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Unternehmen Heiligenschein

in Leben an der Berliner Mauer 28.06.2009 19:49
von Augenzeuge (gelöscht)
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Der Mauerbau- hätte es so sein können......

Das Jahr 1961: Ganz Ostdeutschland wird von der Roten Armee kontrolliert. Ganz Ostdeutschland? Nein, in der Mitte ragt, einem schmerzenden Stachel gleich, West-Berlin aus dem Schutt des zweiten Weltkrieges. Von hier aus senden RIAS, BBC, SFB und AFN ihre Propaganda weit hinaus in die sowjetisch besetzte Zone (SBZ).
Und hier tut sich für Walter Ulbricht auch eine andere Wunde auf - über die offenen Grenzen Berlins entschwinden täglich über tausend Bürger in Richtung Osten. Weniger durch schnöde materielle Verheissungen verführt, mehr unter dem politischen Druck entflohen. Vor allem junge Menschen sind es, die dem Arbeiter- und Bauernstaat den Rücken kehren. Ärzte, Ingenieure, Schriftsteller.
Ulbricht tobt. Chruschtschov will ihm nicht die Erlaubnis erteilen, die Grenzen zu der Vier-Zonen Stadt endlich hermetisch abzuriegeln. Doch dann der Umschwung: Nach einem Treffen zwischem dem Generalsekretär der KPdSU und dem jungen Präsidenten Kennedy wird klar, das die beiden sich nicht mögen. Der kauzige Russe und der smarte Amerikaner aus reichem Hause sind zu unterschiedlich, als das sich Respekt, vielleicht sogar eine Art kollegiale Freundschaft entwickeln könnte.
Ulbricht bekommt auf einer Sitzung im Juli 1961 grünes Licht für das Unternehmen "Heiligenschein". Westdeutsche und Westberliner dürfen nur noch nach einer eingehenden Passkontrolle zwischen Berlin und Westdeutschland reisen. Die Flughäfen im Westen der Stadt dürfen nur noch Bürgern der alliierten Staaten offen stehen, will einer "aus dem Westen" fliegen, soll er gefälligst über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld ausreisen.
Damit sitzen die Flüchtlinge aus der DDR in West-Berlin fest. Anfangs kein grosses Problem - die Stadt hat ohnehin mit dem Wegzug tausender Bürger zu kämpfen - in einer "Frontstadt" lässt es sich für sensible Gemüter nicht immer ruhig schlafen. Die Alliierten bleiben ruhig - das politische Wetter ist kalt genug und - immerhin - können sie und ihre Bürger immer noch frei ausreisen, unbehelligt von den Soldaten mit den roten Sternen am Revers.
Willy Brandts Proteste bei Adenauer verhallen, ebenso bei den Stadtkommandanten der Alliierten. Egon Bahr, Beauftragter Brandts in Sachen Presse, kapituliert frühzeitig - an ein Durchbrechen der sowjetischen Regelung sei vorerst nicht zu denken.
Doch bereits Anfang 1962 eskaliert die Lage merklich: Mittlerweile sitzen über 120.000 Ostdeutsche in Berlin fest. Diese sind zunehmend beunruhigt, aggressiv - schliesslich stehen sie in der DDR als Verräter da und immer häufiger machen Gerüchte die Runde von Entführungen durch das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit.
Im Juni des gleichen Jahres wird Willy Brandt mit den Worten zitiert "Damit hat das SED-Regime sein Ziel erreicht: Nicht das die DDR nun verhindern muss, das ihre Bürger in den freien Teil der Stadt Berlin gelangen - wir müssen die Hilfesuchenden abweisen - das Boot scheint voll."
