#1

Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 10:44
von Moskwitschka (gelöscht)
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Hier im Forum mache ich immer wieder die Erfahrung, dass man ein sehr verschwommenes Bild von denen hat, die in der DDR ihre Stimme gegen den Staat oder die SED oder einfach gegen Unzulänglichkeiten erhoben haben. Es gibt viele Begriffe für sie: Kritiker, Oppositionelle, Andersdenkende, Klassenfeinde, feindlich – negative Kräfte bis hin zu „spinnerte Bürgerrechtsbewegte“. Offiziell sind diese Menschen in der DDR totgeschwiegen worden. Daher konnte man sich auch kein Bild von ihnen machen. In unserer Wahrnehmung sind es meist Einzelpersonen geblieben. Ein einheitliches Bild über verschiedene oppositionelle Strömungen gab es lange nicht.

Es gab sie aber, die öffentlich – ob im Betrieb, der Hochschule, Institutionen ihre Stimme erhoben haben. Im vollen Bewusstsein der Folgen haben sie Fragen gestellt. Ob es im Zusammenhang mit dem 17.Juni, dem Prager Frühling, der Ausbürgerung Wolf Biermanns - .um nur einige Anlässe zu nennen. Und es waren nicht nur Künstler, Schriftsteller oder Wissenschaftler, die sich zu Wort gemeldet haben. Das Ziel der meisten war nicht die DDR abzuschaffen, sondern Änderungen oder Reformen anzustoßen. Zumindest das Nachdenken darüber anzuregen. Manchmal waren es ganz einfache Fragen, auf die viele keine Antworten bekommen haben, die sie in vielen Fällen in die innere Emigration getrieben hat und früher oder später, zermürbt durch Repression, zum Verlassen der DDR.

Was habt ihr damals über die „Spinner“ und „Unbelehrbaren“ gedacht. Habt ihr solche Menschen oder Situationen kennen gelernt?

Ich möchte hier nicht meine persönliche Geschichte ausbreiten, die im Vergleich zu anderen nur ein kleines Licht ist. Mich beschäftigte aber immer wieder die Frage, was haben die anderen wohl gedacht, wenn sie einen kritischen Kollegen in ihrer Mitte hatten, der irgendwann aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr da war. Denn das „Andersdenken“ des Kollegen, Nachbarn oder Kommilitonen war ja bei kein „Urknall“ sondern ein Prozess.

LG von der grenzgaengerin


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#2

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 11:40
von thomas 48 | 3.568 Beiträge

Schon mal was von der Verfölgung der JG gelesen?
Schon mal was von der Jungschar gehört?
Schon mal was von IMAK-Leuten gehört?
Ich war überall dabei, in der Zeit von ca 1957-1970


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#3

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 11:46
von Moskwitschka (gelöscht)
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Tut mir leid @thomas 48, wen ich die oppositionellen Strömungen in der Kirche in meiner Aufzählung vergessen habe.

LG von der grenzgaengerin


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#4

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 11:51
von Vogtländer (gelöscht)
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Bei mir in der Schulklasse (1980-1990) war es ein bunt gemischtes Volk.Von Weinrot bis Dunkelschwarz,vom Kurzhaar bis zum langhaarigen Bombenleger war alles da.Kann aber sagen, das wir mit Respekt der andren Meinung gegenüber gut miteinander konnten.Fragen hatten wir immer und der Zusammenhalt war auch gut.
Bei den Erwachsenen war die Wahrnehmung schon da,nur wurde meines Eindruckes nach nicht so offen und öffentlich kundgetan.


