#81

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 12:26
von Hansteiner | 1.422 Beiträge

Weil wir gerade bei den Fahrzeugen sind. Eine Begebenheit die ein böses Ende hätte haben können.
Winter 75/76 muß es gewesen sein. Abschnitt Bornhagen/Eichsf. der damaligen 11.GK Hohengandern. Ortskundige wissen was der "Stürzliderberg" für eine Steigung bzw. Gefälle hat.
Ein LO war oben stationiert und bekam den Befehl zum Standortwechsel Str.Neuseesen-Winterberg. Der KW war tückisch glatt. Und so kam das Fahrzeug dort bergab ins rutschen. Trotz aller Bemühungen des MKF, bekam er das F. nicht zum halten. Langsam ging es über den K6 immer in Rtg. GZ1 mit der SM-70 ! Einen KFZ-Sperrgraben gab es hier nicht. Als dem PO es zu mulmig wurde, sprangen sie aus den LO und liefen zurück auf den KW und gingen in Deckung.
Kurz vor der Sperre (ca.3m) blieb der LO stecken !
Hätte schlimm enden können.
Nach der Bergung des Fahrzeuges wurden dann bei bestimmten Wetterlagen diese Abschnitte nicht mehr befahren.

VG H.



Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#82

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 14:36
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Aufgrund eklatanten Personalmangels wurden zu meiner Zeit viele Neugrenzer (zweites Diensthalbjahr) früh zu Postenführern gemacht – nichts Außergewöhnliches eigentlich.
Ich war auch so ein Frühbeet, weil ich mich schnell als kompetent erwies und von den HGs vorgeschlagen wurde.
Doch im sozialistischen Säbelrasseln kam es dabei schon zu Stilblüten übereifriger Art. So bekamen wir verspätet einen Kameraden aufs Stübchen, den man als Hundertprozentigen bezeichnen musste; Kandidat der SED, angehender klassenbewusster Journalist und was weiß ich noch alles.
Na ja, jedenfalls musste diese sozialistische Jungpersönlichkeit nach 10 Tagen am Kanten zum Postenführer gemacht werden. Selbst wir Frischlinge fassten uns an die Birne.
So kam es dazu, dass der junge Mann samt eines Neulings eben als verantwortlicher Postenführer abends zum Grenzdienst geschickt wurde.
Da bekanntlich mindestens eine Mine der Marke SM70 (Selbstschussanlage) von westlicher Seite abmontiert wurde, hieß es, die Biester während eines jeden Dienstaufzugs auf Vollständigkeit zu überprüfen. Dazu mussten bei Dämmerung/Dunkelheit der K6 und der Kfz-Sperrgraben überquert und die Minenvollzähligkeit aus nächster Nähe kontrolliert werden.
ABER: Zuerst musste dafür das entsprechende Minenfeld 20 Minuten vorher vom Stromnetz genommen werden, was unser Neuling nicht wusste. Der hatte per GMN nur was von SM70-Kontrolle gehört und machte sich ohne abzuwarten mit seinem Kollegen auf den Weg.
Die Zwei pirschten also nichtsahnend unter Lebensgefahr den Minenzaun entlang.
Ich war an jenem Abend zum Dienst mit dem zugverantwortlichen Unterfeldwebel im Führungsbunker eingeteilt und bekam das Debakel ziemlich hautnah mit.
Mein Vorgesetzter lief kreidebleich an, weil sich der übereifrige Neuling flugs vom Kommunikationsnetz abgestöpselt hatte, bevor er sich dienstbeflissen mit seinem Partner in Todesgefahr begab.
Bald darauf gab es Alarm im Bunker: Minenauslösung!
Man kann sich vorstellen, welche Szenarien uns durch den Kopf schossen!

… doch geraume Zeit später meldete sich das übereifrige sozialistische Vorzeigerindvieh via Gummi-Ohr und meldete Vollzug. Er selbst, sein Mitstreiter und sogar die beschissenen Minen hatten die Aktion verlustlos überlebt und der genannte Alarm war glücklicherweise nur ein technischer Fehlalarm.


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


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#83

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 15:02
von damals wars | 12.213 Beiträge

Der hatte Artur, den Engel von der Glücksengelbrigade, auf seiner Seite!
Und, gab es einen Verweis?


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#84

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 17:32
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Zitat von damals wars im Beitrag #83
Der hatte Artur, den Engel von der Glücksengelbrigade, auf seiner Seite!
Und, gab es einen Verweis?

Der und sein Mitstreiter hatten mehr als nur einen Artur-Engel an der Seite!

Verweis? Nö. Wir Grenzer machten das ohne viele Worte auf unsere Weise aus, egal ob nun Zwischenlappen oder Heimgänger.

Die durchlebte Situation war ohnehin harzig genug, wie wir zu sagen pflegten.


