#1

Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 17.08.2013 22:06
von chantre | 425 Beiträge

Ich habe mal die Suchfunktion bemüht, aber keine passenden Beiträge gefunden. Auf einem Lehrgang an dem Kripobeamte aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen traf ich einen Kollegen aus Salzgitter. Dieser schilderte mir, wie er nach seinem Dienst in der Nacht dann den Einmarsch der Trabbis und Wartburgs erlebte. Er war verwirrt und konnte im ersten Moment nicht realisieren, was da passierte. Mich würde mal interessieren, wie Anwohner des Grenzgebietes, Angehörige des Zolls oder des BGS diesen Moment erlebten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Information des Herrn Schabowski im Fernsehen der BRD verbreitet wurde, oder ? Was habt ihr gefühlt, als völlig unvermittelt die ersten DDR-Bürger in Euren Strassen auftauchten?
Ich habe später bei Diskussionen die verschiedensten Reaktionen erlebt, von Freude bis Angst und Erschrecken.


Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. Kurt Tucholsky
Rainman2 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#2

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 17.08.2013 22:34
von eisenringtheo | 9.154 Beiträge

Es kam sofortauf allen Sendern, auch in der Schweiz und auf CNN. Und das (für micht auch heute noch) Erstaunliche war. Reportageteams aus aller Herren Ländern waren schon vor Schabowski Ankündigung vor Ort.
Theo


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#3

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 17.08.2013 22:40
von Batrachos | 1.549 Beiträge

hallo chantre,

Es war bei uns zwar nicht der 9. November,sondern der 11. November
als bei uns die Grenzen aufgingen,aber ich denke die Mehrheit der westdeutschen Bewohner hatten sich gefreut darüber.
Denn sie hatten innerhalb kürzester Zeit auf westdeutscher Seite wie so eine Art Volksfest organisiert.
Die Geschäfte hatten alle offen,und an der Grenze gab es Freibier für uns Neuankömmlinge.
Ich glaube so etwas organisiert man nicht,wenn man Angst davor hat.
Später erzählte mir mal ein Walkenrieder Bürger,das es schon am Nachmittag des 11.11.89 Gerüchte in Walkenried gab,
die Grenze würde aufmachen.
2 Kilometer weiter auf DDR Seite hatte an diesem Tag niemand damit gerechnet,denn es war eigentlich wie immer.
Man durfte bis zum Schutzstreifen und weiter nicht,Grenzer waren ja an dem Tag auch noch aktiv.
Aber genauer kann dir da Zöllner 1974 Auskunft geben,denn er war ja beim Zoll damals "feindwärts tätig" in Walkenried.
Ob er genau an diesem Abend Dienst hatte weiß ich natürlich nicht. aber die Tage danach ging es ja erst richtig los mit der "Invasion" von uns.

MfG Batrachos


Drosseln sind Vögel. Sie in Motorräder zu stecken ist Tierquälerei!!
Motorradfahren ist das schönste, was man angezogen machen kann.
45° ist das zu schräg-bist du zu schwach
chantre hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 17.08.2013 22:41 | nach oben springen

#4

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 17.08.2013 22:54
von Krelle (gelöscht)
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#5

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 17.08.2013 23:14
von chantre | 425 Beiträge

Hallo Krelle,
Deine Schilderung finde ich besonders interessant. Du schreibst u.a. von Deinen Zukunftsängsten und auch von Wehmut über den Abschied. Ich glaube diese Gedanken fanden sich zu dieser Zeit, bei vielen in Ost und West. Egal ob es DDR-Grenzer, -Zöllner oder Beamte aus dem Westen waren, mit dem Wegfall der Grenze, verloren auch viele ihre berufliche Existenz. Auch ich als Angehöriger der Kripo machte mir damals Gedanken, wie es weitergehen soll. Ich kann auch heute nicht genau sagen, ob es Freude war, die ich damals empfand. Ich würde mit dem heutigen Abstand sagen, es war eher Ratlosigkeit. Und irgendwie fühlte ich mich damals auch von meinem Staat verraten. Die Tage nach dem 09.11.1989 waren Tage der Sprachlosigkeit und Tage neuer Erfahrungen. Am Montag, 13.11. standen in unserer Dienststelle drei Limoussinen mit Polizeiführern aus Niedersachsen auf dem Hof.


Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. Kurt Tucholsky
zuletzt bearbeitet 18.08.2013 21:33 | nach oben springen

#6

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 18.08.2013 21:36
von chantre | 425 Beiträge

Ich möchte das Thema noch mal zur Diskussion stellen, weil es mich Interessiert und ich hoffe, das sich noch ein paar User äußern.


Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. Kurt Tucholsky
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#7

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 18.08.2013 22:32
von Ari@D187 | 1.989 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #2
{...] Und das (für micht auch heute noch) Erstaunliche war. Reportageteams aus aller Herren Ländern waren schon vor Schabowski Ankündigung vor Ort.
Theo

Theo,

d.h. daß die Reportageteams schon vor der Pressekonferenz, d.h. vor 18 Uhr an z.B. der GÜST Bornholmer Straße in Lauerstellung lagen?

Gruß
Ari


Scheint es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode...
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#8

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 18.08.2013 22:50
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

Das war auch kein spontaner Versprecher. Die entscheidende Frage auf der Schabowski-Pressekonferenz war zuvor bestellt worden. Die BVG in Berlin ist an dem gesamten Tag schon vorher mit allem ausgerückt, was sie hatten (sog. "Smog-Fahrplan") und vor dem Brandenburger Tor waren die Starreporter der großen US Sender schon seit Tagen in Bereitschaft. Das haben die Alliierten und dann die Deutschen vorab geklärt und am Ende nur noch durchgezogen. Das entscheidende Treffen vorher war wohl im Palast-Hotel, war auch Stolpe, Schröder (nicht Gerd, sondern der Chef der Senatskanzlei) und irgendein DDR-Staatssekretär dabei. Glaube, im Spiegel stand das mal ausführlich.

War am 9. November gegen 20 Uhr am Brandenburger Tor (Westseite). Alles ruhig, wie immer. Auch keine Menschengruppen oder GT-Ansammlungen. Später in der Nacht hat sich das geändert... In Berlin war wirklich wochenlang Party.


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#9

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 18.08.2013 22:51
von eisenringtheo | 9.154 Beiträge

Spätestens seit der Ankündigung des neuen Reisegesetzes im ND am 6. November 1989 waren die Güst unter ständiger Beobachtung der Redaktionen.
http://www.chronik-der-mauer.de/index.ph.../618085/page/23
Theo


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#10

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 19.08.2013 20:55
von glasi | 2.815 Beiträge

Der 9 November 1989 war glaub ich ein Donnerstag. Ich hatte frei und war abends auf einer Party. Habe kräftig einen getankt. Bin dann nach hause gewankt. Zur der Zeit wohnte ich noch über meinen Eltern. Mein Vater kamm morgens sehr früh zu mir hoch und sagte mir das mit der Grenzöffnung. Wir haben denn ganzen Morgen TV geschaut . Am Wochenende sind wir nach Herleshausen gefahren. Es war die Hölle los. Aber in der eigentlichen Nacht am 9 November 1989 habe ich erst Party gemacht und dann tief und fest geschlafen.Ausgerchnet wenn Weltgeschichte geschrieben wurde.



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#11

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 19.08.2013 21:14
von glasi | 2.815 Beiträge

Zitat von chantre im Beitrag #5
Hallo Krelle,
Deine Schilderung finde ich besonders interessant. Du schreibst u.a. von Deinen Zukunftsängsten und auch von Wehmut über den Abschied. Ich glaube diese Gedanken fanden sich zu dieser Zeit, bei vielen in Ost und West. Egal ob es DDR-Grenzer, -Zöllner oder Beamte aus dem Westen waren, mit dem Wegfall der Grenze, verloren auch viele ihre berufliche Existenz. Auch ich als Angehöriger der Kripo machte mir damals Gedanken, wie es weitergehen soll. Ich kann auch heute nicht genau sagen, ob es Freude war, die ich damals empfand. Ich würde mit dem heutigen Abstand sagen, es war eher Ratlosigkeit. Und irgendwie fühlte ich mich damals auch von meinem Staat verraten. Die Tage nach dem 09.11.1989 waren Tage der Sprachlosigkeit und Tage neuer Erfahrungen. Am Montag, 13.11. standen in unserer Dienststelle drei Limoussinen mit Polizeiführern aus Niedersachsen auf dem Hof.