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#5

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 12:37
von turtle | 6.961 Beiträge

Mir war in den 60ern keine Gruppierung von Andersdenkenden bekannt.. Ich glaube das öffentliche Unmuts Äußerungen aus Angst vor Repressalien eher selten waren. Am Biertisch nach dem 5. Klaren kam es schon mal vor das auf Ulbricht und Co geschimpft wurde. Das unter der Hand geflüsterte "hast Du gehört ,den -----haben sie abgeholt, weil er ----- ! ,verfehlte nicht ihre Wirkung." Auch ich getraute mich kaum im Betrieb oder öffentlich zu meckern. Nur nach dem X. Bier grölte ich auf der Straße "Die Gedanken sind frei" was mir ab und zu eine Sonderfahrt mit dem Toni einbrachte. Es gab damals kurz eine Abendausgabe einer Zeitung ,da konnte man die sogenannte 19:00 Frage stellen. (Glaube jedenfalls so hieß das) Ich fragte warum dürfen nur Personen im Rentenalter und Invaliden in die BRD fahren?.
Die Frage und Antwort wurde nicht veröffentlicht. Ich bekam die Antwort aber schriftlich. "DDR Bürger werden im Westen diskriminiert und verfolgt ,nur weil sie diesen freiheitsliebenden 1.Arbeiter und Bauern Staat vertreten und repräsentieren."
Man nimmt aber nicht an das diese Machenschaften auch Rentner und Invaliden betreffen werden." Das war es . Nein nicht ganz bei meiner Verurteilung wegen versuchter Republikflucht (offiziell Passvergehen)hatte man meine provozierende Frage nicht vergessen ,das und gefundene "Schundliteratur" sollten meine negativ eingestellte Meinung zur DDR verstärken. Nach der "Wende" war ich jedoch mehr oder weniger erstaunt wie viele sich mutig und entschlossen gegen Willkür und Unrecht in der DDR gestellt hatten. Da verblasste sogar der alte Baron Münchhausen gegen diese mutigen Freiheitskämpfer. Den tatsächlich Mutigen die sich auch durch staatliche Maßnahmen gegen sie nicht davon abhalten ließen Unrecht und Missstande anzuprangern ,verneige ich mich.


Hans, DoreHolm, Küchenbulle 79, Lutze und Sperrbrecher haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 19.09.2013 16:49 | nach oben springen

#6

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 13:06
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Da gibt es riesengroße Unterschiede abhängig vom Jahrzehnt. In den 1960ern ging es eben auch für einen politischen Witz in den Knast, In den 70er Jahren wurde es schon toleranter und in den 80er Jahren konnte man schon ohne große Repressionen seine Meinung delikat zum Ausdruck bringen. Jedenfalls wenn man nicht gerade in einer Führungsposition war. Das ist jedenfalls meine persönliche Erfahrung. Die Menschen haben mit den Jahren immer offener ihren Unmut zum Ausdruck gebracht.
@turtle Ja, nach der Wende waren alle Freiheitskämpfer und schon immer Systemgegner. Selbst die roteste aller Socken war ein verkappter Revolutionär.
Aber das kennen wir ja schon aus der Zeit nach dem WK2 und man kann es auch Niemandem verdenken. Von irgend etwas muss man ja leben und nicht jeder hat Bock Märtyrer zu sein.


DoreHolm hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#7

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 13:20
von Vogtländer (gelöscht)
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Die "Angelegenheit" L./L.-Demo 1988 war irgendwie sowas wie ein Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung und Meinungsäußerung.So zumimdest mein Eindruck.


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#8

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 13:25
von chantre | 425 Beiträge

Also ich war auch Widerständler, ich habe mein Auto immer im Parkverbot abgestellt.


Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. Kurt Tucholsky
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#9

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 13:28
von 4.Zug 4.Kompanie GAR-40 | 1.039 Beiträge

Mit Deinem blinkenden Blaulicht auf dem Dach war das auch keine Kunst!


Der Helm, den ich trage, hat viele Beulen. Einige davon stammen auch von meinen Feinden. Jürgen Kuczynski "Dialog mit meinem Urenkel"


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#10

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 13:29
von Vogtländer (gelöscht)
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Jaja,schon klar,Du edler Sanierer des maroden Staatshaushaltes.


