#41

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 10:29
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

@Jobnomade, hm nicht schlecht was Du schreibst.

Ergänzen möchte ich die Geschehnisse um die Jahre 1930 bis 1933 um einige weitere Aspekte welche wohl nicht aus den Augen gelassen werden sollten.
Es waren nicht nur Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit welche den rasanten Aufstieg der NSDAP in Deutschland förderte.
es war auch die falsche Politik der Komintern und damit, wär hätte es gedacht die von Stalin. Für ihn saßen die 'Hauptfeinde' der SU nicht in Deutschland sondern in England und Frankreich. Da die NS Propaganda einerseits auch auf den 'Erbfeind' Frankreich und die Unversöhnlichkeit mit England zielte schloß Stalin daraus das ihm ein starkes Deutschland unter Führung der NSDAP nützen würde im Kampf gegen seine Feinde England und Frankreich.
Die einzigen politischen Parteien welche eine Machtübernahme der NSDAP hätten verhindern können waren die KPD und die SPD. Doch dazu hätten sie koalieren müssen. Nun kommt wieder Stalin abgrundtiefer Hass auf alles 'Sozialdemokratische' in Spiel. Siehe physische und psychische Vernichtung der Menschewiki in der SU.
Um es Verkürzt zu beschreiben, statt durch die Komintern das Zusammengehen der beiden Arbeiterparteien in Deutschland zur Verhinderung der Machtübernahme durch die NSDAP zufFördern, wurde die These vom "Sozial-Faschismus"* in Form der SPD kreiert und damit die SPD als der zu bekämpfende Hauptfeind ausgemacht.
Stalin befand sich in der irrigen Annahme das selbst nach der Machtergreifung das "revolutionäre Potenzial" in Deutschland unter Führung der von der Komintern gesteuerten KPD so stark sei das es zu einer revolutionären Situation käme in der Folge die KPD die Macht übernehmen könnte.
Wie wir alle wissen ein fataler und tödlicher Irrtum der Millionen Menschen das Leben kostete.

Auch der Zusammenschluss von KPD und SPD nach 1945, wir haben aus der Vergangenheit gelernt ...., war letztendlich ein gewiefter Schachzug um erst die SPD zu vereinnahmen und um dann deren Mitglieder, gerade in den Führungsgremien der neu geschaffenen Partei, so nach und nach kalt zu stellen .......

Ich möchte damit nicht behaupten das Stalin die Alleinschuld an der Machtübernahme der NSDAP und damit Hitlers in Deutschland trägt aber die offensichtlich falsche Politik der Komintern trug neben vielen anderen Faktoren mit dazu bei.

Gruß
Nostalgiker

* die Sozialfaschismus These wurde 1923 von Sinowjew formuliert und Stalin machte sie sich später zu eigen. Sinowjew wurde 1936 nach einem Schauprozess wegen Abweichlertum und Bildung des 'trotzkistisch-sinowjewschen' Blocks mit den Ziel des Sturzes Stalin zum Tode durch erschießen verurteilt.


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

diefenbaker hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#42

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 10:52
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von studfri im Beitrag #28
Zitat von ABV im Beitrag #12
Zitat von DoreHolm im Beitrag #9
Barbara, letzter Satz in #8: Ja, die Drecksarbeit machen dann, bis auf Ausnahmen, meist die "kleinen Leute", oft mit einem Hang zur Gewalt und ohne sehr viel Intellekt und ohne ein "Übermaß" an Mitgefühl und Gewissen.
Um nicht mißverstanden zu werden, solche Sachen beziehe ich auf wirkliche Diktaturen, in denen Gewalt und Tod zu den Normalitäten gehören.


Mir fällt da spontan der hohe SS-Offizier Theodor Eicke ein. Ein ebenso brutaler wie ausgesprochen dummer Mensch. Seine Lebensgeschichte vor 1933, ist die eines gescheiterten Versagers. Erst bei den Nazis gelangte der Trottel " in Amt und Würden".

Gruß Uwe



Na solche Karrieren mit anderen Vorzeichen gab es aber doch auch zuhauf in der ehemaligen DDR?!



Grün: Solche Mißgriffe in die Kaderauswahl wird es gegeben haben, insbes. kurz nach Kriegsende mangels anderem fachlich geeigneterem Personal. Da galt es erst einmal, die politische Macht zu festigen, also in erster Linie nicht nationalsozialistisch Vorbelastete. Ganz sicher wurde das Schritt für Schritt abgebaut. Die ABFs leisteten hier ihren Beitrag (siehe H.Kant, "Die Aula"). Ich schließe aber nicht aus, nein, nicht nur nicht ausschließen, es zieht sich durch wie ein roter Faden bis in die Gegenwart, daß insbesondere im staatlichen Verwaltungsbereich, bei Behörden als auch in der Politik, nicht immer die hellsten Köpfe eine Karriere machen. In den Ebenen der Industrie mit ihrem rauhen Wettbewerbsklima bekommen viele von denen keinen Fuß auf den Boden. Solche "Karieren" gab es nicht nur in der DDR, die gibt es auch heute, wenngleich diese das Ende einer Karrier nicht auf der obersten Sprosse, sondern zumeist im mittleren Sprossenbereich beenden.
Wir haben es in unserer Kompanie gesehen. Unser Politnik war schon weit mehr als zehn Jahre dabei, ist aber beim Oltn stehen geblieben. Ein Praktikant von der Offz.Schule, der zu uns kam, war dagegen ein Intelligenzbolzen. Da wurde nicht mehr jeder Willige genommen, wenn der ansonsten nichts in der Birne hatte.



