#1

"Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 15:41
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Als ich an der Grenze war gab es unter uns Soldaten die Vermutung das wohl der eine oder andere von uns ein so genanntes "Gummiohr" sein könnte, also jemand der die Aufgabe hatte halt seine Ohren ganz dicht an den Gesprächen seiner Mitgenossen zu haben.
Möchte das auch nicht als negativ hinstellen, damit wurde wohl so mancher Grenzer vor Schaden an Leib und Leben bewahrt.
Jetzt habe ich das gefunden:
http://de.wikisource.org/wiki/Dienstanweisung_an_Angehörige_der_Spezialeinheit_des_MfS_innerhalb_der_Grenztruppen_der_DDR_(Schießbefehl)

(Link geht aus irgendwelchen Gründen nicht einzufügen, bezieht sich aber auf diese Spezialeinheit des MfS innerhalb der Grenztruppen)

Waren das diese und weiß jemand näheres wie die arbeiteten?
Kann mir vorstellen das die immer wenn die Grenzkompanien neu bestückt wurden "untergemischt" wurden und nach der Entlassung wieder von vorne anfingen, also ewig Soldat und Gefreiter.
War die Kompanieführung über "besondere" Untergebene informiert?


Jobnomade hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 01.11.2013 17:22 | nach oben springen

#2

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 15:50
von 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 | 1.039 Beiträge

Das MfS hatte eine eigene Schauspieltruppe, wusste ich auch noch nicht.

So ein Ohr wäre mir sicher aufgefallen, weil der ja schon alles wusste, was in der Ausbildung dran kommt.


Der Helm, den ich trage, hat viele Beulen. Einige davon stammen auch von meinen Feinden. Jürgen Kuczynski "Dialog mit meinem Urenkel"


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#3

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 15:52
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 im Beitrag #2
Das MfS hatte eine eigene Schauspieltruppe, wusste ich auch noch nicht.

So ein Ohr wäre mir sicher aufgefallen, weil der ja schon alles wusste, was in der Ausbildung dran kommt.


Deine Ausbildung haben die sicherlich nicht mehrmals durchlaufen, die waren wohl eher am Kanten aktiv.


zuletzt bearbeitet 01.11.2013 16:03 | nach oben springen

#4

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 15:54
von Hansteiner | 1.409 Beiträge

Hallo Grenzwolf62,
genau so nannten wir diese Leute bei uns auch. Manchmal wurde im Zug schon gemunkelt, dass da einer dabei ist.Aber konkrete Beweise gab es eigendlich nicht.
Aufgefallen ist mir das zb. bei Bestrafungen -wurden immer abgelehnt und am Ende der DZ wurden bestimmte "Leute" auch noch befördert !
Und garantiert war die Kompanieleitung eingeweit.

H.



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#5

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 16:03
von 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 | 1.039 Beiträge

Ich bin während meiner Dienstzeit vom MfS direkt angesprochen worden, ob ich für sie arbeiten will. Ich habe abgelehnt.


Der Helm, den ich trage, hat viele Beulen. Einige davon stammen auch von meinen Feinden. Jürgen Kuczynski "Dialog mit meinem Urenkel"


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#6

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 16:23
von RudiEK89 | 1.950 Beiträge

Als ich 1992 meinen Hauptfeld zu Hause besucht habe, sagte er mir das gleiche.
Diese Leute informierten über das Stimmungs- und Meinungsbild in der Kompanie. Wie ich schon einmal in einem anderen Thread geschrieben habe. Auch mich hat man "getestet".
Andreas


März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode
zuletzt bearbeitet 01.11.2013 16:25 | nach oben springen

#7

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 16:28
von utkieker | 2.915 Beiträge

Ich glaube nicht, daß die Kompanieführung wußte wer "Gummiohr" war und wer nicht. Ich denke es wäre auch zu einfach, wenn die Stasi ihre Informationsquellen preis geben würde möglicherweise gab es ja auch im Offz.- Korps "Gummiohren". Wie viele diese ominösen Ohren in der Kompanie verstreut waren, wußten wohl nur eingeweihte Kreise des MfS. Andersrum vermute ich eher, daß die Stasi ein Veto- Recht hatte ihre Informanden zu lancieren und die Informanden nichts von einander wußten.