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#11

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 13:53
von Rainman2 | 5.761 Beiträge

Zitat von Eisenacher im Beitrag #6
... Ja, nach der Wende waren alle Freiheitskämpfer und schon immer Systemgegner. Selbst die roteste aller Socken war ein verkappter Revolutionär.
...

Nö, Eisenacher,

ich nicht. Ich stand bis zuletzt hinter dem Staat und dem was er tat. Ich glaube mich erinnern zu können, das hier im Forum bei anderen auch schon gelesen zu haben. Aber ich nehme an, dass Deine Aussage eher eine Überspitzung zum Zwecke der Deutlichmachung war, als der Versuch, die alten Betonköpfe der letzten Tage zu entlarven.

Aber zur Ausgangsfrage: Neben einem gerüttelten Maß an Systemtreue verfügte ich auch über eine erstaunliche Naivität im Umgang mit anderen Menschen. So musste ich während oder nach manch interessantem Gespräch feststellen, dass der Gesprächspartner eher der Opposition zuzuordnen war. Während mich das bis zu meinem Studium an der Militärpolitischen Hochschule regelmäßig in Verwirrung oder Gewissenskonflikte brachte, erlebte ich dann, eher unter dem Eindruck Berlins und seiner Szenen (in meinem Fall die Liedermacherszene), als unter dem Eindruck der Hochschule selbst, eine Entkrampfung. Die Systemkritik lag auch angesichts von Perestroika und Glasnost nahe. Dass dann die Kritik in Opposition umschlug, war in vielen Einzelfällen für mich nachvollziehbar. Insofern war für mich der Begriff des "Andersdenkenden" immer sehr merkwürdig. Es war erstaunlich, wie schnell man bei konsequenter Anwendung marxistisch-leninistischer Theoreme in Konflikt und auch in Opposition mit dem Regime der Partei kam. Ein kritischer, wacher Intellekt stieß sich eigentlich permanent an den Schranken des Systems. Die Frage war, wie derjenige, der Anstieß den Anstoß bewertete. War die Zensurschere der Parteidisziplin im Kopf, versuchte man es mit Selbstkritik. Letzteres führte auch bei mir immer wieder zur Anpassung. Wobei ich mir, ehrlich gesagt, in dieser Zeit keinen allzu kritischen und wachen Intellekt bescheinigen würde. Mein Opportunismus dieser Zeit gründete sich eher auf Bequemlichkeit, Gewohnheit und Naivität. Das hinderte mich aber nicht daran, mit kritischen Menschen (nicht einfach nur den Meckerköppen) ins Gespräch zu kommen. Dass ich da oft recht alt ausgesehen haben dürfte, entsprach damals nur teilweise meiner Wahrnehmung. Eine Überzeugung macht halt die seltsamsten Dinge mit der Wahrnehmung ...

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


4.Zug 4.Kompanie GAR-40, Hans, Eisenacher, ABV, DoreHolm, Feliks D., Küchenbulle 79, turtle, Gert und chantre haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 19.09.2013 13:54 | nach oben springen

#12

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 14:45
von matloh | 1.204 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #11
<... cut ... >ich nicht.
Hallo Rainman2, ich bewundere Deine Fähigkeit zur Selbstreflektion!

cheers matloh


Aus gegebenem Anlass temporär: Nein, die Erde ist keine Scheibe!

"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren." (Benjamin Franklin)
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#13

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 14:47
von Hans | 2.166 Beiträge