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#43

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 11:16
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von Moskwitschka im Beitrag #31
Hallo Frank,

in einem anderen thread hatten wir schon einmal Wahlen in der DDR. Auch da hast Du ausführlich geschrieben. Unter anderem erwähntest Du eine "Liste der Wahlverweigerer", bei der ich aufmerksam wurde. Hier zur Erinnerung:

Zitat von DoreHolm im Beitrag RE: Warum wählst du die eine Partei?
Zitat von Moskwitschka im Beitrag RE: Warum wählst du die eine Partei?
Zitat von DoreHolm im Beitrag RE: Warum wählst du die eine Partei?
Wer schon im Vorfeld der Wahlen offen bekundete, daß er nicht zur Wahl geht, wurde in der Liste als "nicht wahlberechtigt" aufgeführt.



Eine Liste "nicht wahlberechtigt"? Dazu habe ich erst einmal drei Fragen.

Woher bekam man die Information, dass jemand öffentlich bekundet hat, nicht zur Wahl zu gehen? Was ist mit dieser Liste nach der Wahl passiert? Wurden die Listen immer wieder neu erstellt oder von Wahl zu Wahl weitergeführt?

Ehrlich gesagt, mir stellen sich im nachhinien die Nackenhaare auf.Bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass von solch einer öffentlichen "Wahlverweigerung" nur die Betriebe, Hochschulen, etc. Kenntnis hatten und diese evtl. an die entsprechenden Stellen weitergeleitet wurden. Aber nicht an die Wahlkommissionen.

LG von der grenzgaengerin



Meines Wissen und wimre waren das Menschen, die im Vorfeld wegen nicht erfüllter Wünsche und Forderungen (z.B. Wohnung, Ausreise u.a.) oder auch offener Opposition zur Regierungspolitik bei den Behörden schon offen ankündigten, in diesen Fällen nicht zur Wahl zu gehen. Wie gesagt, so meine Erinnerungen. Was das von mir weiter oben genannte "nerven" betrifft, zähle ich dazu auch die Wahlhelfertätigkeit, Leute aufzusuchen und sie zum Gang in´s Wahlbüro zu bewegen, die sich damit Zeit bis irgendwann um die Mittagszeit ließen. Man kann es mir glauben, das war eine der unangenehmsten Aufgaben für Wahlhelfer, die Leute zu beknien, nicht erst bis 17.00 Uhr zu warten. Für Kranke, Gehbehinderte und andere, die aus irgendwelchen Gründen nicht selbst zum Lokal laufen konnten, gab es die "Fliegenden Urnen". So eine stand in jedem Wahlbüro und wurde für solche Fälle eingesetzt. Da wurden zwei Wahlhelfer damit losgeschickt, wenn sich unter denen, die Mittags noch nicht wählen waren oder wo die Angehörigen darum gebeten hatten, Gehbehinderte befanden.


Meine Fragen hast Du damals nicht beantwortet oder nicht beantworten können. Daher frage ich an dieser Stelle noch einmal - Woher kamen diese Listen? Und ich wiederhole es in diesem Forum zum wiederholten Mal - Ich war Wahlverweigerin und habe eine Form gefunden, wo mich auch nicht eine "fliegende Wahlurne" erreichen konnte. Auch die Geschichte will ich nicht zum 3. oder 4. Mal wiederholen.

Und wenn Frank mir meine Frage nicht beantworten kann, dann vielleicht jemand anders - der vielleicht solche Listen erstellt hat.