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
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#8

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 16:46
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #1
Als ich an der Grenze war gab es unter uns Soldaten die Vermutung das wohl der eine oder andere von uns ein so genanntes "Gummiohr" sein könnte, also jemand der die Aufgabe hatte halt seine Ohren ganz dicht an den Gesprächen seiner Mitgenossen zu haben.
Möchte das auch nicht als negativ hinstellen, damit wurde wohl so mancher Grenzer vor Schaden an Leib und Leben bewahrt.
Jetzt habe ich das gefunden:
http://de.wikisource.org/wiki/Dienstanweisung_an_Angehörige_der_Spezialeinheit_des_MfS_innerhalb_der_Grenztruppen_der_DDR_(Schießbefehl)

(Link geht aus irgendwelchen Gründen nicht einzufügen, bezieht sich aber auf diese Spezialeinheit des MfS innerhalb der Grenztruppen)

Waren das diese und weiß jemand näheres wie die arbeiteten?
Kann mir vorstellen das die immer wenn die Grenzkompanien neu bestückt wurden "untergemischt" wurden und nach der Entlassung wieder von vorne anfingen, also ewig Soldat und Gefreiter.
War die Kompanieführung über "besondere" Untergebene informiert?



Hier einige Anmerkungen:

"Sommerlochthema: Schießbefehl



In den Hauptnachrichten von ARD, ZDF, RBB vom 10.08.07, im „Spiegel“, Tagesspiegel“ vom 11.08.07 und sicherlich in anderen meinungsbildenden Medien auch wurde von einem brisanten Aktenfund in der BStU-Außenstelle Magdeburg berichtet. Endlich habe man einen bisher nie belegbaren – bei der Verurteilung von DDR-Bürgern im Zusammenhang mit Schüssen an der Grenze aber immer vorausgesetzten – „Schießbefehl“ entdeckt.

Anscheinend aus einem in einer IM-Akte enthaltenen Auftrag wird zitiert: „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben“.

Dieser Auftrag wurde vermutlich an einen IM erteilt, der die Fahnenflucht von Angehörigen der Grenztruppen verhindern sollte.

Es handelt sich also um einen Auftrag eines Führungsoffiziers und nicht um einen Befehl oder eine Dienstanweisung.

Unklar bleibt, welche ominöse Spezialeinheit des MfS innerhalb der Grenztruppen der DDR existiert haben soll. Die Verhinderung von Fahnenfluchten war Auftrag aller IM in den Streitkräften der DDR. Fahnenflucht war eine Militärstraftat nach § 254 des StGB der DDR. Sie wird auch heute als Militärstraftat gemäß § 16 des Wehrstrafgesetzes der BRD mit bis zu 5 Jahren Freiheitsentzug bestraft.

Die Anwendung von Schusswaffen war - wie in allen anderen bewaffneten Organen der DDR - auch im MfS durch eine Schusswaffengebrauchsbestimmung penibel geregelt. Bevor ich eine persönliche Dienstwaffe ausgehändigt bekam, musste ich, wie alle anderen Angehörigen des MfS diese Schusswaffengebrauchsvorschrift studieren und ihre Kenntnisnahme mit meiner Unterschrift bestätigen. Regelmäßig vierteljährlich musste ich ebenso mit Unterschrift aktenkundig erklären, dass ich mit dem Inhalt der Schusswaffengebrauchsvorschrift vertraut bin.

Für die Anwendung der Schusswaffe an der Staatsgrenze galt das Grenzgesetz der DDR, das einen speziellen Paragraphen zur Anwendung der Schusswaffe enthielt (§ 27 Grenzgesetz der DDR)

Kein Führungsoffizier des MfS konnte diese allgemeinverbindlichen Vorschriften außer Kraft setzen oder verändern.