Hallo, Gemeinde, wie Pastor Holm immer sagte.
1. Rainmann , Turtle :
RESPEKT !
2.Liebe Dora / Agathe (-oder doch Axinia -wär doch ne Alternative ) - Witzmodus aus- Du sprichst hier ein extrem schwieriges Thema an. Die von Dir aufgezählten Gruppen wurden -zumindestens in meinem Umfeld bzw. von mir, sehr unterschiedlich wahrgenommen.Ich glaub auch nicht, daß man sie in einen Topf werfen sollte oder kann.
Ein einheitliches Bild von den verschiedenen oppositioellen Strömungen (im weitesten Sinne-was ist alles Opposition?) gab es im öffentlichen Bewustsein und in der privaten Wahrnehmung in der DDR nicht, weil es einfach keine einheitliche opp. Stömung gab.
Selbst in erinnerung -aus eigener Wahrnehmung- nicht aus Politinformation - und auch nicht aus den ach so beliebten Fensehsendungen a la Schnitzler oder Löwenthal - ist mir eigendlich nur die ganze Geschichte Gethsemane-Kirche - , und zum Teil der Pfarrer Eppelmann (jetzt hatte ich mich doch glatt verschrieben, den Namen mit Ä,daher Korrektur), (später bekanntlich Minister für Verteidigung und Abrüstung -das letzte soll er ja geschafft haben- Ironie aus -) bekannt. Ne,ne -nicht Dienstlich bekannt !- ich wohnte "um die Ecke". Der "Rest", sorry, war einfach nicht präsent. Höchstens mal übers Fernsehen wirksam.
Meckerer : natürlich - unbeliebt, aber wo nicht ?Aber ist das Opposition? Kritiker: Teils teils -aber wenns sachlich und möglichst fundiert ist-nicht gerade beliebt und Streichelkinder, aber doch meist geachtet.
Und dann - nur um nicht aneinander vorbeizureden- versuch doch mal , zu präzisieren . Sonst unterhalten wir uns zum Schluß über Hools als Widerstandskämpfer- ich hab so einen ( Union-Fan !! ) unter den Kumpels .
Soviel erst mal.
73 u.88 Hans


I´m just a truckle, but I don´t like to truckle. ( Prokop; Unterschenkel )
zuletzt bearbeitet 19.09.2013 14:51 | nach oben springen

#14

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 15:34
von damals wars | 12.143 Beiträge

Zitat von thomas 48 im Beitrag #2
Schon mal was von der Verfölgung der JG gelesen?
Schon mal was von der Jungschar gehört?
Schon mal was von IMAK-Leuten gehört?
Ich war überall dabei, in der Zeit von ca 1957-1970


IMAK noch nie gehört.
Ansonsten schon erstaunlich, was alles möglich war.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#15

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 16:30
von DoreHolm | 7.692 Beiträge

[i]Zitat von Rainman2 in #11[/i]

Da denke ich an einige Ewignörgler, die Systemträgern immer noch mangelnde Selbstreflexion ihrer damaligen Handlungen vorhalten. Ja, was sollen sie denn sonst noch tun oder sagen ? Irgedwo hat´s seine Grenzen, die Selbstgeißelung. Ich vermisse ähnliche Selbstkritiken von zur Wendezeit ebenso genau entgegengesetzt agierender Bürgerechtler und wie sie ihr Engagement heute sehen, nachdem so ziemlich die meisten ihrer Ideale den Bach runtergegangen sind und ganz andere Leute aus den hinteren Reihen oder erst auf den schon fahrenden Zug Aufgesprungene das Sagen haben. Leute, die keinerlei Repressionen mehr zu befürchten hatten, als sie sich öffentlich bemerkbar gemacht haben. Ich meine nicht diejenigen, die in der großen Masse mitdemonstriert haben und nun desillusioniert sind, ich meine die Aktivisten, die Organisatoren, die zu den führenden Köpfen zählenden. Vermutlich wird aber keiner in diesem, für viele dieser menschen etwas linkslastigem Forum Mitglied sein.



zuletzt bearbeitet 19.09.2013 16:30 | nach oben springen

#16

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 17:05
von Moskwitschka (gelöscht)
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Es ist schwer den Personenkreis präzise einzugrenzen, da die Biografien und Entwicklungen dieser Menschen, die ich meine, sehr unterschiedlich ist. Sie haben jedoch eins gemeinsam, sie haben gesehen, dass in dem Land in dem sie lebten etwas schief läuft. Wahrscheinlich komme ich nicht umhin, es an meinem Beispiel zu präzisieren. Es ist aber sehr schwer, auch der Verständlichkeit wegen, sich ausschließlich auf ein Segment der eigenen Biografie zu fokussieren.