Von normalen Verhältnissen in West-Berlin kann nun keine Rede mehr sein. Über zweihunderttausend Flüchtlinge versuchen sich in eine Stadt zu integrieren, die kaum mehr Integration anbieten kann. Berlin ist ein riesiges Gefängnis für sie. Der Handel mit falschen Papieren boomt, mehr Grund für die ostdeutsche Grenzsicherheit, Reisende umso genauer zu filzen. Alleine im Juni 1962, ein Jahr nach der Einführung der Reiseregelung, nehmen DDR-Grenzschützer fast dreihundert ehemalige DDR-Bürger fest, die unter Verwendung falscher Papiere nach Westdeutschland ausreisen wollen.
Eine Aktion, "einheimische" West-Berliner zum Umzug in die BRD zu bewegen, um Platz für weiter Flüchtlinge zu schaffen scheitert an der mangelnden Bereitwilligkeit der Bürger - nur 17.000 Menschen nehmen die Förderhilfe wahr.
Doch auch im ZK der DDR ist man unzufrieden. Zwar sinken die Flüchtlingszahlen auf die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr, aber immer noch wenden täglich fast fünfhundert Menschen der DDR den Rücken zu. Erich Honecker, ein Scharfmacher, der als Nachfolger Ulbrichts im Gespräch ist, verlangt den Bau eines "antifaschistischen Schutzwalls", die Umsetzung dessen, was an der Grenze zur BRD schon Fakt ist: Stacheldraht, Tretminen, Wachtürme.
Im Herbst 1962 eskaliert die Situation. Der US-Präsident Kennedy, verärgert durch die unnachgiebige Haltung Chruschtschovs, durch die Kuba-Krise, durch das sowjetische Engagement in Vietnam, verstärkt den Gegendruck: Die US-Luftwaffe wird angewiesen, DDR-Bürger in US-Maschinen nach Westdeutschland zu fliegen. Der sowjetische Stadtkommandant tobt, das ZK der DDR protestiert, die Briten tun es den Amerikanern nach, den Franzosen ist es egal. In nur einer Woche muss Ulbricht sehen, wie seine "brilliante Idee" nichts mehr wert scheint - westdeutsches Fernsehen verbreitet die Meldungen von dem erfolgreichen Exodus der ersten dreissigtausend Flüchtlinge weit in die DDR hinein. Folge: Die Flüchtlingszahlen steigen.
Chruschtschov fühlt sich persönlich beleidigt. Jets der UdSSR fliegen Scheinangriffe auf die US-Lufttransporte - die fliegen unbeeindruckt weiter. Kennedy verstärkt die Truppen in Berlin um 2500 Mann - militärisch unbedeutend, politisch ein eindeutiges Signal. Mitte Oktober streicht das sowjetische Kommando in der DDR die Zahl der Flugkorridore für die Westalliierten von drei auf einen - und in dem wimmelt es ständig von Kampffliegern der sowjetischen Luftwaffe.
Der Kommandeur der US-Luftwaffe lässt sich nicht lumpen - fortan wird jeder Transporter von drei US-Jets begleitet. Unfälle können nicht ausbleiben - bei Zusammenstössen in der Luft verlieren Sowjets, Amerikaner und Briten innerhalb eines Monats vier Maschinen, zwei Piloten.
Als Anfang November DDR-Grenztruppen einen aus Berlin kommenden US-Konvoi vor Helmstett anhalten und durchsuchen wollen, protestieren die Amerikaner gegen den eindeutigen Verstoss gegen das Viermächte-Abkommen. Der Kommandant des Konvois lässt seine Soldaten die Waffen laden und absitzen. Vom Westen fährt ein Bataillon US-Panzer bis an die Grenze, scheinbar bereit den Konvoi in den Westen "zu eskortieren". Der sowjetische Oberbefehlshaber in der DDR, Sergej Nikolaiev, sorgt anschliessend dafür, das der Konvoi freigegeben wird.
Am 3. Dezember 1962 zieht Chruschtschov die Ausreisebestimmungen für West-Berlin zurück - es herrscht wieder Reisefreiheit für West-Berliner.
Am 25. Dezember, dem ersten Weihnachtsfeiertag, um 1 Uhr morgens, beginnen Tausende Soldaten und Arbeiter mit dem Bau einer Mauer rund um West-Berlin - der Sozialismus hat anscheinend seinen Weg gefunden, die Reiselust ihrer Bürger zu bremsen.

Gruß, Augenzeuge



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