Als 1973 (in Auswertung des Dramas der Olympiade in München) zur Verhinderung terroristischer Anschläge auf ausländische Teilnehmer der Weltfestspiele in Berlin eine zeitweilige Arbeitsgruppe Ausländische Festivalteilnehmer je zur Hälfte aus Angehörigen des MfS und der Deutschen Volkspolizei gebildet und worden war und ihre Einsatzstärke von mehr als 3.000 erreicht hatte, war es notwendig geworden, den Einsatz der Schusswaffe bei möglichen Geiselnahmen u. ä. zu regeln. Das konnte nur der Minister für Staatssicherheit in Abstimmung mit dem Minister des Inneren. Eine entsprechende, von Erich Mielke unterzeichnete Anweisung für den Einsatz der Schusswaffe unter diesen besonderen Bedingungen wurde von mir persönlich nach der Auflösung dieser zeitweiligen Arbeitsgruppe im September 1973 zusammen mit weiteren Unterlagen archiviert und liegt ebenso wie die Schusswaffengebrauchsbestimmung des MfS in der BStU vor.



Die Aufforderung an einen IM, die Schusswaffe ohne zu zögern einzusetzen, hebt die allgemeinen Vorschriften für den Einsatz der Schusswaffe nicht auf, sondern besagt nur, dass auch in einem solchen Fall, bei dem ein Fahnenflüchtiger nach der heutigen Terminologie mit menschlichen Schutzschilden operiert, auf einen Schusswaffeneinsatz gegen ihn nicht verzichtet werden sollte. (es ging also nicht um einen Schusswaffeneinsatz gegen Frauen und Kinder) Von einem Schusswaffeneinsatz „ohne Vorwarnung“ ist in dem veröffentlichten Text nichts zu lesen, wie auch das gesamte Dokument – aus welchen Gründen auch immer – vermutlich geheim bleiben wird. Was Zuschauer oder Leser zur Kenntnis nehmen dürfen, bestimmen Herr Knabe und Frau Birthler. Ob es dabei um die Aufdeckung der Wahrheit oder um gezielte Hetze gegen die DDR handelt, muss schon jeder selbst herausfinden.

Die Aufforderung zum Einsatz der Schusswaffe ist keinesfalls „Anstiftung zum Mord“ oder eine „Lizenz zum Töten“. Der Einsatz der Schusswaffe war den allgemeinen Vorschriften nach immer vom Ziel bestimmt die davon betroffene Person kampf- bzw. fluchtunfähig zu machen und letztlich festzunehmen. Das dabei auch Menschen getötet wurden, ist ebenso bedauerlich wie heutige Vorkommnisse, bei denen Personen von Polizisten oder verdeckten Ermittlern erschossen werden.



Mitten im Sommerloch und „rein zufällig“ passend zum Jahrestag des 13. August 1961 haben Herr Knabe und Frau Birthler wieder einmal mit Unterstützung gleichermaßen unkritischer wie diensteifriger Medien ihre Wichtigkeit unterstreichen können. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die geforderten staatsanwaltlichen Ermittlungen ausgehen werden wie das Hornberger Schießen.



Wolfgang Schmidt

11.08.2007



Nachtrag:

Nur einen einzigen Tag dauerte es, dann stellte sich heraus, dass der sensationelle Fund der BStU ein Dokument betrifft, das schon seit 1994 bekannt und bereits 1997 auszugsweise veröffentlicht worden war. Seinerzeit allerdings nicht mit der perfiden Ausdeutung der letzten Tage, gipfelnd in der Unterstellung eines "uneingeschränkten, flächendeckenden, bedingungslosen Schießbefehls gegen Frauen und Kinder".

Handelt es sich hier um Schweinejournalismus, Volksverhetzung pur, ritualisierte Stasi-Hysterie oder ist das ganze nur Erfüllung des normalen politischen Auftrags angeblich unabhängiger Medien?

W. S.

13.08.2007



2.Nachtrag:

Wider Erwarten veröffentlichte heute der "Spiegel" den vollständigen Auftrag für inoffizielle Mitarbeiter einer Einsatzkompanie, der vom "Spiegel" als "Dienstanweisung" bezeichnet wird. Diejenigen, die aus diesem Auftrag einen "bedingungslosen Schießbefehl" im Sinne einer Anweisung zum Töten von Frauen und Kindern ableiten, haben vermutlich absichtsvoll überlesen, das es im entsprechenden Abschnitt dieses Auftrages um die Verhinderung von Fahnenfluchten geht. Dabei wird u. a. gefordert, "...nach erfolgter Anwendung der Schusswaffe ... Erste Hilfe zu leisten..." sowie "... immer entsprechend den Grenzdienstvorschriften zu handeln..."