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


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#85

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 18:43
von Hansteiner | 1.422 Beiträge

Ich kenne die Kontrolle auf Vollzähligkeit der SM-70 auch noch aus meiner Zeit. Regelmäßig wurde der GZ1 kontrolliert, aber nur vom KW aus !
Ehe bei uns mal die Anlagen abgeschaltet wurden, mußten schon sehr wichtige Umstände eintreten.

VG H.



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#86

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 19:04
von Mike59 | 7.980 Beiträge

Zitat von HG19801 im Beitrag #82
Aufgrund eklatanten Personalmangels wurden zu meiner Zeit viele Neugrenzer (zweites Diensthalbjahr) früh zu Postenführern gemacht – nichts Außergewöhnliches eigentlich.
Ich war auch so ein Frühbeet, weil ich mich schnell als kompetent erwies und von den HGs vorgeschlagen wurde.
Doch im sozialistischen Säbelrasseln kam es dabei schon zu Stilblüten übereifriger Art. So bekamen wir verspätet einen Kameraden aufs Stübchen, den man als Hundertprozentigen bezeichnen musste; Kandidat der SED, angehender klassenbewusster Journalist und was weiß ich noch alles.
Na ja, jedenfalls musste diese sozialistische Jungpersönlichkeit nach 10 Tagen am Kanten zum Postenführer gemacht werden. Selbst wir Frischlinge fassten uns an die Birne.
So kam es dazu, dass der junge Mann samt eines Neulings eben als verantwortlicher Postenführer abends zum Grenzdienst geschickt wurde.
Da bekanntlich mindestens eine Mine der Marke SM70 (Selbstschussanlage) von westlicher Seite abmontiert wurde, hieß es, die Biester während eines jeden Dienstaufzugs auf Vollständigkeit zu überprüfen. Dazu mussten bei Dämmerung/Dunkelheit der K6 und der Kfz-Sperrgraben überquert und die Minenvollzähligkeit aus nächster Nähe kontrolliert werden.
ABER: Zuerst musste dafür das entsprechende Minenfeld 20 Minuten vorher vom Stromnetz genommen werden,
was unser Neuling nicht wusste. Der hatte per GMN nur was von SM70-Kontrolle gehört und machte sich ohne abzuwarten mit seinem Kollegen auf den Weg.
Die Zwei pirschten also nichtsahnend unter Lebensgefahr den Minenzaun entlang.
Ich war an jenem Abend zum Dienst mit dem zugverantwortlichen Unterfeldwebel im Führungsbunker eingeteilt und bekam das Debakel ziemlich hautnah mit.
Mein Vorgesetzter lief kreidebleich an, weil sich der übereifrige Neuling flugs vom Kommunikationsnetz abgestöpselt hatte, bevor er sich dienstbeflissen mit seinem Partner in Todesgefahr begab.
Bald darauf gab es Alarm im Bunker: Minenauslösung!
Man kann sich vorstellen, welche Szenarien uns durch den Kopf schossen!

… doch geraume Zeit später meldete sich das übereifrige sozialistische Vorzeigerindvieh via Gummi-Ohr und meldete Vollzug. Er selbst, sein Mitstreiter und sogar die beschissenen Minen hatten die Aktion verlustlos überlebt und der genannte Alarm war glücklicherweise nur ein technischer Fehlalarm.



Wann und wo ist das denn so gehandhabt worden?


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#87

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 19:05
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Zitat von Hansteiner im Beitrag #85
Ich kenne die Kontrolle auf Vollzähligkeit der SM-70 auch noch aus meiner Zeit. Regelmäßig wurde der GZ1 kontrolliert, aber nur vom KW aus !
Ehe bei uns mal die Anlagen abgeschaltet wurden, mußten schon sehr wichtige Umstände eintreten.
Am hellen Tag lief das zu meiner Zeit auch so ab. Auf LO-Streife war im Dunkeln meistens Scheinwerferkontrolle üblich, aber auf Hufstreife hatte man abends/nachts einfach die Arschkarte gezogen.

Abgeschaltet wurden die SM70 außer zu den beschriebenen Kontrollen auch bei starken Unwettern, besonders Gewittern.


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


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#88

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 29.03.2014 19:12
von Hansteiner | 1.422 Beiträge

Nachts die Abschaltung der Anlage nur zu Kontrollzwecken, wurde bei uns im Batt. nicht gemacht !
Durchführung erfolgte nur mit KFZ, nie zu Fuß,

H.



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#89

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 30.03.2014 10:23
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von Hansteiner im Beitrag #88
Nachts die Abschaltung der Anlage nur zu Kontrollzwecken, wurde bei uns im Batt. nicht gemacht !
Durchführung erfolgte nur mit KFZ, nie zu Fuß,

H.


