#1

Lang ist es her!

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 17.10.2013 18:11
von GKUS64 | 1.609 Beiträge

Hallo erstmal,

Ja lang ist es her. Vor nunmehr 50 Jahren schlug bei mir die erst kurz vorher eingeführte Wehrpflicht zu. Es war direkt am 31.Oktober 1963, also am Reformationstag (sollten wir jetzt auch reformiert werden?), Sammelpunkt für die Dresdener war der Lichthof im Rathaus. Das Ziel sollte Eisenach sein, ein paar Wochen vorher hatte ich erst mitbekommen, dass dort die Grenzer ausgebildet
werden. Warum komm ich denn ausgerechnet dorthin? Keine Westverwandtschaft war meine Erklärung. In noch recht lockerere Formation mussten wir dann vorm Rathaus antreten und im Fußmarsch ging es unter Begleitung von Offizieren und Unteroffizieren die ca. 800 m zum Hauptbahnhof (damals wurde der Weg noch von weitläufigen kahlen Wiesen gesäumt) . Als wir in einem Sonderzug verfrachtet waren und die Offiziere außer Sichtweite, begann die Abschiedsstimmung mit lauten Gesängen und Leeren der eingeschmuggelten Getränke.
Abschiedsszenen auf dem Bahnsteig vor allem bei den älteren Semestern mit Frau und Kindern.
Mit meinen 20 Jahren hatte ich da nicht so tiefe Gefühlswallungen, mir gings dann mehr darum die richtigen Kumpels mit den richtigen Getränken zu finden.
Die Fahrt ins Ungewisse begann. Was an dieser Grenze alles passieren kann und was schon alles passiert ist, waren ja vorher ständige Themen unter Freunden und in der Familie.
Vor zwei Jahren wurde diese Grenze erst geschlossen und entsprechend befestigt (Minen lagen schon!). Ende Oktober 1962 die Kuba-Krise, wie geht es weiter?
Also ich hatte das Gefühl, bei Mutter und Vater war die Angst größer als bei mir, was da auf mich zukommt.
Leicht alkoholisiert dann mit LO´s in die Kaserne gebracht, in Stuben und Züge aufgeteilt, in der BA-Kammer die Klamotten usw. gefasst, der Ton wurde rauer!
Am nächsten Tag ging das Theater dann erst richtig los, „Kompanie Nachtruhe beenden, raustreten zum Frühsport“, „Was für ein Sauhaufen, wegtreten, raustreten“ usw.
Ja diesen Zauber kennen alle ehemaligen AGT bzw. Kantenlatscher . Rückblickend kann ich sagen, dass die ersten 4 Wochen in Eisenach die unmöglichsten waren. Später hatte man sich an vieles gewöhnt und am Kanten (Begriff habe ich erst hier gelernt) war (wenn nichts besonderes passierte!)
es auszuhalten.

Viel ist passiert in den vergangenen 50 Jahren, viel Zeit und Geld wurden sinnlos verschwendet und man muss doch eigentlich froh sein, dass dieser Grenz-Zirkus vorbei ist und manchmal erschrickt man dass die zeit so schnell vergangen ist (betrifft nur die alten Säcke!).

Was gab es bei euch vor 30, 40, 50, 60 Jahren für Gedanken bei der Einberufung und auch danach ?

MfG

GKUS64


Hapedi, silberfuchs60 und Raupenfahrer haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#2

RE: Lang ist es her!

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 17.10.2013 18:19
von linamax | 2.020 Beiträge

