#21

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 15.10.2013 18:56
von ABV | 4.202 Beiträge

4. Fortsetzung
Ich hoffe, dass sich nicht zu viele Rechtschreibfehler eingeschlichen haben

Heiner Burghard lebte zusammen mit seiner Ehefrau und der fünfzehnjährigen Tochter Cellin, in einer Vierraumwohnung. Im sechsten Stock eines Hochhauses. In unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Grenzübergang „Stadtbrücke“. Von dem jedoch nicht mehr viel übrig geblieben war. Die riesige Überdachung, Kontrollhäuschen und Dienstgebäude, sucht man seit einiger Zeit vergebens. Innerhalb weniger Monate waren die einst zum Stadtbild gehörenden Insignien der europäischen Teilung, der Abrissbirne zum Opfer gefallen.
Unterwegs erzählte Burghard stolz, dass er nicht in irgend einer Wohnung lebte! Spielte sie doch eine gewchtige Rolle im berühmt gewordenen Gefängnisausbruch von Frankfurt. Der sich an einen warmen Spätsommertag im Jahre 1981 ereignet hatte. Ausgerechnet in Burghards Wohnung, die zu jener Zeit freilich noch von der Familie des Hausmeisters bewohnt wurde, waren die Ausbrecher, gemeinsam mit ihren Geiseln, geflüchtet. Nach endlos langen Stunden vergeblichen Verhandelns mit der Polizei, war es hier zum großen Showdown gekommen. Zwischen den Häftlingen und einer Anti-Terroreinheit der Staatssicherheit.

Siebenschuh hörte kaum zu. Seine Gedanken kreisten nur um ein Thema: den von Burghard an der „ Berliner Mauer“ erschossenen Jungen. Im Stillen ärgerte er sich darüber, dass er das Thema so abrupt beendet hatte. Der Reporter wollte mehr über den Vorfall erfahren. Vor allem fehlte ihm bislang jeder Hinweis auf den genauen Ort des Geschehens. Im Zeitungsartikel stand lediglich, dass der Junge nördlich von Berlin erschossen wurde. Obwohl, so viele dreizehnjährige Kinder dürften selbst an der Mauer nicht ums Leben gekommen sein. So das eine Internetrecherche durchaus von Erfolg gekrönt sein könnte. Aber die Aussage eines Beteiligten besitzt nun einmal einen deutlich höheren Aussagewert, als jedes Wort eines auf Dokumente angewiesenen Historikers.

„ Wir sind da“ sagte Heiner Burghard. Unwillkürlich schaute Siebenschuh nach oben. „ Ich wusste gar nicht, dass auch in Frankfurt (Oder) Wolkenkratzer gibt. Bisher hatte ich sie lediglich in dem richtigen Frankfurt verortet.“ „ Richtiges Frankfurt“, schnaubte Heiner pikiert. „ Dann sind wir jetzt hier wohl im falschen Frankfurt? Du hast dich ja schon zu einem richtigen Wessi entwickelt.“ „ So war das doch nicht gemeint. Aber mit Mainhattan kann Frankfurt an der Oder nun wirklich nicht mithalten.“ „ Warte ab, bis du die Stadt und deren Einwohner so richtig kennen gelernt hast“, erwiderte Heiner, während er die Eingangstür aufschloss. Gegenüber auf der breiten Karl-Marx-Straße, von den Frankfurtern als Magistrale bezeichnet, fuhr quietschend eine Straßenbahn vorüber. Beim Hineingehen hörten sie in der Ferne den schrillen Ton einer Polizeisirene. Auf und abschwellend, dabei immer lauter werdend. Blaulicht flackerte unstet in der Dunkelheit. Neugierig schaute sich Siebenschuh noch einmal um. Ein Audi der gehobenen Klasse, raste vor dem Polizeifahrzeug über die ansonsten leere Straße. Schwungvoll, ohne den Blinker zu betätigen, bog der Gejagte nach links ab. In Richtung Polen. Ebenso schwungvoll bemühte sich der Streifenwagen an dem Verfolgten dran zu bleiben. Reifen quietschten und der Geruch verbrannten Gummis verpeste die Nachtluft. Burghard nahm von dem Geschehen hinter ihm auf der Straße kaum Notiz. „ Die Bullen jagen mal wieder einen polnischen Autodieb. So etwas passiert hier mehrmals in der Woche. Seitdem es keine Grenzkontrollen mehr gibt. Ist schon beinahe genauso alltäglich geworden, wie stinknormale Parkplatzunfälle.“

Unwillkürlich dachte Siebenschuh an das geplatzte Interview mit dem polnischen Autoschieber. Vielleicht saß der ja in dem Nobelwagen? Das Geräusch der Polizeisirene entfernte sich rasch in Richtung Slubice. Bis es schließlich völlig verstummte.
„ Gibt es in dem Haus wenigstens einen Fahrtsuhl?“, erkundigte sich Siebenschuh bang. Verspürte er doch wenig Lust, bis in den sechsten Stock hinauf zu laufen. „ Du traust uns aber auch überhaupt nichts zu“, schmunzelte Heiner Burghard. „ Den Fahrstuhl haben schon seinerzeit die Knastausbrecher benutzt. Und die Superhelden von der Stasi sicher auch.“

Wenig später gelangten sie in Heiners Wohnung an. „ Sei bitte leise, meine Tochter schläft“, bat er dieser den Gast. Klaus Siebenschuh nickte verständnisvoll. „ Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du im Wohnzimmer auf der Couch schlafen. Wir können ja noch einen Absacker zu uns nehmen.“ Heiner zwinkerte aufgeräumt. „ Bier, Kognak, Wodka?“ „ Ein Bier genügt mir völlig“ antwortete Siebenschuh, dabei unauffällig die Wohnung musternd. Die Einrichtung zeugte sowohl von soldider Sparsamkeit, als auch vom guten Geschmack der Bewohner. Im Wohnzimmer stand eine nussbraune kompakte Schrankwand. An der Wand, umgeben von den Lautsprechern einer Heimkinoanlage, hing ein breiter Flachbildschirmfernseher. Davor, daneben, dazwischen, einfach überall: großformatige Familienbilder. Hier herrschte genau genau jene Eintracht, nach der sich Siebenschuh vergeblich sehnte. Wer persönliche Freiheit und Unabhängigkeit bevorzugte, bekam Einsamkeit gratis dazu.

Heiner stellte zwei Flaschen „ Hasseröder“-Bier auf den Tisch, schaltete den Fernseher ein und sagte dann: „ Mensch Klaus, wer hätte gedacht das wir uns in diesem Leben noch einmal wiedersehen?“ Siebenschuh setzte ein breites Grinsen auf. „ Das Leben ist halt voller Überraschungen.“
Sie redeten wieder über Belanglosigkeiten. Wärmten uralte Schnurren aus der Jugendzeit auf. Siebenschuh, den die Geschichten langweilten, wartete auf den richtigen Zeitpunkt, wieder über die Todesschüsse an der Grenze zu reden. Als Heiner ganz allgemein von der Militärzeit reden wollte, sah er den Augenblick gekommen: „ Heiner, verstehe mich nicht falsch: aber ich kann es noch immer nicht glauben, dass du auf einen Menschen, noch dazu auf ein Kind, geschossen haben sollst. Nimm es mir nicht übel, aber das beschäftigt mich noch immer.“

Heiner erhob sich von seinem Platz, ging zum Fenster und öffnete beide Flügel. „ Hätte ich bloß den Mund gehalten“, stöhnte er. „ Aber du hast recht! Entweder man schweigt über solche Dinge. Oder man erzählt die ganze Geschichte. Niemand gibt sich mit ein paar Brocken zufrieden.“
Kühle Nachtluft wehte von der nahen Oder her ins Wohnzimmer. Vom Fenster aus ging der Blick weit nach Osten. Ins benachbarte polnische Städtchen Slubice ein. Deren vereinzelte Lichter matt in der Dunkelheit glänzten. Heiner schloss das Fenster.

Dann kehrte er wieder an den Tisch zurück. Nachdenklich, das Gesicht zur Maske erstarrt, begann er sich die quälende Last von der Seele zu reden:
„ Ich wurde mit achtzehn Jahren zu den Grenztruppen eingezogen. Ein halbes Jahr nach Beendigung meiner Lehrausbildung. Jeder sagte mir, dass ich das ganz große Los gezogen hätte. Schon mit zwanzig Jahren würde die ganze Scheiße hinter mir liegen. Während andere mitunter bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr warten müssten. Da haben die meisten schon Familie! Außerdem stellt der Wehrdienst bei den Grenztruppen noch immer die bessere Alternative gegenüber Mot-Schützen oder Panzern dar. Wer denkt schon daran, dass man als Grenzer womöglich in die Verlegenheit kommt, auf Menschen schießen zu müssen? Wie viele haben an der Grenze gedient, ohne das auch nur das geringste vorgefallen ist? Kennst du noch den Jörg Walter? Oder Edmund Seidel? Günter Herzig und Rene Richter? Die stammen alle aus unserem Nest. Jeder von ihnen hat irgendwo an dieser Scheißgrenze gestanden. Keinen von ihnen ist jemals ein Flüchtling begegnet. Im Gegenteil: sie haben mich sogar zu meiner Einberufung beglückwünscht!

Das erste halbe Jahr im Ausbildungsregiment wird ein wenig hart werden. So ist es nun einmal bei der Asche. Aber wer noch nie mit der Schnauze im Dreck lag, war auch nie Soldat. All das Gesülze, mit dem sich schon unsere Opas den Barras schön redeten. Nach sechs Monaten hast du das Schlimmste überstanden. Draußen an der Grenze, hast du deine Ruhe. Da verheizt dich keiner mehr. Selbst Frühsport ist in den Grenzkompanien ein absolutes Fremdwort. Und mehr Sold gibt es auch. Was will man mehr?“

Heiner spülte seinen vom Reden trocken gewordenen Mund mit Bier aus. Nach kurzem Nachdenken setzte er fort: „ Zuerst landete ich in Oranienburg. In einem zum Kasernengelände umfunktionierten Schloss. Hier wurden die künftigen Grenzer für den Einsatz an der Berliner Mauer ausgebildet. Den Beinamen „ Burg Schleifstein“ trug die Kaserne nicht umsonst. Weißt du, nicht jeder ist zum Soldat geboren. Ich gehöre mit Sicherheit dazu. Das Gebrüll der Ausbilder, der ganze entwürdigende Stumpfsinn, von früh bis spät, hat mich beinahe an den Rand des Wahnsinns gebracht. Dazu kam noch das quälende Heimweh.