Ebenfalls zu erfahren war, dass dieses Dokument schon 1993 der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungskriminalität und 1996 dem Landgericht Berlin vorlag. Die geforderten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen müssten sich also auch gegen diese Stellen wegen des Verdachtes der Strafvereitelung richten.

Nebenbei erfährt man auch, dass die Leitung der BStU schon im Juni 2007 von der Magdeburger Außenstelle über den Dokumentenfund informiert war, offenbar aber abgewartet hat, die "Sensation" pünktlich vor dem 13. August zu verkünden.

W.S.

14.08.2007"
Quelle : WWW . mfs-insider.de


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#9

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 16:49
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Hansteiner im Beitrag #4
Hallo Grenzwolf62,
genau so nannten wir diese Leute bei uns auch. Manchmal wurde im Zug schon gemunkelt, dass da einer dabei ist.Aber konkrete Beweise gab es eigendlich nicht.
Aufgefallen ist mir das zb. bei Bestrafungen -wurden immer abgelehnt und am Ende der DZ wurden bestimmte "Leute" auch noch befördert !
Und garantiert war die Kompanieleitung eingeweit.

H.



Vermutungen gab es immer.
Den Vorgesetzten wurde n i c h t mitgeteilt, wer als IM tätig ist .
Mir ist auch nicht bekannt, dass es Einspruch bei Bestrafungen gab. Im Gegenteil, mir sind Fälle bekannt, wo IM des MfS für begangene Straftaten entsprechend verurteilt wurden und ihre Strafe auch entsprechend abgesessen haben.


zuletzt bearbeitet 01.11.2013 16:56 | nach oben springen

#10

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 16:55
von 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 | 1.039 Beiträge

Das Gerücht von den Gummiohren gab es auch bei uns. Ein paar ganz Schlaue wollten auch gesehen zu haben, wie einige Soldaten zu der Abt. des MfS zitiert wurden, offensichtlich zur "Berichterstattung". Absoluter Blödsinn, so was hätten die doch nicht vor aller Augen gemacht!


Der Helm, den ich trage, hat viele Beulen. Einige davon stammen auch von meinen Feinden. Jürgen Kuczynski "Dialog mit meinem Urenkel"


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#11

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:04
von PF75 | 3.291 Beiträge

In derAusbildung wurde einer aus meinem Zimmer mal zum KC beordert und gefragt ob er nicht ab und zu mal etwas zur Stimmung in der Einheit berichten wolle.Ob da nur der KC oder auch noch andere leute an dem Gespräch beteiligt waren weiß ich nicht mehr,er hat jedenfalls nach seiner Aussgage nach abgelehnt.


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#12

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:25
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von Alfred im Beitrag #8
Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #1
Als ich an der Grenze war gab es unter uns Soldaten die Vermutung das wohl der eine oder andere von uns ein so genanntes "Gummiohr" sein könnte, also jemand der die Aufgabe hatte halt seine Ohren ganz dicht an den Gesprächen seiner Mitgenossen zu haben.
Möchte das auch nicht als negativ hinstellen, damit wurde wohl so mancher Grenzer vor Schaden an Leib und Leben bewahrt.
Jetzt habe ich das gefunden:
http://de.wikisource.org/wiki/Dienstanweisung_an_Angehörige_der_Spezialeinheit_des_MfS_innerhalb_der_Grenztruppen_der_DDR_(Schießbefehl)

(Link geht aus irgendwelchen Gründen nicht einzufügen, bezieht sich aber auf diese Spezialeinheit des MfS innerhalb der Grenztruppen)

Waren das diese und weiß jemand näheres wie die arbeiteten?
Kann mir vorstellen das die immer wenn die Grenzkompanien neu bestückt wurden "untergemischt" wurden und nach der Entlassung wieder von vorne anfingen, also ewig Soldat und Gefreiter.
War die Kompanieführung über "besondere" Untergebene informiert?



