fern entsprechend schematisch ablief. Um so bemerkenswerter waren die Raucherpausen dazwischen.....

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
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#49

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 09:45
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von Freienhagener im Beitrag #47
Man muß aber auch verstehen, daß dieses Verhalten der jovialen Herablassung nicht spontan-individuell, sondern offiziell gewollt war.
Probleme, insbesondere mit der Familie, konnten zu Kurzschlußreaktionen im Grenzdienst führen. Dem entgegenzuwirken war Aufgabe der Politoffiziere.
Es ging in erster Linie um die Grenzsicherung.

Gewiß war nicht nur meine Stube gegenüber solchen "Besuchen" mißtrauisch und wollten ihren Skat lieber allein klopfen.
Das Kumpelgebaren war aufgesetzt und konnte ganz schnell umschlagen. Deshalb hat man es instinktiv vermieden, sein Innerstes zu offenbaren.

Das ist im Zivilleben nicht anders: Man sieht den Chef am liebsten von hinten und seine Abgesandten erst recht.





Nun ja, kommt eventuell auch auf die Chemie an, wir hatten nichts dagegen das er mit am Tisch sitzt, ausgehorcht wurdest du ja intensiv schon von anderen.
So eine Kompanie war halt ein kleiner Mikrokosmos wo sich alle mit der gleichen, in der Nachschau Kacke, beschäftigten, der eine mit paar Pickeln auf der Schulter und der andere ohne.


zuletzt bearbeitet 30.01.2014 09:56 | nach oben springen

#50

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 09:59
von Rostocker | 7.719 Beiträge

Groß über unseren Polit kann ich garnicht sagen, er gehörte halt zu Truppe. Er war 20 Jahre älter und eigendlich ganz OK: ( Wollen einige hier wahrscheinlich nicht hören) Ansonsten kann ich mich den Äußerungen von Grenzwolf eigentlich anschließen.
Aber nun mal was anderes--Wer hat sich eigendlich, als GWL überhaupt den Kopf über den Polit zerbrochen? Ich glaub doch ,die Wenigsten.


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#51

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 10:05
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von Rostocker im Beitrag #50
Groß über unseren Polit kann ich garnicht sagen, er gehörte halt zu Truppe. Er war 20 Jahre älter und eigendlich ganz OK: ( Wollen einige hier wahrscheinlich nicht hören) Ansonsten kann ich mich den Äußerungen von Grenzwolf eigentlich anschließen.
Aber nun mal was anderes--Wer hat sich eigendlich, als GWL überhaupt den Kopf über den Polit zerbrochen? Ich glaub doch ,die Wenigsten.


Ebend.
Die meisten wollten bestimmt auch nur das eine Jahr am Kanten gut und ruhig über die Runden bringen und da war der Polit wohl das geringste "Problem".


zuletzt bearbeitet 30.01.2014 10:06 | nach oben springen

#52

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 10:09
von Freienhagener | 3.859 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #49

So eine Kompanie war halt ein kleiner Mikrokosmos wo sich alle mit der gleichen, in der Nachschau Kacke, beschäftigten, der eine mit paar Pickeln auf der Schulter und der andere ohne.



Ein Beispiel unterschiedlicher Erfahrung - und somit ganz normal.

Bei mir und zu meiner Zeit war das zwar dienstlich eine Einheit. Aber es gab zwei Mikrokosmen, die nur dienstlich miteinander verkehrten.
Die Unteroffiziere standen auch in dieser Hinsicht dazwischen, was für sie oft nicht einfach war.
Nach einem Vorkommnis, auf das ich hier nicht eingehe (da off topic), sorgten unsere Heimgänger vorübergehend für eine konsequente Trennung.
So wurde ich dabei erwischt, Schweigeschichten gegenüber unseren Unteroffizieren nicht einzuhalten und "verwarnt".