Ende Oktober 1983 wurden wir endlich auf die umliegenden Grenzregimenter verteilt. Ich kam nach Hennigsdorf. Nördlich von Berlin.Zur 2. Grenzkompanie.Eigentlich hatte ich ja gehofft, direkt in der Hauptstadt eingesetzt zu werden. Der besseren Zugverbindungen wegen. Aber egal, Hauptsache weg aus Oranienburg! Nach einer halbstündigen LKW-Fahrt kamen wir dort an. In der Clara-Zetkin-Kaserne, dem Standort des Grenzregimentes 38. Auf dem Appellplatz nahm uns Major Pinkowski, der Kompaniechf der 2. Grenzkompanie, persönlich in Empfang.“
Heiner holte tief Luft. Für einen Moment überkam ihn starke Erregung. Es dauerte einige Sekunden, bis er sich wieder in der Gewalt hatte. Kopfschüttelnd redete er weiter:
„ Pinkowski, ein untersetzter, bebrillter Stiefelhosen tragender Offizier, baute sich breitbeinig, die Arme auf dem Rücken verschränkt, vor uns auf. Irgendwie erinnerte mich der Kerl an einen SS-Offizier. Der vor der Rampe steht und KZ-Häftlinge selektiert. Ich hätte nie geglaubt, dass es solche Typen auch im Sozialismus gab. Was dann folgte, stellte die physische Erscheinung dieses Offiziers noch in den Schatten stellen. Nie werde ich seine Worte vergessen: „ Guten Tag Genossen! Ich bin Major Pinkowski. Ihr Kompaniechef und damit für das kommende Jahr ihr direkter Vorgesetzter. Ich lege großen Wert auf Disziplin und Gehorsam! In der Kompanie, vor allem aber im Grenzdienst. Solange ich Kompaniechef bin, ist es niemanden gelungen in meinem Abschnitt die Staatsgrenze zu überwinden. Und das soll auch gefälligst so bleiben! Wer auf dem Turm beim Pennen erwischt wird, den reiße ich den Arsch bis zur Halskrause auf! Sollte sich einmal so eine Drecksau in meinen Abschnitt verirren, dann habt ihr alles zu unternehmen, dass der Kerl unschädlich gemacht wird. Und wenn ich alles sage, meine ich auch alles. Eure Knarren tragt ihr nicht zum Spaß mit euch herum! Sondern dazu, um Grenzverletzer vor einer Riesendummheit zu bewahren. Nämlich die Annehmlichkeiten des Arbeiter und Bauernparadieses gegen die kalte Welt des Kapitalismus einzutauschen. Wer unsere Grenze nicht respektiert, bekommt die Kugel zu spüren. Das hat schon unser Minister Hoffmann gesagt. Falls es doch jemanden gelingen sollte, in den Westen zu kommen, nur weil einer von euch nicht pflichtgemäß die Schusswaffe angewendet hat, dann ist dem Postenpaar in dessen Bereich der Kerl rüber ist, mindestens ein Jahr Schwedt sicher. Schreibt euch das gefälligst hinter die Ohren!
Im Anschluss an diese Rede marschierten wir in die Unterkunft.“

Heiner Burghard holte tief Luft: „ Ich weiß ja nicht wie es in anderen Grenzkompanien aussah. Im Dunstbereich des Majors Pinkowski herrschte jedenfalls ein Klima der Angst. So viel Unterwürfigkeit habe ich nicht einmal im Ausbildungsregiment erlebt. Draußen am Kanten, so hieß die Grenze im internen Grenzerjargon, hatte niemand Angst vor Grenzverletzern. Auch nicht vor dem angeblich so bösen Klassenfeind. Und den ebenso angeblich bösen, aufgehetzten Westberlinern. Die höchstens mal ein paar flapsige Worte oder sogar Zigaretten herüberwarfen. Unser Feind hieß Pinkowski! Major Pinkowski! Der sich nicht einmal zu schade war, sich heimlich an die Posten heranzuschleichen. Um deren Wachsamkeit zu prüfen. Wer die zweifelhafte Ehre hatte den Genossen Major in den Abschnitt zu fahren, musste die Waffe auf ihn richten. Er hätte ja schließlich abhauen können. Wir sollten in jeden einen potentiellen Grenzverletzer sehen. Niemanden vertrauen. Nicht einmal den eigenen Kompaniechef.“

„ Das ist ja pervers“, meinte Siebenschuh, der atemlos zuhörte. Das war die Story, nach der er bislang vergeblich gesucht hatte.
„ Pervers ist noch eine nette Umschreibung Klaus. Lange brauchte ich den abartigen Zirkus nicht ertragen. Für einen sehr hohen Preis! In der letzten Novemberwoche des Jahres 1983 herrschte tagelang graues Nebelwetter. Die Landschaft lag unter einem einzigen Schleier. Keine Nacht verging mehr ohne Grenzalarm. Meist handelte es sich um Fehlauslösungen des Grenzsignalzauns. Vierundzwanzig Stunden vor dem schlimmsten Tag meines Lebens, wurden jedoch Schuhspuren auf dem Kontrollstreifen gefunden. Irgendwie muss es dem großen Unbekannten jedoch gelungen sein, unbeschadet aus dem Grenzgebiet herauszukommen. Meine Kompanie hatte gerade Dienst. Major Pinkowski tobte wie ein Berserker, weil uns der Grenzverletzer entwischte. Wir krochen ohnehin schon auf dem Zahnfleisch. Grenzdienste im wechselnden Drei-Schichtrythmus. Dazwischen hatten wir jeweils den Grenzalarmzug zu stellen. Mehr als drei Stunden zusammenhängender Schlaf war nicht drin.“

Heiner Burghard tauschte die leeren gegen volle Bierflaschen aus. „ Da kann ich ja froh sein, dass ich bei den Nachrichtentruppen war“, konstatierte Siebenschuh. „ Das war nicht der schlechteste Job innerhalb der unseligen NVA.“ Burghard stierte abwesend die Wand an. In seinem Kopf lief wieder jener Film ab, der ihn lange Zeit fast um den Verstand gebracht hätte:
„ An jenem besagten schwarzen Tag, der eigentlich nebelgrau war, sind wir früh um 07:00 Uhr hundemüde nach dem Grenzdienst ins Bett gefallen. Ich gehörte den Alarmzug an, hoffte aber inständig, dass der verdammte Grenzsignalzaun wenigstens in den kommenden acht Stunden von nichts und niemanden ausgelöst werden würde. Am Tage lagen die Chancen dafür gar nicht so schlecht. Leider waren uns nicht einmal zwei Stunden Ruhe gegönnt.

Gegen 09:00 Uhr riss der UvD die Tür auf und brüllte: „ Alarmzug, Grenzalarm:“
Beinahe automatisch sprangen wir aus den Betten. Schlüpften in die Felddienstuniformen, eilten in die Waffenkammer und saßen wenige Minuten später auf der Ladefläche eines W 50.

Es hatte wieder eine Auslösung gegeben. Man ging davon aus, dass es der gescheiterte Grenzverletzer noch einmal versuchen würde. Diesmal sollte die Fahndung um jeden Preis von Erfolg gekrönt sein. Eine zweite Blamage konnte und wollte sich die Führung des Grenzregimentes offenbar nicht leisten. Die Aufgabe des Alarmzuges bestand darin, dem Grenzverletzer den Rückzugsweg abzuschneiden. Falls er nicht vorn an der Linie geschnappt wird. Nach und nach wurden wir auf einzelne Postenpunkte verteilt. Ich bezog mit meinem Postenführer, einem Familienvater aus Mecklenburg, Stellung auf einer Waldlichtung. Quälend lange Minuten vergingen. Ohne das etwas geschah. Feuchte Nebelschwaden waberten über die Lichtung. Fatalerweise schien der Nebel immer dichter zu werden. Dann erfolgte ein Funkspruch: „ Spuren auf dem Kontrollstreifen. Zwei Personen flüchten zurück ins Hinterland.“

Trotz des nasskalten Wetters, lief uns der Schweiss in Bächen den Rücken herab. „ Bitte, bitte nicht bei mir. Bitte, bitte nicht bei mir“, begann der Postenführer plötzlich flehentlich zu murmeln. Zu allem Überfluss erklang auch noch die wohlbekannte Stimme von Major Piotrowski im Funkgerät. Er leitete persönlich die Menschenjagd.“

Heiner kämpfte wieder mit dem bereits bekannten Zittern. Mühsam bemühte er sich, seine außer Kontrolle geratenen Glieder in den Griff zu bekommen. Dabei fiel ihm das Bierglas aus der Hand. Siebenschuh hob es blitzschnell wieder auf, konnte aber nicht verhindern, dass sich eine Bierpfütze auf dem Teppich ausbreitete. Mit heiserer Stimme kam Heiner zum makaberen Finale: Plötzlich kamen zwei Schatten aus dem gegenüberliegenden Waldstück gerannt. Direkt auf uns zu! Der Postenführer brüllte etwas von Halt Stehenbleiben. Die Schatten reagierten nicht, wollten an uns vorbei in das andere Waldstück. Halt stehen bleiben, oder ich wende die Schusswaffe an, brüllte der Postenführer, als die beiden Schatten noch immer keine Reaktion zeigten. Statt selbst zu schießen, gab er mir den Befehl dazu. Schieß doch, oder willst du das die Kerle entkommen? Pinkowski steckt uns nach Schwedt, jammerte der Postenführer. Ich war ebenfalls völlig durcheinander. Nicht mehr fähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Ohne nachzudenken lud ich meine Maschinenpistole und schoss den Fliehenden hinterher. Ich wollte niemanden töten. Sondern nur, dass sie endlich stehenbleiben! Beide Schatten fielen zu Boden. Der eine vor Angst. Und der andere, weil ich ihn in den Rücken getroffen hatte. Hast du schon mal einen Menschen sterben sehen? Das ist nicht so wie im Kino! Wo man einfach umfällt und daliegt. Den Anblick eines im Todeskampf zuckenden Körpers, wirst du nie wieder los. Vor allem dann nicht, wenn du für den Todeskampf verantwortlich bist! Die anfängliche Anspannung schlug endgültig in Entsetzen um, als wir erkannten, dass es sich bei den angeblichen Grenzverletzern um Kinder handelte. Ganz gewöhnliche Jungen.

Mein Postenführer fing sofort bitterlich an zu weinen. Ich konnte überhaupt nichts fühlen. Außer einer dumpfen quälenden Leere. Irgendwann eilten andere Grenzsoldaten heran. Unter ihnen Major Pinkowski. Als der unverletzte Junge zitternd aufstand, lies ihn dieses Vieh von einem Major die Hände heben. So als wenn von dem Kind irgend eine Gefahr ausgehen würde. Als der Junge dann so da stand, die Hände verzweifelt gen Himmel gereckt, trat ihm Pinkowski mit voller Wucht in den Hintern. Der andere Junge war noch nicht tot. Er rief, rief......“ Heiners Stimme drohte zu versagen, „ nach seiner Mutter. Mindestens fünf Minuten lang. Schaumiges Blut quoll ihm aus dem Mund. Später sagte jemand, dass er einen Lungensteckschuss erlitten hatte. Weißt du was dieser Pinkowski über Funk gesagt hat?“ Siebenschuh, einen eisigen Schauer verspürend, schüttelte den Kopf. „ An alle: die verdammte Drecksau blutet langsam aus.“

Heiner schlug sich weinend die rechte Hand vor den Kopf. „ Das war ein Kind! So redetet man doch nicht über ein Kind!“
Siebenschuh bedauerte, nicht heimlich sein Diktiergerät eingeschaltet zu haben. Aber er konnte sich auch auf sein ausgezeichnetes Gedächtnis verlassen. Insgeheim betrachtete er den "Seelenstriptease" als besonderen Glücksfall.

„ Was geschah dann weiter mit euch? Ich meine, habt ihr irgendwelche psychologische Betreuung bekommen?“ Heiner lachte hysterisch. „ Du hast tatsächlich keine Ahnung. Wir wurden mehrfach darüber belehrt, dass wir über den Vorfall die Schnauze zu halten haben. Zunächst von Pinkowski, dann von der Stasi. Anschließend bekamen wir einen Orden und ein paar Tage Sonderurlaub. Ehe man uns in eine andere Einheit versetzte. Weit weg von der Grenze. Offiziell hat sich danach niemand mehr um unseren Gemütszustand gekümmert. Inoffiziell um so mehr. Die Stasi hatte sogar einen Operativ-Vorgang für mich angelegt. Der den sinnigen Namen – Schattenläufer- trug. Zwanzig Spitzel waren im Laufe der Jahre auf mich angesetzt. Selbst der Psychologe, den ich nach dem Ende des Wehrdienstes in Anspruch nahm, hat der Staatssicherheit von unseren Sitzungen berichtet.

Außer mit ihm, habe ich tatsächlich mit keiner Seele über das furchtbare Geschehen gesprochen. Auch nicht mit meinen Eltern. Ich habe immer geahnt, mich eines Tages für den Tod des Jungen verantworten zu müssen. Als es dann soweit war, nach der Wiedervereinigung, sah ich die Gerichtsverhandlung auch als Chance. Als Chance mit dem mich unendlich belastenden Geschehen endlich abschließen zu können. Ich hatte das Glück, auf einen fairen Richter zu treffen. Zwei Jahre Haft auf Bewährung. Obwohl ich selbst nach geltendem DDR-Recht nicht hätte schießen dürfen! Aber der Richter zeigte Verständnis dafür, dass ich mich zum Tatzeitpunkt in einer so genannten psychologischen Ausnahmesituation befand. Major Pinkowski, nun mehr Inhaber einer Sicherheitsfirma, saß auf der Zeugenbank. Obwohl er, gerade er, auf die Anklagebank gehört hätte!