LO, Kübel, Tesi, alles nachts mit Bahnlampe, auf dem Motorrad war das Ableuchten leicht unbequem.
Den LO-Scheinwerfer durften wir Richtung feindwärts prinzipiell nie benutzen, wurde immer eindringlich eingeschärft von den Chefs, warum, keine Ahnung.


zuletzt bearbeitet 30.03.2014 10:32 | nach oben springen

#90

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 30.03.2014 14:07
von Hansteiner | 1.422 Beiträge

Sag mal, wo bist denn du da gewesen?
Bei uns hat der LO geleuchtet wie ein" Weihnachtsbaum" ! Klar ist nicht auf feindliches Territorium, aber wozu waren denn die SW da ?
Nur mit den Handlampen halte ich für einen Witz. Das hätten deine Vorgesetzten mal vormachen sollen !

VG H.



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#91

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 30.03.2014 16:10
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Zitat von Hansteiner im Beitrag #90
Sag mal, wo bist denn du da gewesen?
Bei uns hat der LO geleuchtet wie ein" Weihnachtsbaum" ! Klar ist nicht auf feindliches Territorium, aber wozu waren denn die SW da ?
Nur mit den Handlampen halte ich für einen Witz. Das hätten deine Vorgesetzten mal vormachen sollen !

VG H.


Wie, was, wo ist der Witz?
Immer Bahnlampe zur Kontrolle 501 dabei gehabt und das war oft, war ganz normal, seh da keinen Witz.


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#92

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 26.04.2014 10:24
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Es war eine stockfinstere Nacht, ich war als Postenführer in einem sehr vertrauten Bereich eingesetzt und es herrschten routinemäßige Langeweile und Ruhe …

… dann irgendwann in der Finsternis: Die Hunde in ihren Laufgattern schlugen wild an und kurz darauf löste der Grenzsignalzaun am 2-Meterkontrollsteifen Alarm aus – Rundumleuchte & Büffelhorn ackerten los.
Klar, wir horchten etwas ernsthafter in die Nacht im gespenstig anmutenden Postenbereich und machten uns auf, das Vorkommnis zu melden. Während wir uns zur nächsten Sprechsäule aufmachten, löste ein Platzpatronensignalgerät aus – jetzt wurde mir ziemlich mulmig, denn der zeitliche Intervall der Ereignisse kam mir verdächtig vor.
Ich kannte mich bestens im Gelände aus und wusste wie lange man bis wohin brauchte und in meinem Hinterkopf lief schon die Zeit ab bis es das nächste Anzeichen dafür geben würde, dass da jemand in den Westen abhauen wolle, was prompt passierte.
Ein Lichtsignalgerät zischte einen Leuchter just zu dem Zeitpunkt in den Nachthimmel, wie ich ihn vorausschätzte.
Die Kacke war mental am Dampfen als wir an der Sprechsäule ankamen und ich aufgeregt das Gummi-Ohr einstöpselte, um dort aus einem aus welchen Gründen auch immer vorhandenen Schützenloch aufgeregt Meldung zu machen.
Nachdem ich diese abgesetzt hatte, fauchte ich meinen Mitposten in zeitlicher Erwartung, dass da gleich ein Grenzverletzer kommen würde, keuchend an: "Du machst nichts ohne dass ich es sage! Die Waffe wird nicht durchgeladen! Wehe, wenn du schießt! Es wird nicht geschossen!"
Mir rasten tausende Gedanken durch den Kopf. Als blutjunger Zwanzigjähriger mit einem Kalaschnikow-Maschinengewehr am Wanst hockte ich da nun mit meinem Kameraden in diesem Loch und befand mich in einer Situation, die kaum nachzuvollziehen war.
Ich stierte ins Dunkel und schätzte zeitlich ab, dass uns jetzt in jedem Moment einer entgegenlaufen würde, den wir irgendwie dingfest machen müssten.

… doch dieses Debakel blieb dem Schicksal sei Dank aus.

Die herbeigerufene Alarmgruppe leuchtete alles ab und stellte fest, dass es keine Anzeichen für einen Grenzdurchbruch gäbe.
Egal was die A-Truppe einst festgestellt hat oder feststellen musste, das glaube ich bis heute nicht
Wie auch immer, ich bin bis zum heutigen Tag zutiefst davon überzeugt, dass da jemand die Grenze überqueren wollte, auch wenn keine Anzeichen gefunden oder gefunden werden durften.


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


feldwebel88 und andyman haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 26.04.2014 10:36 | nach oben springen

#93

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 28.04.2014 16:23
von damals wars | 12.213 Beiträge

Heute steht in der MZ, das der Chef der Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter in Halle einen Vortrag hält.
Er berichtet unter anderem von einem Fall, wo ein "Todesschütze" mittels Ausreiseantrag übersiedelte und auf Grund
der dort vorhandenen Unterlagen verurteilt wird (Bewährung).