LG von der Moskwitschka



Grün: Ich meine, diese Frage schon beantwortet zu haben, so wie es meiner Kenntnis entspricht. Aus den Vorgesprächen in den Wahlbezirken/Wohnbezirken vorrangig. Ich schließe nicht aus, daß auch ein IM aus dem Kollegenkreis oder der Nachbarschaft einen Bürger benannt hat so nach der Art: "Geht mal da hin, der hat das und das Problem, versucht es zu lösen und wenn nicht, dann überzeugt ihn, trotzdem an der Wahl teilzunehmen", aber das ist nur Mutmaßung von mir, kein Wissen.
Eine Liste der potentiellen Nichtwähler wurde so wimre nicht an die Wahllokalleiter gegeben. Es erfolgte lediglich die Information, daß so und so verfahren wurde und in der Wählerliste diese Personen nicht als Wahlberechtigte erscheinen und wie wir zu verfahren haben, wenn einer von denen doch zur Wahl erscheint. Es war immer noch dem Wahlunwilligen überlassen, das "Stigma" eines Nichtwählers/Wahlverweigeres zu umgehen und den Wahlschein in der Kabine ungültig zu machen. Wer alles solche Listen erhielt, wo die rumkursierten u.s.w. entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß nur, daß die Chefs der Betriebe nach der Wahl die entsprechenden Informationen erhielten. Anders kann ich es mir nicht erklären, daß das in den betrieben bekannt war. Wie damit umzugehen sei, war ganz sicher letztlich Sache das Betriebes und wurde auch unterschiedlich gehandhabt, je nach politischer Toleranz der Leiter. Aber wie schon gesagt, bei Leitungskadern in größeren Betrieben hörte dann der Spaß schon auf, da wurden Konsequenzen erwartet. Mehr kann ich leider dazu nicht sagen, da alles Andere wirklich nur Mutmaßungen wären. Da auch die Mitglieder der SED keine homogene Masse war, auch nicht die Führungsebenen, kann davon ausgegangen werden, daß politische Entscheidungen mehr oder auch weniger konsequent durchgesetzt wurden und da bin ich froh, daß es in unserer Firma keine Hardliner gab, mich eingeschlossen, also weder staatliche Leitung (der Prod.-Direktor war kirchlich gebunden), noch BPO-Ltg, noch FDJ.
So, liebe Moskwitschka, hoffe, es genügt erst mal. Mehr kan ich dazu nicht sagen. Ich fürchte, daß hier auch kein anderer User aktiv in die Wahlen in der DDR eingebunden war und Eigenes dazu beitragen kann, zumindest hat sich keiner hier zu erkennen gegeben.



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#44

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 11:18
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von DoreHolm im Beitrag #42
Solche Mißgriffe in die Kaderauswahl wird es gegeben haben, insbes. kurz nach Kriegsende mangels anderem fachlich geeigneterem Personal. Da galt es erst einmal, die politische Macht zu festigen, also in erster Linie nicht nationalsozialistisch Vorbelastete.


Kurz nach Kriegsende - ein sehr interessantes Thema. Vor ca. einem halben Jahr hat mich ein user mit der "Versorgungsrente nach 1945" neugierig gemacht und ich habe viele Zeitzeugenberichte aus der Zeit gelesen. Und mir drängte sich ein Bild auf - es gab unzählige Menschen in der SBZ , die mit großem Optmismus an den Wiederaufbau herangegangen sind. Und es waren nicht ausschließlich Kommunisten. Eine antifaschististische Grundhaltung hat damals diese Menschen vereint.

Zitat von Moskwitschka im Beitrag RE: Versorgungsrenten nach 1945
Kurz nach Kriegsende ging es wahrsheinlich leicht chaotisch zu. Ich habe eine interessante Quelle gefunden, die den Aufbau der Gemeinden als Selbstverwaltungsorgan am Beispiel der Stadt Pirna beschreibt:

"Deutsche Selbstverwaltungen gingen sowohl aus den Bestrebungen der Besatzungsmacht wie aus dem Bedürfnis antifaschistischer Kräfte hervor, den Neuaufbau eines völlig zerrütteten Landes in die Hände zu nehmen. Die Besatzungsmacht war allein mit ihren vorzugsweise militärischen Kräften zwar imstande, die Macht auszuüben und durch Befehle die Richtung des Handelns vorzugeben, aber für die vielschichtigen Bereiche des gesamten gesellschaftlichen Lebens fehlten ihren Kommandan turturmitarbeitern entsprechende Fachkompetenzen, Orts- und Personenkenntnisse. Dazu bedurfte es örtlicher antifaschistischer Kräfte einschließlich ihrer politischen Organisiertheit. So tolerierte die Sowjetische Militäradministration die Antifa Komitees oder Ausschüsse, die sich vielerorts bildeten und erlaubte bereits am 11. Juni 1945 die Bildung antifaschistisch - demokratischer Parteien in ihrer Zone.

Die deutschen Selbstverwaltungen entstanden zuerst in Städten und Gemeinden, danach in Kreisen, eingesetzt durch die örtlichen Kommandanturen, ehe die SMAD mit Befehl Nr. 3 am 4. Juli 1945 die Bildung von Landesverwaltungen verfügte. Beherzte Menschen fanden sich sofort nach dem Zusammenbruch der faschistischen Staatsmaschinerie. Sie nahmen die Geschicke in ihre Hände, um das Weiterleben der Menschen ganz einfach zu ermöglichen und eine neue Ordnung aufzubauen. Für die spontan entstandenen Gremien finden sich Bezeichnungen wie Antifa-Ausschüsse, Antifa-Komitees und Orts-komitees. Sie handelten dabei in stetem Kontakt zu den sowjetischen Militärbehörden und unter deren Kontrolle. Anleitung und Hilfe durch übergeordnete deutsche staatliche Stellen gab es vorläufig nicht. In Pirna nahmen Antifaschisten sofort nach dem Einmarsch der Roten Armee nach Kontakt-aufnahme zum „Kriegskommandanten“-das Rathaus unter Kontrolle"

http://www.geschichte-pirna.de/3.Selbstv...gsorganepdf.pdf



Hier der link zum thread Versorgungsrenten nach 1945 mit weiteren Beispielen aus der damaligen SBZ.