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)
zuletzt bearbeitet 30.01.2014 10:11 | nach oben springen

#53

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 10:15
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Ich weiß ja nicht wie das war wo geschlossene Formationen mit militärischem Tamtam zum GD ausrückten, da war die "Trennung" vielleicht auch etwas intensiver, hatten ein anderes, individuelleres System, bei uns war der Gruppenführer-Uffz. einfach auch nur ein normaler Grenzer der mit dir auf dem Turm oder im Wald hockte.


DoreHolm hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 30.01.2014 10:18 | nach oben springen

#54

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 10:19
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Schuddelkind im Beitrag #42
Zitat von Rainman2 im Beitrag #24
Ach Lutze, das sind ja wieder so viele Fragen auf einmal. Ich fange mal mit der ersten Frage an:

Ja, es gab Politoffiziere, die irgendwann begannen, an ihrem Auftrag zu zweifeln. Zwei Fälle sind mir direkt bekannt.

Einer war bei uns an der Offiziershochschule der absolut Kundige in allen Fragen Werke von Marx, Engels und Lenin. Er studierte viel in den jeweiligen Gesamtausgaben, ging weit über die Lehrpläne und Studienfragen hinaus. Er war bei uns ein angesehener Spezialist in Fragen Zitate und Textstellen. Seine Abschlussarbeit an der Offiziershochschule schrieb er in Form einer Chrestomathie mit Aussagen von Marx, Engels und Lenin zu Krieg und Frieden. Wir wurden zusammen mit 20 anderen jungen Leutnants direkt von der Offiziershochschule an die Militärpolitische Hochschule geschickt, um dort nach den 3 Jahren OHS noch einen 10-monatigen Lehrgang zur Heranbildung zum Politoffizier zu machen. In dieser arbeitete er an einer Arbeit, die er bereits an der Offiziershochschule mit einem Dozenten für dialektischen und historischen Materialismus (Philosophie) begonnen hatte. Es war, soviel mir bekannt wurde, eine Arbeit, die sich mit den Aussagen der Klassiker zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität beschäftigte. Ich fürchte, da der Junge analytisch durchaus stark war, er ist in den Vergleich Theorie und Praxis hineingegangen. Eines Tages war er sang- und klanglos verschwunden. Es hieß, die Arbeit sein unter Verschluss und sein Mentor von der Offiziershochschule hätte auch mächtig Ärger am Hacken. Warum das damals kein Weckruf für mich war ... ich weiß es nicht. Da war einer über das Studium des "Wissenschaftlichen Grundlagen des Sozialismus" in den Zweifel zum Sozialismus geraten. Der Fall wurde unter den Teppich gekehrt, wir erhielten keinerlei Informationen über die Abversetzung oder Entlassung.

ciao Rainman


Da muss ich mal wieder nachharken, @Rainman2 . Musste nicht gerade die intensive Auseinandersetzung mit den Schriften von Marx, Engels und Lenin zwangsläufig zu einem Konflikt mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR führen? Vorausgesetzt, die von dir angesprochene "Erziehung zur Kritiklosigkeit" griff mal nicht. Wie siehst du das?


@schuddelkind, so ist es mir ergangen (Thematik: Aufarbeitung). Das kuriose daran ist, die Texte von "Marx" sind noch heute aktuell und für mich auch richtig. man hat ja nie den alten Marx angezweifelt, sondern ihn mundgerecht "ausgelegt". So bin ich erst einmal nicht mit dem Grundgedanken der Gesellschaft/Staates in Konflikt gekommen, sondern mit der Auslegung....
Ein Beispiel:
Im marxschen Sinn:
Die konkrete Arbeit schaft den Gebrauchswert eines Produktes (Stanzvorgang, eine Unterlegscheibe entsteht). Diese Unterlegscheibe in einer Schraubverbindung hat den Gebrauchswert.
Die abstrakte Arbeit Menge der Arbeit schaft den Wert. Die abstrakte Arbeit verinnerlicht die Menge der vergegenständlichten Arbeit (Maschinenstunde) und der menschlichen Arbeit (Arbeiter). Diese Menge schaft den Wert (z.B. 0,10 Mark EVP).