Das ging ja schnell!



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#12

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 19.08.2013 21:24
von Wanderer zwischen 2 Welten | 2.340 Beiträge

Zitat von chantre im Beitrag #1
Ich habe mal die Suchfunktion bemüht, aber keine passenden Beiträge gefunden. Auf einem Lehrgang an dem Kripobeamte aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen traf ich einen Kollegen aus Salzgitter. Dieser schilderte mir, wie er nach seinem Dienst in der Nacht dann den Einmarsch der Trabbis und Wartburgs erlebte. Er war verwirrt und konnte im ersten Moment nicht realisieren, was da passierte. Mich würde mal interessieren, wie Anwohner des Grenzgebietes, Angehörige des Zolls oder des BGS diesen Moment erlebten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Information des Herrn Schabowski im Fernsehen der BRD verbreitet wurde, oder ? Was habt ihr gefühlt, als völlig unvermittelt die ersten DDR-Bürger in Euren Strassen auftauchten?
Ich habe später bei Diskussionen die verschiedensten Reaktionen erlebt, von Freude bis Angst und Erschrecken.


Ich war damals auf den Kurzwellensender Deutsche Welle angewiesen um in Erfahrung zu bringen was sich im Osten und um die Mauer / Grenze damals so abspielte. Und die haben damals Schabowskis Rede mehrfach gesendet.


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#13

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 19.08.2013 21:36
von Wanderer zwischen 2 Welten | 2.340 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #2
Es kam sofortauf allen Sendern, auch in der Schweiz und auf CNN. Und das (für micht auch heute noch) Erstaunliche war. Reportageteams aus aller Herren Ländern waren schon vor Schabowski Ankündigung vor Ort.
Theo


Die Schabowskirede war doch nur Show fuer die Buerger in Ost und West. Hinter den Kulissen stand doch schon seit Tagen, wenn nicht sogar Wochen, fest das die Grenzen geoeffnet werden.. Und das wurde auch nicht in Pankow oder Bonn so beschlossen, sondern von den Maechten die die Draehte der deutschen Marionetten gezogen haben.


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#14

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 19.08.2013 22:02
von Thunderhorse | 3.993 Beiträge

Zitat von chantre im Beitrag #5
Hallo Krelle,
Deine Schilderung finde ich besonders interessant. Du schreibst u.a. von Deinen Zukunftsängsten und auch von Wehmut über den Abschied. Ich glaube diese Gedanken fanden sich zu dieser Zeit, bei vielen in Ost und West. Egal ob es DDR-Grenzer, -Zöllner oder Beamte aus dem Westen waren, mit dem Wegfall der Grenze, verloren auch viele ihre berufliche Existenz. Auch ich als Angehöriger der Kripo machte mir damals Gedanken, wie es weitergehen soll. Ich kann auch heute nicht genau sagen, ob es Freude war, die ich damals empfand. Ich würde mit dem heutigen Abstand sagen, es war eher Ratlosigkeit. Und irgendwie fühlte ich mich damals auch von meinem Staat verraten. Die Tage nach dem 09.11.1989 waren Tage der Sprachlosigkeit und Tage neuer Erfahrungen. Am Montag, 13.11. standen in unserer Dienststelle drei Limoussinen mit Polizeiführern aus Niedersachsen auf dem Hof.


Auf welchem Hof?
Was sollte der Anlaß dazu gewesen sein?