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
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#94

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 03.07.2014 18:48
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Die Alarmhupe zerrte uns eines Nachts gnadenlos aus dem Schlaf.
Mürrisch schraubten wir uns schlaftrunken aus den Nestern und spekulierten zuerst auf irgend so einen bekloppten Probealarm.
Doch als die Zimmertüren von unseren Vorgesetzten aufgerissen wurden und wir widerborstig auf den Kasernenflur trabten, schwebte etwas in der Luft, was nicht nach Übung roch. Offiziere und Unteroffiziere hetzten teils nur partiell angezogen durchs Gebäude und erteilten hektisch Befehle; auch die Profis eilten aus ihrem neben dem Kompaniegelände befindlichen Wohnhaus herbei.
Ohne das sonst übliche militärische Formgetue ging es zum Waffenfassen, in die Fahrzeuge und raus in die Nacht.
Es war der Ernstfall – Grenzverletzer unterwegs!
Ich weiß nicht mehr in die Nähe welcher Ortschaft(en) wir gekarrt wurden, jedenfalls war es eine Bergauf-Bergab-Gegend im Grenzabschnitt, wo wir auf andere Kompanieangehörige unseres Grenzbataillons trafen.
Skurrile Tatsache am Rande: Eine Gruppe unserer Kompanie, die immer die Delikte genannt wurde, war just zum Alarmzeitpunkt dabei, mächtig einen abzubeißen. Einer war besonders bunt und belöffelte nun die Leute unserer Nachbarkompanie – "Scheiß Sechste!" krakelte er herum, bevor ihm seine Trinkkumpane das Maul stopften.
Postenpaar auf Postenpaar wurde in der Botanik absetzt und instruiert, auf einen oder mehrere Grenzverletzer achtzugeben und selbige dingfest zu machen.
Mit einem Kameraden meines Diensthalbjahrs wurde ich auf einem Feldweg abgesetzt, auf welchem wir liegend in Stellung gehen mussten und von dem wir uns ohne Befehl nicht wegbewegen sollten.
Hätten wir zwei dieser Order folgegeleistet, wären wir seit Jahrzehnten mausetot, denn so ein Rindvieh von LO-Fahrer hatte nichts Besseres zu tun, als ohne Licht per Vollgas ohne Rücksicht auf Verluste über die Ackerspuren zu brettern. Oh Mann, zur Tarnung das Licht aus, aber mit dem Gefährt einen Heidenkrach machen!
"Weg!!!" brüllten mein Gefährte und ich aus einem Munde und hechteten einige Meter vorwärts und schon war der Idiot samt seiner Karre ins schwarze Nirvana entschwunden.
Verdammt! Es konnte sich nur um jemanden gehandelt haben, der eierschaukelnd seine Dienstzeit irgendwo hinter den Küchenabfällen pennend verbracht hatte und nun nur wieder in sein gemütliches Scheißhaus zurückwollte.
Nachdem Scharen von Grenzern nach Sonnenaufgang wieder aufgesammelt und in ihre Kompanien verfrachtet wurden, machte das Gerücht die Runde, dass es irgendwelche Zwei "nach drüben" geschafft hätten.
Die Fakten sickerten nur spärlich durch, wobei die Grenzer, die zum Zeitpunkt des Ereignisses ihren Nachtaufzug abschrubbten, vorerst die beste Informationsquelle waren.
Was war geschehen?
Zwei Flüchtige, die offensichtlich Insider-Wissen besaßen, nutzten einen "Schwachpunkt" der Grenzsicherung – nämlich die Wachablösung am Kanten, die damit einherging, dass der signalauslösende Sicherungszaun kontaktmäßig mit den Toren verbunden war, durch welche wir ein und aus gingen.
Entsprechend schnarrte ein Horn und kreiselte eine Rundumleuchte, wenn das Tor geöffnet wurde.
Nach dem Schließen der Pforte hörte das Spektakel auf, weil die Kontakte wieder geschlossen wurden.
Nicht so in diesem Fall! Es tutete und leuchtete weiter. Herbeigerufene Einsatzkräfte stellten fest, dass die Drähte des Signalzauns am 2-Meter-Kontrollstreifen durchtrennt waren und der Zaun überwunden wurde.
es war offensichtlich, dass jemand in den 500-Meter-Schutzstreifen eingedrungen war.
Das war der Grund, weshalb wir rausgeschmissen wurden.
Zusätzliche Posten wurden an den vorderen Sperranlagen am Kolonnenweg und damit am 6-Meter-Konrollstreifen postiert, um den Grenzdurchbruch zu verhindern.
Zwei Offiziere inspizierten den K6 und meldeten Spurenfreiheit. Der oder die Grenzverletzer mussten ergo noch im Schutzstreifen sein.
Um sicher zu gehen, wurde die Kontrolle wiederholt und diesmal wurden Fußspuren festgestellt. Die Tapsen befanden sich in unmittelbarer Nähe eines dort abgesetzten Postenpaars. Die Schlussfolgerung war, dass die hier eingesetzten Grenzer nicht bemerkt hatten, dass da jemand an deren Augen und Ohren vorbei den Sechser in Richtung Tretminensperre überquert hatte.
Damit hatte das Postenpaar die totale Arschkarte gezogen – gepennt, Verletzung der Dienstpflicht, Fahrlässigkeit usw.
Doch Irrtum sprach der Igel und stieg von der Klobürste!
Seitens der Bundesrepublik Deutschland wurde verlautbart, dass zwei Personen die Flucht von Ost nach West bereits zu einem Zeitpunkt gelungen war, als schon alle Eulen verflogen und noch keine zusätzlichen Einsatzkräfte vor Ort waren.
Aber was war nun mit den Trittspuren, welche die beiden Offiziere während ihres ersten Kontrollgangs nicht bemerkt hatten, aber bei ihrem zweiten Absuchen dann schon?
Nun, diese Herren hatten bei ihrem ersten Gang die Fußabdrücke einfach übersehen und bei der Gegenkontrolle war die Blamage schon perfekt.
Obwohl die zwei Grenzsoldaten nichts falsch gemacht hatten, weil es nichts falsch zu machen gab, wurde noch geraume Zeit danach versucht, ihnen einen Strick aus der Sache zu drehen.
Es dauerte lange Zeit, bis uns die Angelegenheit offiziell so offenbart wurde, wie sie sich zutrug.
Die beiden DDR-Flüchtlinge hatten alle Grenzschutzanlagen überwunden. Dass sie ohne Schaden zu nehmen durch die Minensperre gelangten, grenzte an ein Wunder.
Wahrscheinlich hatte ihnen das Gelände in die Hände bzw. Füße gespielt, denn Regen und getauter Schnee hatten dafür gesorgt, dass sehr viel Schlamm die Abhänge hinunter in den Talgrund geschwemmt wurde, der sich über den dortigen Tretminen ablagerte und im Laufe der Zeit aushärtete und möglicherweise zu einer Art Schutzdecke wurde und ein Auslösen verhinderte.