Hier einige Anmerkungen:

"Sommerlochthema: Schießbefehl



In den Hauptnachrichten von ARD, ZDF, RBB vom 10.08.07, im „Spiegel“, Tagesspiegel“ vom 11.08.07 und sicherlich in anderen meinungsbildenden Medien auch wurde von einem brisanten Aktenfund in der BStU-Außenstelle Magdeburg berichtet. Endlich habe man einen bisher nie belegbaren – bei der Verurteilung von DDR-Bürgern im Zusammenhang mit Schüssen an der Grenze aber immer vorausgesetzten – „Schießbefehl“ entdeckt.

Anscheinend aus einem in einer IM-Akte enthaltenen Auftrag wird zitiert: „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben“.

Dieser Auftrag wurde vermutlich an einen IM erteilt, der die Fahnenflucht von Angehörigen der Grenztruppen verhindern sollte.

Es handelt sich also um einen Auftrag eines Führungsoffiziers und nicht um einen Befehl oder eine Dienstanweisung.

Unklar bleibt, welche ominöse Spezialeinheit des MfS innerhalb der Grenztruppen der DDR existiert haben soll. Die Verhinderung von Fahnenfluchten war Auftrag aller IM in den Streitkräften der DDR. Fahnenflucht war eine Militärstraftat nach § 254 des StGB der DDR. Sie wird auch heute als Militärstraftat gemäß § 16 des Wehrstrafgesetzes der BRD mit bis zu 5 Jahren Freiheitsentzug bestraft.

Die Anwendung von Schusswaffen war - wie in allen anderen bewaffneten Organen der DDR - auch im MfS durch eine Schusswaffengebrauchsbestimmung penibel geregelt. Bevor ich eine persönliche Dienstwaffe ausgehändigt bekam, musste ich, wie alle anderen Angehörigen des MfS diese Schusswaffengebrauchsvorschrift studieren und ihre Kenntnisnahme mit meiner Unterschrift bestätigen. Regelmäßig vierteljährlich musste ich ebenso mit Unterschrift aktenkundig erklären, dass ich mit dem Inhalt der Schusswaffengebrauchsvorschrift vertraut bin.

Für die Anwendung der Schusswaffe an der Staatsgrenze galt das Grenzgesetz der DDR, das einen speziellen Paragraphen zur Anwendung der Schusswaffe enthielt (§ 27 Grenzgesetz der DDR)

Kein Führungsoffizier des MfS konnte diese allgemeinverbindlichen Vorschriften außer Kraft setzen oder verändern.

Als 1973 (in Auswertung des Dramas der Olympiade in München) zur Verhinderung terroristischer Anschläge auf ausländische Teilnehmer der Weltfestspiele in Berlin eine zeitweilige Arbeitsgruppe Ausländische Festivalteilnehmer je zur Hälfte aus Angehörigen des MfS und der Deutschen Volkspolizei gebildet und worden war und ihre Einsatzstärke von mehr als 3.000 erreicht hatte, war es notwendig geworden, den Einsatz der Schusswaffe bei möglichen Geiselnahmen u. ä. zu regeln. Das konnte nur der Minister für Staatssicherheit in Abstimmung mit dem Minister des Inneren. Eine entsprechende, von Erich Mielke unterzeichnete Anweisung für den Einsatz der Schusswaffe unter diesen besonderen Bedingungen wurde von mir persönlich nach der Auflösung dieser zeitweiligen Arbeitsgruppe im September 1973 zusammen mit weiteren Unterlagen archiviert und liegt ebenso wie die Schusswaffengebrauchsbestimmung des MfS in der BStU vor.



Die Aufforderung an einen IM, die Schusswaffe ohne zu zögern einzusetzen, hebt die allgemeinen Vorschriften für den Einsatz der Schusswaffe nicht auf, sondern besagt nur, dass auch in einem solchen Fall, bei dem ein Fahnenflüchtiger nach der heutigen Terminologie mit menschlichen Schutzschilden operiert, auf einen Schusswaffeneinsatz gegen ihn nicht verzichtet werden sollte. (es ging also nicht um einen Schusswaffeneinsatz gegen Frauen und Kinder) Von einem Schusswaffeneinsatz „ohne Vorwarnung“ ist in dem veröffentlichten Text nichts zu lesen, wie auch das gesamte Dokument – aus welchen Gründen auch immer – vermutlich geheim bleiben wird. Was Zuschauer oder Leser zur Kenntnis nehmen dürfen, bestimmen Herr Knabe und Frau Birthler. Ob es dabei um die Aufdeckung der Wahrheit oder um gezielte Hetze gegen die DDR handelt, muss schon jeder selbst herausfinden.