Das wusste ganz sicher auch der Richter. Pinkowski berief sich auf seine damaligen Befehle. Versteckte sich hinter Anweisungen. Deren Sinn er schon damals angezweifelt haben will. Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht gekotzt! Die Mutter von dem getöteten Jungen fungierte bei der Verhandlung als Nebenklägerin. Ich habe mir vorgenommen, mich bei ihr zu entschuldigen. Aber wieder einmal fehlte mir der Mut. Kann man sich eigentlich bei einer Mutter dafür entschuldigen, dass man ihren Sohn erschossen hat?

Wie gesagt, dass Urteil ermöglichte mir ins Leben zurückzukehren. Meine Eltern haben den ganzen Medienrummel, vor allem die Reaktionen der Nachbarn nicht verkraftet. Seit ihrem Tod habe ich Rottmeiersleben nie wiedergesehen.

Nach einer Odysse durch die Bundesrepublik, hat es mich vor zehn Jahren hierher nach Franfurt verschlagen. Ich bin dem Schicksal dankbar, dass es mir eine zweite Chance gewährte. In der Person meiner Frau Andrea, ihrer Tochter Linda, die immer mehr auch meine Tochter ist und der Arbeitsstelle im Hotel.“

„ Kennt man hier deine Vergangenheit?“
Heiner schüttelte heftig den Kopf. „ Weder meine Familie, noch auf der Arbeitsstelle. Und das ist auch gut so. Da ich damals nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde, findet sich die Vorstrafe auch in keinem Strafregister mehr.“ „ Dann kann man ja nur hoffen, dass das so bleibt“, meinte Siebenschuh. Heiner schaute ihn durchdringend an. „ Klaus, so wie mit dir, habe ich bisher noch mit keinem über das grausige Geschehen gesprochen. Wenn ich dir nicht so vertrauen würde, hätte ich es auch niemals getan. Ich hoffe, dass du mich nicht enttäuscht.“

Die letzten Worte klangen geradezu flehentlich. Siebenschuh hob beschwichtigend die Hände: „ Heiner, du kannst dich auf deinen alten Freund verlassen! Ich schwöre es dir!“
Wie konnte Heiner Brandt auch ahnen, dass sich der Freund aus fernen unbeschwerten Jugendtagen, mittlerweile in einen vom Ehrgeiz geplagten Reporter verwandelt hatte. Der für gewinnträchtige Schlagzeilen jeden Eid brechen würde!

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


Rainman2 und 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#22

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.10.2013 07:59
von 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 | 1.039 Beiträge

Klasse Uwe, Du hast das Zeug zu einem guten Erzähler!


Der Helm, den ich trage, hat viele Beulen. Einige davon stammen auch von meinen Feinden. Jürgen Kuczynski "Dialog mit meinem Urenkel"


ABV hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#23

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.10.2013 14:56
von SEG15D | 1.121 Beiträge

Mhhmmm, da hat sich uns Uwe aber schon an der Realität bedient beim Vorkommnis des Postenpaares. Das Ganze war schon mal in Wort und Bild Thema hier im Forum unter "Versuchte Fahnenflucht".
User @Sauerländer plazierte hier folgenden Link:
http://files.homepagemodules.de/b150225/f76t2420p45676n1.pdf

Das ist wohl die wahre Geschichte an Uwes Erzählung....

SEG15D



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#24

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.10.2013 18:53
von PF75 | 3.294 Beiträge

Da kann man nur froh seien das man selbst nicht in so eine Situation gekommen ist.


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#25

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 16.10.2013 20:46
von ABV | 4.202 Beiträge

5. Fortsetzung

Drei Tage nach dem nächtlichen Gespräch saß Siebenschuh Peter Lowinsky gegenüber. Der erst seit Kurzem als Chefredakteur aufgestiegen war. Noch am Morgen nach dem nächtlichen Gespräch, hatte er ihm telefonisch von den Erzählungen seines Jugendfreundes berichtet. Und sofort ein erstes Konzept für einen Artikel präsentiert.

Gönnerhaft lächelnd wurde Siebenschuh von Lowinsky in dessen kleinen, relativ bescheiden eingerichtetem Büro empfangen.
Lowinsky galt als Hoffnungsträger. Wenn es jemand gelang das Politjournal „Aufmerksam“ aus der Krise zu führen, dann er! Man sagte ihm nach, gewinnträchtige Schlagzeilen förmlich zu wittern. Zu dem beherrschte der frischgebackene Chefredakteur die Kunst, Sachverhalte so lange „ umzuformen“, bis sie ins Konzept passten. Auf dem ersten Blick wirkte der untersetzte Endvierziger, dessen rundes Gesicht von einem leicht ergrauten Vollbart eingerahmt wurde, wie ein gutmütiger Kumpeltyp. Mit dem gerne mal ein Bier trinken geht. Und dabei intime Geheimnisse anvertraut. Wohlgemerkt, auf den ersten Blick! Denn hinter der netten Fassade verbarg sich ein eiskalter, berechnender Charakter. Der für gute Schlagzeilen buchstäblich über Leichen ging.

„ Setz dich doch Klaus. Kaffee oder Tee?“ Lowinsky lächelte noch immer. Siebenschuh überlegte fieberhaft, was das ungewohnte "Dauerlächeln" des „Tyrannen“ bedeuten könnte?

„ Ein Kaffee wäre nicht schlecht“, antwortete Siebenschuh heiser. „ Milch und Zucker?“ „Schwarz wie die Nacht.“ „ Oder die Seele eines Reporters.“ Fröhlich lachend ging Lowinsky nach nebenan, um bei der Vorzimmerdame zwei Tassen Kafee zu ordern. An den Schreibtisch zurückgekehrt, kramte er Siebenschuhs Konzept aus der Schublade. Nahm es zwischen Daumen und Zeigefinger und sagte: „ Wie ich sehe, hast du dir ganz große Mühe gegeben, Klaus“. Ohne mit der Wimper zu zucken, zeriss Lowinsky die ausgedruckte A 4-Seite, zerknüllte das Papier und beförderte es schwungvoll in den Papierkorb.

Siebenschuh blieb der Mund vor Staunen offen stehen. Solch eine Reaktion hatte er nun wirklich nicht erwartet. Zwischenzeitlich servierte Ella Bartels dampfenden, pechschwarzen Kaffee. Völlig geschockt, in sich zusammengesunken, ein Donnerwetter erwartend, hockte Siebenschuh auf dem Stuhl. Lowinsky kostete die Situation aus. Es schien ihm Vergnügen zu bereiten, den Reporter derart zu erniedrigen.

„ Du trinkst ja gar nicht“, sagte er und deutete dabei auf die unberührte Kaffeetasse. „ Mir ist der Appetit vergangen“, knurrte Siebenschuh enttäuscht. Lowinsky trommelte mit den Fingern einen undefinierbaren Rhythmus auf der Schreibtischplatte. „ Ach Kläuschen! Nur weil ich deinen Entwurf nicht folge, heisst es doch noch lange nicht, dass das Projekt gestorben ist.Im Gegenteil! Ich finde die Grundidee super. Aber als Chef habe ich schließlich so etwas wie ein Mitspracherecht. Oder?“ Siebenschuh zuckte verständnislos die Achseln.

Ich erkläre dir mal, was ich genau meine: Du wolltest darüber berichten, wie übel deinem Jugendfreund seitens der DDR-Staatsorgane mitgespielt wurde. Glaubst du wirklich, dass sich nur ein Schwein dafür interessiert, wie in der DDR mit Mauermördern umgegangen wurde?
Mauermörder ist der Begriff, an dem wir ansetzen müssen. Und zwar in der Gegenwart. Nicht in der Vergangenheit!

In der von dir recherchierten Geschichte schlummert einiges an Potential:

Du hast geschrieben, dass dein Bekannter als Portier arbeite? In einem renommierten Hotel in Frankfurt (Oder). Wo auch dieser oder jener Gast aus dem Ausland absteigt.“ Siebenschuh bestätigte, ohne zunächst den tieferen Sinn der Frage zu erfassen. „ Klaus“, dozierte Lowinsky, dabei zur Unterstreichung des Gesagten die Handflächen nach außen kehrend, „Klaus, du bist einem Skandal auf die Schliche gekommen!“ „ Einem Skandal?“ „ Ja, mein Junge. Was wohl die Öffentlichkeit dazu sagen wird, dass im Hotel „ Grenzblick“ ein waschechter Mauermörder die Gäste empfängt?“

Lowinskys Gesichtszüge nahmen einen unbeschreiblich angeekelten Ausdruck an. „ So ungefähr könnte die Schlagzeile lauten: William Bradfort, seines Zeichens Handlungsreisender aus Liverpool, empfängt an der Rezeption des Hotels „ Grenzblick“ in Frankfurt (Oder), seine Zimmerschlüssel. Aus den Händen des Portiers Heiner Burghard. Mister Bradfort ahnt ja nicht, dass an diesen Händen Blut klebt. Das Blut eines erst dreizehnjährigen Jungen. Der einfach nur von Deutschland nach Deutschland wollte. Und deshalb eiskalt von dem selben Mann erschossen wurde, der heute freundlich lächelnd Gäste aus ganz Europa willkommen heißt. Ein makaberer Vorgang, wie er wohl nur im roten Brandenburg möglich ist.“

Lowinsky steigerte sich beim Reden in einen regelrechten Rausch hinein. So als ob er die gedruckte Ausgabe mit dem verfassten Artikel, bereits in den Händen halten würde. Leise schlürfend trank Siebenschuh von dem Kaffee. „ Ist das nicht ein wenig dick aufgetragen? Ich meine, die Tat liegt immerhin über dreißig Jahre zurück! Außerdem wurde er später nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlag verurteilt. Er ist nicht nur Täter, sondern auch Opfer.“ „ Er ist nur Täter, sondern auch Opfer“, äffte Lowinsky dem Reporter nach. „ Den Leser interessieren solche juristischen Spitzfindigkeiten nicht. Mord, Totschlag, entscheidend ist, was hinten rauskommt. Und das ist in diesem Fall ein toter Dreizehnjähriger. Merke dir gefälligst eins: in wie weit jemand als Opfer oder Täter gilt, dass bestimmen ganz alleine wir! Wir, die Medien. Presse, Funk und Fernsehen. Durch uns werden Politiker an die Fleischtöpfe der Macht gepusht. Und wenn es uns gefällt, wieder zu Fall gebracht. Schon mal was von einem gewissen Christian Wulff gehört?“

Genießerisch trank Lowinsky einen Schluck aus der geblümten Kaffeetasse. „ Ein Portier in der ostdeutschen Provinz ist doch aber kein Bundespräsident“, gab Siebenschuh zu Bedenken.

Lowinsky streckte den Zeigefinger der rechten Hand in Richung Siebenschuh aus. „ Richtig erkannt, Klaus. Meinst du wirklich, dass mich dieses Würstchen interessiert? Der ist nur Mittel zum Zweck. Ich erläutere dir jetzt das weitere Vorgehen in dieser Angelegenheit. Wie bist du eigentlich mit dem Portier verblieben? Wirst du ihn wieder besuchen?“ „ Ja, äh, ich habe seine Telefonnummer bekommen. Konkrete Termine wegen eines erneuten Besuches wurden noch nicht vereinbart. Ehrlich gesagt, ich verspüre wenig bis gar keine Lust dazu.“

Unwirsch fiel ihn Lowinsky ins Wort: „ Du hast deinen Job zu machen! Egal ob du Lust hast, oder nicht!“ Siebenschuh, der sich alles andere als wohl fühlte, nickte kaum merklich. Dem Reporter plagten schwere Zweifel. Lowinskys Stimme wurde plötzlich sanft. Er legte ihm die rechte Hand auf die Schulter und sagte: „ Reporter zu sein, ist nun einmal kein Zuckerschlecken. Hin und wieder sind wir gezwungen Dinge zu tun, denen ein gewisses Geschmäckle anhaftet. Wer tagtäglich in der Scheisse wühlt, fängt selbst an zu stinken. Halb so schlimm. Den Geruch kann man abwaschen. Zumindest jedoch überlagen. Wie man mir gesagt hat, ist es um deine Finanzen nicht gerade zum besten bestellt. Das letzte Geld ist einer Recherche draufgegangen. Ein herber Schlag für jemanden, der seit Jahren tief im Dispo steckt.“

Erschrocken wollte Siebenschuh aufspringen. Lowinsky hielt ihn zurück. „ Falls mein Plan aufgeht und du dich in dieser Angelegenheit zu meiner Zufriedenheit eingebracht hast, ist dir eine fette Prämie sicher.“ Siebenschuh überlegte einen Moment. „ Mit welchem Fettgehalt könnte ich denn so ungefähr rechnen?“ „ Das hängt ganz vom Erfolg ab. Und nicht unwesentlich von dir selbst. Fünfzigtausend Euro könnten durchaus drin sein. Damit wäre dir doch sicher geholfen.“

Lowinsky klopfte dem Reporter aufmunternd auf die Schulter. Während Siebenschuhs Blick sekundenlang an dem kitschigen Landschaftsbild hinter dem Schreibtisch, zu kleben schien.