"Mobility, Vigilance, Justice"
zuletzt bearbeitet 19.08.2013 22:03 | nach oben springen

#15

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 20.08.2013 07:45
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Thunderhorse im Beitrag #14
Zitat von chantre im Beitrag #5
Hallo Krelle,
Deine Schilderung finde ich besonders interessant. Du schreibst u.a. von Deinen Zukunftsängsten und auch von Wehmut über den Abschied. Ich glaube diese Gedanken fanden sich zu dieser Zeit, bei vielen in Ost und West. Egal ob es DDR-Grenzer, -Zöllner oder Beamte aus dem Westen waren, mit dem Wegfall der Grenze, verloren auch viele ihre berufliche Existenz. Auch ich als Angehöriger der Kripo machte mir damals Gedanken, wie es weitergehen soll. Ich kann auch heute nicht genau sagen, ob es Freude war, die ich damals empfand. Ich würde mit dem heutigen Abstand sagen, es war eher Ratlosigkeit. Und irgendwie fühlte ich mich damals auch von meinem Staat verraten. Die Tage nach dem 09.11.1989 waren Tage der Sprachlosigkeit und Tage neuer Erfahrungen. Am Montag, 13.11. standen in unserer Dienststelle drei Limoussinen mit Polizeiführern aus Niedersachsen auf dem Hof.


Auf welchem Hof?
Was sollte der Anlaß dazu gewesen sein?


Das würde mich jetzt auch interessieren! Die ersten vorsichtigen Kontakte zwischen der Volkspolizei und der Polizei der Bundesrepublik fanden nicht vor dem Frühjahr 1990 statt. Vier Tage nach dem Mauerfall wäre noch kein niedersächsischer Polizeibeamter auf den Hof einer VP-Dienststelle gekommen. Man bedenke, damals gab es sogar noch die Stasi! Die DDR war zwar angeschlagen, dringende Reformen zeichneten sich ab oder waren bereits im Gange, aber eine solche Öffnung war noch nicht abzusehen.

Gruß Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#16

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 20.08.2013 09:10
von chantre | 425 Beiträge

Es war meine subjektive Wahrnehmung zu dieser Zeit, die ich objektiv nicht beweisen kann. Also sorry. Ich kann mich erinnern, daß die ersten Kontakte lediglich dem gegenseitigen Kennenlernen dienten. Ich ich kann mich erinnern, daß gerade in den ersten Tagen der Euphorie viele spontane Kontakte zustande kamen. Vielleicht können sich auch mal User aus dem unmittelbaren Grenzorten äußern, wie sie es wahrnahmen.
Ich glaube auch hier im Forum schon gelesen zu haben, dass man von dieser Zeit an miteinander sprach.


Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. Kurt Tucholsky
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#17

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 20.08.2013 10:41
von eisenringtheo | 9.154 Beiträge

Besprechungsbedarf untergeordneter Behörden und Sicherheitsorgane gab es sicher wegen der lokalen Grenzöffnungen, um das befürchtete Chaos zu meistern. Informelle Treffen muss es gegeben haben, das erkennt man gut an der jeweiligen Verkehrsregelung und am Verhalten und den Aussagen der uniformierten Personen (in den zahlreichen Videos der Grenzöffnungen) nach dem 9. November 1989. Das wirkt auf mich schon ordentlich vorbereitet und relativ gut organisiert.
Theo


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#18

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 20.08.2013 12:32
von Gelöschtes Mitglied
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So viele Ex-Wessis schreiben hier ja nicht und deshalb möchte ich auch meine Erinnerungen an diese denkwürdige Nacht erzählen, auch wenn sie nicht aus dem unmittelbaren Grenzgebiet stammen.

Ich bin Jahrgang 1950 und in dem Bewusstsein groß geworden, dass es zwei deutsche Staaten gibt. Das stand für mich so unverrückbar fest wie die Tatsache, dass der Eiffelturm in Paris steht. Diese Meinung erhielt deutliche und zusätzliche Unterstützung durch die vielen Besuche, die ich anfangs mit meinen Eltern (der erste Besuch erfolgte 1955) und später mit meiner Frau in der DDR absolviert habe: Die Unterschiede waren mehr als deutlich erkenn- und spürbar, es war ein anderer Staat, in dem wir uns befanden. In dem auch Deutsch gesprochen wurde, das war das einzig Gemeinsame. Vergleichbar zu Österreich: Auch dort wird Deutsch gesprochen, jedenfalls eine Art Deutsch.