Zitat von GKUS64 im Beitrag #1
Hallo erstmal,

Ja lang ist es her. Vor nunmehr 50 Jahren schlug bei mir die erst kurz vorher eingeführte Wehrpflicht zu. Es war direkt am 31.Oktober 1963, also am Reformationstag (sollten wir jetzt auch reformiert werden?), Sammelpunkt für die Dresdener war der Lichthof im Rathaus. Das Ziel sollte Eisenach sein, ein paar Wochen vorher hatte ich erst mitbekommen, dass dort die Grenzer ausgebildet
werden. Warum komm ich denn ausgerechnet dorthin? Keine Westverwandtschaft war meine Erklärung. In noch recht lockerere Formation mussten wir dann vorm Rathaus antreten und im Fußmarsch ging es unter Begleitung von Offizieren und Unteroffizieren die ca. 800 m zum Hauptbahnhof (damals wurde der Weg noch von weitläufigen kahlen Wiesen gesäumt) . Als wir in einem Sonderzug verfrachtet waren und die Offiziere außer Sichtweite, begann die Abschiedsstimmung mit lauten Gesängen und Leeren der eingeschmuggelten Getränke.
Abschiedsszenen auf dem Bahnsteig vor allem bei den älteren Semestern mit Frau und Kindern.
Mit meinen 20 Jahren hatte ich da nicht so tiefe Gefühlswallungen, mir gings dann mehr darum die richtigen Kumpels mit den richtigen Getränken zu finden.
Die Fahrt ins Ungewisse begann. Was an dieser Grenze alles passieren kann und was schon alles passiert ist, waren ja vorher ständige Themen unter Freunden und in der Familie.
Vor zwei Jahren wurde diese Grenze erst geschlossen und entsprechend befestigt (Minen lagen schon!). Ende Oktober 1962 die Kuba-Krise, wie geht es weiter?
Also ich hatte das Gefühl, bei Mutter und Vater war die Angst größer als bei mir, was da auf mich zukommt.
Leicht alkoholisiert dann mit LO´s in die Kaserne gebracht, in Stuben und Züge aufgeteilt, in der BA-Kammer die Klamotten usw. gefasst, der Ton wurde rauer!
Am nächsten Tag ging das Theater dann erst richtig los, „Kompanie Nachtruhe beenden, raustreten zum Frühsport“, „Was für ein Sauhaufen, wegtreten, raustreten“ usw.
Ja diesen Zauber kennen alle ehemaligen AGT bzw. Kantenlatscher . Rückblickend kann ich sagen, dass die ersten 4 Wochen in Eisenach die unmöglichsten waren. Später hatte man sich an vieles gewöhnt und am Kanten (Begriff habe ich erst hier gelernt) war (wenn nichts besonderes passierte!)
es auszuhalten.

Viel ist passiert in den vergangenen 50 Jahren, viel Zeit und Geld wurden sinnlos verschwendet und man muss doch eigentlich froh sein, dass dieser Grenz-Zirkus vorbei ist und manchmal erschrickt man dass die zeit so schnell vergangen ist (betrifft nur die alten Säcke!).

Was gab es bei euch vor 30, 40, 50, 60 Jahren für Gedanken bei der Einberufung und auch danach ?

MfG

GKUS64


Hallo GKUS64
Bei wir waren es dieses Jahr 46 Jahre . Auch in Dresden von Bahnhof Neustadt in den Zug und in Meiningen ausgestiegen . Und von da ab kannte ich nur noch Laufschritt .


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#3

RE: Lang ist es her!

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 18.10.2013 16:53
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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50 Jahre ist eine lange Zeit, Respekt.
19 Jahre später hieß es bei mir Abmarsch zum Schutz der Staatsgrenze.
Ausbildung war halt Armee, schön altpreußisch geprägt, aber wissen wir ja alle die dabei waren.
So richtig mulmig wurde mir am Anfang an der Grenze als ich das dann alles so direkt gesehen hatte, die Vorstellung war ja nur recht vage.
Weiß noch das ich den Gefreiten mit dem ich das erste mal draußen war gefragt hatte wie viele Grenzverletzer in einem Jahr wohl so durchschnittlich kommen würden.
Die Antwort das paar Jahre keiner gekommen wäre hat mich dann etwas beruhigt.
War schon ein sonderbares Konstrukt diese Grenze mitten in Deutschland.
Schön ist wenn man, wie ich letztens auf meiner Spurensuche, sieht wie normal und friedlich jetzt alles im ehemaligen Grenzgebiet seinen Gang geht, die Spuren der Vergangenheit sind weitestgehend verschwunden.
Egal wie man zur Vergangenheit und der DDR steht, es ist gut so wie es jetzt ist.


GKUS64 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 18.10.2013 17:22 | nach oben springen

#4

RE: Lang ist es her!