„ Ok, was verlangen Sie von mir?“, presste er endlich hervor. Der Chefredakteur setzte ein zufriedenes Lächeln auf. Statt zu antworten, holte er eine im unteren Schubfach des Schreibtisches verborgene Flasche edlen französischen Weinbrandes inklusive zweier dickbäuchiger Gläser hervor und goss diese halbvoll. „Du wirst in den kommenden Tagen den Portier unter einem Vorwand, erneut besuchen. Schleiche dich in sein Vertrauen ein. Ich brauche Fotos von dem Mann. Die ihn auf der Arbeitsstelle zeigen. Am besten, wenn er einem Gast die Schlüssel aushändigt. Und Fotos aus seinem Privatleben. Dazu weitere Informationen, die für uns nützlich sein können. Eben alles was dazu gehört, um ein Monster zu kreieren. Weißt du wie man diese Vorgehensweise nennt?“ Siebenschuh zuckte erneut die Achseln: „ Ähm, mhmm, Stasimethoden?“ Lowinsky zeigte sich ehrlich empört:
„ Stasimethoden? Wir wenden doch keine Stasimethoden an! Das ist sauberer investigativer Journalismus. Von wegen Stasimethoden!“

Chefredakteur Lowinsky spuckte das Wort Stasimethoden regelrecht aus. Wie ein verdorbenes Stück Fleisch. Energisch wischte er sich eine Haarsträhne von der Stirn. Um sich dann wieder dem „Schlachtplan“ zu widmen:
„Mein Part besteht darin, konkrete Nachforschungen über den Vorfall an der Mauer anzustellen. Internet, Militärarchiv, alles was uns so zur Verfügung steht. Vielleicht kommen wir ja an die Prozessakten heran? Ich werde noch ein paar andere Mitarbeiter in die Spur schicken. Möglicherweise lebt ja die Mutter des Jungen noch? So ein Interview mit einem unglücklichen, gramgebeugten Mütterlein, kommt immer gut an.“

Von Visionen erfüllt, wanderte Lowinsky im Zimmer auf und ab. „ Kennst du den Namen des getöteten Jungen?“ Siebenschuh verneinte. „ Ich weiß nur, dass sich das Drama Ende November 1983 in der Nähe von Hennigsdorf, einer Kleinstadt nördlich von Berlin, abspielte.“ „ Wunderbar! So viele dreizehnjährige Bengels werden ja dort nicht zum selben Zeitpunkt erschossen worden sein.“

Lowinsky lachte, als ob er gerade einen Witz erzählt hätte. Schon wieder schoss ihm eine Idee durch den Kopf: „ Wir müssen unbedingt herausbekommen, ob es an der Stelle bereits einen Gedenkstein oder ähnliches gibt. Falls nicht, was ich ich stark hoffe, werden wir dafür sorgen, dass ein Stein errichtet wird. Das bringt uns zusätzliche Publicity.“

Der Chefredakteur schob Siebenschuh das Kognakglas hin. „ Klaus, lass uns auf das Projekt anstoßen. Falls mich mein Instinkt nicht täuscht, werden wir bald in der 1. Liga mitspielen. Seite an Seite mit – Spiegel- und – Stern-.“

Siebenschuh stürzte das scharfe Getränk in einem Zug hinunter. Wohlige Trägheit vernebelte ihm die Sinne. Die beruhigende Wirkung des hochprozentigen Alkohols setzte bei ihm erstaunlich rasch ein. Ebenso schnell lösten sich auch die anfangs noch vorhandenen Skrupel in Wohlgefallen auf. Was war denn schlecht darin, den gewaltsamen Tod eines Kindes zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu holen? Das der Täter dabei nicht gerade im besten Licht erscheint, lies sich kaum vermeiden. Woher wollte er denn wissen, ob ihm Heiner Brand tatsächlich die reine Wahrheit und nicht nur seine ganz eigene Version des Tatablaufs präsentiert hatte? Gibt es nicht zahllose Beispiele von Straftätern, die quasi als Schutz fürs eigene Seelenheil, wesentliche Dinge verdrängten?

„ Komm Klaus, auf einem Bein kann man nicht stehen. Oder bist du unter die Störche gegangen?“, flachste Lowinsky aufgeräumt, während er die Gläser erneut füllte. „ Auf gutes Gelingen, Chef“, zelebrierte Siebenschuh zu allem entschlossen.

Fortsetzung folgt

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Uwe


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#26

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.10.2013 11:30
von ABV | 4.202 Beiträge

6. Fortsetzung

In den folgenden Tagen verwandelte sich die Redaktion des Politmagazins „Aufmerksam“ mehr und mehr in ein militärisches Lagezentrum.
Peter Lowinsky koordinierte von hier aus souverän die weiteren Aktionen. Während sich Siebenschuh wie abgesprochen zurück nach Frankfurt (Oder) begab, erhielt Katrin Höft, das Küken im achtköpfigen Reporterteam, den Auftrag zum Landgericht nach Potsdam zu fahren. Um im dortigen Archiv Einsicht in die Prozessakten zu nehmen.

Aber auch Lowinsky blieb nicht untätig! Im Rahmen einer Internetrecherche konnte er mühelos die Personalien sowohl des erschossenen Jungen als auch des zweiten Beteiligten ermitteln. Ralf Mehnert und Falko Bogatzkie. Beide stammten aus einem kleinen Dorf in der Nähe der Kleinstadt Nauen. Ungefähr fünfundzwanzig Kilometer von der „ Mauer“ entfernt. Enorme schulische Probleme hatten die beiden Jungs zu dem verhängnisvollen Entschluss bewogen, „ in den Westen abzuhauen“. Weg von der Schule und den strengen Eltern. Angeblich wollten sie nach Berlin-Frohnau. Wo der überaus verständnisvolle Großvater von Ralf seit Jahrzehnten lebte.

Weitere, sich jedoch teilweise widersprechende Hinweise zum konkreten Ablauf des Geschehens, fanden sich in diversen Internetforen. Durch Zufall stieß er dabei auf ein Forum, in dem der Vorfall gerade heftig und kontrovers diskutiert wurde. Das Forum hatte sich quasi in zwei Lager gespalten: während die eine Hälfte in Heiner Burghard und dessen Postenführer „eiskalte Mörder“ sah, verwies die andere Hälfte auf die besonderen Umstände der Tat. Insbesondere auf die Rolle des fanatischen Kompaniechefs.

Ganz besonders engagierte sich dabei ein User, der sich Rotter“ nannte und angab, den Vorfall aus hundert Metern Entfernung mit angesehen zu haben. Rotter behauptete, ebenfalls Soldat in der Kompanie des berüchtigten Major Pinkowski gewesen zu sein. Leidenschaftlich verteidigte er seine beiden Kameraden gegen jegliche Vorwürfe.
.
Lowinsky verspürte wegen dessen Einsatz geradezu körperliches Unbehagen. „ Ist doch klar, dass der seine Kameraden in Schutz nimmt“, murmelte er vor sich hin, „ eine Krähe hackt schließlich der anderen kein Auge aus.“

Der Chefredakteur steigerte sich immer mehr in unbändige Wut hinein:
„ Rotzfrech und unbelehrbar! Nach der Wiedervereinigung hätte man jeden einzelnen von diesen potentiellen Mördern den Prozess machen sollen! Grenztruppen, Stasi, Volkspolizei. Das ganze abartige Gesocks. Vor Gericht stellen und zu – Verbrecherischen Organisationen- erklären. Genau wie nach 1945, SS und Gestapo. Für den Rest ihres Lebens hätten diese Banditen HARTZ IV beziehen sollen. Ohne Zugang zum Internet! Damit sie ihre Verbrechen nicht in aller Welt schön reden können.

Ja, ein Peter Lowinsky hätte es denen schon gezeigt was geschieht, wenn man sich für eine Diktatur hergibt. Wenn er zu denen gehören würde, die in Deutschland etwas zu sagen haben. Leider saßen dort oben, an den Hebeln der Macht, lediglich irgendwelche windelweichen Gutmenschen. Was kann man auch von einem Land erwarten, dass von einer Ostdeutschen, noch dazu einer früheren FDJ-Sekretärin, regiert wird.

Wo sind wir nur hingekommen? Aber damit ist jetzt Schluss! Peter Lowinsky hat eine Mission zu erfüllen. Die da heißt: Radikal aufzuräumen mit allen Versäumnissen der Vergangenheit! Er wird der Welt einen Spiegel vorhalten und zeigen wohin es führt, wenn man gegenüber Verbrechern zu nachsichtig zeigt.“

Lowinsky schluckte eine Blutdrucktablette. Die Aufregung schadete seinem Kreislauf. Egal, der Kampf gegen die Gespenster der Vergangenheit erforderte nun einmal Opfer! Wäre der Chefredakteur in diesem Moment nach der tieferen Ursache seines geradezu pathologischen Hasses auf die DDR und deren wirkliche oder vermeintliche Anhänger gefragt worden, hätte er wohl die Antwort schuldig bleiben müssen. Bis zur Wiedervereinigung hatte er den „ Arbeiter & Bauernstaat“, bis auf einen Kurzbesuch in Ostberlin, nie betreten. Er verfügte auch über keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen. Um es auf den Pumkt zu bringen: die andere Hälfte Deutschlands und dessen Bewohner, waren dem Sohn einer wohlhabenden Bankerfamilie aus dem rheinländischen Mettmann, völlig egal.

Sein Interesse wurde erst irgendwann in der Mitte der neunziger Jahre erweckt. Als er eine aus dem „Osten“ stammende Frau kennen lernte. Die ihm angeregt von dem Leben in der damaligen DDR und den damit verbundenen Schwierigkeiten berichtete. Lange hielt die Beziehung jedenfalls nicht. Was zum großen Teil daran lag, dass Lowinsky, ohne das Gehörte verstanden zu haben, der Frau ständig ihr gelebtes Leben erklären wollte. Und sie obendrein, wie ein besserwisserischer Oberlehrer, mit haltlosen Vorwürfen überschüttete. Statt über die gewonnene Freiheit dankbar zu sein, leistete sich die Dame den „ Luxus“ einer eigenen Meinung! Sie wagte es sogar einen Peter Lowinsky zu widersprechen! Ihm klipp und klar ins Gesicht zu sagen, „ dass er keine Ahnung hätte“. Was für ein undankbares Volk, diese Ossis!

Aber Gott sei Dank sind ja nicht alle so uneinsichtig. In dem besagten Internetforum war Lowinsky, neben „ Rotter“, noch jemand aufgefallen: Holger Zartmann. Ebenfalls ein ehemaliger DDR-Bürger. Der für die normalerweise weitgehend anonyme Internetwelt völlig untypisch, seinen wirklichen Namen verwendete. Anders als der User „ Rotten“ und andere, verteidigte Zartmann die Grenzsoldaten nicht. Im Gegenteil: in jedem seiner Beiträge stellte Zartmann klipp und klar dar, wie sehr er die untergegangene DDR im allgemeinen und das verbrecherische Grenzsystem im besonderen, hasste. Zartmann rechnete knallhart mit der DDR-Vergangenheit ab. In einem von ihnen betriebenen Website, beschrieb er unter dem Titel: „ Wie ich durch die Hölle des Sozialismus ging“, seine Erlebnisse in der DDR. Angefangen von der Kinderzeit im brandenburgischen Velten in den frühen fünfziger Jahren, bis hin zur Wiedervereinigung. Eine weitere Website befasste sich mit Zartmanns Wehrdienst bei der NVA und nannte sich „ Sanitätssoldat Zartmann“.