In dieser Nacht saß ich völlig fassungslos vor dem Fernseher, unfähig zu glauben, was ich dort sah. Zu tief saß die Überzeugung, dass sich am Status quo nichts ändern, dass sich die DDR auch weiterhin zum Westen hin abschotten würde. Natürlich habe ich auch die Entwicklung in den anderen Ländern des damaligen "Ostblocks" verfolgt, natürlich auch die Auswirkungen von Perestroika und Glasnost am TV erlebt, Dennoch war das, was in dieser Nacht passierte, für mich nicht vorstellbar: Zu tief war noch das Wissen bzw. die Erinnerung an die Ereignisse vom 17.06.1953 und später in Ungarn und der Tschechoslowakei. Trotz der ganzen Botschaftsflüchtlinge, trotz der einseitigen Grenzöffnung der Ungarn in Richtung Österreich - nein, das war für mich absolut nicht vorstellbar. Eher habe ich daran geglaubt, dass es wieder einen "Hilferuf" geben würde, dass sowjetische Panzer (ggf. unterstützt durch Truppen aus anderen "Bruderländern") dem Ganzen einen Riegel vorschieben würde. Nüchtern betrachtet war ich damals auch ein ziemlicher "Betonkopf".

Ich weiß nicht mehr, wann ich ins Bett gegangen bin. Ich weiß nur noch, dass ich vor dem TV wie ein Schlosshund geheult habe, vor unbändiger Freude darüber, was da passierte. Und das ich am nächsten Morgen ziemlich rote Augen hatte - ob von der Flennerei oder aus Schlafmangel vermag ich heute nicht mehr zu sagen.

Mit den praktischen Auswirkungen wurde ich etwa 6 Wochen später konfrontiert: Wie schon öfter wollten wir Sylvester bei meinen Verwanden in Salzwedel verbringen. Die Einreisedokumente dazu hatte ich bereits, sie wurden mir Ende Oktober/Anfang November zugeschickt; leider sind sie bei irgendeinem der Umzüge verloren gegangen. Ich weiß nur noch, welch "grenzenlose" (im Sinne des Wortes) Freude auf beiden Seiten herrschte, wie glücklich alle Menschen, die ich diesseits und jenseits des Zauns getroffen habe, waren. Umso mehr hat es mich bedrückt (und das hält vor diesem Hintergrund bis heute an), als ich gemerkt habe, dass die Stimmung teilweise kippte, dass die reale Mauer zwar weg war, die in den Köpfen sich aber als ziemlich solide erwiesen hat. Als die Neiddiskussionen losgingen, als die Wessis mekten, dass die Wiedervereinigung nicht zum Nulltarif zu haben war, dass sie die Auswirkungen in ihrer eigenen Lohntüte und auch daran gemerkt haben, dass viele Projekte im Westen auf Eis gelegt werden mussten, weil Riesensummen für den "Aufbau Ost" benötigt wurden. Und auch durch die völlig überzogene und unrealistische Erwartungshaltung mancher DDR-Bürger, die glaubten, dass innerhalb von 12 Monaten identische Lebens- und Einkommensverhältnisse in allen Teilen Deutschlands herrschen würden. Und die bis heute nicht verstehen können oder wollen, dass es auch im Westen gravierende Unterschiede gab und gibt: In der Eifel, im Bayrischen Wald oder auch im Weser-Ems-Gebiet (um nur einige Regionen zu nennen, es gibt noch mehrere) ist die Situation nun mal eine andere als in Frankfurt oder München.

Und so verbleibt eine leichte Trauer darüber, dass sich die Freude, die Euphorie der ersten Wochen und Monate weitgehend verflüchigt hat und die Unzufriedenen kaum Widerspruch erleben. Es ist wie immer im Leben: Die, die zufrieden sind, sind gleichzeitig ruhig und die anderen meckern. Deren Simmen werden gehört und so ergibt sich ein schiefes Bild der tatsächlichen Stimmung im Land.

Eigentlich schade.


Kurt, grenzgänger81, Marienborn89, Gohrbi, Rainman2, chantre, Jobnomade, GKUS64, thomas 48, coldwarrior67 und CAT haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#19

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 25.08.2013 21:37
von berlin3321 | 2.511 Beiträge

Hallo,

auch wenn ich nicht im direkten Grenzgebiet gewohnt habe bzw. wohne, wir hatten den kleinen Grenzverkehr und somit kein Problem mit der auch mal kurzfristigen Einreise.