In der Zeit geschah es, das Preise von bestimmten Artikeln (sog. Artrikel des gehobenen Verbrauchs, der Begriff "Luxus" wurde verkniffen) angehoben wurden. Die Begründung - Erhöhung des Gebrauchswertes...

Aha dachte ich da stimmt doch etwas nicht, flugs gefragt wieso das widerspricht doch dem Marx. Darauf die empörte Antwort ich solle doch an die "zweite lohntüte" (Sammelbegriff für Subventionen) denken und wo bliebe mein Standpunkt zu der politik der DDR....

Das war der Anfang, "ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert" und so kam es wie es kommen mußte, meine Fragen wurden mißtrauisch "beäugt" und ich fühlte mich dadurch "angestachelt" kritischer zu Fragen.

Das verrückte daran durch das Studium der Klassiker entstand für mich der Zweifel. Nicht der Zweifel am Staat bzw. des Grundgedankens sondern an der Umsetzung.

Das mag jetzt etwas OT sein, aber das ist auch eine Form des Politunterrichts.


Schuddelkind und harzstreuner haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 30.01.2014 10:21 | nach oben springen

#55

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 10:24
von Freienhagener | 3.859 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #53
Ich weiß ja nicht wie das war wo geschlossene Formationen mit militärischem Tamtam zum GD ausrückten, da war die "Trennung" vielleicht auch etwas intensiver, hatten ein anderes, individuelleres System, bei uns war der Gruppenführer-Uffz. einfach auch nur ein normaler Grenzer der mit dir auf dem Turm oder im Wald hockte.



Ich kenne nur die Kompaniesicherung und somit auch den Uffz als Postenführer - stationär oder als Streife.
Auf einer Streife bin ich beim "Quatschen" belauscht worden, siehe oben.

Das Schweigen war aber nur vorübergehendes Extrem.
Allein im Dienst war das Reden mit Unteroffizieren ansonsten ganz entspannt. Schließlich war man im gleichen Alter und hatte auch gleiche Interessen (musikalisch z. B.).
Aber in der Kompanie war dann nicht nur das Sie angesagt, sonder ggf. auch der "Druck".
Das ist verständlich in einer militärischen Einheit, aber irgendwie auch schizophren.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)
80er hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 30.01.2014 10:25 | nach oben springen

#56

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 10:26
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von Freienhagener im Beitrag #55
Ich kenne nur die Kompaniesicherung und somit auch den Uffz als Postenführer - stationär oder als Streife.
Auf einer Streife bin ich beim "Quatschen" belauscht worden, siehe oben.

Das Schweigen war aber nur vorübergehendes Extrem.
Allein im Dienst war das Reden mit Unteroffizieren ansonsten ganz entspannt. Schließlich war man im gleichen Alter und hatte auch gleiche Interessen (musikalisch z. B.).
Aber in der Kompanie war dann nicht nur das Sie angesagt, sonder ggf. auch der "Druck".
Das ist verständlich in einer militärischen Einheit, aber irgendwie auch schizophren - den Umständen geschuldet.


Wie, ihr habt euch in der Kompanie echt gesiezt?
Wurde bei uns ja nicht mal mit den Zugführer-Oberleutnants gemacht.
War halt schon von Fall zu Fall unterschiedlich damals.


zuletzt bearbeitet 30.01.2014 10:28 | nach oben springen

#57

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 10:35
von Freienhagener | 3.859 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #56

Wie, ihr habt euch echt gesiezt?
Wurde bei uns ja nicht mal mit den Zugführer-Oberleutnants gemacht.
War halt schon von Fall zu Fall unterschiedlich damals.



Das hängt mit dem Vorkommnis zusammen. Die Offiziere, voran der KC, wirkten gezielt einer "Verbrüderung" entgegen.
Die Unteroffiziere durften sich bei "Vertraulichkeiten" d.h. beim "Du" nicht erwischen lassen und erhielten zudem die Anweisung eines der seltenen Zug-Manöver zur "Disziplinierung" zu nutzen. Das führte zu den erwähnten "Gegenmaßnahmen" von unten.

Klar, daß während der Maßnahme des KC kein Polit zum Ausgleich erschien.


Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen als der Chef. (Hanns Schwarz)
zuletzt bearbeitet 30.01.2014 10:37 | nach oben springen

#58

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 11:05
von Icke | 95 Beiträge

In der Ausbildung war es wohl so das die Themen der Reihe nach abgearbeitet wurden. Wen man Pluspunkt brauchte hat man schön mitgemacht und erzählt was gefordert war. Das hat nicht weiter gestört und die üblichen Aussagen hatte ich drauf. In der GK war es etwas anders dort habe ich dann das Reden den Genossen überlassen die haben sich dann erbarmt den Polit nicht sterben zu lassen. Es war auch nicht so häufig Unterricht und oft nur mit 5- 7 Teilnehmern und als GWD leistner gehörte es zum Spiel sich zu drucken. Begonnen hat der Unterricht oft mit den Worten „Genossen die Ratten kriechen aus ihren Löchern“ Leider war er weder eine Vertrauensperson noch hatte er meinen Respekt. Ich kann mich auch nicht Erinnern das er mich angesprochen hätte oder das er mal im Zimmer gewesen wäre. Festnahmen hatten wir reichlich die wurden allerdings nicht zum Thema gemacht. Aber gerade die Festnahmen werden ihn bei seinen Vorgesetzten zu einem guten Offizier gemacht haben. Aus meiner Sicht war er ein Versager eben kein guter Offizier.


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#59

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 11:29
von DoreHolm | 7.690 Beiträge

Zitat von West_Tourist im Beitrag #36
Jeder NVA. Soldat wusste ganz genau was an dieser Politpropaganda, in Wahrheit dran ist. Wie jeder andere DDRler auch. Alle wussten das die Zonengrenze ausschliesslich der Fluchtverhinderung galt. Aber nicht weil auf der andern Seite, die Nato bis auf die Zaehne bewaffnet in Sichtweite steht. Da waren keine Stellungen oder Stacheldraht. Nur gruene Grenze. Schon klar das man den DDR Grenzern im Politunterricht, Sinn und Zweck ihres Dienstes erklaeren musste.


Was den Politunterricht in den bewaffneten Organen betrifft, war das m.E. absolut nicht typisch für die NVA oder die anderen WP-Staaten. In bewaffneten Organen hat die politische Motivation einen ungleich höheren Stellenwert als z.B. in den Betrieben. Das betrifft alle regulären Armeen
dieser Welt. Ohne Motivation auch kein engagierter Einsatz im Kampf, so ist das, reine menschliche Eigenschaft. So ist das mit der Idee, die zur materiellen Gewalt wird. Trifft gerade auch auf Kräfte zu, die gerade für einen Gebrauch und Anwendung von Gewalt als eine der drei Stützen des Staates geschaffen wurden, egal wo. Da kann ein Vorgesetzter, der gerade für die politische Bildung und damit Motivation verantwortlich ist, seine Funktion nicht ausüben, wenn er selbst ideologische Probleme hat.



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#60

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 11:42
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von West_Tourist im Beitrag #36
Jeder NVA. Soldat wusste ganz genau was an dieser Politpropaganda, in Wahrheit dran ist. Wie jeder andere DDRler auch. Alle wussten das die Zonengrenze ausschliesslich der Fluchtverhinderung galt. Aber nicht weil auf der andern Seite, die Nato bis auf die Zaehne bewaffnet in Sichtweite steht. Da waren keine Stellungen oder Stacheldraht. Nur gruene Grenze. Schon klar das man den DDR Grenzern im Politunterricht, Sinn und Zweck ihres Dienstes erklaeren musste.


Wobei man auch bei der Bundeswehr den Soldaten erklärte was der Sinn und Zweck ihres Dienstes war.
Gleichzeitig wurde auch darüber aufgeklärt wie es in dem anderen Staat(DDR) politisch zugeht und speziell intensiv über die Strukturen und Ausbildung in der NVA+GT.
Dazu gab es regelmässig die aktualisierten Schulungshefte "Schriftenreihe Innere Führung"bzw."Information für die Truppe".

seaman


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