Das allein war es jedoch nicht, was den mittlerweile berenteten privaten Fuhrunternehmer in Lowinskys Augen derart wertvoll erscheinen lies, dass er sofort Kontakt zu ihm aufnahm. Ein zufälliger Blick auf die Deutschlandkarte an der Wand seines Büros hatte den umtriebigen Chefredakteur verraten, dass dieses Velten lediglich zehn Kilometer von Hennigsdorf und damit vom Ort des Geschehens, entfernt lag. Wenn das kein Wink des Schicksals ist! Holger Zartmann würde Lowinskys Mann vor Ort werden. Besser konnte die Aktion kaum anlaufen.

Lowinsky hatte sich extra für die Kontaktaufnahme in diesem Forum unter dem nicht gerade einfallsreichen Nickname „ Serafim“ angemeldet. Und sich sofort als „ Beinharten DDR-Hasser“ zu erkennen gegeben. Wie erhofft, wurde er von Holger Zartmann geradezu überschwenglich begrüßt. Während andere User eher verhalten reagierten. Selbst solche, die eigentlich mit der DDR selbst nichts am Hut hatten. Aber Zweck heiligt nun einmal die Mittel! Holger Zartmann musste nicht lange überredet werden. Fürs erste wird Katrin Höft, im Anschluss an ihre Recherche im Potsdamer Landgericht, ein Interview mit ihm führen. Gewissermaßen als Basis für alles weitere. Das dieser Zartmann einen gewissen Hang zur Selbstdarstellung besitzt, konnte Lowinsky nur recht sein. Der erfahrene Zeitungsmann kannte die Tricks und Kniffe, wie man solche Eigenschaften in die richtigen Kanäle leitet. Um sie den eigenen Zwecken nutzbar zu machen.

Und das Glück sollte ihm weiter treu bleiben: ein User wollte erfahren haben, dass die Mutter von Ralf Mehnert nach dem Mauerfall in die Bundesrepublik übergesiedelt ist. Gemeinsam mit ihrem kurz darauf verstorbenen Ehemann und der gemeinsamen Tochter. Heute soll sie im Münsterländischen Rinkerode mit ihr gemeinsam eine Gaststätte betreiben. Den „ Rinkeroder Dorfkrug“.

Lowinsky hatte bereits einen weiteren Mitarbeiter ins einhundert Kilometer entfernte Rinkerode gesandt. Groß war der Jubel, als sich die Information tatsächlich bestätigte. Frau Mehnert zeigte sich ebenfalls grundsätzlich zur Zusammenarbeit und zu einem ausführlichen Interview bereit.

Jetzt kommt es nur noch auf Klaus Siebenschuh an, dann kann die Operation –Schattenläufer- beginnen, dachte Lowinsky voller Zufriedenheit. Der sonst so einfallsreiche Chefredakteur hatte sich bei der Verwendung des Codenamens ausgerechnet bei der Staatssicherheit bedient. Warum auch nicht? „ Schattenläufer“ erschien ihm durchaus gut gewählt!

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


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zuletzt bearbeitet 18.10.2013 18:57 | nach oben springen

#27

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.10.2013 11:47
von Damals87 | 503 Beiträge

Hallo,

Respekt! Da haust Du ja einen richtigen Thriller raus! Ich fiebere nach mehr!

Grüße aus Hessen


„Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.“ Sören Kierkegaard


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#28

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.10.2013 11:48
von seaman | 3.487 Beiträge

Es macht Spass zwischen den Zeilen zu lesen...

seaman


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#29

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.10.2013 12:02
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Danke für diese spannende Geschichte, Uwe.
Und: mach weiter !

"Zartmann und Serafin" im Forum...... Hmm, ich denke gerade über unser Forum nach.
Und ahne, dass sich da Abgründe öffnen werden...

Herzlichen Gruss von Hartmut


u3644_Jobnomade.html
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#30

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.10.2013 12:19
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Hallo ABV,

kleine Warnung. Mir scheint die Figur des Lowinsky verliert mit dem Driften vom geschäftlichen in den politischen Ansatz seines Handelns ein wenig die Konsistenz. Pass bitte auf, wie Du die Figur von vornherein angelegt hast. Natürlich sind solche Sprünge bei Menschen möglich. Ist im Moment nur ein Fingerzeig.

Die Einbindung eines Forums ... die Namen ... nühü haha ... mal vorsichtig gesprochen. Eine Ebene der Erzählung, die Sprengstoff hat ... so die Erzählung fiktional ist. Achte bitte auf eigene Ansätze zu Kreuzzugswünschen. Auch hier sehe ich die Möglichkeit des Abdriftens.

Ansonsten: Weiter so!

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#31

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 17.10.2013 15:05
von ddr-bürger (gelöscht)
avatar

Danke, prima Geschichte.

Ich hoffe Du löst nicht eine "Lawine" hier im Forum aus. Der Satz "Ähnlichkeiten mit bla, bla sind rein zufällug" fehlt

Prima, werde gerne weiter lesen....


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#32

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 18.10.2013 08:13
von ABV | 4.202 Beiträge
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#33

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 18.10.2013 18:52
von berlin3321 | 2.519 Beiträge

Hmm, einen User "Rotten" gab´s hier schon mal........


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
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#34

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 18.10.2013 18:59
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von berlin3321 im Beitrag #33
Hmm, einen User "Rotten" gab´s hier schon mal........


Das war mir nicht bekannt und wurde nach dem Hinweis umgehend verändert.

Gruß Uwe


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#35

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 18.10.2013 19:19
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #34
Das war mir nicht bekannt ...

Wie auch, schrieb er doch seinen letzten Beitrag vor Jahren ... The 80's....und ein Hoch der experimentellen Musik...


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#36

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 18.10.2013 19:31
von berlin3321 | 2.519 Beiträge

Ich bin auch nur zufällig drüber gestolpert.


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
zuletzt bearbeitet 18.10.2013 19:31 | nach oben springen

#37

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 18.10.2013 21:37
von ABV | 4.202 Beiträge

7. Fortsetzung

Heiner Burghard schob Frühdienst im Hotel. Die Schicht verlief ausgesprochen ruhig. Innerhalb von zwei Stunden, erschienen lediglich vier Gäste.
Von Stress konnte unter solchen Umständen keine Rede sein. Zeit genug, um über die überraschende Begegnung mit dem alten, verloren geglaubten Jugendfreund nachzudenken. Je mehr er ins Grübeln geriet, desto mehr regten sich die Zweifel darüber, ob es am Ende nicht falsch war, sich derart zu öffnen? Dem Klaus Siebenschuh aus der Jugendzeit, konnte man ohne Bedenken jedes Geheimnis anvertrauen. Aber waren nicht Jahrzehnte seit den Jugendtagen ins Land gegangen? Menschen ändern sich nun einmal. Nicht immer zum Vorteil. Das liegt in der Natur des Homo sapiens. Ob das auch auf Klaus zutrifft? Und wenn schon! Die Gerichtsverhandlung lang lange zurück. Mittlerweile tauchte die verhängte Strafe in keinem Register mehr auf. Welchen Grund sollte es also für Klaus geben, ausgerechnet einem alten Kumpel „einen Strick daraus zu drehen?“
Selbstverständlich keinen, versuchte sich der Portier zu beruhigen. Möglicherweise hätte er damit auch Erfolg, wenn Klaus nicht am nächsten Morgen derart überstürzt aufgebrochen wäre. Den angeblich dringenden Geschäftstermin, konnte er ihm besten Willen nicht abnehmen. Fast erschien es, als ob Klaus nicht schnell genug abreisen konnte. Wollte er mit einem verurteilten „ Mauermörder“ nichts zu tun haben? Solche und ähnliche Reaktirnen musste Heiner mehr als einmal erleben. So absurd es auch klingen mag: er hatte sogar Verständnis dafür. Wusste er doch selbst nicht, wie er in vergleichbaren Situationen reagieren würde. Ganz gleich unter welchen Umständen: auf Heiner Burghards Gewissen lastete der Tod eines dreizehnjährigen Jungen. Diese Last kann einem niemand abnehmen. Da spielte es auch keine Rolle, dass Heiner Burghard bereits seit langem, formal als unbescholtener Bürger galt.

Der schrille Piepton seines in der Hosentasche verborgenen Handys, signalisierte den Eingang Textnachricht. Nichts ungewöhnliches. Ehefrau Andrea sendete gern kleine Botschaften an ihm. In den kurzen Pausen, die sie sich als Krankenschwester gönnen durfte. Beim Öffnen der Nachricht bemerkte er jedoch, dass diese offensichtlich von einem anderen, nicht namentlich im Handy abgespeicherten Absender stammte:

He alter Freund! Entschuldige meinen abrupten Abgang! Aber du weiß ja: Dienst ist Dienst. Und Schnaps ist Schnaps. Ich würde dich gerne am Wochenende besuchen. Schließlich hast du mir ja noch nicht deine reizende Familie vorgestellt! Mein Chef war so zufrieden, dass er mir drei Tage Sonderurlaub spendiert hat. Melde dich bitte und sage Bescheid, ob es dir / euch passt. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen. Dein alter und neuer Freund Klaus.

Wann habe ich dem denn meine Handynummer gegeben? Doch ja, jetzt fiel es ihm wieder ein: Irgendwann gegen Morgen, hatten sie in einem Anflug von Naturschwärmerei, den Sonnenaufgang über der Oder bewundert. Vom Wohnzimmerfenster aus. „ Sunrise over Slubice“ hatte Klaus begeistert ausgerufen. „ Mensch alter Junge, ich würde mich freuen, wenn wir in Verbindung bleiben würden. Komm gib mir deine Handynummer!"
Heiner konnte sich jedoch nicht daran erinnern, dass er im Gegenzug Siebenschuhs Handynummer erhalten hätte.

Heiner strahlte über das ganze Gesicht. Von einer Sekunde auf die andere waren die nagenden Zweifel, Freude und Erleichterung gewichen. Andrea würde unter Garantie nichts dagegen haben. Die gesellige Mittvierzigerin litt ohnehin unter ihrem nicht gerade üppigen Freundeskreis.
Du bist uns herzlich Willkommen mein Freund, antwortete Heiner überschwenglich.

Nicht minder überschwenglich wurde die spontane Antwort über sechshundert Kilometer weiter südwestlich, in der Düsseldorfer Redaktion des Politmagazins „Aufmerksam“ zur Kenntnis genommen.

„ Der Fisch hat angebissen“, frohlockte Siebenschuh ausgelassen in der Düsseldorfer Redaktion. In seinem Kopf reifte bereits ein Schlachtplan heran.