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


hundemuchtel 88 0,5, exgakl, andyman, EK87II, MHL-er und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#95

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 07.07.2014 21:05
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Es war Anfang 1980 und zeitweilig sogar mal Winter – also mit richtig Schnee, Eis, Frost, Grenzdienst im Schneehemd und so.
Zu besagter Zeit "beehrte" der Bataillons-Schirrmeister Major K. wieder einmal die Grenzkompanie, um im zickigsten Ton die ohnehin schon mehr als gebeutelten Militärkraftfahrer "weiterzubilden".
Selbst diejenigen von uns, die den öffentlichen Straßenverkehr lediglich aus der Sichtweise des Fußgängers kannten, bedauerten unsere Kutscher, denn alle wussten, was besagter Major für ein seltsamer Mensch war.
Major K. kam z.B. auf der linken Straßenseite mit seiner Dienstwanderpappe wie selbstverständlich daher gekurvt und ekelte, nachdem er fast einen Verkehrsunfall verursachte, einen sich strikt an die Verkehrsordnung haltenden und sich korrekt rechtfertigenden LO-Fahrer an: "Sie! Ich befehle ihnen, dass Sie im Unrecht sind, ich bin Major K.!"
Aber zurück zur winterlichen Kraftfahrerbelehrung mittels besagten Offiziers, der laut späterer Aussage all unserer Kraftfahrzeugführer mit einer hysterischen Inbrunst darüber schwadronierte, dass bei strengerem Frost im Trabbi-Kübel die Handbremse so betätigt zu haben werde, dass sie nicht einfrieren kann.
Ich als bis heute völliger Analphabet in Sachen Autofahren wusste zwar nicht, weshalb die ganzen Auto- und Motorradlenker in die Unterkunftszimmer stürmten und brüllten: "Eh, guckt alle aus den Fenstern, da draußen ist gleich was los, dem K. ist bestimmt die Handbremse eingefroren!", aber ich hängte meinen Schnorchel trotzdem neugierig in die Winterluft.
Auf dem Kompaniehof stand ein vor Wut schäumender Major K., der noch geschlagener als der Ritter von der traurigen Gestalt Don Quichote wirkte und nun Kraft seiner Wassersuppe danach plärrte, dass ihm verdammt noch mal jemand die eingefrorene Handbremse in Funktion zu bringen habe.
Nach längerem Prozedere entschwand Major Dingsbums unter dem Gelächter der Kompanie knatternd in der Dunkelheit.