Die Aufforderung zum Einsatz der Schusswaffe ist keinesfalls „Anstiftung zum Mord“ oder eine „Lizenz zum Töten“. Der Einsatz der Schusswaffe war den allgemeinen Vorschriften nach immer vom Ziel bestimmt die davon betroffene Person kampf- bzw. fluchtunfähig zu machen und letztlich festzunehmen. Das dabei auch Menschen getötet wurden, ist ebenso bedauerlich wie heutige Vorkommnisse, bei denen Personen von Polizisten oder verdeckten Ermittlern erschossen werden.



Mitten im Sommerloch und „rein zufällig“ passend zum Jahrestag des 13. August 1961 haben Herr Knabe und Frau Birthler wieder einmal mit Unterstützung gleichermaßen unkritischer wie diensteifriger Medien ihre Wichtigkeit unterstreichen können. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die geforderten staatsanwaltlichen Ermittlungen ausgehen werden wie das Hornberger Schießen.



Wolfgang Schmidt

11.08.2007



Nachtrag:

Nur einen einzigen Tag dauerte es, dann stellte sich heraus, dass der sensationelle Fund der BStU ein Dokument betrifft, das schon seit 1994 bekannt und bereits 1997 auszugsweise veröffentlicht worden war. Seinerzeit allerdings nicht mit der perfiden Ausdeutung der letzten Tage, gipfelnd in der Unterstellung eines "uneingeschränkten, flächendeckenden, bedingungslosen Schießbefehls gegen Frauen und Kinder".

Handelt es sich hier um Schweinejournalismus, Volksverhetzung pur, ritualisierte Stasi-Hysterie oder ist das ganze nur Erfüllung des normalen politischen Auftrags angeblich unabhängiger Medien?

W. S.

13.08.2007



2.Nachtrag:

Wider Erwarten veröffentlichte heute der "Spiegel" den vollständigen Auftrag für inoffizielle Mitarbeiter einer Einsatzkompanie, der vom "Spiegel" als "Dienstanweisung" bezeichnet wird. Diejenigen, die aus diesem Auftrag einen "bedingungslosen Schießbefehl" im Sinne einer Anweisung zum Töten von Frauen und Kindern ableiten, haben vermutlich absichtsvoll überlesen, das es im entsprechenden Abschnitt dieses Auftrages um die Verhinderung von Fahnenfluchten geht. Dabei wird u. a. gefordert, "...nach erfolgter Anwendung der Schusswaffe ... Erste Hilfe zu leisten..." sowie "... immer entsprechend den Grenzdienstvorschriften zu handeln..."

Ebenfalls zu erfahren war, dass dieses Dokument schon 1993 der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungskriminalität und 1996 dem Landgericht Berlin vorlag. Die geforderten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen müssten sich also auch gegen diese Stellen wegen des Verdachtes der Strafvereitelung richten.

Nebenbei erfährt man auch, dass die Leitung der BStU schon im Juni 2007 von der Magdeburger Außenstelle über den Dokumentenfund informiert war, offenbar aber abgewartet hat, die "Sensation" pünktlich vor dem 13. August zu verkünden.

W.S.

14.08.2007"
Quelle : WWW . mfs-insider.de


Hallo Alfred, mir geht es mit dem Thema in keinster Weise um irgendeinen Schießbefehl, glaube da sind wir bis zum Erbrechen durch, mir geht es nur um diese ominöse Einheit deren Aufgabe darin bestanden haben soll Fahnenfluchten zu vereiteln.
Da die wohl kaum hinter den Posten im Gebüsch gelegen haben werden, frage ich mich wie diese Aufgabenstellung erfüllt wurde.


zuletzt bearbeitet 01.11.2013 17:28 | nach oben springen

#13

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:31
von Alfred | 6.841 Beiträge

Nutze bitte mal die Suche. Hatten wir schon. Ich glaube @Merkur hatte sich entsprechend mitgeteilt.