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 18.10.2013 17:05
von Hansteiner | 1.415 Beiträge

Stimmt, was du sagts. Genau so war es bei mir auch.
In der ganzen Zeit habe ich bei einer Festnahme einmal die Mpi durchgeladen und mußte auch nicht einen Warnschuss abgeben.
Glück gehabt!!!

VG H.



GKUS64 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#5

RE: Lang ist es her!

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 26.10.2013 22:07
von jens-66 | 188 Beiträge

Mein Zeit ist 24 Jahre her.
Habe den Zaun noch mit abgebaut bevor es nach Hause ging.
Denn ersten Tag habe ich und kann ich auch nicht vergessen.
Ich war " Selbststeller" also ich bin nicht mit einem Sammeltransport, sondern mit dem Auto zum Grenzausbildungsregiment gefahren.
War ja nur 24 km von zu Hause entfernt.
Mein Schwiegervater hat mich dort hin gefahren - meine Frau war auch dabei.
Er war sehr emotional der Abschied weil man ja auch nicht wusste, wann man sich wiedersieht.
Nach der Anmeldung gab es gleich den ersten Mecker , weil ich zwar den Armeehaarschnitt hatte aber der Oberlippenbart war noch dran.
Musste den dann auch sofort abrasieren.
Die 3 Monate Ausbildung waren echt belastend.
Ich dachte aber immer: Auch das geht vorbei.
Später ging es dann nach Scharfenstein zwischen Ilsenburg und Brocken.
Unser Abschnitt ging auch bis zum Brocken hoch, den ich ja auch wenn schönes Wetter war von zu Hause sehen konnte.
Die übrige Zeit dort im Grenzdienst war nicht so schlimm- vielleicht auch deshalb weil wir nur eine kleine Kompanie waren.
Der Zusammenhalt war ganz gut und die EK Bewegung hielt sich in Grenzen.
Zum anderen ist dies dort eine schöne Umgebung und Natur.
Heute kann man überall hin gehen aber dort gibt es so viele schöne Ecken die man ein einem Tag nicht ablaufen kann.
Eins noch: Wenn die Obrichkeit gewusst hätte, was wir so im Grenzdienst treiben, hätten die uns lange in den Bau gesteckt.


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#6

RE: Lang ist es her!

in Die Grenze,Die Teilung,geteilte Familien 26.10.2013 22:51
von Mike59 | 7.969 Beiträge

Zitat von jens-66 im Beitrag #5
Mein Zeit ist 24 Jahre her.
Habe den Zaun noch mit abgebaut bevor es nach Hause ging.
Denn ersten Tag habe ich und kann ich auch nicht vergessen.
Ich war " Selbststeller" also ich bin nicht mit einem Sammeltransport, sondern mit dem Auto zum Grenzausbildungsregiment gefahren.
War ja nur 24 km von zu Hause entfernt.
Mein Schwiegervater hat mich dort hin gefahren - meine Frau war auch dabei.
Er war sehr emotional der Abschied weil man ja auch nicht wusste, wann man sich wiedersieht.
Nach der Anmeldung gab es gleich den ersten Mecker , weil ich zwar den Armeehaarschnitt hatte aber der Oberlippenbart war noch dran.
Musste den dann auch sofort abrasieren.
Die 3 Monate Ausbildung waren echt belastend.
Ich dachte aber immer: Auch das geht vorbei.
Später ging es dann nach Scharfenstein zwischen Ilsenburg und Brocken.
Unser Abschnitt ging auch bis zum Brocken hoch, den ich ja auch wenn schönes Wetter war von zu Hause sehen konnte.
Die übrige Zeit dort im Grenzdienst war nicht so schlimm- vielleicht auch deshalb weil wir nur eine kleine Kompanie waren.
Der Zusammenhalt war ganz gut und die EK Bewegung hielt sich in Grenzen.
Zum anderen ist dies dort eine schöne Umgebung und Natur.
Heute kann man überall hin gehen aber dort gibt es so viele schöne Ecken die man ein einem Tag nicht ablaufen kann.
Eins noch: Wenn die Obrichkeit gewusst hätte, was wir so im Grenzdienst treiben, hätten die uns lange in den Bau gesteckt.


Was verstehst du unter Obrigkeit? und vergiss das mit die wussten nicht was draußen abläuft - sicher nicht e Detail - aber sie wussten es.


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