Irgendwann danach muss die "Kaderauswahl" nach dem Prinzip "Bist du nicht für uns, dann bist du gegen uns" begonnen haben, bei denen viele engagierte Menschen die rote Karte bekommen haben. Für mich der Beginn einer neuen Herrschaft - einer Diktatur.

LG von der grenzgaengerin


zuletzt bearbeitet 16.01.2014 11:19 | nach oben springen

#45

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 11:19
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von schnatterinchen im Beitrag #33
Wurden einzelne Kandidaten auf dem Wahlzettel durchgestrichen , so galt die abgegebene Stimme trotzdem als "ja"
Nur wenn alle Kandidatennamen durchgestrichen wurden galt die abgegebene Stimme als Neinstimme.
Die bequeme gewünschte Methode ohne versteinerte Blicke der Wahlhelfer : Zettel in Empfang nehmen, falten, einwerfen, gehen.
Ich habe einen dicken schwarzen Filzer zur Wahl mitgenommen , um Missverständnisse, durch den dürrren Krakelkugelschreiber in der Wahlkabine auszuschließen.
Das Papier der Wahlzettel war so ganz dünnes Papier und nachdem ich in der Wahlkabine war sah er aus wie ein Zebrastreifen.


Da glaube ich eher an Einbildung Deinerseits an als tatsächliche versteinerte Blicke.



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#46

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 11:39
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von DoreHolm im Beitrag #43

Eine Liste der potentiellen Nichtwähler wurde so wimre nicht an die Wahllokalleiter gegeben. Es erfolgte lediglich die Information, daß so und so verfahren wurde und in der Wählerliste diese Personen nicht als Wahlberechtigte erscheinen und wie wir zu verfahren haben, wenn einer von denen doch zur Wahl erscheint. Es war immer noch dem Wahlunwilligen überlassen, das "Stigma" eines Nichtwählers/Wahlverweigeres zu umgehen und den Wahlschein in der Kabine ungültig zu machen.


Und da liegt schon der Hase im Pfeffer, wo der eine den anderen nicht verstehen wird. Nicht zur Wahl zu gehen, war eine Form der Meinungsäusserung. Und ich habe mich mit dem "Stigma" wie Du schreibst wohler gefühlt, als mit einem verschämten Falten eines ungültigen Wahlzettels. Zumal man ja keine Wahl hatte. Daher war die Wahlverweigerung für mich die einzige Alternative - mit allen Konsequenzen.

LG von der Moskwitschka


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#47

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 12:38
von damals wars | 12.186 Beiträge

Zum Thema Diktatur, vor 1933 gab es (fast) keine deutsche Partei, die nicht in einer Diktatur den Ausweg sahen. Selbst die Partei der unbefleckte Empfängnis, SPD, forderte auf dem Magdeburger Parteitag 1931 eine Diktatur!


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#48

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 13:20
von Moskwitschka (gelöscht)
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Es gab aber auch einige Kommunistische Parteien in Europa, die nach den Erfahrungen vor und nach 1945 die "Diktatur des Proletariats" aus ihren Programmen entfernt haben. Z.B. in Frankreich und Italien in den 70-ern. Zur gleichen Zeit schrieb man sich in der DDR die entwickelte sozialistische Gesellschaft unter Führung der Arbeiterklasse auf die Fahnen. Wer war in der Diskussion und im Denken weiter - die französischen ind italienischen Kommunisten oder die aus der DDR?

Das war für mich damals unter anderem ein Punkt, über die "Diktatur des Proletariats" ganz anders nach zu denken. Mir blieb leider nur denken übrig, denn über die Diskussion in Frankreich und Italien ist ja kaum etwas ungefiltertes beim DDR - Bürger angekommen.

LG von der Moskwitschka


zuletzt bearbeitet 16.01.2014 13:29 | nach oben springen

#49

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 13:29
von studfri | 762 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #42
Zitat von studfri im Beitrag #28
Zitat von ABV im Beitrag #12
Zitat von DoreHolm im Beitrag #9
Barbara, letzter Satz in #8: Ja, die Drecksarbeit machen dann, bis auf Ausnahmen, meist die "kleinen Leute", oft mit einem Hang zur Gewalt und ohne sehr viel Intellekt und ohne ein "Übermaß" an Mitgefühl und Gewissen.
Um nicht mißverstanden zu werden, solche Sachen beziehe ich auf wirkliche Diktaturen, in denen Gewalt und Tod zu den Normalitäten gehören.