Frohen Mutes ging er über den schmalen Flur, um Lowinsky die Neuigkeit mitzuteilen. Ella Bartels steckte den Kopf aus der Tür. „ Falls du den Alten sprechen möchtest: das ist im Moment schlecht. Aber auch so was von schlecht. Schlechter geht es fast nicht mehr.“ Könntest du dich bitte etwas deutlicher ausdrücken. So das ich es vielleicht auch verstehe“, knurrte Siebenschuh ungehalten. Das affektierte Benehmen der Vorzimmmerdame ging ihm ohnehin seit langem auf die Nerven. „ Ok, Kläuschen. Jetzt extra für dich im Klartext: Dort drinnen im Chefzimmer haucht Detlef Peters gerade sein Leben aus. Weil er es gewagt hat, dem Lowinsky einen hundsmiserablen Beitrag vorzulegen. Der Chef kann verdammt aus der Haut fahren, wenn sich jemand nicht an die vorgegebene Linie hält. Kollege Peters wird sich wohl eine andere Redaktion suchen müssen. Schade, irgendwie habe ich den gemocht. Der wurde immer so schön verlegen, wenn man ihn tief in die Augen sieht.“

Albern kichernd ging die Sekretärin zurück hinter ihren Schreibtisch. Siebenschuh verharrte unentschlossen im Flur. Gerade als er wieder gehen wollte, öffnete sich die Tür von Lowinskys Büro. Mit hängenden Schultern, den hochroten Kopf gesenkt, kam Detlef Peters heraus. Für Bruchteile von Sekunden kreuzten sich ihre Blicke. Peters sah aus wie ein Schuljunge, der gerade beim onanieren ertappt wurde. Lowinsky hatte ihn gestern nach Rinkerode geschickt. Um dort die Mutter des getöteten Ralf Mehnert zu interviewen. Routinesache für einen Profi wie Mehnert. Kaum vorstellbar, dass der langjährige Reporter ein Interview vergeigt hatte. Siebenschuh ging an dem unglücklichen Reporter vorbei. Hinein in die „Höhle des Löwen“. Lowinsky sah tatsächlich aus, als hätte er gerade einen Ringkampf bestritten. Das sonst so akkurat gescheitelte Haupthaar klebte am Kopf. Seine grauen Augen stierten unstet im Zimmer umher. Der blaue Binder hing ihm schief vor der Brust. In diesem Zustand strahlte Lowinsky keinerlei Autorität aus.

„ Was gibt’s?“ wurde Siebenschuh angeblafft. „ Ich wollte ihnen nur mitteilen, dass der Heiner Burgard angebissen hat.“ „ Gott sei Dank! Wenigstens eine gute Nachricht. Ich sage ihnen, wenn das so weitergeht, dann ist die Operation Schattenläufer vorbei, ehe sie überhaupt begonnen hat.“ „ Gibt es Schwierigkeiten?“ „ Das kann wohl sagen“, polterte Lowinsky und übereichte dem Reporter ein Blatt beschriebenes Papier. „ Dort steht das Interview, dass dieser Nichtskönner mit der Mehnert geführt hat.“ Lowinsky schlug sich vor die Stirn.

Neugierig geworden, begann Siebenschuh das von Peters mit der Frau Mehnert geführte Interview zu lesen. Zunächst hatte sich der Reporter geschickt an die eigentlichen Themen herangestastet. Den gewaltsamen Tod ihres Sohnes. Die alles andere als einfühlsame Behandlung durch die Staatsorgane der DDR. Dann der Prozess und die erste Begegnung mit dem Todeschützen, sowie dessen Befehlshaber. Wer jedoch hasserfüllte, anklagende Worte der mittlerweile fünfundsiebzigjährigen Frau erwartete, sah sich getäuscht.

So hatte sie beispielsweise auf die Frage, „ ob sie denn den Mörder ihres Sohnes noch immer hassen würde“, folgende, bemerkenswerte Antwort parat:

„ Ja, ich habe diesen Soldaten gehasst. Als er für mich nichts weiter als ein anonymer Befehlsempfänger war. Bei der ersten Begegnung vor Gericht, im Jahre 1994, wurde mir klar, dass dieser Soldat ebenfalls ein Opfer dieser Grenze ist. Genau wie mein Sohn. Und viele andere, vor und nach ihm. Die Hauptschuld trägt der Staat! Die Politiker, die einen achtzehnjährigen, fast selbst noch ein Kind, bewaffnet an diese Scheißgrenze gestellt haben.
Ich habe gesehen wie er vor Gericht stand. Ein gebrochener Mann. Zerbrochen an der Schuld, während seine Befehlsgeber ihre fetten Renten genießen. Nein, einen solchen Menschen kann ich beim besten Willen nicht weiter hassen.


Darauf Peters:

Was sagen Sie denn dazu, dass der angeblich gebrochene Mann, heute in einem renommierten Hotel in Ostdeutschland, internationalen Gästen die Hand schüttelt?

Frau Mehnert:

Ich freue mich, dass sich er sich von den Geistern der Vergangenheit lösen konnte. In unserem Land hat jeder eine Chance verdient. Mein Sohn ist seit über dreißig Jahren tot. Die Gerichtsverhandlung liegen zwanzig Jahre zurück. Erwarten Sie etwa, dass sich der ehemalige Soldat den Rest seines Lebens arbeitslos meldet?

Detlef Peters:

Sie würden ihm also verzeihen?

Frau Mehnert:

Falsch. Ich habe ihm bereits verziehen.

Dieses, nach Ansicht von Losinsky stümperhaft geführte Interview, passte ganz und gar nicht ins Konzept. Kein Wunder also, dass der Chefredakteuer buchstäblich seine Felle wegschwimmen sah. Wider Erwarten, hatte sich Frau Mehnert für die „Operation Schattenläufer“ als absolut kontraproduktiv erwiesen.
„ Dieses Rindvieh“, tobte Lowinsky erneut, „ dieses Rindvieh hätte sich nicht so leicht abspeisen lassen sollen. Dem fehlt der richtige Biss für unseren Job.“

In diesem Moment klingelte das Telefon auf Lowinskys Schreibtisch. Katrin Höft meldete sich aus Potsdam. Wie von Lowinsky befürchtet, mit der nächsten Hiobsbotschaft: „ Die stellen sich hier ziemlich bockbeinig an, was die Akteneinsicht betrifft. Immerhin konnte ich den Staatsanwalt ausfindig machen. Der damals die Anklage vertreten und auf Mord plädiert hat.“ „ Super Katrin! Und was sagt er? Spanne mich nicht auf die Schulter!“ Katrin Höft räusperte sich kurz. „ Der Staatsanwalt hat gesagt, dass der Anklagevorwurf seinen damaligen Kenntnisstand entsprach. Heute sieht er den Fall jeoch mit völlig anderen Augen. Das vom Gericht gefällte Urteil, hält er für rechtsstaatlich vertretbar.“

Zornig warf Lowinsky einen Kugelschreiber auf den Boden. „ Haben denn alle den Verstand verloren?“, grummelte er mit einer rauen, seltsam gutturalen Stimme. „ Jetzt fehlt bloß noch, dass er in die Teppichkante beisst“, dachte Siebenschuh heimlich amüsiert. „ Ich habe mir große Mühe gegeben“, protestierte die Höft trotzig. „ Mühe allein genügt nicht“, fuhr ihr Lowinsky in die Parade. „ Ein Ass habe ich ja noch im Ärmel?“ „ So, wem denn?“ „ Na diesen, mir fällt der Name jetzt nicht ein. Ihre Internetbekanntschaft.“ „ Vergessen Sie den! Der war doch überhaupt nicht dabei. Sie kommen sofort zurück nach Düsseldorf. Das ist ein Befehl!“

Lowinsky sackte regelrecht zusammen. Siebenschuh, der seine große Chance endgültig kommen sah, richtete ihn wieder auf: „ Wozu brauchen wir Zeitzeugen? Und den ganzen Internetkram. Wenn wir den Faden erst einmal in der Hand halten, dann basteln wir unsere eigene Geschichte zusammen. Am Ende wird es keinen mehr interessieren, ob sie nun wahr ist, oder nicht. Die Öffentlichkeit will doch belogen werden.“ „ Und Sie werden den Faden in die Hand nehmen?“ Siebenschuh grinste selbstgefällig: „ Warten Sie ab, in spätestens einer Woche, wenn ich aus Brandenburg zurück bin, bekommen Sie ihre Schlagzeile! So wahr ich Klaus Siebenschuh heiße!

Fortsetzung folgt

Gruß an alle
Uwe


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94, Rainman2, 4.Zug 4.Kompanie GAR-40, bendix und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 18.10.2013 21:40 | nach oben springen

#38

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 19.10.2013 10:58
von 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 | 1.039 Beiträge

Super Uwe, weiter so!

LG Heiko


Der Helm, den ich trage, hat viele Beulen. Einige davon stammen auch von meinen Feinden. Jürgen Kuczynski "Dialog mit meinem Urenkel"


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#39

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 20.10.2013 21:58
von ABV | 4.202 Beiträge

8.Fortsetzung

Siebenschuhs zur Schau gestellte Zuversicht verwirrte selbst den routinierten Cefredakteur:
„ Warum in aller Welt bist du so sicher, gewissermaßen eine Schlagzeile aus dem Hut zaubern zu können?“ Der Reporter winkte lässig ab. „ Ich habe in den letzten Tagen eben nicht geschlafen. Sondern mich akribisch auf den Einsatz vorbereitet.“ „ Ach ja? Wie denn?“ „ Das mein lieber Chef, werden Sie schon noch früh genug erfahren.“

Losinkys zerfurchte Stirn zierte eine ohnehin bereits deutlich hervorstehende Ader. In Folge des enormen Stresses, zuletzt hervorgerufen durch Siebenschuhs respektlose Antwort, begann sie mehr und mehr anzuschwellen. „ Ich warne dich Siebenschuh! Ohne verwertbare Ergebnisse brauchst du überhaupt nicht mehr wiederzukommen. Dann kannst du dir deine Brötchen künftig bei irgend einem Brandenburger Wurstblatt verdienen!“

Hatte Siebenschuh am Ende nur geblufft? Nein! Rein zufällig, bei Recherchen in einer völlig anderen Angelegenheit, war er auf ein, am kommenden Wochenende in einem Nest mit dem seltsamen Namen Alt Tucheband stattfindenen „ Militär-Oldtimertreffen“ gestoßen. Alt Tucheband und Frankfurt (Oder) trennten lediglich läppische dreißig Kilometer! Die Fotos vom vergangenen Jahr wirkten durchaus vielversprechend: Mannschaftstransporter der NVA und der Grenztruppen, Geländewagen Streifenwagen der Volkspolizei, ja sogar ein Panzer. Dazu jede Menge Typen in den passenden Uniformen. Kurz um, alles was das Herz eines Ostalgikers höher schlagen lässt. Oder das eines skrupellosen Reporters! Jetzt brauchte er nur noch Heiner Burghard zu überzeugen, gemeinsam mit ihm das Event aufzusuchen. Und ihn dann an einem Fahrzeug der Grenztruppen ablichten. Am besten in Heldenpose. Dazu als passenden Kontrast ein Foto von Burgards Arbeitsstelle. Wie er einen Gast die Hände schüttelte. Schon ist die Story vom unverbesserlichen Mauermörder, der eiskalt internationale Gäste empfängt, perfekt!

Völlig unproblematisch könnte sich die Angelegenheit am Ende doch nicht gestalten. Burghards angegriffene Psyche stellte den größten Unsicherheitsfaktor dar. Das so jemand wie er auf alles was nur im Entferntesten an DDR oder Militär erinnerte, allergisch reagierte, lag wohl auf der Hand. Siebenschuh setzte alle Hoffnungen auf Heiners Frau. Wie sollte er Siebenschuh den Wunsch abschlagen, ohne sich ihr gegenüber zu outen? Auf diesen seelischen Konflikt baute Siebenschuh seine Zuversicht auf.

Drei Tage später:

„ Warum in aller Welt, hast du mir deinen charmanten Jugendfreund die ganze Zeit vorenthalten?“ Andrea Burghard zeigte sich von dem redegewandten Klaus Siebenschuh hellauf begeistert. Sechs Stunden saßen sie jetzt schon zusammen in ihrer Frankfurter Wohnung. Siebenschuhs Rhetorik hätte einem professionellen Conferencier zur Ehre gereicht. Wieder und wieder gab er mehr oder weniger komische Begebenheiten aus der gemeinsamen Jugendzeit zum besten.

„ Warum ich ihn dir vorenthalten habe?“ Heiner Burghard hielt das volle Weinglas träumerisch gegen das matte Licht der Deckenlampe, „ bis vor ein paar Tagen wusste ich selbst nicht, ob er noch unter den Lebenden weilt.“ „ Ihr habt euch wirklich an deinem langweiligen Hotel wiedergefunden? Zufälle gibt’s“, säuselte Andrea spitz.

„ Vielleicht können Sie mir ja sagen, warum Heiner seinen früheren Heimatort meidet, wie der Deibel das Weihwasser?“ „ Wir waren schon beim Du, Andrea“ erinnerte sie Siebenschuh augenzwinkernd an den erst eine Stunde zurückliegenden Brüderschaftskuss. „ Entschuldige Klaus“, konterte die Frau, wobei sie ihren Mund zu einer Schnute formte. Siebenschuh stützte die Ellenbogen auf die Knie. Wie immer, wenn ihm eine schwierige Frage gestellt wird.