P.S.: Bataillons-Schirrmeister Major K. war übrigens auch ein passionierter Jäger, der mit unserem Kompanie-Schirrmeister Fähnrich K. so manchen Bock geschossen bzw. verfehlt hat.
Jedoch dazu nur mehr, wenn es hier tatsächlich noch einige Interessierte an alten Grenzgeschichten geben sollte.

P.P.S.: Mir ist schon klar, dass sehr vielen Members hier die aktuellen Weltgeschehnisse weitaus mehr auf den Nägeln brennen, aber so manche(r) sollte sich eventuell ein klein wenig auf den ursprünglichen Fokus dieses Forums besinnen.


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


andyman, PF75, EK87II, Rothaut, MHL-er und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#96

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 07.07.2014 21:45
von rotrang (gelöscht)
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Zitat von HG19801 im Beitrag #95
Es war Anfang 1980 und zeitweilig sogar mal Winter – also mit richtig Schnee, Eis, Frost, Grenzdienst im Schneehemd und so.
Zu besagter Zeit "beehrte" der Bataillons-Schirrmeister Major K. wieder einmal die Grenzkompanie, um im zickigsten Ton die ohnehin schon mehr als gebeutelten Militärkraftfahrer "weiterzubilden".
Selbst diejenigen von uns, die den öffentlichen Straßenverkehr lediglich aus der Sichtweise des Fußgängers kannten, bedauerten unsere Kutscher, denn alle wussten, was besagter Major für ein seltsamer Mensch war.
Major K. kam z.B. auf der linken Straßenseite mit seiner Dienstwanderpappe wie selbstverständlich daher gekurvt und ekelte, nachdem er fast einen Verkehrsunfall verursachte, einen sich strikt an die Verkehrsordnung haltenden und sich korrekt rechtfertigenden LO-Fahrer an: "Sie! Ich befehle ihnen, dass Sie im Unrecht sind, ich bin Major K.!"
Aber zurück zur winterlichen Kraftfahrerbelehrung mittels besagten Offiziers, der laut späterer Aussage all unserer Kraftfahrzeugführer mit einer hysterischen Inbrunst darüber schwadronierte, dass bei strengerem Frost im Trabbi-Kübel die Handbremse so betätigt zu haben werde, dass sie nicht einfrieren kann.
Ich als bis heute völliger Analphabet in Sachen Autofahren wusste zwar nicht, weshalb die ganzen Auto- und Motorradlenker in die Unterkunftszimmer stürmten und brüllten: "Eh, guckt alle aus den Fenstern, da draußen ist gleich was los, dem K. ist bestimmt die Handbremse eingefroren!", aber ich hängte meinen Schnorchel trotzdem neugierig in die Winterluft.
Auf dem Kompaniehof stand ein vor Wut schäumender Major K., der noch geschlagener als der Ritter von der traurigen Gestalt Don Quichote wirkte und nun Kraft seiner Wassersuppe danach plärrte, dass ihm verdammt noch mal jemand die eingefrorene Handbremse in Funktion zu bringen habe.
Nach längerem Prozedere entschwand Major Dingsbums unter dem Gelächter der Kompanie knatternd in der Dunkelheit.

P.S.: Bataillons-Schirrmeister Major K. war übrigens auch ein passionierter Jäger, der mit unserem Kompanie-Schirrmeister Fähnrich K. so manchen Bock geschossen bzw. verfehlt hat.
Jedoch dazu nur mehr, wenn es hier tatsächlich noch einige Interessierte an alten Grenzgeschichten geben sollte.

P.P.S.: Mir ist schon klar, dass sehr vielen Members hier die aktuellen Weltgeschehnisse weitaus mehr auf den Nägeln brennen, aber so manche(r) sollte sich eventuell ein klein wenig auf den ursprünglichen Fokus dieses Forums besinnen.

HG1980 Erzähle mehr


MHL-er hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#97

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 07.07.2014 21:59
von Gelöschtes Mitglied
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Das Leben ist ernst genug, @HG19801 - und die meisten Beiträge in diesem Forum sind es auch. Das ist keine Kritik, einfach nur eine Feststellung.

Und dann sind so kleine Alltagsgeschichten höchst erheiternd, vor allen Dingen wenn sie mit viel Wortwitz und ungewöhnlichen Formulierungen geschrieben sind.

Bitte mehr davon!

Späte Korrektur: Ein sinnentstellendes "eine Kritik" durch das gemeinte "keine Kritik" ersetzt.
Sorry


andyman hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 07.07.2014 23:08 | nach oben springen

#98

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 08.07.2014 20:28
von HG19801 | 1.613 Beiträge

Zitat von rotrang im Beitrag #96
HG1980 Erzähle mehr
Zitat von Dandelion im Beitrag #97
Bitte mehr davon!


Na gut.