Allerdings würde eine Schwester meines Schwiegervaters 60 und da sollte hingefahren werden, ich selbst war nicht mit nach Gera,

Das war ungefähr zu der Zeit als die Botschaftsflüchtlinge raus durften bzw. kurz vorher, denn nachdem Ungarn offen war kamen die Kinder der Schwester.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als meine damalige Frau aus G zurück kam, meinte sie: Lange geht das da nicht mehr gut, die müssen aufmachen und so war es dann auch.

An den 9. 11 kann ich mich nicht direkt erinnern, jedoch an die Folgezeit sehr deutlich. Z.T waren Einkäufe extrem nervig wenn gerade mal wieder ein Bus vor dem Aldi stand, der Laden gerammelt voll, an der Kasse: Ach, komm Du mal vor........und unsereiner hatte auch nur 3 Sachen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der 24.12. An dem Tag wurde der Zwangsumtausch und die Visapflicht seitens der DDR ausgesetzt, ab 23 Uhr standen wir vor der Kontrollstelle Lauenburg/ Horst an. Mehr oder weniger pünktlich ging es dann los, jedoch reichte der Stau bis Boizenburg. Mit dabei meine Eltern, mein Vater gebürtiger Schwanheider, Mitte der 50 ziger geflüchtet.

Wir entschlossen uns, über Nosdorf, Schwanheide "hintenrum" nach Boizenburg zu fahren. In Schwanheide waren die Grenzposten auf der Bahnbrücke noch tätig, schauten doch etwas verwundert dem Westwagen hinterher, der da um 1 Uhr Nachts im Sperrgebiet herum kurvte.

Dann stand der "Alte" nach 35 Jahren wieder vor seinem Elternhaus, ein sehr bewegender Moment, den ich in anderen Freds ja schon geschildert habe. Ich konnte das zu der Zeit nicht nachvollziehen, was da in ihm vorging, heute um so mehr.

Ganz Boizenburg war auf den Beinen, empfing uns Wessi´s genauso, wie wir sie Empfangen hatten, Es gab in der Kirche Schmalzbrot, Kaffee, irgendwo auch Bier, Musik.

Eine tolle, einfach eine unvergessliche Nacht die für uns bis 4 Uhr dauerte, dann ging es wieder Richtung Heimat.

Die Folgezeit bis zum 3. Oktober 90 brachte mir persönlich nur Vorteile von denen ich heute noch etwas habe.ich möchte die Zeit nicht missen, denke gern daran zurück, auch wenn es einige unschöne Erinnerungen gibt.

Die positiven Erinnerungen überwiegen jedoch.

Mfg Berlin

Edit: Rechtschreibung


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
zuletzt bearbeitet 25.08.2013 21:40 | nach oben springen

#20

RE: Die Nacht vom 09.11.1989 aus westdeutscher Sicht

in Leben in der DDR 20.08.2014 22:29
von Alfons Zitterbacke | 6 Beiträge

Ich habe die Grenzöffnung verschlafen. Weiß noch dass ich Morgens dass Radio angemacht habe und einfach nicht verstehen konnte worüber da gesprochen wurde. Also Fernseher an und erst da konnte ich es glauben. Die Grenze war offen. Unglaublich !!! Kurze Zeit vorher war mein Onkel aus familiären Anlass zu Besuch gewesen, gerade als Honecker durch Krenz ersetzt wurde und wir hatten zum Abschied noch gesagt:"Mensch, vielleicht wird es ja jetzt ein wenig lockerer und ihr könnt auch ohne besonderen Anlass mal kommen." Und nun das ?
Ich glaube wir haben den ganzen Tag ferngesehen, geheult, ferngesehen, geheult....................
Ein paar Tage später stand der Onkel mit Frau und 3 Kindern vor unserer Tür. Und dann nach und nach der Rest der Verwandtschaft. Es war eine sehr aufregende und schöne Zeit die ich nie vergessen werde.



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