„ Mein letzter Besuch in Rottmeiersleben liegt auch schon mindestens zehn Jahre zurück. Seitdem von meiner Sippe keiner mehr dort wohnt, habe ich das Interesse an dem Nest verloren. Außerdem: das Rottmeiersleben von einst ist ohnehin längst Geschichte.“ Siebenschuh pochte sich gegen die linke Brust: „ dieses alte Rottmeiersleben habe ich in meinem Herzen konserviert. Außer den Namen, haben das alte und das heutige Rottmeiersleben nicht mehr viel gemein. Ich habe mich dort wie ein Fremder gefühlt. Was für ein Scheißgefühl: du gehst stundenlang durch die Straßen, ohne auch nur ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Der größte Teil unserer gemeinsamen Bekannten hat den Ort im Laufe der Jahre verlassen. Auf der Suche nach Arbeit. Und der andere Teil ist mittlerweile verstorben. Was willst du in dem Kaff auch anderes tun? Außer wegziehen oder sterben? Die jetzigen Bewohner kommen aus der ganzen Republik. Geldgierige Glücksritter, die den schönen Park in einen umzäunten Golfplatz verwandelt haben. Oder gescheiterte Existenzen aus ganz Sachsen-Anhalt. Inklusive einiger krimineller Russlanddeutsche. Für die woanders kein Platz war. Kaum jemand zieht freiwillig nach Rottmeiersleben. Dorthin wird man allenfalls deportiert.“

Andrea wollte sich ausschütten vor Lachen. „ Du hast ja eine blumige Ausdrucksweise. Falls es mit deinem Firmenjob mal nicht mehr hinhaut, solltest du dich unbedingt als Reporter bewerben.“

Den Bruchteil einer Sekunde fühlte sich Siebenschuh durchschaut. Andrea belies es jedoch bei der wohl doch nicht ernst gemeinten Bemerkung.
„ Wir werden dir morgen ein paar Dörfer im Oderbruch zeigen. Dann wirst du sehen, dass Rottmeiersleben überall ist“, sagte sie nachdenklich. „ Fein, im Oderbruch kenne ich mich noch nicht aus.“ Instinktiv nutzte Siebenschuh die Gunst des Augenblicks: „ Sagt mal, kennt ihr Alt Tucheband? Das liegt doch auch im Oderbruch?“ „ Stimmt, zwischen Seelow und Küstrin“ bestätigte Andrea überrascht. „ Woher kennst du denn das Kuhkaff?“ „ Aus dem Internet“, antwortete Siebenschuh, „ dort soll morgen ein Militäroldtimertreffen stattfinden. So richtig schön mit alten NVA-Fahrzeugen. Ach Kinder, ihr glaubt gar nicht wie sehr ich mich manchmal nach den guten alten DDR-Zeiten zurücksehne.“ „ Du ein Ostalgiker? Das passt doch überhaupt nicht zu dir“, zweifelte Heiner seine Worte an.

„ In mir schlummern eben unentdeckte Eigenschaften“, erwiderte Siebenschuh grinsend. „ Kannst du dich noch an Lehrer Kamecke erinnern?“ „ Der immer beim Sprechen wie ein Lama spuckte?“ „ Genau der! Ich höre noch heute seinen Spruch: Siebenschuh, ein Tag an dem sie mich nicht in Staunen versetzten, ist ein verlorener Tag.“ Bei der Wiedergabe der Worte ahmte Siebenschuh den Lehrer in punkto Rhetorik und Bewegung täuschend echt nach. So echt, dass Andrea lautstark lachen musste.“ „ Klaus, du hättest auch bei der Feuerzangenbowle mitspielen können.“

Unversehens versetzte sie ihrem Gatten einen Rippenstoß. „ Hat man dir das Lachen herausoperiert? Was ist denn los mit dir?“ „ Wollt ihr euch das morgen wirklich antun? Staub, Abgabe und jede Menge kaputte Uniformfreaks. Ich würde viel lieber an den Helene-See fahren. Oder raus nach Briesen. An die Kersdorfer Schleuse.“ Könnten wir doch“, erwiderte Andrea schnippisch. „ Anschließend! Wir werden schließlich nicht den ganzen Tag in Alt Tucheband verbringen. Eine oder zwei Stunden wirst du das ja wohl ertragen. Deinem Freund zuliebe.“

Schweren Herzens gab sich Heiner Burghard geschlagen. Im Stillen ärgerte er sich über die unsensible Art und Weise, mit der ihm Klaus geradezu überrollt hatte. Warum in aller Welt, wollte er unbedingt zu solch einer Veranstaltung? Aus reiner Nostalgie? Sentimentalitäten passten zu Klaus ebenso wenig, wie der Sattel zur Kuh. Aber Menschen verändern sich bekanntlich.

Am kommenden Tag ging es nach dem Mittagessen wie abgesprochen nach Alt Tucheband. Andrea chauffierte, hinter dem Steuer ihres kirschroten Renaults sitzend, die Männer durch die weite Landschaft. Die Fahrt führte, der Bundesstraße 112 folgend, über Lebus, Podelzig, Ratthstock, zunächst bis nach Manschnow. Wo an einer breiten Ampelkreuzung die Bundesstraße 112 und die Bundesstraße 1, auf die von Norden her das Oderbruch durchquerende Landstraße 33 treffen.

„ Gleich da drüben liegt das Fort Gorgast. Da gibt es auch noch eine Menge NVA-Krimskrams zu sehen“, schlug Andrea vor. Siebenschuh lehnte bescheiden lächelnd ab: „ Nein lass mal. Ich möchte Heiners Langmut nicht zu arg strapazieren.“

Heiner Burghard schwieg. Auf seinem Gesicht zeichneten sich hektische rote Flecken ab. Dicke Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Andrea bog nach links auf die an dieser Stelle in Richtung Berlin führende Bundesstraße 1 ab. Eine endlose Blechlawine wälzte sich von West nach Ost. Der nahen polnischen Grenze entgegen. „ Wie weit ist es denn noch bis nach Alt Tucheband?“, erkundigte sich Heiner mit rauer Stimme. „ Drei, oder vier Kilometer“, antwortete Andrea knapp. In völliger Fehldeutung der Situation, glaubte sie das Heiner aus Rache den Kränkelnden mimte. Wie ein bockiges Kind, dachte Andrea zutiefst verärgert.

Das von allen Seiten eingezäunte Festgelände befand sich außerhalb des Dorfes. Unmittelbar an der Bundesstraße 1. Rot-weißes Flatterband markierte mitten auf einer grünen Wiese, den weiträumig abgesteckten Parkplatz. Nach dem Aussteigen folgte das Trio den Menschenmassen zum Festgelände. Die Fotos auf der Homepage der Veranstalter hatten tatsächlich nicht zuviel versprochen. Militärfahrzeuge aller Art, fehlten ebenso wenig wie gestandene Männer in den mittlerweile historisch zu nenenden Uniformen aus der DDR-Zeit.

Mitten in dem Trubel versuchten Militariahändler ihre Waren zu verkaufen. Ein munteres Kind schwenkte eine kleine DDR-Fahne aus Papier. Lautstark feilschte ein schmerbäuchiger Mittvierziger um den Preis einer Stasi-Uniform. Im Hintergrund dröhnte der Motor eines Panzers. Mit dem ein geschäftstüchtiger Zeitgenosse Fahrten durchs Gelände unternahm. Für die ganze Familie. Gegen einen entsprechenden Obolus.

Heiners Herz raste wie ein aus dem Takt geratener Motor. Seine Seele litt Höllenqualen. Bloß weg hier. Bloß weg hier, dachte er verzweifelt. Siebenschuh übersah dezent den Zustand seines „Freundes“. Während Andrea unentwegt plauderte. Und sich von dem Ambiente ungewohnt begeistert zeigte: „ Schaut doch mal die Bullentaxe dort drüben“, rief sie und zeigte dabei auf einen Funkstreifenwagen der Volkspolizei. Dessen stolzer, als Volkspolizist kostümierter Besitzer, den Besuchern Rede und Antwort stand.

„ In solch einer Kiste wurde ich schon mal nach Hause gefahren. Stockbesoffen nach der Disco. Und das mit sechzehn Jahren! Man hatte mein Vater damals getobt“, kicherte Andrea.

In unmittelbarer Nähe stand ein grüner Trabant-Kübel der Grenztruppen. Vor dem Fahrzeug lümmelte rauchend, ein gertenschlanker, in eine NVA-Felddienstuniform gewandeter dunkelhaariger Mann. Das Käppi saß ihm lässig im Nacken. „ So etwas nannten wir früher eine Gefechtsschlampe“, meinte Siebenschuh lächelnd.

„ Heiner, stell dich bitte neben den Genossen Soldaten dort. Andrea findest du nicht auch, dass die beiden Hübschen ein tolles Fotomotiv abgeben?“ Was soll das?, fragte sich Heiner aufs neue. Will er mich vorführen? Oder bemerkt er wirklich nicht, wie es mir geht?

Um keinen Streit zu provozieren, willigte er schließlich ein. „ Warte mal Meester“, sagte der Hoobysoldat und drückte Heiner eine täuschend echt wirkende Kalaschnikow-Imitation in die Hand: „ Siehste, jetzt biste ein richtiger Grenzsoldat“, ulkte der Mann nichts ahnend.

„ Nicht so steif“, ermunterte ihn Andrea. „ Tue so, als ob du auf jemanden zielst“. Widerwillig kam Heiner dem Ansinnen nach. Siebenschuhs Kameraauslöser surrte und surrte.

Prima, dass läuft ja besser als gedacht! Schon jetzt stand fest, dass sein Brandenburgtrip von Erfolg gekrönt sein wird. Den fetten, gewinnbringenden Schlagzeilen stand nun nichts mehr im Weg. Chefredakteuer Lowinsky wird zufrieden sein, dachte Siebenschuh überglücklich.

Fortsetzung folgt

Gruß an alle

Uwe


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#40

RE: Schattenläufer

in Mein Leben als DDR Grenzsoldat 24.10.2013 08:28
von ABV | 4.202 Beiträge

9.Fortsetzung

Nach der unfreiwilligen "Fotosession" rutschte Heiners Laune endgültig in den Keller: „ War es das jetzt? Oder soll ich mich noch in eine Uniform werfen? Am Stand da drüben gibt es eine Felddienstuniform zu kaufen. Stilecht, mit grünen Postenführerbalken.“

Siebenschuh hob beschwichtigend die rechte Hand. Sein Instinkt sagte ihm, dass der Zeitpunkt gekommen sei, einen Gang zurückzuschalten: „ Entschuldige Heiner. Ich habe nicht gewusst, dass dich der olle Armeekrempel so sehr anstinkt. Für mich war das nichts weiter als ein harmloser Scherz.“

Andrea kochte derweilen vor mühsam unterdrückter Wut auf den vermeintlich stoffligen Gatten. „ Manchmal könnte ich dich auf den Mond schießen“, zischte sie dem zwei Meter vor ihr über den Platz trottenden Heiner zu. Siebenschuh spielte den Schlichter: „ Sei bitte nicht so streng mit ihm. Das ist allein meine Schuld! Heiner hatte bereits früher eine Abneigung gegen alles militärische. Mir ist das leider völlig entfallen. Obwohl ich es hätte wissen müssen. Entschuldig bitte, aber den Fauxpas nehme ich auf meine Kappe.“ Seufzend senkte Siebenschuh den Kopf. So als ob er sich tatsächlich schämen würde.

Im Laufe vieler Jahre hatte er die seltene Fähigkeit entwickelt, sich jeglicher Situation sofort anpassen zu können. Andrea konnte er jedenfalls überzeugen. Sie ahnte ja nicht, dass in Heiners Innerem gerade ein Tornado tobte. Der versteckte noch immer die quälenden Gefühle hinter einer starren Maske. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, trottete er wie betäubt, über den von Menschen übersäten Platz.