Ich habe 1976 mein Studium an einer pädagogischen Hochschule begonnen. Studentenleben in einer Großstadt war für mich fast wie ein Kulturschock nach 4 Jahren Internat in einem Dorf. Und dann passierte etwas, was für mich und viele andere nicht nachvollziehbar war – die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Nicht nachvollziehbar aus mehreren Gründen. Erstens kannten wir Wolf Biermann gar nicht und zweitens war ich fassungslos, dass man einfach jemanden die Einreise in seine Heimat, zur Familie und Freunden verweigern konnte.

Natürlich hat man sich im Freundeskreis erst einmal mit der Person Biermann beschäftigt, der irgendwann, weil man zu wenig Informationen hatte egal war. Was klar war, er war ein Kritiker der DDR. Und daraus entwickelte sich für mich die entscheidende Frage: Was passiert mir, wenn ich kritisiere. Und Gründe gab es für mich. Diese Frage stellte ich dann regelmäßig in den FDJ-Versammlungen. Ich muss wahrscheinlich hier nicht die fleißig eingeübten Argumente der anderen wiederholen. Mag sein, dass bei meine Kritik am Sozialismus in der DDR, den ich als aalglatt und musterschülerhaft bezeichnet habe und dafür die Verhältnisse in der Sowjetunion zum Vergleich herangezogen habe, vielen die Argumente ausgegangen sind. Zumal ich mit konkreten Erfahrungen kontern konnte, wie z.B. mit Ribbentrop und seiner Rolle beim Hitler-Stalin-Pakt, der in der Sowjetunion heftigst unter Jugendlichen diskutiert wurde und von dem im Geschichtsunterricht in der DDR nie die Rede war. Alleine diese Frage hatte zur Folge, dass ich von dem 1- jährigen Studienaufenthalt in der Sowjetunion ausgeschlossen wurde. Begründung – meine Russischkenntnisse seien exzellent und es sei daher eine unnötige Ausgabe für die Volkswirtschaft. Im Gegenzug wurde ich zu einer Hiwi – Stelle verdonnert, um mit anderen Kommilitonen Russisch zu pauken.

Nun könnte man meinen, dass diese Disziplinierungsmaßnahme Früchte getragen hat. Ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl schon verstanden. Doch die Frage lies mich nicht los: Kann mir es ähnlich ergehen wie Biermann, dass man Kritiker abschob, wohin auch immer. Und dann kamen die Volkskammerwahlen und wir wurden in einer FDJ-Versammlung auf unser Erstwählerstatus eingeschworen. Und ich stellte wieder meine Frage. Eisiges Schweigen. Nun ja sagte ich, wenn ich keine Antworten darauf bekomme wie der Staat mit mir verfahren würde, dann gehe ich auch nicht wählen. Was ich dann auch nicht tat. 4 Wochen später wurde ich exmatrikuliert.

Was danach geschah ist hier irrelevant. Nur soviel. Ich habe von einem Tag auf den anderen nicht mehr dazu gehört. Ich wurde zu keinem Klassentreffen eingeladen usw.. Ich war eine Unperson. Jahre später, nach der Wende, habe ich eine ehemalige Klassenkameradin und Kommilitonin bei einer Buchlesung getroffen. Obwohl um Jahre älter haben wir uns sofort wieder erkannt. Ich freute mich riesig, jemanden aus meiner Vergangenheit zu treffen. Sie scheinbar weniger. Oder anders, sie war sehr verunsichert. Statt einem „Hallo“ kam von ihr ein „Es tut mir leid“ Was, fragte ich. „Das was damals passiert ist“.

Daher meine Frage. Es muss die Menschen, die solche oder ähnliche Konfliktsituationen beobachtet haben, bewegt haben und Spuren hinterlassen haben. Und solche wie mich gab es viele in der DDR, wie ich später erfahren habe. Auch, dass nach solch einer Erfahrung die unterschiedlichsten Wege eingeschlagen wurden. Mag sein, dass viele von uns 1989 bei den Demos in der ersten Reihe standen. Wir waren aber keine Feinde. Eins ist jedoch geblieben – wir waren und sind eben anders.