Mir fällt da spontan der hohe SS-Offizier Theodor Eicke ein. Ein ebenso brutaler wie ausgesprochen dummer Mensch. Seine Lebensgeschichte vor 1933, ist die eines gescheiterten Versagers. Erst bei den Nazis gelangte der Trottel " in Amt und Würden".

Gruß Uwe



Na solche Karrieren mit anderen Vorzeichen gab es aber doch auch zuhauf in der ehemaligen DDR?!



Grün: Solche Mißgriffe in die Kaderauswahl wird es gegeben haben, insbes. kurz nach Kriegsende mangels anderem fachlich geeigneterem Personal. Da galt es erst einmal, die politische Macht zu festigen, also in erster Linie nicht nationalsozialistisch Vorbelastete. Ganz sicher wurde das Schritt für Schritt abgebaut. Die ABFs leisteten hier ihren Beitrag (siehe H.Kant, "Die Aula"). Ich schließe aber nicht aus, nein, nicht nur nicht ausschließen, es zieht sich durch wie ein roter Faden bis in die Gegenwart, daß insbesondere im staatlichen Verwaltungsbereich, bei Behörden als auch in der Politik, nicht immer die hellsten Köpfe eine Karriere machen. In den Ebenen der Industrie mit ihrem rauhen Wettbewerbsklima bekommen viele von denen keinen Fuß auf den Boden. Solche "Karieren" gab es nicht nur in der DDR, die gibt es auch heute, wenngleich diese das Ende einer Karrier nicht auf der obersten Sprosse, sondern zumeist im mittleren Sprossenbereich beenden.
Wir haben es in unserer Kompanie gesehen. Unser Politnik war schon weit mehr als zehn Jahre dabei, ist aber beim Oltn stehen geblieben. Ein Praktikant von der Offz.Schule, der zu uns kam, war dagegen ein Intelligenzbolzen. Da wurde nicht mehr jeder Willige genommen, wenn der ansonsten nichts in der Birne hatte.


Ja das würde ich auch so sehen wolen. "Aus der Welt" war die Problematik aber wohl nie, denn die Kaderakte war immer wesentlicht wichtiger und auch entscheidender als die fachliche Form des Probanden.

Eine weitere Problematik wäre noch: Durch das System der Kaderakten und der Auswahl nach der Positivität des Menschen zum System schon von der Schulausbildung an kamen sehr sehr viele begabte Leute von vorne herein überhaupt nicht zum Zuge. Das zeigte sich beispielsweise bei vielen, die die Fronten gewechselt hatten, also von Ost nach West, ob legal oder illegal: So mancher von denen schloss ein Studium im Westen dann ab, was ihm zuvor in der DDR verwehr worden war, aus politischen Gründen.

Auch diese Zusammenhänge stellen sachliche Gründe dar, weswegen ich meine These von der nicht massenhaft anzutreffen vorgeblchen "Intelligenz" der Offiziere aufgestellt hatte. Das ist aber nur ein Beispiel dafür.



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#50

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 13:42
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

@studfri , Du schreibst sehr eloquent über Kaderakten aber wie es durchscheint hast du keinen blassen Schimmer wovon und worüber Du schreibst.
Ab wann, um mal eine Frage zu stellen, wurde denn eine Kaderakte angelegt?

Noch ein Hinweis, viele die Heute und auch damals behaupteten das sie nur aus "politischen Gründen" vom Studium ausgeschlossen wurden scheiterten ganz profan am Numerus clausus. In der DDR hieß das wohl Zulassungsschlüssel war aber primär abhängig vom Notendurchschnitt und nicht nach der Menge auswendig gelernter Parteiparolen wie Du eventuell vermutest. ........

Jetzt erzähle mir das heutzutage jeder an jeder Hochschuleinrichtung jedes Fach, egal was er für Abschlußnoten hat, studieren kann ......

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

Udo hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#51

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 14:01
von schnatterinchen (gelöscht)
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Zitat von Moskwitschka im Beitrag #46
Zitat von DoreHolm im Beitrag #43

Eine Liste der potentiellen Nichtwähler wurde so wimre nicht an die Wahllokalleiter gegeben. Es erfolgte lediglich die Information, daß so und so verfahren wurde und in der Wählerliste diese Personen nicht als Wahlberechtigte erscheinen und wie wir zu verfahren haben, wenn einer von denen doch zur Wahl erscheint. Es war immer noch dem Wahlunwilligen überlassen, das "Stigma" eines Nichtwählers/Wahlverweigeres zu umgehen und den Wahlschein in der Kabine ungültig zu machen.


Und da liegt schon der Hase im Pfeffer, wo der eine den anderen nicht verstehen wird. Nicht zur Wahl zu gehen, war eine Form der Meinungsäusserung. Und ich habe mich mit dem "Stigma" wie Du schreibst wohler gefühlt, als mit einem verschämten Falten eines ungültigen Wahlzettels. Zumal man ja keine Wahl hatte. Daher war die Wahlverweigerung für mich die einzige Alternative - mit allen Konsequenzen.