„ Passen Sie doch auf“, schimpfte eine korpulente Frau. Heiner war ihr, ohne es zu bemerken, auf den Fuß getreten. „ Von einer Entschuldigung halten sie wohl auch nichts“, keifte die Dicke weiter. Sofort blieben andere Passanten stehen. Um amüsiert den weiteren Verlauf der Szenerie zu beobachten.

Der Reporter sah den Augenblick gekommen, wieder bei Heiner zu punkten: „ Das hätten Sie sich bestimmt nicht träumen lassen?“, rief er der Frau zu. „ Was habe ich mir nicht träumen lassen?“ „ Das jemand auf eine Erscheinung wie Sie es sind, steht. Und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde.“
Wutschnaubend ging die Dicke weiter. Andrea, der Siebenschuhs schnoddrige Schlagfertigkeit imponierte, knuffte den Reporter lachend in die Seite: „ Ganz astrein war das aber nicht“, tadelte sie ihn augenzwinkernd. „ Ob etwas astrein ist, oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Wichtig ist einzig und allein das Ergebnis. Oder wäre es dir lieber, wenn der Miss-Piggy-Verschnitt weiter gezetert hätte?“ Ich bin doch nicht vergnügungssüchtig“, wehrte Andrea ab.

Heiner rang sich ein angedeutetes Lächeln ab. „ Dein Schandmaul ist dir wohl noch immer nicht abhanden gekommen?“ „ Und das ist gut so!“, erwiderte Siebenschuh augenzwinkernd.

Plötzlich kam heftiger Wind auf. Im Osten, über der nahen Oder, verfärbte sich der Himmel tiefschwarz. Dumpfer Donner grollte. Schon erleuchteten die ersten Blitze das Firnament. Besucher und Betreiber des Festes sandten dem Wettergott Petrus sorgenvolle Stoßgebete. Heiner war klug genug, sich die tiefe Erleichterung anmerken zu lassen.

„ Wollen wir die die Kurve kratzen? Bevor hier die Welt untergeht?“, fragte Andrea in die Runde. „ Vielleicht wird es ja nicht so schlimm?“, wandte Siebenschuh, der gerne noch ein paar Fotos geschossen hätte, ein. „ Ich will ja nicht unken“, meinte Heiner, „ normalerweise ziehen in dieser Gegend die Gewitter von Süden her auf. Hin und wieder auch aus westlicher Richtung. Von Polen her kommen sie nur sehr selten. Dafür aber um so heftiger. Aber bitte, wenn unser Gast ein kräftiges Donnerwetter über dem Oderbruch erleben möchte... Nur zu!“

„ Der einzige der hier gleich ein Donnerwetter erlebt, bist du!“, wurde er von Andrea zurechtgewiesen. „ Streitet euch doch nicht meinet wegen“, versuchte Siebenschuh scheinheilig zu beschwichtigen. „ Wir streiten uns doch nicht“, erwiderte Heiner trocken.

Während das Gewitter immer näher zu kommen schien, lachte weiter südlich noch immer die Sonne. Wettertechnisch gesehen, präsentierte sich das Oderland an diesem Tag zweigeteilt.

„ Kommt, lasst uns der Sonne entgegen fahren“, schlug Siebenschuh vor. „Einverstanden!“, bekundete Andrea spontan. „ Wir müssen ohnehin im Haus meiner Eltern in Briesen, Blumem gießen. Das können wir dann mit einem Spaziergang an der Kersdorfer Schleuse verbinden. Vielleicht bringt das ja unseren Griesgram auf andere Gedanken? Das ist nämlich sein Lieblingsplatz.“

Sie fuhren zunächst die Bundesstraße 1 entlang bis nach Seelow. Der Kreisstadt des Landkreises Märkisch-Oderland. An der Ampelkreuzung ging es zunächst nach links ins Stadtcentrum. Vorbei an dem Anfang der neunziger Jahre, auf dem früheren Parkplatz erbauten, imposanten, architektonisch aus dem üblichen Rahmen fallenden Büro und Geschäftsgebäude. Und den sich daran anschließenden kleinen Läden und Cafes. Vor denen sich sommerlich gekleidete Mitmenschen, Speiseeis schmecken liessen. Vorbei auch an der modernisierten Fassade des Landratsamtes.

Siebenschuh schaute gelangweilt nach draußen. Andrea berichtete von den immensen Veränderungen nach der Wiedervereinigung: „ Die Seelower Kirche hat sogar ihren 1945 gesprengten Kirchturm wiederbekommen. Das ist einer der auffallendsten Veränderung. Und weißt du wem die Stadt den Turm zu verdankt?“ „ Einem reichen Wessi?“ „ Hundert Punkte für den Kandidaten! Aber nicht irgend einem reichen Wessi! Sondern Werner Otto aus Hamburg. Dem berühmten Inhaber des Otto-Versands Hamburg.“ Und der ist hier geboren?“ Andrea wies mit dem linken Daumen auf ein Haus an der linken Seite der Fahrbahn: „ Dort steht sein Geburtshaus. Irre was? Der große Sohn der Stadt wurde von den Kommunisten selbstverständlich totgeschwiegen. Ein Großkapitalist passte nicht so gut ins Konzept. Aber das der olle Liebknecht irgendwann mal als Assessor am Seelower Gericht gearbeitet hat, wurde uns bei jeder Gelegenheit aufs Brot geschmiert.“ „ Gerichtsassessor? Eine schnöde Beamtenkarriere passt doch auch nicht unbedingt zu einem kommunistischen Bilderbuchhelden?“ „ Möglicherweise deshalb, weil Liebknecht kein kommunistischer Bilderbuchheld war“, mischte sich Heiner ins Gespräch ein. „ Möglicherweise wollte er nie einer sein. Möglicherweise war er überhaupt kein Kommunist. Dazu haben ihn erst die Propaganda und gewisse Medien gemacht.“

Siebenschuh lehnte sich in den Sitz zurück: „ Ja, ja die Medien! Die waren schon immer so etwas wie eine zweite Macht im Staat.“ „ Darum kommt es darauf an, dass dort nur saubere, anständige, an der Wahrheit interessierte Menschen arbeiten. Und keine karrieregeilen, buchstäblich über Leichen gehenden Killerpersönlichkeiten. Die nur eines im Sinn haben: Kohle scheffeln.“

Siebenschuh verspürte einen schmerzhaften Stich in der Magengrube. Er fühlte sich durchschaut, war sich jedoch nicht sicher. Bislang hatte er prinzipiell unter dem Pseudonym Walter Kieferling Beiträge veröffentlicht. Seine wahre Identität kannte niemand. Für einen Undercover-Reporter eine unabdingbare Voraussetzung! In seinem früheren privaten Umfeld wusste keiner, womit sich Klaus Siebenschuh die Brötchen verdiente. Er hielt es sich jedoch durchaus nicht für ausgeschlossen, dass Heiner Burghard, bedingt durch die traumatischen Erlebnisse während der Armeezeit und der späteren Gerichtsverhandlung, geradezu einen sechsten Sinn zum Erkennen von Reportern entwickelt hatte.

„ Ja Heiner, da gebe ich dir recht! Aber Kohle steht nun einmal im Mittelpunkt des Lebens. Ohne Moos ist nun einmal nichts los. Der Schornstein muss schließlich rauchen.“ „ Aha! Und das rechtfertigt jedes Mittel für dich?“ Siebenschuh legte die Stirn in Falten. Sein schauspielerisches Talent wurde auf eine harte Probe gestellt. „ Mensch Heiner, lege doch nicht jedes Wort von mir auf die Goldwaage! Natürlich heiligt der Zweck, Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, nicht jedes Mittel! Ich bin ja schließlich auch gezwungen, meinen Geschäftspartnern gegenüber mit fairen Mitteln zu spielen. Einmal kommt jede Lüge ans Tageslicht. Je länger man die Wahrheit unter dem Teppich halten konnte, desto heftiger wird es, wenn jemand unter dem Teppich kehrt.“

Die letzten Sätze stellten eine gezielte Provokation dar. Und eine Warnung an Heiner dazu.
„ Ich habe dich in der Hand“, signalisierte Siebenschuh dem Gesprächspartner. Der jedoch noch immer völlig arglos war. Den Jugendfreund lediglich für unsensibel, jedoch nach wie vor für integer hielt. Seine Wut über die Medien resultierte aus den schlechten Erfahrungen mit dem Reporter einer bekannten Tageszeitung. Der in reißerischer Art und Weise über den Gerichtsprozeß berichtet hatte. Die blinde Wut raubte ihm jegliche Objektivität. Vor allem den Blick dafür, dass die Reportagen anderer Zeitungen weitaus fairer und zurückhaltender ausfielen. Heiner Burgard zeigte sich gleichfalls nicht frei von Vorurteilen. Daher und nur daher, rührte der auf Siebenschuh bedrohlich wirkende Gefühlsausbruch.

Von Seelow aus ging es weiter über Lietzen und Falkenhagen nach Petershagen und Petersdorf. Wo die Landkreise Märkisch-Oderland und Oder-Spree nahtlos in einander übergehen. Kurz vor Briesen wies Andrea den Gast auf Originalsegmente der Berliner Mauer hin. Die ein Enthusiast vor vielen Jahren in erworben und auf seinem Grundstück ausgestellt hatte. Andrea legte einen kurzen Zwischenhalt an dem, von Unkraut bewachsenen Mauerpark hin. Obwohl vom Besitzer ausdrücklich zur Besichtigung freigegeben, schienen nicht viele Besucher das kostenlose Angebot wahrzunehmen. Unkraut umwucherte bereits die von bunten Graffitys verzierten Mauerreste. Die hier in Mitten der friedlichen Landschaft, seltsam deplatziert erschienen.

„ Ohne dem Grundstückseigentümer den guten Willen absprechen zu wollen: aber Erinnerungsstücke sollten grundsätzlich an Originalschauplätzen ausgestellt werden“, äußerte Siebenschuh zutreffend. „ An dieser Stelle, weit ab von Berlin, sind sie nichts weiter als langsam verwitternde Betonklötze.“
Den Gedanken Heiner Burghard beim Betrachten eines Mauersegmentes zu fotografieren, verwarf der Reporter sofort wieder. Mauermörder beim Betrachten der kläglichen Überreste des vermeintlichen „Antifaschistischen Schutzwalles“. Zu der reißerischen Bildunterschrift, wollte Heiners unübersehbar nachdenklicher Gesichtsausdruck so gar nicht passen.

Fünf Minuten später hatten sie den zwischen Frankfurt (Oder) und Fürstenwalde, in unmittelbarer Nähe zur Bundesautobahn 12, eingebettet zwischen Wäldern und dem Oder-Spree-Kanal gelegenen Ort Briesen erreicht. Hier lebten die Eltern von Andrea. Die sich zurzeit jedoch zu Besuch bei ihrer zweiten Tochter in Köln aufhielten. Andrea parkte direkt neben der Kirche. Dort gegenüber befand sich das elterliche Eigenheim. In den späten neunziger Jahren erbaut, stach es von den älteren Häusern in der Straße optisch ab.

„ Im nächsten Jahr ziehen meine Eltern ganz nach Köln. Dann werden Heiner, Linda du ich hier wohnen“, frohlockte die Frau. Wieder surrte der Auslöser der Kamera. Siebenschuh zeigte sich scheinbar von dem herrlichen Anwesen angetan. Der von der Straße aus nicht sichtbare Innenhof bot ausreichend Platz für Freizeitaktivitäten. Der gepflegte Rasen und der unvermeidliche gemauerte Grill, rundeten das Bild kleinbürgerlicher Spießigkeit vollends ab.

So unauffällig wie möglich, lichtete Siebenschuh den „Freund“ auf dem prachtvollen Grundstück ab. „ Mauermörder genießt den Wohlstand“, passte viel besser ins Konzept.
Allen Zweifeln zum Trotz: Siebenschuhs Aufenthalt in Brandenburg entwickelte sich immer mehr zu dessen vollster Zufriedenheit.

Fortsetzung folg

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4.Zug 4.Kompanie GAR-40, DoreHolm, Jobnomade, Damals87, Rainman2 und bendix haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 24.10.2013 08:31 | nach oben springen


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