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#14

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:33
von Rostocker | 7.718 Beiträge

Also ich kann mich nur an einen Fall erinnern,in der Ausbildung in Glöwen. Wir hatten einen auf der Stube,der wurde nach der Vereidigung versetzt zu solch einer Taucher Ausbildung. Wiedergesehen haben wir ihn erst wieder, ein Tag vor der Versetzung am Kanten. Er trug Offiziersuniform, Stiefel, Koppel,aber hatte Soldatenschulterstücke drauf. Wo man ihn hinversetzte wusste niemand. Ob das nun jemand von den sogenannten Gummiohren war, ich glaub das hat damals so sonderlich niemanden groß interessiert. Es sei denn man war schon damals ein großartiger Wiederstandskämpfer der nach Überprüfung an den Kanten gezogen wurde. Sicher wird es solche Leute gegeben haben und wird es in jeder Armee geben. Und wie dessen Arbeit ausschaut,wird man wohl nicht jeden Moschkoten auf die Nase binden. Das nennt sich halt, militärische Abwehr.


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#15

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:35
von RudiEK89 | 1.950 Beiträge

Q Grenzwolf,
ob es dafür eine Einheit gab, kann ich dir nicht sagen.
Ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen, was ein Soldat mir vor der Vergatterung sagte "der Uffz. XYZ wird heute Nacht im Rahmen der A-Gruppe Gelände" abhauen". Daraufhin informierte ich den KC und siehe da, der Uffz. wurde mit mir am gleichen Tag, in Ehren entlassen. Ein Schelm der Böses darüber denkt.
Ich persönlich denke darüber, dass man mich an diesem Abend testen wollte, wie ich als KGsi reagieren würde.

Andreas


März 1986 - Herbst 1986 Uffz. Schule Perleberg, GAR5. Glöwen
Herbst 1986 - Februar 1989 GR Heiligenstadt I. GB Klettenberg, 3. GK Silkerode
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#16

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:47
von ABV | 4.202 Beiträge

Bringt man jetzt bitte nicht die " Einsatzkompanie der HA I", auch unter der Bezeichnung "Schneewittchen" bekannt, und die "normalen" IM durcheinander.
Die " Einsatzkompanie" firmierte sich aus " Hauptamtlichen Inoffiziellen Mitarbeitern" des MfS. Die meist während der Ausbildung an der Unteroffiziersschule in Perleberg ausgewählt und angeworben wurden. Der Einsatz erfolgte, verdeckt unter entsprechender Legende, bei Vorlage konkreter Verdachtsgründe. Während die IM gewissermaßen den normalen Dienstbetrieb "beobachteten."

Oder Alfred?

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


4.Zug 4.Kompanie GAR-40 und Jobnomade haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#17

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:48
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von Alfred im Beitrag #13
Nutze bitte mal die Suche.
Als Suchbegriff würde ich mit Stintenburg anfangen *wink*

P.S. Einen Legendierten dürften die Wenigsten 'kennengelernt' haben.


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


zuletzt bearbeitet 01.11.2013 17:49 | nach oben springen

#18

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:49
von ABV | 4.202 Beiträge
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#19

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:49
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #16
Bringt man jetzt bitte nicht die " Einsatzkompanie der HA I", auch unter der Bezeichnung "Schneewittchen" bekannt, und die "normalen" IM durcheinander.
Die " Einsatzkompanie" firmierte sich aus " Hauptamtlichen Inoffiziellen Mitarbeitern" des MfS. Die meist während der Ausbildung an der Unteroffiziersschule in Perleberg ausgewählt und angeworben wurden. Der Einsatz erfolgte, verdeckt unter entsprechender Legende, bei Vorlage konkreter Verdachtsgründe. Während die IM gewissermaßen den normalen Dienstbetrieb "beobachteten."

Oder Alfred?

Gruß Uwe



ABV,

keine Angst. Ich kann schon unterscheiden.


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#20

RE: "Gummiohren"

in Grenztruppen der DDR 01.11.2013 17:50
von ABV | 4.202 Beiträge

Das zeichnet den wahren Experten aus.

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


RudiEK89 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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