LG von der Moskwitschka






Warum war Wahlenthaltung die einzige Alternative? Das Benutzen der Wahlkabine und das Streichen aller Namen auf dem Zettel war doch auch noch eine Option.
Wie sahen die Konsequenzen der Wahlverweigerung aus?


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#52

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 14:06
von studfri | 762 Beiträge

Zitat von Nostalgiker im Beitrag #50
@studfri , Du schreibst sehr eloquent über Kaderakten aber wie es durchscheint hast du keinen blassen Schimmer wovon und worüber Du schreibst.
Ab wann, um mal eine Frage zu stellen, wurde denn eine Kaderakte angelegt?

Noch ein Hinweis, viele die Heute und auch damals behaupteten das sie nur aus "politischen Gründen" vom Studium ausgeschlossen wurden scheiterten ganz profan am Numerus clausus. In der DDR hieß das wohl Zulassungsschlüssel war aber primär abhängig vom Notendurchschnitt und nicht nach der Menge auswendig gelernter Parteiparolen wie Du eventuell vermutest. ........

Jetzt erzähle mir das heutzutage jeder an jeder Hochschuleinrichtung jedes Fach, egal was er für Abschlußnoten hat, studieren kann ......

Gruß
Nostalgiker


Die Kaderakte wurde mit dem Eintritt ins Berufsleben angelegt. Schüler hatten natürlich keine. Du weist doch ganz genau was und wie ich das meine. Es bringt sehr wenig, Meinungen und Ausagen dadurch aushebeln zu wollen, in dem man auf kleinste Detaills bis 3 Stellen hinter dem Komma Wert legt. Ganz allgemein meinte ich den "Klassenstandpunkt" und der war sicher auch schon in der Schule wichtig damals.

Sicher kann jeder heute studieren was er will, sofern er entweder die Noten dazu jeweils hat, oder genug Zeit (und Geld) um die Wartezeit zu überbrücken oder vlt sein Studium im Ausland beginnt als ulitima ratio.



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#53

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 14:19
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von schnatterinchen im Beitrag #51


Warum war Wahlenthaltung die einzige Alternative? Das Benutzen der Wahlkabine und das Streichen aller Namen auf dem Zettel war doch auch noch eine Option.
Wie sahen die Konsequenzen der Wahlverweigerung aus?



Liebes @schnatterinchen, dann musst Du wohl oder übel in meinen über 3.000 Beiträgen suchen. Ich will hier die Diskussion über Studium usw. nicht noch befeuern. Nur soviel - ich habe die Konsequenzen bewußt in Kauf genommen. Die einen würden sagen schön blöd, die anderen konsequent. Ich bereue nichts.

Und um auf die Arbeiterklasse zurück zu kommen. Als ich sie dann ab 1977 kennen lernen "durfte, kamen mir noch größere Zweifel an der "Diktatur des Proletariats".

LG von der Moskwitschka


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#54

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 14:21
von studfri | 762 Beiträge

Zitat von Moskwitschka im Beitrag #53
Zitat von schnatterinchen im Beitrag #51


Warum war Wahlenthaltung die einzige Alternative? Das Benutzen der Wahlkabine und das Streichen aller Namen auf dem Zettel war doch auch noch eine Option.
Wie sahen die Konsequenzen der Wahlverweigerung aus?



Liebes @schnatterinchen, dann musst Du wohl oder übel in meinen über 3.000 Beiträgen suchen. Ich will hier die Diskussion über Studium usw. nicht noch befeuern. Nur soviel - ich habe die Konsequenzen bewußt in Kauf genommen. Die einen würden sagen schön blöd, die anderen konsequent. Ich bereue nichts.

Und um auf die Arbeiterklasse zurück zu kommen. Als ich sie dann ab 1977 kennen lernen "durfte, kamen mir noch größere Zweifel an der "Diktatur des Proletariats".

LG von der Moskwitschka



Inwieweit?



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#55

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 14:51
von Moskwitschka (gelöscht)
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@studfri Ich beantworte Dir gern Deine Frage. Dafür brauche ich aber etwas Zeit, um tief in den Erinnerungen zu kramen. Zumal viele neue Erfahrungen damals auf mich wirkten.

LG von der Moskwitschka


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#56

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 14:53
von studfri | 762 Beiträge

Zitat von Moskwitschka im Beitrag #55
@studfri Ich beantworte Dir gern Deine Frage. Dafür brauche ich aber etwas Zeit, um tief in den Erinnerungen zu kramen. Zumal viele neue Erfahrungen damals auf mich wirkten.

LG von der Moskwitschka


Ja kein Ding, danke schon mal im Vorraus.



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#57

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 16:06
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von schnatterinchen im Beitrag #51
Zitat von Moskwitschka im Beitrag #46
Zitat von DoreHolm im Beitrag #43

Eine Liste der potentiellen Nichtwähler wurde so wimre nicht an die Wahllokalleiter gegeben. Es erfolgte lediglich die Information, daß so und so verfahren wurde und in der Wählerliste diese Personen nicht als Wahlberechtigte erscheinen und wie wir zu verfahren haben, wenn einer von denen doch zur Wahl erscheint. Es war immer noch dem Wahlunwilligen überlassen, das "Stigma" eines Nichtwählers/Wahlverweigeres zu umgehen und den Wahlschein in der Kabine ungültig zu machen.