Noch bevor die Begebenheit mit der eingefrorenen Handbremse geschah und ich noch Zwischenlappen – also im zweiten Diensthalbjahr – war, wurden wir Jungspunde von den Heimgängern immer davor gewarnt, uns freiwillig als Treiber für das Jäger-Duo K. & K. zur Verfügung zu stellen, wenn es im 500-Meter-Schutzstreifen auf Pirsch ging.
"Der Major ist kreuzgefährlich, ballert auf alles, was sich rührt. Wenn ihr den Beiden trotzdem befehlsmäßig als Jagdgehilfen zugeteilt werdet, dann seid nicht leise, sondern gebt laut menschliche Geräusche von euch."
So in etwa wurde uns das von den Alten eingetrichtert.
Wir Hüpfer dachten natürlich, dass man uns nur verscheißern und spitz machen wolle, aber als ich mit einem Gefreiten just zum Frühaufzug in einem Abschnitt eingesetzt war, in dem gleichzeitig Major K. mit Fähnrich K. zur Jagd unterwegs war, meinte mein Postenführer nur, dass wir uns ganz offen im freien Gelände aufhalten sollten.
OK, wenn er es befahl. Bald darauf tauchten die berüchtigten Jägermeister samt Schießgewehren auf dem Kolonnenweg auf und trampelten dort wie Falschgeld herum.
Ich konnte nichts Gefährliches empfinden, doch mein Postenführer erzählte dann was über zwei Vorkommnisse.
Irgendwo im Gelände lag eine alte Nähmaschine herum und als Major K. in der Nähe wieder mal auf großer Jagd war, sei ein wagemutiger Grenzer auf die bekloppte Idee gekommen das Schneiderutensil mittels eines langen Feldsprechkabels ein Stück über den Acker zu ziehen.
Es kam wie es kommen musste, der Major legte an und peng! Treffer!
Mir kam die Story wie Grenzer/Jägerlatein vor und ich glaubte mich verkackeiert.
Allerding wurde mir später – auch von Längergedienten – gesagt, dass sich dies echt zugetragen habe, so wie die andere Sache.
Diese andere Sache war schon eine Prise schärfer.
Wieder war ein gewisser Jemand – man kann sich schon denken wer – als Nimrod unterwegs und krabbelte im Grenzdickicht herum, um Beute zu machen. Letztere kam ihm dann auch in tierisch-vierbeiniger Erscheinung vor Kimme und Korn, es knallte und eine trächtige Kuh ward zur Strecke gebracht!
Folgendes war Phase: Die Genossenschaftsbauern der örtlichen Kolchose hatten ihre Rindviecher auf die Weide im Grenzabschnitt gebracht, wo sie grasten und wiederkäuten. Eine Kuh mit Nachwuchs im Bauch war abseits geraten und lief im angrenzenden Wald herum, was ihr Pech war, weil sie eben dort einem vom Jagdfieber beseelten Major K. vor den todbringenden Lauf geriet.
Als er für seine Tat von den erbosten Genossenschaftsbauern in Regress genommen wurde, soll Genosse Major verlautbart haben, dass er nicht gedacht hätte wie teuer so ein Tier sei.
Klar, auch dieser Fall kam mir mächtig spanisch vor. Also hakte ich auch hier bei den Altlätzen in der Grenzkompanie nach, die mir die Geschichte bestätigten.
Weil ich skeptisch war, befragte ich während eines Ausgangs in der Kneipe ein paar Dorfbewohner nach der Angelegenheit.
… und die bejahten das Geschehnis.

Natürlich, ich selbst war bei besagten Jägereien nicht zugegen und kann meinerseits nur auf jahrzehntealte Gesprächserinnerungen zurückgreifen, die gewiss zu großem Teil auf Weitergesagtem beruhen.
Aber: Wenn man Major K. leibhaftig in seiner abstrusen Art erlebt hat, dann zerstreuen sich nicht wenige Zweifel wie von selbst.


"Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit,
aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher." – Albert Einstein


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#99

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 09.07.2014 12:45
von pik24 | 50 Beiträge

Hallo Allesamt

Ich möchte heute von einem unglaublichen Ereignis berichten, dass sich aber genauso zugetragen hat.
Die Rubrik „Erzählt mal wieder was“ ist wohl der passende Thread.

Der Ort der Geschehnisse ist diesmal nicht der Grenzstreifen, sondern mein Heimatort, ein kleines Dorf in der Altmark gewesen. Die Grenze zu Niedersachen befindet sich in einer Entfernung von ca. 20 Kilometern.

Ich war damals vielleicht 12 Jahre alt, also geschah es um 1970 herum.

Ein kleiner Park mit alten Eichen bildet den Dorfplatz. Einige Male während meiner Kindheit wurde der Platz für ein paar Tage von wenigen Russen belagert. Was machten die Kämpfer der Roten Armee dort?