LG von der grenzgaengerin


DoreHolm, Küchenbulle 79 und Lutze haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 19.09.2013 17:06 | nach oben springen

#17

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 17:17
von turtle | 6.961 Beiträge

Stellt Euch mal vor, man hätte mit den Andersdenkenden normal geredet, dessen Kritik zum Nachdenken aufgenommen. Zusammengearbeitet um einiges zu verbessern.Man tat es nicht ,im Gegenteil man behandelte sie wie Aussätzige ,und ließ sie die Macht des Staates spüren .Kritik kann konstruktiv sein. Kritik am System und der sozialistischen Politik wurde aber nicht geduldet. Ja hätte man nur , dann würde es die DDR vielleicht noch geben. Viele wollten doch nur eine bessere DDR. 1989 war allerdings nichts mehr zu retten. Viel früher war vernünftiges Nachdenken angesagt. Die Agonie der DDR muss doch bemerkt wurden sein.. Die alten Herren in Wandlitz mit ihrer Blind und Starrköpfigkeit waren doch nicht die Einzigen in Partei und MfS.


Lutze und Udo haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#18

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 17:30
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von turtle im Beitrag #17
Stellt Euch mal vor, man hätte mit den Andersdenkenden normal geredet, dessen Kritik zum Nachdenken aufgenommen. Zusammengearbeitet um einiges zu verbessern.Man tat es nicht ,im Gegenteil man behandelte sie wie Aussätzige ,und ließ sie die Macht des Staates spüren .Kritik kann konstruktiv sein. Kritik am System und der sozialistischen Politik wurde aber nicht geduldet. Ja hätte man nur , dann würde es die DDR vielleicht noch geben. Viele wollten doch nur eine bessere DDR. 1989 war allerdings nichts mehr zu retten. Viel früher war vernünftiges Nachdenken angesagt. Die Agonie der DDR muss doch bemerkt wurden sein.. Die alten Herren in Wandlitz mit ihrer Blind und Starrköpfigkeit waren doch nicht die Einzigen in Partei und MfS.



Peter, das ist die Arroganz der Macht, diese ist in einem Einparteienstaat noch ausgeprägter als in unserem. Hier besteht die Gefahr abgewählt zu werden ( schätze mal das einige Regierungsmitglieder in Berlin in diesen Tagen sehr schlecht schlafen.) diese Gefahr war in der DDR nicht gegeben. Die fühlten sich todsicher in ihrem SED Kokon. Für andere Gefahren, die einen Staat so zum Einsturz bringen hatten sie eine spezielle Feuerwehr ( einige im Forum werden sie erkennen an der Farbe rot, passt ja irgendwie zum Objekt ). Die haben bis zu letzt nicht gesehen, dass es brennt. Und die "Feuerwehr" stand wie paralysiert daneben und schaute wie die Hütte brannte. Es hatte ja keiner den Befehl gegeben, zu löschen. Das einzige was der "Feuerwehr" in dieser Situation einfiel, war, sich am Ende selbst aufzulösen. So war schlussendlich nur noch Schall und Rauch von der DDR übergeblieben. Da passt irgendwie das Sprichwort " Hochmut kommt vor dem Fall "


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
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Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
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grenzgänger81, Hapedi und connies9 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#19

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 17:55
von DoreHolm | 7.692 Beiträge

Zitat von turtle im Beitrag #17
Stellt Euch mal vor, man hätte mit den Andersdenkenden normal geredet, dessen Kritik zum Nachdenken aufgenommen. Zusammengearbeitet um einiges zu verbessern.Man tat es nicht ,im Gegenteil man behandelte sie wie Aussätzige ,und ließ sie die Macht des Staates spüren .Kritik kann konstruktiv sein. Kritik am System und der sozialistischen Politik wurde aber nicht geduldet. Ja hätte man nur , dann würde es die DDR vielleicht noch geben. Viele wollten doch nur eine bessere DDR. 1989 war allerdings nichts mehr zu retten. Viel früher war vernünftiges Nachdenken angesagt. Die Agonie der DDR muss doch bemerkt wurden sein.. Die alten Herren in Wandlitz mit ihrer Blind und Starrköpfigkeit waren doch nicht die Einzigen in Partei und MfS.