Und da liegt schon der Hase im Pfeffer, wo der eine den anderen nicht verstehen wird. Nicht zur Wahl zu gehen, war eine Form der Meinungsäusserung. Und ich habe mich mit dem "Stigma" wie Du schreibst wohler gefühlt, als mit einem verschämten Falten eines ungültigen Wahlzettels. Zumal man ja keine Wahl hatte. Daher war die Wahlverweigerung für mich die einzige Alternative - mit allen Konsequenzen.

LG von der Moskwitschka






Warum war Wahlenthaltung die einzige Alternative? Das Benutzen der Wahlkabine und das Streichen aller Namen auf dem Zettel war doch auch noch eine Option.
Wie sahen die Konsequenzen der Wahlverweigerung aus?



Grün: Hatte ich schon in #43 nach meinen Erfahrungen dargelegt. Diese beziehen sich auf die eigene Firma und aus Berichten anderer.
Dazu muß ich sagen, das ich mich nicht daran erinnern kann, daß sowas in unserer Firma mal ein großes Thema gewesen wäre. Bei ca. 200 Beschäftigten waren ganz sicher ein paar Nichtwähler dabei, mir sind aber keine konkreten Fälle (namentlich) bekannt, die irgendwie höher angebunden waren. Ich kann mir aber vorstellen, daß sowas in anderen Firmen, wie schon gesagt in Größeren mit hauptamtlichen BPO- und FDJ-Sekretären u. BGLern, eher hochgespielt wurde. Die Leiter hatten m.E. einigen Entscheidungs- und Handlungsspielraum.
Nur mal angenommen, aus Knatz wegen irgendwas wäre ich nicht zur Wahl gegangen. Sicher, je nach Motiv dafür wäre es bei einer Parteistrafe geblieben oder hätte mit dem Rausschmiss geendet. Fachlich glaube ich nicht, daß sich für mich was geändert hätte. Dazu war ich ein zu kleines Licht. Im technischen Bereich, ohne eigene Unterstellte, mehrere Funktionen in Personalunion. Da wäre fachlich eher noch was dazugekommen, denn ohne die Funktion als BPO-Sekretär wäre mehr Zeit für andere Arbeiten übrig gewesen.



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#58

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 16:08
von Gelöschtes Mitglied
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Es gab auch eine statistische Auslese für Abi und Studium, eine bestimmter Prozentsatz sollte aus dem Proletariat kommen. da konnte es schon sein das bei Übererfüllung des Prozentsatzes die Kinder von systemtreuen Akademikern und "Angehörigen der Intelligenz" schlechtere Karten hatten.
Und bei dem Thema "das süße Gift der Diktatur" werden wir wieder vor dem Problem stehen, was ist Diktatur, wo fängt sie an und, und....

So wie es keine Demokratie gibt, ist es schwer die Diktatur abzugrenzen. Es besteht immer eine herrschende Gruppe in der Gesellschaft (auch wenn das heute so schön "demokratisch" bemäntelt wird) und diese Gruppe bestimmt die Spielregeln sowohl direkt als auch indirekt. Wie kann es sonst sein das Gesetzesvorlagen von Vertretern der Industrie (als Berater getarnt und auch bezahlt) "für das Volk" erarbeitet werden?


Damals87 und DoreHolm haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#59

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 16:30
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von studfri im Beitrag #49
Zitat von DoreHolm im Beitrag #42
Zitat von studfri im Beitrag #28
Zitat von ABV im Beitrag #12
Zitat von DoreHolm im Beitrag #9
Barbara, letzter Satz in #8: Ja, die Drecksarbeit machen dann, bis auf Ausnahmen, meist die "kleinen Leute", oft mit einem Hang zur Gewalt und ohne sehr viel Intellekt und ohne ein "Übermaß" an Mitgefühl und Gewissen.
Um nicht mißverstanden zu werden, solche Sachen beziehe ich auf wirkliche Diktaturen, in denen Gewalt und Tod zu den Normalitäten gehören.


Mir fällt da spontan der hohe SS-Offizier Theodor Eicke ein. Ein ebenso brutaler wie ausgesprochen dummer Mensch. Seine Lebensgeschichte vor 1933, ist die eines gescheiterten Versagers. Erst bei den Nazis gelangte der Trottel " in Amt und Würden".

Gruß Uwe



Na solche Karrieren mit anderen Vorzeichen gab es aber doch auch zuhauf in der ehemaligen DDR?!