Richtig, es war mal wieder einer Ihrer Kameraden getürmt. Eine beabsichtigte Flucht in den Westen war naheliegend.
Wachposten in den Dörfern weit vor dem Zaun sollten helfen, die Ausreißer aufzuspüren. Unmittelbar an der Grenze bei dem Personal aus der DDR herrschte zu diesen Zeiten sicherlich dicke Luft, nehme ich mal an.

Die Russen waren meistens mit einem Schützenpanzerwagen angereist gekommen und hatten ihre Kalaschnikows mitgebracht.
Was machten wir Jungen? Wir Grünschnäbel belagerten selbstverständlich die Russen, brachten sie doch Abwechslung in das Dorf. Es kam zu „Kontaktaufnahmen“, Abzeichen wurden ausgetauscht, etc.

Meine Eltern wirkten immer verändert, wenn die ungebetenen Gäste im Ort waren. Mein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft, meine Mutter Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten gewesen. Das erklärt wohl die Vorbehalte der älteren Leute gegenüber dem Treiben auf dem Dorfplatz. Trotzdem hat mein Vater den Russen das eine Mal ein kleines Kofferradio abgekauft. Die Männer in olivgrün zeichneten sich nicht nur im Schutz des Sozialismus aus, sie waren auch geschäftstüchtige Händler.

Meine Kumpels und ich bestaunten die Uniformen, Fahrzeuge und Kalaschnikows, denn die Gäste duldeten uns Kinder, war ihr kurzer Ausflug heraus aus der Kaserne für sie doch eine willkommene Abwechslung. Es kam auch schon mal vor, dass wir eine Maschinenpistole mit herausgenommenen Magazin anfassen durften.

Und damit geschah das Unglück.

An einem Sonntagmorgen schlich bereits zu früher Stunde einer meiner Kumpels bei den Russen herum. Er sah eine Kalaschnikow stehen. Der Besitzer befand sich nicht in unmittelbarer Nähe der MPi.
Der Bengel nahm sich die Waffe und schoss in der Meinung, die Waffe wäre nicht geladen, in Richtung eines Mädchens mit Hund, welche sich ebenfalls auf dem Platz befanden.
Dem war aber nicht so. Das Mädchen wurde von einer Kugel im Beckenbereich getroffen, wurde aber durch eine schnelle Behandlung im Krankenhaus gerettet. Soviel ich weiß, hat sie auch keine nennenswerten bleibenden Schäden zurück behalten. Der Hund erlag seinen Verletzungen.

Kurze Zeit später wurde der Dorfplatz von russischen Fahrzeugen belagert. Wegen des Vorfalls, der so niemals passieren durfte, waren einige höhere Offiziere angereist.

Wie ist die Geschichte ausgegangen? Der minderjährige Schütze hat keine Strafe bekommen. Was den Besitzer der Waffe danach erwartete, haben wir natürlich niemals erfahren.
Das Ereignis war damals selbstverständlich kein Thema der Nachrichten oder der Tagespresse gewesen. Vorfälle, die im Zusammenhang mit russischen Streitkräften standen, wurden unter den Tisch gekehrt.
Was meint Ihr, wie wurde der Soldat wegen seines Versäumnisses bei der Handhabung der Waffe behandelt?

Grüße aus der Altmark



turtle hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 09.07.2014 20:36 | nach oben springen

#100

RE: Erzählt mal wieder was

in Grenztruppen der DDR 09.07.2014 14:05
von Gelöschtes Mitglied
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Das die SM 70 durch einer Fußstreife von jenseits des K6 oder gar des Kfz Sperrgrabens gezählt wurden ist mir neu und kommt mir etwas spanisch vor. Wir hatten einige Kilometer Anlage 501 im SA 2 und dort war immer ein LO mit einem Uffz als PF stationiert. Die Mienen wurden alle 2 Stunden gesichtet. Nachts mit Scheinwerfer vom LO. Um was zu sehen musste schräg zum Zaun geleuchtet werden. Das Vorfeld hinter der Sperre wurde nicht oder nur schwach ausgeleuchtet. Ich bin mit meinem Zugführer auf Kontrollstreife dreimal an dem LO vorbeigefahren, ohne dass wir angehalten wurden. Dann sind wir ausgestiegen und ich habe meine Tür laut zugeschlagen. Als immer noch keine Reaktion erfolgte hat mein ZF die Beifahrertür geöffnet. Da kam erst die Kaschi und dann der Uffz gepurzelt. Mein ZF ist dann durch die Luke aufs Dach des LO und hat ausgeleuchtet. Dabei sind ihm frische Kratzspuren auf dem Dach aufgefallen (HG 85/2), wohlgemerkt das war im Winter 76/77. Der Uffz hatte dann gleich seinen Namen (Gänger Heinz) weg.

Gruß vom Hesselfuchs


zuletzt bearbeitet 09.07.2014 18:55 | nach oben springen


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