Turtle, ja Du hast recht. Man hätte reden sollen und es gab weißgott nicht wenige auch unter den SED-Mitgliedern, die schon lange wußten, zumindest auf ihrem Arbeitsgebiet in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur u.a., daß etwas "faul ist im Staate Dänemark". Warum nicht aus der zweiten Reihe oder noch weiter darunter liegenden Reihen Forderungen nach einer Politikänderung offen geäußert wurden, darüber wurden hier auch schon mehrfach gemutmaßt und von einigen Usern auch am eigenen Beispiel dargelegt. Parteidisziplin, Angst um die Position, Kopf in den Sand stecken, Überzeugt sein für die richtige Sache einzutreten u. v. Gründe mehr. Was mich betrifft, habe ich mich auch erst 1988/89 in den Mitgliederversammlungen dafür ausgesprochen, mit den moderaten Kräften der Bürgerbewegung in´s Gespräch zu kommen. Warum nicht eher, kann ich auch sagen. Weil mir nämlich damals klar war, daß eine Lockerung und Erfüllung von zuerst kleineren Forderungen der Bürgerrechtler weitere Forderungen nach sich zieht und dann in einer bestimmten Phase Leute auf den Plan treten, denen es nicht mehr nur um mehr Demokratie, eine bessere DDR und einen gerechten Sozialismus (wie in der CSSR mit "menschlichem Antlitz") geht. Das war mir damals schon klar und das war auch der Grund, weshalb ich bei aller eigenen Unzufriedenheit die Bürgerrechtsbewegung nicht unterstützt habe, auch wenn ich mich mit einigen Forderungen einverstanden erklären konnte.
Das wäre damals 68 auch in der CSSR nach diesem Schema abgelaufen. Es wäre nicht beim Sozialismus mit menschlichem Antlitz geblieben und Dubcek wäre sehr bald von radikaleren Kräften abserviert worden. 1989 wurde mir erst klar, daß eine Entwicklung in dieser Richtung nicht mehr aufzuhalten ist und wir versuchen müssen, radikalere Kräfte nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Hat nicht geklappt, die Masse war von denen manipulierbar, auch mit ungewollter Hilfe durch das Politbüro mit seinen festgefressenen Denkweisen. Daß da auch andere Kräfte agierten, sah man spätestens dann, als diese entsprechenden Parteien beitraten. Spontan muß ich da an Vera Lengsfeld( ehem. Wollenberger) denken. Lest mal ihre Vita bei Wiki. Sehr interessant. Hat sich auch erst nach der Wende von GB aus auf den Weg in die DDR gemacht, als eigentlich schon die kritischen tage gelaufen waren. Jetzt ist sie in der CDU. Die wollte in den 80ern m.E. NIE etwas anderes als die Beseitungung der bisherigen Produktionsverhältnisse. Anders kann ich mir einen Eintritt in eine solche Partei nicht erklären.



Damals87 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#20

RE: Die Andersdenkenden in der DDR

in Leben in der DDR 19.09.2013 18:17
von Lutze | 8.033 Beiträge

Ende meiner Schulzeit war die Solidarnosc in Polen ein heißes Thema,
ich konnte mich nicht damit abfinden,das die Grenze nach Osten
auch geschlossen wurde,als Jugendlicher hinterfragt man sich,
wo soll das denn noch hinführen?,
ich wollte dieses nicht so einfach hinnehmen,und habe auf meine Art
Protest gezeigt,meine Überzeugung war,wer nichts macht,
dann wird sich auch nichts ändern
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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