Grün: Solche Mißgriffe in die Kaderauswahl wird es gegeben haben, insbes. kurz nach Kriegsende mangels anderem fachlich geeigneterem Personal. Da galt es erst einmal, die politische Macht zu festigen, also in erster Linie nicht nationalsozialistisch Vorbelastete. Ganz sicher wurde das Schritt für Schritt abgebaut. Die ABFs leisteten hier ihren Beitrag (siehe H.Kant, "Die Aula"). Ich schließe aber nicht aus, nein, nicht nur nicht ausschließen, es zieht sich durch wie ein roter Faden bis in die Gegenwart, daß insbesondere im staatlichen Verwaltungsbereich, bei Behörden als auch in der Politik, nicht immer die hellsten Köpfe eine Karriere machen. In den Ebenen der Industrie mit ihrem rauhen Wettbewerbsklima bekommen viele von denen keinen Fuß auf den Boden. Solche "Karieren" gab es nicht nur in der DDR, die gibt es auch heute, wenngleich diese das Ende einer Karrier nicht auf der obersten Sprosse, sondern zumeist im mittleren Sprossenbereich beenden.
Wir haben es in unserer Kompanie gesehen. Unser Politnik war schon weit mehr als zehn Jahre dabei, ist aber beim Oltn stehen geblieben. Ein Praktikant von der Offz.Schule, der zu uns kam, war dagegen ein Intelligenzbolzen. Da wurde nicht mehr jeder Willige genommen, wenn der ansonsten nichts in der Birne hatte.


Ja das würde ich auch so sehen wolen. "Aus der Welt" war die Problematik aber wohl nie, denn die Kaderakte war immer wesentlicht wichtiger und auch entscheidender als die fachliche Form des Probanden.

Eine weitere Problematik wäre noch: Durch das System der Kaderakten und der Auswahl nach der Positivität des Menschen zum System schon von der Schulausbildung an kamen sehr sehr viele begabte Leute von vorne herein überhaupt nicht zum Zuge. Das zeigte sich beispielsweise bei vielen, die die Fronten gewechselt hatten, also von Ost nach West, ob legal oder illegal: So mancher von denen schloss ein Studium im Westen dann ab, was ihm zuvor in der DDR verwehr worden war, aus politischen Gründen.

Auch diese Zusammenhänge stellen sachliche Gründe dar, weswegen ich meine These von der nicht massenhaft anzutreffen vorgeblchen "Intelligenz" der Offiziere aufgestellt hatte. Das ist aber nur ein Beispiel dafür.



studfri, Du liegst hier etwas daneben und ich vermute mehr, daß das eher der Wunsch des Gedanken bei Dir ist, daß es so gewesen sein muss.
Du misst hier dem nach Außen gezeigten "sozialistischen Klassenstandpunkt" mehr Bedeutung für ein fachliches Vorwärtskommen bei, als es tatsächlich praktiziert wurde. Wie schon gesagt, das traf sicher für die frühen Jahre der DDR zu, zunehmend immer weniger. Kaderpolitik war immer noch in erster Linie Sache des Betriebsdirektors und nicht einer übergeordneten politischen Leitung. Der BPO-Sekretär konnte ein Wort mitreden, aber er hatte kein grundsätzliches Vetorecht. Bei zwei fachlich völlig gleichwertigen Bewerbern und ähnlicher Beurteilungen aus den Kaderunterlagen ihrer Vorgängerbetriebe war es sicherlich mehr die Regel, daß sich der Chef für den Genossen entschieden hat und somit mögliche aus ideologischen Gründen resultierende Probleme vom Tisch geschafft hat. Mein Vater schrieb in seinen Memoiren, daß er sich bei einer Kaderentscheidung bewußt gegen einen Genossen und für den Nichtgenossen entschieden hat und zwar in erster Linie aus fachlichen Gründen. Ein Betriebsdirektor wird in erster Linie dafür bezahlt, daß der Produktionsplan mengen- und qualitätsgerecht erfüllt wird, daß die Kosten eingehalten werden und der Betriebsfrieden eingehalten wird. Er ist deshalb geneigt, denen Mitarbeitern den Vorzug zu geben, die ihm zur Erreichung dieser Ziele am geeignetsten erscheinen. Und das sind eben nicht immer nur SED-Mitglieder.
Als ich zum Fernstudium delegiert wurde, waren von uns 22 Studenten, die es bis zum Schluss durchgehalten hatten, gerade mal 2, die SED-Mitglied waren und ein dritter (unser Klassenprimus) ist während dieser Zeit Mitglied geworden. Das widerspricht aber total Deinen Ansichten und ich glaube auch nicht, daß mehr als 1/4 der Hochschulstudenten als SED-Mitglied ihr Studium beenden.



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#60

RE: Das süße Gift der Diktatur

in DDR Staat und Regime 16.01.2014 16:46
von Damals87 | 503 Beiträge

Hallo,

@DoreHolm, ich fürchte, gegen das West-Gegenstück eines gefestigten Klassenstandpunktes wirst auch Du mit Argumenten nichts ausrichten. Unsere AgitProp war schon immer die wesentlich effizientere.

Du darft aber gewiß sein, Du hast Deine Gern-Leser.

Grüße aus Hessen


„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.“ Sören Kierkegaard


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